Die Pyrenäenhalbinsel
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Die pyrenäische Halbinsel zerfällt in die beiden Königreiche Spanien und Portugal, von denen das erstgenannte den größten, das letztere etwa den sechsten Teil der Halbinsel einnimmt. Das Königreich Spanien ist ein konstitutionelle Monarchie, deren Staatsverfassung von 1812 durch diejenige von 1876 ersetzt worden ist. Die gesetzgebende Gewalt liegt in den Händen des Königs und der Cortes, die aus dem Senat und dem Kongreß der Deputierten zusammengesetzt sind. Den Senat bilden die großjährigen Prinzen der königlichen Linie, die hochbegüterten Granden, die Erzbischöfe und die höchsten Würdenträger der Militär- und Zivilbehörden, ferner eine Anzahl vom Könige auf Lebenszeit ernannte Senatoren und solcher, die von den Korporationen der Provinzen und Kommunen, von der Kirche, der Universitäten und den Höchstbesteuerten gewählt werden. Im Kongreß der Deputierten sitzen jetzt 431 Mitglieder (je eines auf 50 000 Einwohner entfallend), die von allen über 25 Jahre alten und seit wenigstens zwei Jahren im Besitze des Bürgerrechtes einer Gemeinde befindlichen Staatsangehörigen auf fünf Jahre gewählt werden. Das Königreich zerfällt in 47 Provinzen, unter denen die Balearen und die Canarischen Inseln als besondere Provinzen figurieren. Die Pyrenäenhalbinsel ist zum größten Teil Gebirgsland, das von zahlreichen großen und prächtigen Strömen durchflossen ist. Die Namen dieser Flüsse sind der übrigen Welt nicht nur aus den trockenen Lehrbüchern der Geographie, sondern mehr noch aus zahllosen Liedern bekannt. Der Ebro, der Tajo, der Duero, und wie sie sonst noch heißen, alle haben sie ein- oder mehrmals ihren Sänger gefunden. Spanien ist seiner Natur nach ein glückliches Land. Das Klima ist zwar wechselnd, aber meist schön. Regentage sind im mittleren und westlichen Teil des Landes sehr selten. Die südlichen Provinzen haben schon subtropische Vegetation. Aloe, Kaktus, Ananas, Bananen, Mandeln und Limonen wachsen wild in üppiger Fülle. Ostspanien nennt man mit Recht "das spanische Paradies". In seinen Gefilden herrscht ewiger Frühling, und wenn auch zuweilen die Sonne brennt, der kühlende Seewind lindert die sengende Hitze und löst sie in wohltuende Wärme auf. Die Bevölkerung beschäftigt sich in der Hauptsache mit Viehzucht und Landbau, und die gesegnete Natur des Landes muß vielfach des Fleiß und das Verständnis des Landwirtes ersetzen. Etwa 60 Prozent des Bodens ist Kulturland. Am höchsten entwickelt ist der Landbau in Katalonien und Valencia, wo auch die Seidenraupenzucht in großer Blüte steht. Wichtiger noch als der Ackerbau ist für das Land der Weinbau. Spanische Weine erfreuen sich seit Jahrhunderten eines Weltrufes und durften schon in alter Zeit im Weinkeller keines Fürsten fehlen. Neben den Trauben gedeihen fast sämtliche Südfrüchte; auch die Olive und das Zuckerrohr werden in weiten Plantagen gezogen. In den Wäldern wächst der Korkbaum, besonders in denen von Barcelona und Gerona. Die Seefischerei ist namentlich an der Nordküste von hoher Bedeutung und Ertragsfähigkeit. Der Boden ist reich an Mineralien. Gold findet sich in den Arsenikgruben Cataloniens sowie im Sande des Flusses Gil; Silber, Quecksilber, Eisenerz, Kupfer, Blei, Schwefel, Phosphor und Steinkohlen sind in reichlicherem Maße vorhanden. Leider werden die Schätze, die vielfach fast offen zu Tage liegen, so gut wie gar nicht ausgenutzt. Der Spanier ist in dieser Beziehung überhaupt sehr unpraktisch. In rationeller Arbeit Geld zu verdienen und dadurch den wirtschaftlichen Wohlstand seines Landes zu heben, hat er noch nie verstanden. Die Finanzen des Landes sind schon seit dem 18. Jahrhundert in tief zerrüttetem Zustande, und noch heute zählt Spanien zu den am tiefsten verschuldeten Staaten Europas. Die Landwirtschaft leidet unter hohem Steuerdrucke; der Handel wird durch hohe Zölle beeinträchtigt und erreicht