Trommeln rufen durch Kamerun
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von Erich Robert Petersen

Das letzte Gefecht
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Die Kompanie Langhans stand bei Elemba und erwartete den Feind. Sie hatte bei Mato den mit Geschützen und Maschinengewehren angreifenden Franzosen hartnäckigen Widerstand geleistet. Feldwebel Klaus hatte unter allen Umständen seinem Kameraden Mannhagen den Rückweg freihalten wollen, aber Munitionsmangel hatte den Leutnant am Ende doch gezwungen, den Rückzugsbefehl zu geben. Njad war abgeschnitten. Die Besorgnis um ihn und seine Soldaten bedrückte die Kompanie. In der sicheren Erwartung, daß der Gegner seinen Angriff gleich fortsetzen werde, hatte der Leutnant seine Vorposten ausgestellt, sondern die ganze Kompanie vor Elemba in eine Überfallsstellung gelegt. Klaus und der lange Michel, wie Unteroffizier Baumgart unter den Kameraden hieß, saßen im Beobachtungsgraben nebeneinander und lauerten auf das Auftauchen der ersten Senegalesen. Es wurde Morgen, die Sonne stieg höher, nichts von den Franzosen zu sehen und zu hören. Hoch über der Stellung kreiste ein schwarzweißer Fischadler; sein heller Ruf klang wie Aufforderung zum Kampfe. Und plötzlich
zwischen dem jubelnden Adlerruf aus dem Gelände vor der Stellung
ein langgezogener Schrei, dem merkwürdig klingende kurze, rhythmische
Töne folgten. Klaus und der lange Michel sahen sich an. "Die Jaunde ahmen die Sprache der Trommel nach, wenn sie im Busch etwas sehr weit rufen wollen. Was du hörtest, war diese tönende Buschsprache der Jaunde. Njad hat einem seiner Soldaten befohlen, seine Ankunft zu melden, damit wir nicht auf ihn schießen." Klaus brauchte nicht mehr zu erfahren, er hörte von der anderen Seite der Schlucht die freudige Begrüßung und sah auch schon Soldaten Njads den Hang herabkommen. "Ist
doch ein Teufelskerl, der Njad! Wie er sich wohl wieder durchgeschlagen
haben mag?" "Hallo,
Njad!" "Griff
eine von Sanaga aus vorfühlende englische Abteilung an, weil ich
meinen Weg sichern und ein geschossenes Flußpferd verteidigen
mußte. Schlug den Feind zurück, zwei weiße Engländer,
neun Soldaten tot." "Sehr
gut! Machen Sie mir gleich einen ausführlichen Bericht,
oder kommen Sie, wir wollen ihn gemeinsam aufsetzen." * Was sich in den Gefechten von Mato und am Singi ankündigte, war das Verhängnis, das sich auf der ganzen deutschen Front auswirkte. Von der Küste, vom Norden, Osten und Süden gingen Engländer und Franzosen jetzt nach einem einheitlichen Plan vor, reichten sich die Hand und drückten von allen Seiten auf die kleine Schutztruppe. Das deutsche Kommando erkannte die Lage, blieb aber entschlossen, die Fahne hoch zu halten und das Land mit äußerster Zähigkeit zu verteidigen. Es stellte sich heraus, daß die am Singi geschlagene englische Abteilung fluchtartig zurückgegangen war, aber die Franzosen erfuhren doch etwas von dem Zwischenfall und machten einen überraschenden Vorstoß in den ungesicherten Norden. Bevor das deutsche Kommando ihnen eine Kompanie entgegenwerfen konnte, war Nanga Eboko, der Hauptort des Jekabalandes, verloren, und damit war für die Jekaba, die bis dahin die Schutztruppe zu unterstützen versucht hatten, das Zeichen zum Frontwechsel gegeben. Praktische Notwendigkeit zwang ja die schwarze Bevölkerung, sich jeweils dem Stärkeren anzuschließen. Der greise Häuptling Nanga selbst blieb seinen deutschen Freunden treu und verließ sein Land, aber seine Krieger, die daheimbleiben mußten, stellten sich den vordringenden Franzosen auf Verlangen zur Verfügung. Trommelsignale durchflogen erneut das weite Land. Jekaba - Späher umschlichen die deutsche Stellung und führten französische Abteilungen in den Rücken der deutschen Vorposten und Kompanien.
