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Unter den spanischen Malern gibt es eigentlich
nur zwei, die im großen Publikum so recht populär sind und
ihm in ihrer Kunst das "alte romantische Land" repräsentieren:
Velazquez de Silva und Bartolomé Estéban Murillo; Lehrer
und Schüler, wie Rubens und Dyck. Jener starb 1660, dieser 1682.
Beide waren in Sevilla geboren und zunächst Schüler dortiger
Meister. Während sich nun Velazquez, als er Hofmaler König
Philipps II. geworden war, im Porträt spezialisierte und darin
den großartigen Aufschwung nahm, ging Murillos spätere Schaffensperiode
in der religiösen Malerei auf. Velazquez malte wenig für die
Kirche; eine Krönung Mariä in Madrid ist sein bedeutendes
derartiges Bild. Umgekehrt wandte sich Murillo dem Porträt als
Selbstzweck nur selten zu. Dagegen ist der Frühzeit beider Meister
das aus dem Volksleben geschöpfte Genre gemeinsam. Natürlich
stand der Schüler zunächst unter dem Einflusse des Lehrers.
Als Murillo wirkte, befand sich die italienische
Malerei bereits im Abstiege. Tizian, durch dessen Bilder er angeregt
wurde, gehörte dem vorangegangenen Jahrhundert an. Von späteren
war Guido Reni noch vor Velazquez gestorben, Guercino starb sechs Jahre
nach dem großen Spanier, Sassoferatto und Carlo Dolci aber überlebten
seinen Schüler Murillo um ein paar Jahre. Auch der Charakterkopf
Salvatore Rosa, der mit Murillo das gemein hatte, daß er sich
in seiner Frühzeit dem Einflusse des italienisierten Spaniers Ribera
hingab, durchlief seine Bahn ungefähr zur gleichen Zeit wie unser
Meister. Doch steht die Kunst aller Genannten kaum in direkter Beziehung
zu derjenigen Murillos, der höchstens die zweite Florenzer Schule,
der Dolci angehörte, nähergerückt werden könnte.
Murillos Todesjahr fällt auch mit dem der Landschafter Claude Gelée
(Lorrain) und Jakob Ruisdael zusammen. Der niederländische Genremaler
Gerhard Terborch war ein Jahr früher heimgegangen. Das war so ungefähr
die Zeitgenössische Lage. Die letzten Namen führten in die
Länder, in denen die Malerei im 16. und 17. Jahrhundert zu neuem
Glanze aufstieg. Der große Rubens und sein Schüler Dyck,
die fast gleichzeitig starben (1640 und 1641), gehörten zu den
unpersönlichen Lehrmeistern Murillos, wenngleich ihr Einfluß
ebenfalls nur rein formal geblieben ist.
Im ganzen erfreute sich die Malerei zu
Murillos Zeiten der ausgedehntesten und vielseitigsten Pflege. Vom religiösen
Fache hatte sich das rein historische und das Porträt an sich gesondert;
dazu waren auch Landschaft, Genre, Tierstück und Stilleben zur
völligen Selbständigkeit gelangt. Auch Sevilla nahm teil an
solchem Aufschwunge, und wie seine Kunst, so wurde dort der Maler selber
gewürdigt und geachtet. Murillo fand also in seiner Zeit ein der
Entwicklung seines Genies durchaus günstiges Kulturmilieu vor.
In seiner Wendung zur großen nordischen Kunst hatte, wie so oft
bei Leuten freien Berufes, der Zufall die Rolle der Vorsehung gespielt.
Von armen Eltern geboren und schon mit zehn Jahren verwaist, war der
Junge zu einem hochgeschätzten einheimischen Meister in die Lehre
gekommen und hatte dort "die gute Manier" der Italiener nachahmen
gelernt. Eines seiner Mitschüler zog mit dem Heeresstrome nach
Flandern, kam nach London hinüber und rühmte bei seiner Heimkehr
die neue Kunst da oben, gegen die alles im Süden Gemalte nur alter
Plunder wäre. Da überkam den jungen Murillo, der längst
der ausgefahrenen Geleise überdrüssig geworden war, die Sehnsucht,
die Wunder jener Kunst ebenfalls zu schauen.
