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Deutsche vor der Kamerunküste

Viele alte Kameruner haben sich in Spanischguinea niedergelassen, als nach dem Kriege unsere Kolonien verlorengingen. Mit Spanischguinea, auch wohl Rio Muni genannt waren sie schon vertraut, hatten es auch nicht in schlechter Erinnerung. Denn auf dieses spanisches Kolonialgebiet, ursprünglich ganz von unserem Kamerun umschlossen, war im Kriege unsere Schutztruppe unbesiegt, vom Munitionsmangel genötigt, übergetreten und hatten die Waffen niedergelegt, nachdem sie anderthalb Jahre Kamerun gegen eine gewaltige Übermacht der von allen Seiten gleichzeitig einfallenden Feinde verteidigt hatte. Die Spanier haben damals unsere müden Truppen, Weiße sowohl wie Schwarze, mit großer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aufgenommen, was Engländer und Franzosen, mit scheelen Augen zusehend, nicht verhindern konnten.

Als nach dem Kriege den Deutschen verschlossen blieb — von dem schmalen Streifen des englischen Mandatsgebietes abgesehen —, siedelte sich eine Reihe alter Kameruner, die sich in die verwirrten Nachkriegszustände der alten Heimat nicht wieder einleben konnten oder mochten, in Spanischguinea an. Es ging ihnen so, wie es den meisten Afrikanern geht, mögen sie nun in den weiten, kühlen Dornbuschsteppen von Deutschsüdwest, in den strahlend schönen Bergländern im Norden von Deutschost oder in den schwülfeuchten Urwäldern Kameruns heimisch geworden sein: sie konnten sich dies zweite Deutschland auf dem dunklen Kontinent nicht aus dem Herzen reißen und drängten wieder dorthin zurück, wenn sie auch wo anders zu leben gezwungen wurden.

Nun pflanzen sie ihren Kaffee in Spanischguinea, oder sie verkaufen den Negern Solinger Messer, Fabers Bleistifte und dergleichen in ihren Faktoreien, die noch genau so aussehen, wie man sich eine richtige Tropenfaktorei nach den Büchern vorstellt, die man in der Jugend verschlungen hat. Viele haben auch in der einen oder anderen Form mit den ungeheuren Urwäldern zu tun, die ganz Spanischguinea bedecken, sei es, daß sie in den Wäldern selbst den Ausschlag der Stämme überwachen, daß sie kaufmännisch arbeiten oder den Transport der mächtigen Blöcke aus dem Innern zu den Dampfern an der Küste betreiben.

Wenn sie aber unter sich oder mit seltenen Durchreisenden zusammentreffen, dann erzählen sie von der alten Zeit, als Kamerun noch deutsch war. Und da es in dieser äquatornahen Gegend mächtig heiß ist, so bekommt man Durst, und dagegen hilft natürlich nur, daß man trinkt. Und wozu tragen schließlich die deutschen Dampfer so schönes eisgekühltes Münchener oder Dortmunder oder Patzenhofer an Bord? "Etwa zum Blumengießen?" fragt der unverwüstliche Marquardt aus Rio Benito, der auf dem Kulissenschornstein seines bärenstarken Schleppers ein M im weißen Felde, als Reedereiwappen sozusagen, stehen hat. Aber, erklärt er mir in seiner urgemütlichen norddeutschen Langsamkeit, das M bedeute nicht etwa Marquardt, sondern es bedeute "Mors", was nicht etwa lateinisch ist, sondern ganz was anderes!