So geschah es, das Feldwebel Klaus mitten im hohen Grase, wo er auf einem ehemaligen Dorfplatz sein Feldwachlager aufgeschlagen hatte, von den Franzosen umzingelt wurde. Wie ein grollender Löwe sprang er bei dem Feuerüberfall auf und setzte sich inmitten seiner Soldaten zur Wehr. Die vorgeschobene Wache erreichte den Anschluß; aber dann war es vorbei, der Weg zur Kompanie war abgeschnitten. Leutnant
Langhans lag etwa einen Kilometer zurück in vorbereiteter Stellung.
Man hörte bei der Kompanie das lebhafte Feuer von der Feldwache,
horchte, suchte den Gang des Gefechts zu verfolgen und wurde unruhig.
Das war ja eine wilde Schießerei! Njad lief von seinem Flügel
hinüber zum Leutnant. Njad
ging im Laufschritt vor. Zu beiden Seiten des Weges stand die hohe Graswand;
die Gefechtslage war nur an dem Gewehrfeuer zu erkennen. Aber bald hörte
er Rufe und Gebrüll. Drüben beim Zuge Klaus hörte man den Kriegsruf der Kompanie und erwiderte ihn. "Njad aju!" donnerte es im tiefsten Baß. Ohne einen Befehl abzuwarten, sammelte sich der Zug und brach den Kameraden entgegen vor. Die französische Umgehungsabteilung, die plötzlich selbst zwischen zwei angreifende Gegner geriet, suchte auseinanderzuspritzen, wurde aber durch das hohe Gras aufgehalten und erlitt schwere Verluste. Zug Klaus stürmte vorbei und erreichte Njad. Noch einmal gerettet, wenn auch nicht ohne Wunden. Am
Abend dieses Gefechtstages erreichte die Kompanie auf dem planmäßigen
Rückzug das große Dorf Semini, bis dahin wichtig als Relaisposten.
Im Scheine der untergehenden Sonne wirkte das in leicht gewellter, mit
Palmen durchsetzter Savanne liegende Dorf auf die Weißen der abgekämpften
Kompanie wie ein Märchenbild. Vor der Tür des größten
der schmucken, aber verlassenen Faktoreigebäude stand ein Mann
in weißem Anzug, der Relaispostenführer. Als der Leutnant
herankam, trat der feine, wohlgenährte Mann vor, nahm so etwas
wie eine stramme Haltung an und meldete: Der
Leutnant grüßte flüchtig und sagte: "Na, Müller,
Sie sehen ja furchtbar fein aus!" Feldwebel Klaus sah, verglichen mit dem Postenführer, reichlich verwildert aus, zerrissene Uniform, noch blutbefleckt von dem heißen Gefecht, und das Gesicht gezeichnet von Entbehrungen und Strapazen. "Den Sonntag können wir ja noch nachholen, Herr Leutnant. Dieser Landsturmmann Müller war in Friedenszeiten unter den Kaufleuten als Whisky - Müller, zum Unterschied von verschiedenen Kollegen seines Namens, als großer Spritvertilger bekannt. Es sollte mich sehr wundern, wenn er als Postenführer in diesem schönen Dorfe nicht auch etwas Trinkbares im Hause haben sollte." Nun kamen auch der lange Michel und Hühnchen heran und drangen als alte Kollegen Müllers nach Art rauher Krieger in das Heim des Postenführers ein, als wäre es ihr eigen. Sie nahmen geradezu Anstoß daran, daß der alte Drückeberger von Whisky - Müller friedlich in diesem schönen Hause gesessen hatte, während sie sich im Sumpf und Busch mit den Franzosen herumgeschlagen hatten. Nach und nach versammelten sich alle um Müllers Tisch, über den eine richtige Petroleumlampe ihr Licht ergoß, tranken den von Müller selbst destillierten Schnaps und sangen Kriegslieder. Der anstrengende Tag und die fortgesetzten, durch Munitionsmangel und Überflügelung hervorgerufenen Rückschläge hatten ihre Nerven stark belastet. Selbst der Leutnant reihte sich angesichts der großen Kalebasse mit Schnaps der Tischrunde ein, auch er bedurfte einer inneren Auffrischung. Njad brachte ein in der Ecke stehendes Rohrstöckchen an sich und schlug damit den Takt zu den Liedern, die den wilden Soldaten aus der Brust drangen. Wer nicht laut genug mitsang, wurde durch einen leichten Schlag auf den Kopf ermuntert, Müller nicht ausgenommen. Die Frontschweine waren immer noch über seinen weißen Anzug aufgebracht. Klaus zuckte es in den Fingern. Was für eine schöne Lampe der Kerl noch hatte! "Davon
wird bald nichts mehr übrig sein," sagte der lange Michel.