Zu arm, um das Quellenland selber aufzusuchen,
wanderte er nach Madrid, wo er in den Schlössern des Königs
genug Werke der berühmten Nordländer in Erfahrung gebracht
hatte. Die Hoffnung, daß ihm dort der in königlicher Gunst
stehende Landsmann Velazquez behilflich sein würde, täuschte
dieser nicht: er nahm den jungen fünfundzwanzigjährigen Kunstgenossen
gut auf und ließ ihn unter seiner Leitung gewissermaßen
noch einmal von vorn anfangen. Die Werke Riberas, Tizians, Rubens' und
Dycks wandelten Murillos bisherige Art völlig um und erschlossen
ihm eigentlich erst die Welt der Farbe. Er blieb zwei Jahre in Madrid.
In Sevilla vermißte ihn niemand, so daß er dort gleichsam
über Nacht als großer Künstler erschien. Dabei hatte
abermals der Zufall vorsorglich eingegriffen. Das große, an Kunstschätzen
reiche Franziskanerkloster wollte einen seiner Kreuzgänge ausmalen
lassen und betraute Murillo lediglich deshalb damit, weil sein Angebot
das billigste war.
So entstanden, da die Freskotechnik in
Spanien verloren gegangen war, elf Ölbilder nach der Ordensheiligengeschichte,
die den Sevillern einen ganz "neuen, unbekannten Stil" offenbarten.
Es frappierte die Zeitgenossen dabei besonders die alle bisherigen Schulmanier
verlassende Anlehnung an das wirkliche Leben, jene unbefangene Natürlichkeit,
die auch in der Folge einen wesentlichen Zug in Murillos Werk ausmacht.
Hatte Velazquez seinem Schützling doch stets geraten, hinaus auf
den Markt zu gehen und sich dort das Leben anzusehen! Mit diesem großen
Werke, dessen beliebtestes Stück die Engelsküche im Louvremuseum
ist, stieg nicht nur Murillos äußerer Glückstern rasch
in die Höhe; mit ihm brach auch seine künstlerische Entwicklung
so schnell hervor, daß er bereits nach kaum einem Dezennium im
Zenit seiner Meisterschaft stand.
Früher sprach man von drei deutlich
gesonderten Malweisen, deren er sich je nach Erfordernis des Vorwurfes
bedient haben sollte, nämlich von einem kalten, warmen und duftigen
Stile. Noch früher wollte man danach sogar seine zeitliche Entwicklungsreihe
der Werke in drei entsprechenden Perioden erkennen. Das ist aber verkehrt
gewesen. Bei allem, was Murillo schuf, nachdem er auf die volle Höhe
seiner Kunst gekommen war, ist die chronologische Ordnung eine höchst
fragliche Sache, denn der Meister hat seine Werke selten signiert und
noch seltener datiert.
Einer der wenigen sicheren Punkte ist das Jahr 1655, in das jene Geburt
Mariä fällt, deren Nachbildung hier zu sehen ist. Das Bild
wurde für Sevillas Kathedrale gemalt, wo es bis in die napoleonische
Zeit blieb. Dann kam es in den Pariser Louvre. Man staunt über
die Virtuosität, mit der hier das Helldunkel gehandhabt wurde,
über das geschlossene Ebenmaß der Komposition, das Ineinandergreifen
von Himmlischem und Irdischen, den lebenswarmen Realismus der Darstellung.
Das Bild ist in zwei Dreiecken komponiert,
deren inneres rechtwinkliges die Hauptgruppe einschließt, während
das äußere gleichschenklige in der Spitze die himmlische,
in den Basiswinkeln aber die beiden irdischen Nebengruppen enthält.
Diese vier Figurengruppen sind die Trägerinnen des Lichtes, das
hell aus dem dem tiefen Dunkel des Raumes heraustritt. Links, wo das
Himmelbett mit der Wöchnerin und dem Vater Joachim auf dem Bettrande
steht, fällt es als Sonnenstrahl durchs Fenster; rechts bei der
offenen Türe strahlt es vom Kamine aus, an dem sich zwei Mädchen
zu schaffen machen. Zweimal zwei Figuren, von denen je eine beleuchtet
und je eine dunkel ist. Die glänzende Farbenharmonie wird von roten
und gelben Tönen regiert; dazu tritt, wie als Ruhepunkt, Grün,
das besonders an der aufrechten Eckfigur der Hauptgruppe ins Gewicht
fällt. Die Modelle sind alle bodenbeständig, aus dem andalusischen
Volke genommen.
