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Auf den Spuren der Mauren in Südspanien

Landeinwärts führt unser Weg von Malaga in das Herz von Hochandalusien, dem schönsten Teile Andalusiens, das selbst wieder die schönste Provinz der pyrenäischen Halbinsel ist - er führt nach Granada, dem vielbesungenen, viel gepriesenen, dessen Name man nicht erwähnen kann, ohne an die Tränen zu denken, die der letzte Maurenkönig Boabdil hier vergoß, als er von diesem herrlichen Stück Erde für immer Abschied nehmen mußte.

Die Provinz Granada ist das Zentrum Hochandalusiens, eines köstlich geformten Gebirgslandes, dessen Linien die schneebedeckte Sierra Nevada einen imposanten Abschluß gibt. Von den Gebirgszügen fließt reichlich Wasser in die Täler und verwandelt sie in üppige Gärten — vegas. So ist denn auch heute noch diese Provinz die fruchtbarste und reichste Spaniens, in den Zeiten der Maurenherrschaft war sie eon Paradies, ein Garten Eden und arabische Dichter haben das Glück gerühmt, in diesem Erdwinkel zu leben.

Auf der Eisenbahnfahrt von Malaga nach Granada können wir zu beiden Seiten des Bahndammes diese "vegas2 bewundern, in denen die Produkte der gemäßigten neben denen der subtropischen Zone gedeihen, Weizen, Gerste , Mais, Gemüse neben Oliven, Orange, Zitronen, Mandeln, Granatäpfeln usw.

In Andalusien sind wir auf Schritt und Tritt von Erinnerungen an die "große", an die Maurenzeit umgeben, denn Andalusien umfaßt die vier ehemaligen maurischen Königreiche: Granada, Jaen, Cordova und Sevilla. Der Name allerdings gemahnt an den germanischen Einschlag im spanischen Wesen. Zu Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. eroberten die aus Galizien uns Asturien eingedrungenen Alanen und Vandalen die Landschaft, die damals ein Teil der römischen Provinz Bätica war, und nannten sie Bantalutia. Ihnen folgten die Westgoten, die nach einen langen und blutigen Kampf die Alanen und Vandalen nach Afrika drängten und seit dem 6. Jahrhundert ganz Spanien beherrschten. Ein Jahrhundert nachher machte der Sieg der Araber in der Schlacht bei Jeres ihrer Herrschaft ein Ende.

Sevilla

 

Der Andalusier ist für Spanien das, was der Gascogner für Frankreich ist:lebhaft, heiter, vergnügungssüchtig, poetisch begabt, aber ein klein bischen arbeitsscheu, aufbrausend jähzornig, phantasiereich und etwas — "Blageur" —Die andalusischen Frauen, graziös und mit Mutterwitz gesegnet, gelten als die interessantesten und liebenswertesten Spaniens, das ohnedies an schönen Frauen nicht arm ist. — In den hohen Tälern der Sierra Nevada leben noch unverfälschte Nachkommen der Mauren, die "Moriskos".

Die Stadt Granada selber ist ganz maurischen Ursprungs. Araber gründeten sie im 8. Jahrhundert in der Nähe der Ruinen der uralten keltiberischen Stadt Eliberis und gaben ihr den Namen Granada; es soll dies einen aufgesprungenen Granatapfel bedeuten, dessen Mittelpunkt die Königsburg, die stolze Alhambra darstellt. Ein Granatapfel war nämlich das Wappen ihrer Könige. Die Stadt blühte unter der weisen Herrschaft der Mauren bald mächtig auf und zählte auf dem Höhepunkt ihrer Blüte ½ Million Einwohner. Sie muß in dieser Zeit einen außerordentlich prachtvollen Anblick gewährt haben, zahlreiche Paläste schmückten sie, 50 Hochschulen und 70 Bibliotheken gaben Zeugnis von der Pflege der Wissenschaft in dieser großen Stadt, die einen Umfang von 15 km hatte und deren Mauer 1030 Türme zierten. Granada war eben der Mittelpunkt einer hochentwickelten Kultur. Hier auf spanischem Boden schuf das Maurentum das Beste, dessen es fähig war. Überall hier umweht und das Gedenken an jene Glanzzeit. Die älteren Häuser zeigen noch ein halb maurischen Aussehen: glatte Dächer, Türmchen mit Balkone, Höfe mit Springbrunnen und ganz maurischen Stil hat den restaurierte ehemalige Bazar, die "Alcaiceria", die neben dem daran stoßenden Zacatin, der belebtesten Straße, noch jetzt wie in der Maurenzeit das Zentrum des Handels bildet. Und auf dem Königshügel über der Stadt thront die wundervolle Alhambra, das merkwürdigste und kunstvollste Bauwerk maurischer Kunst, ein Entzücken für jeden Schönheitsfreund und Architekturkenner.