"Morgen platzen hier die französischen Granaten. Heute sind
wir noch lustig." Das
waren die Feldsoldaten! Bei dem nächsten stürmischen Kriegslied
schlug Njad mit einem pfeifenden Taktschwung ein Stück des herausfordernd
heilen Lampenzylinders weg. "Halt,
stopp!" Klaus und der lange Michel hielten ihn fest. "Der
Mann will anscheinend los gegen den Feind, Herr Leutnant. Er kann seinen
Zorn gegen die Franzosen nicht länger bändigen. Er will als
Freiwilliger vor!" Als Feldwebel Klaus am anderen Morgen den Postenführer Müller holen und auf Feldwache schicken wollte, war das Nest leer. Während die müden Frontkämpfer bei ihren Soldaten schliefen, hatte sich der schlaue Whisky - Müller davongemacht nach dem nächsten Relaisposten. "Denn
also nicht!" brummte Klaus und schickte den langen Michel vor.
Es waren hakt immer dieselben. Mit der gleichen Energie wie vor einem
Jahr ging er daran, für die Kompanie eine Verteidigungsstellung
auszubauen. Hinter seinem Rücken tauchte aus dem bisher von Müller bewohnten Hause ein langbeinigen Affe auf und war mit einigen Sätzen auf dem Platz zwischen den Gebäuden. Es war Bingo aus dem Geschlecht der Paviane, der schmählich verlassene Freund des Postenführers. Bingo fand, daß während der Nacht in seinem Reiche etwas verändert worden war. Ernst und würdevoll näherte er sich dem Hause des Leutnants, das gewissermaßen eine militärische Zentrale darstellte, dessen Betreten jedermann verboten war. Bingo wußte nichts davon, schlüpfte hinein, sprang auf einen Stuhl und unterzog die auf dem Feldtische liegenden Meldungen, Befehle und Skizzen einer Prüfung. Er fand manches tadelswert und vollstreckte sein vernichtendes Urteil auf der Stelle. Ritsch, da ging der neueste Befehl des Kommandos in Fetzen; ratsch, da wurde die gestrige Gefechtsskizze zerrissen; und knautsch da flog der heutige Stellungsplan zerknüllt in die Ecke. Nachdem er auf diese Weise Zensuren erteilt hatte, entfernte sich Bingo. Da
kam auch schon in Eile der Leutnant zurück, um seine Papiere zusammenzupacken.
Es hatte vorne geknallt, jeden Augenblick konnte der Angriff
erfolgen. Rasch alles fertigmachen! "Das
ist denn noch eine verfluchte Schweinerei! Irgendein Schuft hat mir
die ganzen Befehle zerrissen. Und das gerade jetzt, wo der Franzose
angreift. Hat er Helfer in unserem eigenen Lager?" Niemand fühlte sich schuldig. Oh, sie waren alle gut deutsch! Wer sollte hier zu den Franzosen halten?