So erscheint die prächtige Frau,
die das bereits von der Aureole umstrahlte Neugeborene auf dem Schoße
liegen hat, als wahrer Typus der gesetzten Sevillerin, ebenso das ihr
nächst behilfliche Mädchen als einer der sevillischen Jugend.
Des letzteren Züge scheinen in der Nebengruppe am Kamine wiederzukehren.
Wie geschickt leitet die im Fühlen nach der Wärme des Wassers
im großen Kupferkessel halb gebeugte, in Rückenansicht gehaltene
Donna zur Spitze des Dreiecks über, die in jenem grünen, Kleidungsstücke
zutragenden Mädchen erreicht wird! Hilfreich geschäftig sind
auch die munteren Engelsputten am Werke. Sie kramen im Wäschekorbe
herum, wobei des Linken Aufmerksamkeit durch das "artig" sitzende
Haushündchen abgelenkt wird, das dort die Spitze des Dreiecks ausfüllt.
Die Wendung dieses Putte gab einen prachtvollen
Akt. In der Beziehung fordert auch die Verkürzung des mittelsten
Engels in der oben schwebenden Nebengruppe zur Bewunderung auf. Von
den beiden großen der Hauptgruppe deutet der, welcher die Hände
über die Brust kreuzt, auf den Einfluß des Studiums niederländischer
Bilder. Seine lineare Funktion entspricht der der vorderen, halb gebeugten
Frauenfigur. Hier ist auch zu beachten, wie geschickt der eine Flügel
die Hypotenuse des Dreiecks zur Spitze weiterführt und dabei zugleich
raumfüllend wirkt.
Das Domkapitel war mit diesem Bilde
so zufrieden, daß es Murillo auch die Altarwand der Taufkapelle
ausmalen hieß. Da entstand jenes Bild des heiligen Antonius mit
dem Jesuskinde, das unter den wiederholten Darstellung dieser Legende
die berühmteste geblieben ist, ferner mußte der Meister den
Kapitelsaal mit Werken seiner Kunst schmücken. In den so geschaffenen
Bilderkreise stößt man auf einen seiner beliebtesten Kunstzweige,
auf die Immacolata. Murillo blieb diesem Stoffe zeitlebens treu; er
hat ihn über dreißigmal behandelt. Daß er so der eigentliche
Maler der "Conception" wurde, ist auch ein bodenständiger
Zug in seinem Wesen, denn Sevilla spielt in der Geschichte des Dogma
von der unbefleckten Empfängnis eine gewisse Rolle. Die Franziskaner
hatten sich die Verteidigung der Lehre, daß Maria von dem Makel
der Erbsünde ausgenommen sei, zur Ordensaufgabe gemacht. Da die
Dominikaner dagegen predigten, gab es in Sevilla so etwas wie religiösen
Volksaufruhr, in den zuletzt König und Papst eingreifen mußten;
letzterer mit einem Breve, laut dessen jeder öffentliche Angriff
der Lehre zu verbieten wäre. Diese ist ein Werk der bildenden Kunst
umzusetzen, vermochte man lange Zeit nicht ohne einen reichen symbolischen
Apparat, dessen Beseitigung erst im laufenden 17. Jahrhundert und zwar
in Italien zustande gekommen zu sein scheint. Doch wurde alles darin
Geleistete von Murillo überboten.
Seine
Weise hatte indessen in Spanien Vorklänge. So steht bei dem Valencier
Joanes Macip die heilige Jungfrau auf dem Halbmonde, mit aufgelöstem
Haar, in weißen Kleide und blauem Mantel, umgeben von Engeln,
aber noch in einer Mandorla und mit den Symbolen. Bei einer Darstellung
des Sevillaners Juan de las Roclas sind diese bereits frei in der Landschaft
untergebracht. Aber hier war noch ein theologischer Begriff durch
das Bild ausgedrückt. Murillo ließ diesen fallen; er verstand,
die theologische Idee gänzlich in der Kunst aufgehen zu lassen,
sie wahrhaft populär zu machen. Unter seinen Conception steht die
auf unserem Bild als eine der lieblichen da. Die Mutterrolle ist hier
einem unschuldigen Kind anvertraut, was der Meister bei kleineren Bildern
öfters tat. Dieser von der Pracht des dunklen Haares umwallte Kopf
mit den noch knopfhaften Zügen, mit den dunklen, Wunder schauenden
Augen und dem staunend geöffneten Wunde. ihn anzusehen,
wird man nimmer müde. Dagegen erscheint die Leibesgestalt reifer.