nur im Verkehr mit Frankreich und in zweiter Linie in demjenigen mit England noch eine höhere Bedeutung, die aber lange noch nicht den außerordentlichen günstigen Bedingungen entspricht, welche die Natur sowohl hinsichtlich der Küstenentwicklung ( Spanien hat 81 Hafenplätze, wovon 56 an der Atlantischen und 25 an der Mittelmeerküste gelegen sind) als auch in Bezug den Bodenraum diesem Lande bietet. Die spanische Industrie hat sich erst in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts kräftiger entwickelt. Als Staatsreligion gilt das katholische Bekenntnis, jedoch sollen jetzt wenigstens nach dem Buchstaben des Gesetzes Andersgläubige unbehelligt nach "ihrer Façon" selig werden dürfen. Kirchlich fügt sich die Bevölkerung unter 9 Erzbischöfe und 45 Bischöfe. Für die Wissenschaft ist durch zahlreiche Bibliotheken und zehn Universitäten gesorgt; dagegen nimmt das Volksschulwesen infolge der schlechten Finanzwirtschaft keinen Aufschwung, und die Zahl desjenigen Teils der Gesamtbevölkerung, der weder des Lesens noch des Schreibens kundig ist, betrug 1889 nahezu 70%. Madrid, die Hauptstadt des Landes, zählt weit über 500 000 Einwohner und gehört mit zu den interessantesten Städten der Welt. Ihre Umgebung ist kahl und öde, ihre Straßen aber sind prachtvoll, und speziell die Straße von Alcala nimmt es an Schönheit mit den prächtigen Anlagen von Paris und London auf. Was die Stadt in dieser Beziehung bietet, verdankt sie Philipp II., der sie 1560 zur Hauptstadt der Monarchie erhob und ihr ihre jetzige Gestalt gab. Philipp III. verlegte seine Residenz 1601 wieder in die alte Hauptstadt Valladolid, wurde aber durch die in Madrid dieserhalb ausgebrochenen Unruhen gezwungen, zurückzukehren und legte, um die Stadt zu versöhnen, ihren jetzigen Hauptplatz, die herrliche Plaza mayor, an. Die Stadt liegt auf mehreren flachen Hügeln am östlichen Ufer des Manzanares 770 m über dem Meere. Sie ist somit die höchst gelegene Residenz Europas. Madrid ist reich an Denkmälern und interessanten Baulichkeiten. Unter den letzteren nimmt das königliche Schloß den ersten Platz ein. Es ist an Stelle des alten Alcazar der maurischen Könige erbaut und gehört zu den größten Palästen. Von den andern Baulichkeiten seien noch erwähnt der prachtvolle Triumphbogen des Alcala Tores, sowie das reizende Luftschloß Buen Retiro, dessen herrliche Gartenanlagen die beliebteste Promenade der vornehmen Gesellschaft Madrids sind. Eine andere Promenade der Stadt ist der Prado, in dem sich auch das berühmte Museo del Prado befindet. In der Nähe Madrids liegt das liebliche Sommeridyll der alten spanischen Könige Aranjuez, dessen "schöne Tage" jetzt aber wirklich "vorüber" sind, und die bei weitem großartigere und eindrucksvollere Grabstätte der Herrscher des ehemaligen Weltreichs, der in öder Gegend erbaute Escorial. Willkomm sagt über den wunderbaren Bau: "Der Escorial ist der versteinerte Geist Philipps II. Nur ein Herrscher wie er konnte ihn bauen!" Hier ist alles stolz, symmetrisch, kalt, aber überwältigend großartig. Der Klosterpalast San Lorenzo ist in dorischem Stil aus blauem Granit erbaut. Die Fußböden, Verzierungen, Altäre u.s.w. bestehen aus verschiedenfarbigem Marmor, nur zu den Türen ist Holz verwendet, aber Holz von Cuba! Die Klosterkirche gehört zu dem Großartigsten, was Menschengeist ersann und Menschenhände zusammenfügten. Unter ihrem Hochaltar liegt das Pantheon, die eigentliche Gruft. Es ist das ein achteckiger Raum, dessen Wände und Decke mit glänzend poliertem Jaspis und verschiedenfarbigem Marmor sowie reichen Goldornamenten bekleidet sind. Der eigentliche königliche Palast des Escorial sucht seinesgleichen an Kunstschätzen und Kleinodien. Vor allem besitzt er eine Gemäldegalerie von unschätzbarem Wert und eine der umfangreichsten und kostbarsten Bibliotheken der Welt. Der Escorial ist das Werk eines Schülers Michel Angelos, des Juan Battista von Toledo.