In dem Augenblick der höchsten Erregung erschien Bingo im Hintergrund, stolzierte steif und wichtig an dem Hause des Leutnants vorbei und warf einen schadenfrohen Seitenblick hinein, den der Leutnant noch gerade auffing. Er bemerkte auch ein paar Papierfetzen zwischen der Fingern der Affenhände. "Der
verdammte Affe! Dieses Schwein ist es gewesen!" Der Leutnant brüllte
so gewaltig und zornig, daß alles vor Furcht erzitterte und daß
Bingo mit unwilligem Keckern einen Seitensprung machte. Aber die Kapriole
wirkte diesmal nicht. Die Stimme des Leutnants donnerte: * Vorne in der Stellung achtete niemand auf den einzelnen Schuß, der den Saboteur Bingo vom Leben zum Tode beförderte. Die ganze Aufmerksamkeit war auf das Vorfeld gerichtet, wo es lebhaft knallte. Der lange Michel hielt sich tapfer mit seiner Feldwache, der feind kam nicht an die Hauptstellung heran. Abends lag die Kompanie wieder in dem schönen Semini. Klaus, Njad und der Orang -Utan -Meyer saßen vor dem bisherigen Postenführerhaus. Whisky -Müller blieb verschwunden, auch sein Schnaps und seine Lampe fehlten. Dafür hatten die Kameraden ein kleines Lagerfeuer nach Eingeborenenart machen lassen und saßen plaudernd drum herum, wie sie nun schon seit Jahr und Tag gewohnt waren. Den beißenden Holzrauch empfanden sie zwar immer noch als unangenehm, aber er vertrieb wenigstens die Mücken. Sie sprachen von der deutschen Heimat, von der sie abgeschnitten waren, und von der sie nur wußten, daß sie einer Welt von Feinden widerstand. Ihre Gedanken kehrten deshalb bald nach dem Lande zurück, das ihnen am nächsten war, für das sie gearbeitet hatten und für das sie jetzt kämpften Kamerun. Sie wußten, daß die Munitionsnot in ganz kurzer Zeit dem Verteidigungskampfe ein Ende machen würde. Die selbst angefertigten Patronen taugten nichts mehr und gefährdeten den Schützen fast ebenso wie den Feind. Es war ein Wunder, daß die Kampfkraft der Truppe trotz allem noch ungebrochen war. "Die Franzosen werden nach meiner Ansicht auch morgen nicht angreifen," sagte Klaus. "Sie trauen uns nicht und warten lieber, bis Semini ihnen von selbst in den Schoß fällt. Morgen oder übermorgen werden sie uns herausmarschiert haben." "Zurück
und immer weiter zurück, bis das Ende da ist," sagte Njad
finster. "Der Busch war unser bester Verbündeter, und wir
haben ihn verlassen." Njad sah mit halbgeschlossenen Augen hinüber und bemerkte, wie das warme Licht der Glut das Gesicht des jungen Kameraden verklärte. "Sagen sie doch lieber, es geht um das Deutsche Reich," antwortete er müde. "Sie wissen nicht, wie uns alten Afrikanern zumute ist, mir und vielen anderen, die im wilden Busch eine Heimat gefunden hatten. Ganz abgesehen von der Bindung an Volk und Nation ist mein nächstes Kampfziel, daß mein Land dort drüben im Busch deutsch bleibt. Und ich sehe dieses Ziel trotz aller Kampfbereitschaft ferner und ferner entschwinden. Der Franzose sitzt heute auf meiner Farm, erntet, was ich gepflanzt habe, und schießt im Busch das Wild, das meine Freude war." Klaus und Meyer waren betroffen. Nie zuvor hatte der schweigsame Njad so gesprochen. Sie starrten in die Glut, die an den Enden des sternförmigen zusammengelegten Feuerholzes glomm. Klaus gab einem der Holzscheite einen Stoß, daß die Glut kurz aufflammte. "Ich
meine, wir sind Soldaten und kämpfen für Deutschlands Waffenehre,"
sagte er. Wenn unsere Kameraden daheim den Krieg gewinnen, können
Sie auch wieder in Ihren Busch zurückkehren, Njad." "Du
lieber Gott, was sollen wir denn machen? Ich denke so: Unsere Aufgabe
als Führer der Schwarzen kann nur noch sein, die Ohren steif zu
halten. Mit Anstand und in Ehren unterliegen, wenn der Krieg noch lange