Das weiße, wie Atlas gebrochene Kleid und der auf der einen Seite
flatternde, auf den andern um den Arm geschlagene blaue Mantel kommen
öfter auf diesen Bildern, wenn auch stets in neuen Variationen
vor. Unten verdeckt er den einen auf die Mondsichel gesetzten Fuß
und trägt dort nicht wenig zur Farbenharmonie bei. Diese wird wunderbar
intensiv und leuchtend durch die Glorie. Oben schauen Engelsköpfe
aus dem Gewölk heraus, während die vier Putten unten typisch
für viele Conceptionen Murillos sind, gerade wie ihre Palmenzweige,
Rosen und Lilien. Der in Verkürzung gestellte ist wieder ein malerisches
Wunder für sich. Möglich, daß Murillo bei solchen kindlichen
Immacolaten das eigene Töchterchen als Modell benutzte. Von einer
späteren, die gleich mehreren andern etwas an Tizians Assunta erinnert,
wird das bestimmt gesagt: der Meister habe da die Tochter gemalt, als
sie sich dem Klosterleben weihte.
Das
Bild der Speck von Sternburgschen Sammlung, schließt sich diesem
Kreise an. Auch hier sieht man Maria als Kind dargestellt, aber ganz
im häuslichen Milieu, über der Näharbeit, was wieder
so recht Murillos Art zeigt. Die sehr gedämpfte Farbenharmonie,
in der das Grün und Rot, letzteres besonders durch das wunderbar
geratene Blumenstilleben, großartig verwendet sind, erinnert an
den Göttlichen Hirten im Pradomuseum. Jesus- und Johannesknaben
bilden im Werke des Meisters eine Bildgruppe für sich.
Zwei der populärsten, deren Stahlstiche oft in älteren deutschen
Gesangs- und Gebetsbüchern zu finden sind, kamen nach England.
Sie gehörten zu dem Bilderkreise, den Murillo für die Kirche
des Hospitals der Caridad (christliche Nächstenliebe) schuf und
mit seinen beiden berühmten Volksmassenbildern, Mosis Wüstenquellwunder
und Christi Speisung der Fünftausend, versah. Unser Jesusknaben,
der im Prado noch sein Johannespendant hat, ist jedoch nicht minder
populär. Der kleine Hirt hat das verlorene Schaf wiedergefunden
und rastet nun, ermüdet vom Suchen, auf den Trümmern eines
antiken Gebäudes. Der dunkle Krauskopf, der mit seinen großen
Kinderaugen so ernst aus dem Bilde heraussieht, ist von jeher das Entzücken
der Frauenwelt gewesen. Eigentümlich verhalten ist hier der Farbenklang.
Das zarte Blaßrosa des Kittels, das schattendunkle Grün der
Vegetation, das Gelbweiß des Schafes und der lichte Fleischton
das wirkt zusammen fast monochrom, hebt die Gruppe aber doch
stark vom Hintergrunde mit der still weidenden Herde ab, den ein hell
einfallendes Licht durchflutet, das Lockenhaupt des Knaben mit der Folie
einer sanften Aureole umrahmend.
Ein
anderes Bild des Pradomuseums zeigt die Knaben zusammen. Es sind die
Niño de la Concha, die Kinder mit der Muschel, vielleicht das
freieste und schönste Bild Murillos in der Kindermalerei. Der Jesusknabe
gibt dem am Bachrande knienden Johannesknaben aus einer Muschel zu trinken.
Die Komposition ist ein gleichseitiges Dreieck, dessen Spitze der Jesusknabenkopf
bildet, während das gelagerte Lamm den linken Basiswinkel ausfüllt.