Patzenhofer

Ja, mit Marquardt verstand ich mich ausgezeichnet, nachdem wir festgestellt hatten, daß wir beide aus derselben Gegend stammten. Marquardt, ursprünglich Offizier der Handelsmarine, hatte es vor dem Kriege schon zu einer blühenden Farm im Kameruner Hochland gebracht. Aber das ist natürlich alles dahin. Er hat sein Geschick wieder der See anvertraut, schleppt die großen Holzflöße zu den Dampfern oder klappert auf Frachtfahrt die ganze Tropenküste ab, von Libreville bis Kribi hinauf; und das alles in seinem kleinen Motorschlepper, der nicht viel mehr darstellt als eine größere Barkasse, über die offene See hinweg, hundert und mehr Meilen weit, bei jedem Wetter. Er sieht mit seinem von Wind und Wetter tief gegerbten Gesicht auch genau so aus, als ob in ihm wieder einmal so'n oller Wikinger durchgeschlagen wäre. Er schleppte auch für die "Garua" Holz von der Tropenflüssen herbei. Wenn dann, noch vor Sonnenaufgang, seine Barkasse mit dem dumpfen Pochen ihres starken Motors am Fallreep lag, rief er dem Ersten Offizier, der ihn begleiten sollte, zu: "Na, los, Mann, hast du schon die Stullen eingewickelt? Das Bier hängen wir über Bord, damit's kalt bleibt; man los, Mensch, sonst wird der Olle fuchtig!"

Der Olle war natürlich der Kapitän; der stand im Kartenhaus und griente sich eins; er wußte genau: wo Marquardt war, gab's immer ein lustiges Hallo, aber die Arbeit prasselte mächtig!

Abends saßen wir alle in der kleinen Messe des Dampfers, und Marquardt oder der ehrwürdige Urwaldrecke Wrobel aus Ostpreußen, den die Filaria quälte, oder wer sonst gerade dran war, erzählten Geschichten aus alter und neuer Zeit, daß die Balken sich bogen und die Zwerchfelle schütterten.

Da lebte vor dem Kriege in Kribi der vorzügliche L., Kaufmann seines Zeichens, "buchstäblicher Kolonialwarenhändler", wie er sich nannte. Der ließ keinen Dampfer vorübergehen, ohne mit den Offizieren und den Passagieren gehörig zu feiern. Wieder war es einmal dabei hoch hergegangen, aber, wie es manchmal passiert, hatte irgendwer aus dem fröhlichen Verein keinen Spaß verstanden, und es waren ein paar harmlose Zwistigkeiten entstanden, über die des langen und breiten verhandelt wurde. Das wurde dem braven L., der diese Liebesmähler nur in allgemein fröhlicher Laune genießen konnte, schließlich zu dumm. Er erhob sich und verkündete mit weitausholender Geste: "Ich gehe nach Hause!" Das ist natürlich, wenn man sich auf einem Schiff befindet, das auf offener Reede liegt, nicht so ganz einfach. Doch blieb sein Entschluß unerschütterlich, obgleich sich alle anderen, die ihren Streit schnell vergessen hatten, bemühten, ihn zum Bleiben zu bewegen. Es half alles nichts. Langsam wälzte sich der Knäuel der lärmenden Kumpane an Deck.

Inzwischen hatte aber einer der Schiffsoffiziere das Ruderboot, welches am Fallreep wartete, um die Gäste an Land zu bringen, heimlich davongejagt. So, nun würde der gute L, noch an Bord bleiben müssen, ob er wollte oder nicht! Aber damit hatte man die Rechnung ohne den Wirt gemacht. L.s Energie war unüberwindlich. Er marschierte würdevoll schwankend zum Fallreep und stieg langsam mit der ahnungslosen Sicherheit des Angeheiterten die schwankende Treppe zum Wasser hinunter. "Es ist doch gar kein Boot da! Komm wieder zurück!" schrie die vergnügte Korona ihm von oben über die Reling nach. Doch L. hob ruheheischend den Arm und erklärte laut und gewichtig: "Kein Boot da? Was? Ja, darauf kann ich keine Rücksicht nehmen!"

Sprach's, schritt vom Fallreep hinunter und fiel in den Ozean, daß es nur so plumpste.
Als man ihn pudelnaß wieder herauszog, zeigte er sich keineswegs besänftigt, im Gegenteil, er war noch viel beleidigter als zuvor! Da er nun erst recht davon überzeugt schien, daß er auf die geographische Verteilung von Land und Meer keine Rücksicht nehmen könnte, wenn er nach Hause gehen wollte, blieb nichts anderes übrig, als ihn diesmal ins Ruderboot fallen zu lassen, als er sich wieder vom Fallreep nach Hause aufmachte. "Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen!" Großartig, was? Ein echter König der Tropen!