dauert, mehr kann ein waffenloser Soldat nicht tun." Schon am nächsten Morgen traf der erwartete Rückzugsbefehl bei der Kompanie ein. Das schöne Semini mußte kampflos dem Gegner überlassen werden, weil von Norden her Überflügelung drohte. Njad, der seit dem Morgengrauen mit seinem Zuge in vorderster Stellung lag, erhielt den Befehl, der Kompanie in drei Stunden zu folgen. Es war ein sonniger Morgen. Unzählige Tautropfen blinkten auf dem Grase, bunte Weberfinken schwirrten tirilierend von Halm zu Halm, und kleine braune Tauben riefen einander mit Lauten, die wie sorgloses Lachen klangen. Njad lag in der Schützenlinie, Gewehr im Arm wie alle Soldaten. Hin und wieder kam von den Franzosen eine Salve herüber, ein Anklopfen, ob der Deutsche noch da wäre. Ja, er war noch da und antwortete mit einigen Schüssen. Dann lag die ganze Schützenlinie wieder dösend in der Sonne und wartete auf den Ablauf der befohlenen Frist von drei Stunden. Zurück, immer wieder zurück! Njad hob zuweilen den Kopf und blickte von dem Hange, den der Zug besetzt hielt, hinab über das Vorfeld, als ob er drüben, ganz weit drüben hinter den feindlichen Linien etwas suchte. Er suchte sein Land, er träumte von seinem Busch, seinem grünen Reiche im Urwald, von dem er sich nun befehlsgemäß noch weiter entfernen sollte. Immer weiter, Herrgott, gibt es denn keine Möglichkeit, keinen Weg? Die
Sonne stieg. Drüben bei den Franzosen war es ruhig geworden. Schon
lange war keine Salve mehr herübergekommen, und noch länger
war es her, seit Njad den letzten Befehl zum Feuern gegeben hatte. Es
war unheimlich still zwischen den Fronten, so still, daß die schwarzen
Soldaten unruhig wurden. Unteroffizier Samba machte sich von seinem
Flügel aus auf, um den Weißen aufzusuchen. Die drei Stunden
mußten längst verflossen sein, warum gab Njad nicht
den Befehl "Kehrt, marsch"? Njad lag da wie ein deckungsnehmender Soldat in der Schützenlinie, rechte Hand am Kolbenhals, Gewehrlauf auf dem linken Unterarm. Der im Tropenhelm geborgene Kopf war vornübergeneigt, die Stirn hatte am Handschutz des Gewehrs eine Halt gefunden. In der Tat, der Zugführer schien zu schlafen. "Massa!" sagte Samba; und noch einmal: "Massa!" Der Weiße hörte nicht. Ob er krank war? Die Weißen litten viel unter Fieber. Samba neigte sich nieder und berührte Njad an der Schulter. "Massa, komm auf, wir müssen zurück." Und
dann plötzlich ein Schrei, wie ein Naturlaut aus Urzeiten. Rechts
und links sprangen die Soldaten hoch. "Was ist, Samba?"
"Lüge, Njad kann nicht tot sein!" Sie kamen von beiden Seiten gelaufen, die schwarzen, treuen Soldaten, und beugten sich nieder. Da lag ihr starker Massa, ihr Njad, regungslos, starr tot. Samba hatte ihm den Tropenhelm vom Kopfe genommen, Blut war drinnen und Blut verklebte des Weißen Kopfhaar. Behutsam faßten Samba und Akonno an und legten ihn auf den Rücken, als suchten sie nach einem Lebenszeichen. Vergebens, Njad war tot. Wie
hatte es geschehen können? Bei einer der aufs Geratewohl abgegebenen
Salven der Franzosen hatte eine Kugel Njad mitten in die Stirn getroffen.
Ach, während seine Gedanken hinüberflogen weit über die
feindliche Linie hinweg bis in sein grünes Reich, gerade als sein
Wille ein Weg suchte, kam ein ziellos abgefeuertes kleines Mantelgeschoß
und wurde vom Schicksal gelenkt, daß es ein Ziel fand. Schweigend trugen die Soldaten ihren gefallenen Führer durch das sonnige Grasland in das neue Lager der Kompanie. Der Leutnant nahm die Meldung Sambas entgegen, stellte einige kurze Fragen und notierte: Kopfschuß, Zufallstreffer bei Nachhutplänkelei. Dann wandte er sich in seiner wortkargen Art an Feldwebel Klaus, der blaß und bewegt daneben stand. "Schade um den Mann, er hat der Kompanie gute Dienste geleistet." "Schade?" In dem ehrlichen Klaus begehrte es auf. "Herr Leutnant, dieser unser Kamerad, der da liegt, hat mehr für die Kolonie geleistet als wir von der Kompanie zusammen. Fragen Sie die schwarzen Soldaten, fragen Sie, wen Sie wollen, das war ein Mann, unser Njad!" Seine Stimme bebte. Es war das erstemal, daß der alte Soldat vor seinem Vorgesetzten so unmilitärisch sprach. Leutnant Langhans blieb ruhig. "Nun ja, das habe ich ja auch gesagt. Gewiß, eintapferer Mann und Soldat. Sie warne mit ihm befreundet, ich ernenne Sie zu