Der die ganze rechte Seite bildende Johannesknabe hat das unten auf
den Boden gestützte, oben mit dem Spruchbande umwundene Rohrkreuz
über die Schulter gelehnt, wo es über die Dreiecksseite hinausragt.
Er trägt das härene Gewand der Bibel, eine zerschlissene Kamelhaardecke,
wohingegen der Jesusknabe einen violetten Stoff um die Hüften und
den linken Arm, dessen Hand eine sprechende Gebärde macht, geschlungen
hält. Beider Lockenköpfe sind blond. Das paßte besser
zu dem wunderbaren Goldtone, der die Gruppe durchstrahlt und sie aus
dem umgebenden Landschaftsdunkel heraushebt. Noch heller glänzt
die himmlische Nebengruppe, drei Engelsputten des duftigsten Vaporoso.
Hier ist besonders das mittelste Bürschchen, daß so lieb
die Händchen faltet, eine anmutende Kindergestalt.
Von
Murillos Immacolaten sind seine eigentlichen Madonnen zu trennen. Mit
ihnen steht der Meister völlig auf irdischen Boden. Das ließen
schon seine heiligen Familien erwarten. Betrachtet man z.B. die del
pajorito (mit dem Vögelchen), so findet man in ihr ein Genrebild,
eine stille Familienszene, die ganz in bürgerliches Wohlbehagen
getaucht ist. Die Mutter sitzt an der Garnwinde und guckt auf einen
Augenblick ihrem Sprößlinge zu, der beim Vater steht und
das Haushündchen durch ein emporgehaltenes Vögelchen zum Hübschmachen
zu bewegen sucht. Das Hündchen sitzt ähnlich wie das auf dem
Bilde von der Geburt Mariä da und füllt auch hier den linken
Basiswinkel des Dreiecks der Hauptgruppe aus. Dieser Vater Joseph aber
ist nicht nur eine der prachtvollsten Männerfiguren Murillos, sondern
der Malerei überhaupt. Rechts abseits der Balken mit dem Handwerkzeuge
deutet auf sein Gewerbe und verlegt die Szene vor das Haus, als dessen
Mauer der dunkle Grund zu gelten hat. Die wunderbare, ruhige und doch
so kräftige Farbenharmonie der Hauptgruppe spricht für sich
selber. Links unten zeigt der Wäschekorb, mit welcher Sorgfalt
der Maler auch Nebendinge behandelte.
Wo
Murillo nun die Madonna allein, also die Mutter mit dem Kinde malt,
da bewegt er sich in der Richtung, die Raffael über hundert Jahre
früher einschlug, als er seine Madonna della Sedia oder die der
Häuser Tempi und Colonna schuf. Murillo ist aber auch hier noch
bodenbeständiger als der große Urbinate. Wie dessen Typen
mehr ins allgemein Menschliche hinüberspielen, so bleiben die seinigen
durchaus spanisch, ja meistens andalusisch, ausgesprochen sevillisch.
Bemerkenswert ist, daß Murillo alle diese Madonnen, mit einer
etwas an die Raffaelsche Sixtina erinnernden Ausnahme, sitzend malte.
Zu den schönsten gehört die im Palazzo Corsini zu Rom. Sie
gibt sich so profan, daß man sie lange Zeit gar nicht als Madonna
zu bezeichnen wagte, sondern sie als donna con bambino, als Frau mit
Kind kursieren ließ. Justi sagt über das Bild: "Es sieht
aus wie eine ausgeführte Modellstudie, ohne Abzug und Zusatz,"
und Buckhardt nennt es im Cicerone "nicht nur höchst einfach
liebenswürdig in den Charakteren der Mutter und des Kindes, sondern
(bei teilweise sehr großer Flüchtigkeit) ein Wunder der Farbe."
Es ist zweifellos das schönste Bild Murillos, das in Italien zu
sehen ist.
Die
eigentliche Genrebilder, deren Gebiete diese Madonna so nahe kommt,
fallen in Murillos frühere Schaffensperiode. Sie waren von jeher
beliebt und wanderten bis auf zwei in Madrid gebliebene ins Ausland.