Und dann erzählte Marquardt, wie er beinahe seine Barkasse verloren hätte, weil er sich nächtlicherweile auf eine Seeschlacht hatte einlassen müssen. Er beschäftigt natürlich eine schwarze Besatzung auf seinem Schiffen, dessen eindrucksvoller Schornstein aus einem wunderbar oval geklopften und schwarz angestrichenen Petroleumfaß gebildet wurde. Und natürlich verfügt er auch über einen schwarzen Barkassenkapitän, er ebenso zu Herzen gehend auf neumärkisch schimpfen kann, wie sein verehrter "Reeder" mit der Schornsteinmarke "M", und der selbstverständlich auf seinen blitzsauberen Schlepper unmäßig stolz ist.

In stockdunkler Nacht fahren sie einen der schweigenden Tropenflüsse hinauf, um ein Floß zu holen. Ab und zu stoppen sie den Motor ab, ob nicht vielleicht das Poch — Poch — Poch eines anderen Schlepper zu hören ist, der der Holzgesellschaft gehört und mit dem Floß schon auf dem Weg sein sollte. Lampen tragen sie nicht, man kann ohne sie besser die Flußufer erkennen; außerdem locken sie die Insekten an. Endlich hören sie ein fernes Maschinengeräusch und fahren darauf zu. Unglücklicherweise passen sie die Richtung zu genau ab! Denn als der andere Schlepper aus dem Dunkel auftaucht, sind sie ihm schon zu nahe, um noch anhalten oder ausweichen zu können. So buffen sie ihn gehörig in die Seite, das die Afrikaner in die Knie sinken. Das empfindet der Kapitän des anderen Schiffes als persönliche Beleidigung: "Was, ihr wollt uns rammen?" Und im Nu haben sie das Schlepptau zum Floß abgeworfen; mögen die Stämme für sich selber sorgen! Jetzt gilt's die Kapitänsehre!

Die Barkasse wendet und saust mit voller Fahrt auf die Marquardtsche los, um sie ihrerseits zu rammen; der kommt die Nacht zu Hilfe; die Angreiferin schießt haarscharf hinter der "M" vorbei. Nun packt aber auch die "M" der Zorn. Die beiden wildgewordenen Schiffe fegen auf dem Urwaldstrom umher, daß das Wasser nur so schwappt, homerische Wortgefechte schallen durchs Dunkel; die Krokodile nehmen schleunigst reißaus. Aber da die beiden "Kapitäne" ungefähr gleich schnell und geschickt manöverierten, gelingt es keinem von beiden, den anderen über den Haufen zu rennen. Und doch, als Marquardt mit seinem kleinen Motorboot auf dem Plan erscheint, findet er seine "M" allein und siegreich das Feld behauptend. Die andere war unversehens bei einem eleganten Bogen in das stumm und langsam stromab treibende Floß gesaust, glücklicherweise nicht auf einen Stamm aufgestoßen, was wahrscheinlich ihr Ende bedeutet hätte, sondern zwischen zwei Stämme geraten, über die sie sich hoch auf das Floß hinaufgeschoben hatte. Da saß sie nun hilflos fest, und die Afrikaner waren grau im Gesicht. Marquardt begriff sofort, daß seine"M" sich nicht hatte lumpen lassen dürfen, spannte sie vors Floß und schleppte sie mitsamt seiner schiefhängenden Last davon.

Erst am nächsten Morgen, schon längsseit des Dampfers, ließ er das Floß lösen und die andere Barkasse wieder ins Wasser gleiten, blamiert vor aller Welt. Nun weiß es die ganze Küste landauf, landab, daß mit "M" nicht zu spaßen ist, hat sie doch in grimmer nächtlicher Seeschlacht gesiegt und trägt ihren Namen mit vollem Recht.

Dann sind so die Geschichten, die wir uns auf dem nächtlichen Rio Muni erzählten, wenn ringsum die Tropengewitter über den schattenhaft schweigenden Urwäldern grollten und uns die großen Nachfalter ins schäumende Bier fielen.

Quelle: Groß ist Afrika, A.E. Johann, Deutscher Verlag 1939, von rado jadu 2000.

─quatorial-Guinea
Filaria, Filarie