Vor Madrid war, wie schon angedeutet, Valladolid die Haupstadt Spaniens. Heut bietet die ehemalige Residenz außer ihren Kirchen nur noch wenig des Bemerkenswerten. In der Straße de Colon Nr. 7 befindet sich das Sterbehaus des Columbus. Unweit Valladolid liegen Salamanca, die berühmte Universitätsstadt des Mittelalters, und Zamora, die Stadt des Cid.
Sevilla und Toledo
Spanien ist überhaupt reich an bedeutenden Städten. Toledo, Sevilla, Cordoba, Granada, Valencia, Saragossa alles nur Namen, aber jeder Name ein Stück Weltgeschichte. Toledo, die Tajostadt, erhebt sich auf steilen Granitfelsen hoch über der Ebene. Zu ihren Mauern empfing Karl V. die Huldigung der sechs spanischen Königreiche. Von altersher ist sie berühmt durch ihreWaffenfabriken; die "Klingen von Toledo" spielen in den Heldenliedern des Mittelalters oft genug ihre Rolle. Sevilla, der Gegenstand zahlloser Lieder, die Heimat Murillos, birgt eine ganze Reihe kostbarer Kunstschätze. Berühmt ist die Gemäldegalerie mit den Meisterwerken Murillos, die große Bibliothek und endlich die Wasserleitung. Noch von den Römern erbaut, führt dieselbe der Stadt über 410 Bogen das Wasser zu. Eines der merkwürdigsten Bauwerke Sevillas, die Giralda, ist von dem Almohaden Jakub Ibn Jussuf im 12. Jahrhundert erbaut worden und dient jetzt als Glockenturm der Kathedrale, die dicht an der Stelle der früher hier bestandenen Moschee errichtet worden ist. Und wer könnte Cordoba nennen hören, Cordoba, der alte Kalifensitz, das Mekka des Westens, ohne nicht zugleich seiner Kathedrale zu gedenken, der einstigen Moschee Abderhamans, von der der Dichter singt:
Nur noch ein Bauwerk Spaniens nimmt es mit diesem auf, die Alhambra in Granada. Der Herrschersitz der einstigen Könige von Granada gehört zu den hervorragendsten Bauwerken der Welt und beansprucht seinen Platz neben, wenn nicht noch über der Peterskirche und der Hagia Sophia in Konstantinopel. Maurische und christliche Architekten haben sich vereint, in ihm einen Märchenbau zu schaffen. Sein "Löwenkopf", der "Saal der zwei Schwestern", die "Halle der Abencerragen" sind so oft gemalt, geschildert und besungen worden, daß ihr Bild eigentlich fast in jedes Menschen Seele steht. Die Provinz Granada nennt der Spanier "La Campina", das Land der Oliven und des Weines. Als die berühmteste Weinstadt der Landschaft hat Malaga zu gelten, das zugleich ein vielbesuchter Kurort für Brustkranke ist. Ihm an Fruchtbarkeit gleich steht Valencia, das man auch den Obstgarten Spaniens nennt. Das ganze Land ist bedeckt mit meilenweiten Citronen- und Orangenwäldern. Die Bevölkerung, zum größten Teil noch maurischer Herkunft (Valencia wurde bekanntlich erst von Cid Campeador den Moslemin entrissen), lebt ausschließlich dem Ackerbau. Die Frauen gehören zu den schönsten Spaniens, sollen aber auch ebenso falsch und tückisch wie reizend sein. Eine üppig gesegnete Landschaft ist auch Avila, die Heimat des spanischen Pfeffers. Die