seinem Nachlaßpfleger; lassen Sie auch an geeigneter Stelle ein Grab ausheben." Klaus ließ den gefallenen Kameraden unter ein offenes Dach bringen und ihm von Plantenblättern und Decken ein Totenlager bereiten. Einen Sarg konnte er nicht beschaffen; so wie er gestrebt und gekämpft in der braunen Uniform, mußte Njad der warmen Mutter Erde zurückgegeben werden. Die schwarzen drängten sich hinzu, die Soldaten, die Träger und die Jungen. Scheu und betroffen sahen sie auf den toten Helden. Sie konnten es nicht fassen, daß Njad, der unter ihren Augen allen Gefahren entgangen war, nun von einer Kugel getötet sein sollte, ohne daß einer es bemerkt hatte. "Njad ist tot!" Das Wort lief von Mund zu Mund und formte sich zu einer stillen, scheuen Klage. Abseits vom Wege, in einem Waldstück, daß von der Flußniederung gegen das Grasfeld vorsprang, ließ Klaus das Grab für seinen Freund ausheben. Hier sollte er ruhen, wie mitten in seinem verlorenen grünen Reiche, ruhen und warten, bis einst die deutsche Fahne wieder vorwärts getragen würde, wie er es noch bis zuletzt gewollt. Und so bettete die Kompanie den Oberjäger Mannhagen in ein schlichtes Soldatengrab. Leutnant Langhans nannte ihn in seiner Ansprache einen der tapfersten Verteidiger Kameruns, und Feldwebel Klaus kommandierte die Ehrensalven, die der treue Samba mit den alten Soldaten über das Grab schoß. Der kleine Orang - Utan -Meyer aber ging nachher still hin und pflanzte auf den einsamen Grabhügel im Wald ein Holzkreuz, das die Worte trug:
* Im Quartier des führerlos gewordenen Zuges sammelten sich am Abend die verwaisten Soldaten um Samba und begannen, verhalten und gedämpft, einen Trauerchor zu singen. Er klang durch die Nacht wie ferner Trommelruf. Über das abgrundtiefe "O , umo, umo, umo o!" hob sich zuweilen eine hellere Stimme, schwebte ein paar Takte lang über dem Baß und tauchte wieder in dem eintönigen Chor unter. Feldwebel Klaus, der in Gedanken versunken am Feuer saß, wurde aufmersam. Totengesang? War die Verbindung zwischen Njad und den Soldaten so stark gewesen, daß die Schwarzen ihn im Tode ehrten, wie sonst nur ihre Stammesgenossen? Klaus erhob sich und ging langsam die verlassene Dorfstraße entlang bis in das Quartier des dritten Zuges. Unbemerkt kam er an den Ring der trauernden Soldaten. "O umo, umo, umo o!" Dumpf, düster, erschütternd klang der Chor und rollte dahin. Dann hob sich Sambas große, schöne Stimme empor und stand wie klangender Waldhornruf über den Baß. "Singt
das Lied vom Tode, Soldaten! Njad ist tot, unser, starker, weißer
Herr, der unser Vater war." Feldwebel Klaus durchbrach in diesem Augenblick den Ring und stand im Kreise der am Boden hockenden, klagenden Soldaten. "Achtung!" Er selbst rief es mit seiner gewaltigen Stimme. Hier mußte eingegriffen werden, daß Mutlosigkeit nicht Herr würde über gute Soldaten. "Achtung!" Der Chor brach ab, alles sprang auf. "Soldaten
des dritten Zuges," sagte Klaus, "Njad ist tot, aber sein
starkes Herz lebt und ist bei uns. Bleibt Männer und deutsche Soldaten
wie Njad einer war, mein Freund und Bruder. Er spricht durch meinen
Mund und sagt euch: Geht auseinander! Klagt nicht, sondern schlaft.
Morgen wird weitergekämpft. Samba; Akonno, ihr alle, bleibt tapfere
Soldaten, ich befehle es!" Auch der Leutnant hatte die Totenklage gehört und ließ sich von Klaus Meldung machen. Am Morgen trat er vor die Kompanie und sagte: "Wir haben gestern einen Mann begraben, der einen großen Namen in der Kompanie und im ganzen Lande hatte. Wir werden ihn nicht vergessen. Aber keine Klage! wie er starb, kann jeder von uns heute oder morgen sterben. Wir sind deutsche Soldaten im Kriege, darum Mut! Wir kämpfen weiter für dieses deutsche Land, kämpfen Tag und Nacht und bis zur letzten Patrone. Das ist mein Befehl. Es ist auch der letzte Wille des tapferen Oberjägers Mannhagen, den ihr nanntet Njad."
Quelle: Trommeln rufen durch Kamerun, E. R. Petersen, K.Thienemanns Verlag Stuttgart, von rado by jadu 2002 |