Um den Königshügel zieht sich die Stadt halbmondförmig herum — ihre Vorstädte sich weit in die Täler des Genil und Darro hinauf. Auf dem rechten Darroufer liegt der "Albaicin", der älteste Stadtteil, der jetzt zumeist von den ärmeren Colksklassen bewohnt wird. Interessant sind die Wohnstätten der hier hausenden Zigeuner, die in Erdhöhlen sich wohnlich eingerichtet, in einen Hügel rationell hineingegraben. Sie treiben hier mancherlei Kleinindustrie, besonders Schmiedearbeiten und sind nicht verpönt wie anderswo; die spanische Bevölkerung vermischt sich auch mit ihnen. Schon mancher Torerro ist aus den Reihen dieser Zigeuner hervorgegangen.

Totenwache

Der Stattliche Teil der Stadt ist auch jetzt noch die Alcazaba, wo ehedem der maurische Adel wohnte. So ist denn im Äußeren der Stadt alles noch von maurischer Art, und wenn wir durch die Straßen der Stadt wandern, durch die krummen, engen Gassen und die Bewohner betrachten, dann vermeinen wir aus den meisten Gesichtern die ursprünglich maurischen Züge herauslesen zu können. Steckte man sie in arabische Tracht, man würde sie von den Mauren Nordafrikas nicht unterscheiden.

Alcazar

Unter den Plätzen der Stadt ist der größte die Plaza del Triunfo im Norden und die Vivarambla ( jetzt Konstitutionsplatz), auf dem zur Maurenzeit die Volksfeste, später im spanischen Mittelalter die weniger fröhlichen Autodafés veranstaltet wurden. Jetzt ist er der Schauplatz der berühmten Fronleichnamsmesse von Granada. Die schönste Kirche von den 24 der Stadt ist die an Stelle der ehemaligen Hauptmoschee erichtete Kathedrale, die aber unvollendet geblieben. Ein prächtiges gotisches Hauptportal ziert sie; sie enthält die Grabmäler Ferdinands und Isabellas und interessante Gemälde von Ribera und Cano.

Außer der Alhambra sind als Überreste maurischer Baukunst noch die Torres Bernesas, eine alte maurische Burg, und die Trümmer des ehemaligen maurischen Sommerpalastes Generalife zu erwähnen.

Von Granada führt uns die Bahn nach Cordoba, der zweitwichtigsten Stadt Südspaniens hinsichtlich ihres Zusammenhanges mit dem Maurentum. Ja, es gab eine Zeit, in der sie sogar die Blüte Granadas übertraf. Es war im 10. Jahrhundert in der Herrschaftszeit der Abdurrahman III., Hakem II. und Almansor. Sie war damals eine heilige Stadt des Islam, "das Mekka des Westens", und hatte angeblich 1 Million Einwohner. Nach dem Sturze des Khalifats verlor sie ihre Bedeutung an Granada, das sich auch länger gegen die spanische Angriffe hielt. Erwiesen ist, daß Cordoba in seiner Blütezeit 600 Moscheen, 900 öffentliche Bäder und 80 höhere Schulen hatte; maurische Schriftsteller erzählen fabelhafte Dinge von der Pracht der Hofhaltung in dem großen königlichen Palast "Azzahra", der 4300 Marmorsäulen zählte. Damals war Cordoba der maurische Hauptsitz der Poesie und Wissenschaften, in der Pflege der Mathematik, Astronomie und Medizin unübertroffen. Industrie und Handel, Garten- und Ackerbau schufen Wohlstand in allen Volkskreisen. Aus dieser Maurenzeit stammt denn auch das Bemerkenswerteste im Architekturbild des heutigen Cordoba, so die Hauptzierde der Stadt, die an Stelle einer Kirche 786 bis 794 auf Befehl Abdurrahmans erbaute berühmte Moschee "mezquita", die heute noch zu den schönsten Bauwerken der Welt gehört, obwohl die im Jahre 1523 hineingebaute katholische Kirche die architektonische Wirkung stark beeinträchtigt. Die Moschee ist 175 m lang und nächst der Kaaba zu Mekka das größte Gotteshaus des Islam, eim Meisterwerk arabiscger Baukunst. Ihre kunstvolle Deckenwölbung wird heute noch angestaunt. Auch die 223 m lange Brücke, die auf 16 Bogen über den Guadalquivir nach der Vorstadt Campo de la Verdad führt, ist eine wuchtige Erinnerung an die Maurenzeit; sie ist noch wohlerhalten. Westlich von der Brücke liegt der alte Palast der maurischen Könige mit großen Ziergärten, daneben ragen die Türme des "Alcazar"- Schlosses auf und der Paloma, wo sich die Bäder der Khalifen befanden. Der neueAlcazar ist heute zum Gefängnis umgewandelt. Von der früher reichgestalteten Industrie hat sich zum Teil noch die frühere Spezialität Cordobas, die Fertigkeit in der Herstellung des "Corduan" genannten Glanzleders erhalten.