Seidenraupenzucht steht hier auf der Höhe, ebenso die Oliven- und Weinkultur und die Schafszucht. Die Tracht des Volkes gehört zu den phantastischesten Spaniens, ist aber sehr kleidsam. Galicien, das "spanische Tirol", bietet Landschaftsbilder von wunderbarer Schönheit, ist aber dem Verkehr so gut wie garnicht erschlossen. Ein ganz anderer Menschenschlag sind die Basken oder Basconen, die ihren Sitz am Golf von Biscaya und dessen Umgebung haben. Als Nachkommen der Iberer haben sie ihre nationalen Sitten von altersher treu bewahrt. Ihre Sprache ist ein für sich völlig alleinstehendes Idiom und mit keiner andern verwandt, daher auch für Fremde garnicht, oder nur sehr schwer zu erlernen. Im Übrigen sind die Basken eine edle schöne Rasse, zwar etwas jähzornig und hitzig, aber doch wieder klug, gesellig, heiter, gastfrei und treu. Die Frauen stehen den Valencianerinnen an Liebreiz nicht nach. Die "Schifferinnen auf dem Bidassoa" gehören zu den entzückendsten Frauenerscheinungen des Erdballs. Die Männer sind meist Seeleute, viele auch Schmuggler. Reich an malerischen landschaftlichen Reizen sind die Balearen, eine Inselgruppe im Mittelländischen Meere östlich von der Küste Valencias gelegen, die neben mehreren kleineren Inseln und Eilanden die Hauptinseln Mallorca und Menorca enthält.Die größere von den beiden, Mallorca ist auch die fruchtbarere. Sie zählt gegen 50 000 Einwohner, hat einen vortrefflichen Hafen, eine altgotische Kathedrale und einen maurischen Palast, der jetzt als Amtssitz des Generalkapitäns der Provinz dient, nebst zahlreichen Privatpalästen. An der Küste Mallorcas hat der österreichische Erzherzog Ludwig Salvator eine reizende Besitzung, Miramar, wo er inmitten einer rein ländlichen arbeitsamen Bevölkerung in stiller Zurückgezogenheit lebt und Reisenden, sowie Honoratioren der Inseln mit liebenswürdiger Gastfreundschaft entgegenkommt. Das Klima von Mallorca ist, weil die Insel gegen Nordwinde geschützt ist, günstiger als dasjenige des ungeschützten Menorca; ersteres ist darum auch fruchtbarer als letzteres und reich an Orangen, Citronen, Mandeln, Wein und anderen Produkten. Noch üppiger ist die Vegetation auf den vulkanischen Canarien oder "glücklichen Inseln", der Heimat unseres beliebtesten Stubenvogels, der aber dort kein gelbes, sondern ein graugrünes, goldig schillerndes Federbett trägt. Die bedeutendste dieser Inseln ist Teneriffa. Aus ihren hochragenden Bergzügen steigt 3711 m hoch der schneebedeckte "Pic von Teneriffa" (Pico de Teyde) empor, dessen Solfatara fortwährend schwache Dämpfe aushaucht. Die Hauptstadt der Insel ist Santa Cruz. Die Vegetation und die Fauna ist schon beinahe tropisch. Bataten, Bananen und Limonen wachsen wild, die Schafzucht steht in hoher Blüte; auf den nördlichen Inseln werden auch Kamele gezüchtet. Quelle:Illustrierte Länder- und Völkerkunde, Deutsche Volksbibliothek, von rado jadu 2000 |
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