Wir haben von den fünf, die in der Münchener Alten Pinakothek
landeten, die zwei besten für unsere Bilder ausgewählt: die
schmausenden und die würfelnden Gassenbuben. Es sind Augenblickserfassungen,
anscheinend rasch und mühelos ausgeführt, aber doch auf das
feinste, bis in geringste Detail hinein durchgebildet. In dem Murillo
eigenen Lichtschimmer gemalt, verraten sie die aufmerksamste Beobachtung
aller körperlichen Bewegungen und seelischen Regungen des sorglos
glücklichen Lumpengesindels. Unbedingte Aufnahme alles Natürlichen!
Ist dem einen der Schmauser, die in einen geschlossenen Raum vor dunkle
Mauerwände gestellt sind, doch sogar ein Melonenkern an der kauend
aufgetriebenen Backe hängen geblieben!
Laden
nicht diese durstigen Melonen und Weintrauben zum Mitessen ein? Mit
welcher Künstlerliebe sind selbst die zerrissenen Lumpen dieser
Bengel behandelt! Die Würfler sitzen draußen, an Gemäuer,
auf dem wieder Pflanzen überhängen. Die beiden Spieler, deren
einer sich Efeublätter in sein Kopftuch gesteckt hat, sind ganz
in der Sache vertieft, und ihre fein gemalten Hände verraten den
kritischen Augenblick. Dagegen ist der aufrecht daneben Stehende nur
am Essen interessiert. Er träumt ins Weite und hat nicht einmal
für den treuen Hund eine Regung übrig, der sehnsuchtsvoll
nach dem eben im Munde verschwindenden Bissen hinaufblickt. Auch hier
die wunderbarste Durcharbeitung des Nebenwerkes: der Früchte, des
schlechten Korbes, des defekten Kruges, der zerrissenen Schuhe, der
Würfel usw. Licht und Farbe geben wieder ein Beispiel von Murillos
Vaporoso, vom "duftigen Stil."
Dieser
estilo vaporoso gibt auch der Kreuzigung Andreä ihren besonderen
Licht- und Farbenzauber. Das figurenreiche Bild ist klein und unter
den 46 Murillos der Pradogallerie vielleicht das lehrreichste und interessanteste,
"ein Meisterstück der Luftmalerei in Licht und Sonne"
(Justi). Inmitten einer Talsenkung, deren Ränder von einer antiken
Ruine und einem Kastelle bestanden sind, ist das Kreuz eingepflanzt.
Die Schergen vollenden eben ihr Werk, indem sie die letzten Stricke
um die Beine des Apostels schnüren. Der aber ist schon weltentrückt,
sieht den Himmel offen, wo ihm Palme und Krone winken. Man wird hier
an ein Bild Riberas erinnert, findet aber dessen Gräßlichkeit
nicht, an deren Stelle vielmehr milde Verklärung getreten ist.
Auch die beiden Reiter, der mit dem Feldherrenstabe und der mit der
Fahne, glaubt man schon einmal, bei Rembrandt gesehen zu haben. Von
den Figurengruppen zieht die linke der klagenden Gemeinde nicht weniger
an wie die rechte mit dem prachtvollen Legionär, an dessen Seite
der beliebte weiße Hund nicht fehlt. Wie dieser, so zeigen die
beiden Rosse, was Murillo in der Tiermalerei zu leisten vermochte. Was
dieser, so zeigen die beiden Rosse, was Murillo in der Tiermalerei zu
leisten vermochte. Was er hier in den Figuren an Vielseitigkeit der
Darstellung, an Verkürzungen und unmittelbar lebendigen Situationen
gab, machte das Studium diese weniger bekannten kleinen Hauptbildes
unerschöpflich. In dem leuchtenden Farbenspiel dient wieder Grün
als Ruhepunkt.
In Ganzen war Murillo Martergeschichten
nicht gerade zugetan. Immerhin hat er Christus am Kreuze wie als sogenanntes
Ecce Homo mehrfach gemalt. Sein letztes großes Kirchenwerk, das
ihn zum ersten Male seit seiner Jugend von Sevilla weg, nach Cadiz zog,
wurde die Ursache seines Todes: er stürzte vom Gerüst und
starb an den Folgen im vierundsechzigsten Jahre seines nicht nur im
Werke reich gesegneten Lebens.
Quelle: Murillo, Mappe 2, Verlag Seemann,
Leipzig, von rado jadu 2001
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