   

 

Wie die Stadt da so zwischen den Oliven-, Wein- und Orangenpflanzungen voll von maurichen Architekturresten daliegt, verödet und traumverloren, ist sie mitten im modernen Leben ein maurisches Märchen.

Und immer noch dem Laufe des Guadalquivir folgend, gelangen wir nach Sevilla, der meistgenannten Stadt Andalusiens überhaupt. Bevölkerter als Granada und Cordoba (sie zählt heute an 200 000 Einwohner), hat sie nicht nur ein lebhafteres Getriebe als diese beiden, im wesentlichen von der Vergangenheitzehrenden Städte, sondern ist auch "spanischer2 in ihrem Wesen. Sie lebte eben auch nach dem Sturz der der maurischen Herrschaft, der schon im 13. Jahrhundert erfolgte, als spanisches Stadtwesen im Mittelalter, als Mittelpunkt einer Zivilisation weiter, und hatte ihre dritte Glanzperiode noch im 16. und 17. Jahrhundert, wo sie Hauptstapelplatz des spanischen Seehandels und Sitz der spanischen Kunst, namentlich der Malerei war. Murillo, Velasquez und die beiden Herrera sind hier geboren. Von der dritten Glanzperiode kann man insofernreden, als die Stadt schon in der Römerzeit ein Mittelpunkt römischer Kultur auf der iberischen Halbinsel war und den begütersten und edelsten Familien der Halbinsel als Aufenthaltsort diente. Die zweite Blüteepoche fällt dann in die Maurenzeit.

Sevilla ist durch Werke der Poesie und Malerei, durch Darstellungen aus dem Sevillaner Volksleben allen Gebildeten nähergerückt, vom "Barbier von Sevilla" bis zur Bizetschen Oper "Carmen".

Die Häuser der Stadt zeigen noch vielfach maurischen Charakter und enthalten schöne Höfe (Patios) mit Springbrunnen. Die Kathedrale, eine der schönsten gotischen Kirchen, ist in der Zeit von 1401 bis 1519 an Stelle der großen Moschee in Sevilla erbaut worden. Als Überbleibsel des islamischen Gotteshauses erhebt sich daneben ein viereckiger Turm, die "Giralda". Aus der maurischen Zeit stammend, ist vor allem der "Alcazar" zu erwähnen, ein Palast mit schönen, von 52 Marmorsäulen eingeschlossenem Hof und großem Garten.

Unter den Plätzen sind: die Plaza de la Encarnation (der große Markt), der Museumsplatz mit der Bronzestatue Murillos, die Plaza del Triufino und die große, hübsch gepflegte Plaza Nueva die bemekenswertesten. Die belebteste Straße ist die schlangenartig gewundene Calle de Sierpes; beliebte Promenaden sind die Paseo de Christina und die anschließenden Alleen und Parkanlagen Las Delicias, sowie die schönen Kais, die sich am Ufer des Guasalquivir 4 km weit hinziehen.

Hier kann man interessantes und anmutiges Volkstreiben studieren, zumal die schönen Sevillanerinnen in ihrer ungezwungenen Grazie bewundern.

Sevilla zählt besonders viele Arbeiterinnen, in der Tabakfabrikation allein werden über 6 000 beschäftigt. Will man die südländische Lebhaftigkeitdieses andalusischen Völkchens kennen lernen, dann versäume man nicht, gerade in Sevilla oder Granada einer Corrida beizuwohnen — der Stiergefechtzirkus hier, ein ovales Amphitheater, ist der zweitgrößte in Spanien (nur Madrid hat einen größeren) und faßt an 12 000 Menschen. Von einer solchen Corrida in Andalusien nimmt man Bilder mit heim, die uns unvergeßlich bleiben und wir vermeinen in dieser Vorliebe für das blutige Schauspiel, das aber auch viel stauneswerte Kraftentfaltung und persönlichen Mut offenbart, noch etwas von dem Vandalenblut in den Adern dieses Volkes zu erkennen.

Der Sevillaner hat aber auch Sinn für gute Bühnenkunst, zumal Musik; die Stadt zählt Theater, die zum Teil Treffliches bieten.

Quelle: Reise um die Erde, Internationaler Welt Verlag 1905, von rado jadu 2000

Rundreise durch Südspanien: "Höhepunkte Andalusiens"
Andalusien - Feste, Feiern, Flamenco



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