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Deutschland am Kongo

 

von
Conrad Alberti-Sittenfeld

Kongo

Im Augenblick, da dieses Buch abgeschlossen wird, sind die deutsch-französischen Verhandlungen bezüglich des Marokkohandels noch nicht beendet. So viel scheint indessen ziemlich sicher, das Deutschland für die begründeten Ansprüche, die es in marokko aufgibt, von Frankreich eine Landesentschädigung in demjenigen Kolonialgebiet erhalten dürfte, das die politische Geographie mit dem Namen Französisch-Kongo zusammenfaßt. Da dieses Gebiet an Deutsch-Kamerun grenzt und auch physikalisch -und wirtschaftsgeographisch mit dieser unser Kolonie die größte Ähnlichkeit besitzt, so dürfte es später vermutlich auch mit dieser vereinigt werden. Wie groß der Anteil Deutschlands sein wird, steht in diesem Augenblick noch nicht fest: anscheinend handelt es sich um einen von Norden, etwa aus der Gegend des Tschadsees laufenden Streifen, der sich weiterhin gegen Westen wenden und nördlich von Libreville die Küste des Atlantischen Ozeans erreichen wird. Es ist in Aussicht genommen, diplomatische Verhandlungen mit Spanien einzuleiten, die - vielleicht gegen Zahlung eines angemessenen Kaufpreises --Deutschland den Besitz des kleinen Stückes Spanisch-Guinea und der Kamerun vorgelagerten Insel Fernando Poo sichern sollen.

Wenn Deutschland Besitz am Kongo erhält, so gelangt es zur Herrschaft über ein Gebiet, dessen Ersforschung und Aufklärung wenigstens zum Teil deutschem Verdienst zugeschrieben werden muß. Der deutsche Afrikareisende Lenz, dessen Name von allen Geographen mit Ehren genannt wird, hat in den 70er und 80er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hier höchst wichtige Untersuchungen angestellt. Eine ganze Reihe französicher Forschungsreisender hat sich dann dieser Gegen zugewandt, von denen der ehemalige Schiffsoffizier Graf Savorgnan de Brazza weitaus der bedeutendste gewesen ist. Seinem eifrigen Sorgen verdankt die französische Regierung hauptsächlich den Besitz dieser Kolonie, die Wissenschaft die Erforschung des Kongo und seiner gewaltigen Nebenströme.

De Brazza begann seine Forschungen im Jahre 1875, und seine wichtigste Kulturtat war die Gründung der nach ihm benannten Station Brazzaville (1880), die sich allmählich zu einer kleinen Stadt auswuchs, als sie für die Kongoschiffahrt von Bedeutung wurde. Seinem unablässigen Drängen gelang es, die Regierung und die Kolonialfreunde in Frankreich zu überzeugen, das diese Gegenden unter französische Herrschaft gestellt werden sollten, damit sie nicht unter die Botmäßigkeit der Internationalen Kongo-Gesellschaft kämen, für die sich Stanley und könig Leopold von Belgien bemühten, und aus der späater der Kongostaat hervorging. De Brazza war als Gouverneur und Generalkommissär der französischen Regierung in jenen Landgebieten unermüdlich tätig und machte verschiedene neue große Untersuchungsreisen. Seine letzte Fahrt unternahm er im Frühjahr 1905, um die Mißstände festzustellen, über die vielfach Klage geführt worden war. Er fand sie zu seinem Leidwesen vollständig bestätigt, und diese unliebsame Entdeckung wirkte so niederdrückend auf sein Gemüt, daß er nicht mehr die Physische Kraft fand, einem heftigen Dysenterieanfall zu widerstehen, der ihn überwältigt hatte. Als schwerkranker Mann bestieg er das Schiff, und unterwegs, in Dakar, wo er im französischen Hospital Genesung suchte, erlag er dem heimtückischen Klima der Tropen.

Über den wert des Landes gehen die Meinungen der sachverständigen Reisenden sehr auseinander. Challaye, der de Brazza auf seiner letzten Fahrt begleitete, denk sehr skeptisch über den Wert dieser Kolonie, während Gentil, um ungefähr dieselbe Zeit RegierungsGeneralkommissar des Französischen Kongos, glaubt, daß sie eines Tages die beste französische Kolonie in Afrika sein werde. Die Wahrheit dürfte wohl auch hier in der Mitte liegen.

Die Hauptätigkeit der französischen Regierung am Kongo liegt in der Zeit zwischen 1883 und 1898: in diesem Jahre mußte Marchand in Faschoda vor den Engländer zurückweichen, und die Franzosen verloren die Aussicht, ihre Herrschaft über den Sudan und von da nach Osten und Nordosten hin auszudehnen.

Die etwaigen Minenschätze des Französischen Kongos sind noch so gut wie unerforscht. Es scheint, das eisen-, zink-, und bleihaltige Mineralien in diesen Gebieten vorkommen, doch ist man sich darüber noch nicht völlig im klaren. Die Schiffbarkeit der flüsse leidet sehr unter den vielen Stromschnellen; namentlich der Ogowe ist durch sie für den Verkehr fast ganz ausgeschaltet. Einer der Hauptflüsse der Kolonie ist die Sanga, die dadurch für uns besonders interessant wird, daß sie den Haupstrom in dem Terrain bildet, das voraussichtlich an Deutschland fallen wird. Sie ergießt sich in den Kongo und ist etwa 1760 Kilometer lang.

Das Klima des unter dem Äquator liegenden Landes ist tropisch und dem in Kamerun herrschenden verwandt. Die Küsten sind sehr ungesund, das Fieber wütet daselbst: das Innere ist ein wenig besser. Die Europäer können hier nicht persönlich arbeiten, und auch als Herren und Aufseher bedürfen sie von Zeit zu Zeit Heimaturlaub, um ihre durch die feuchte Hitze angegriffene Gesundheit wiederherzustellen. Die Regenzeit fällt in die Monate zwischen dem 15. September und dem 15. Mai und ist ein wenig kühler, die trockenzeit ist heißer, und das Thermometer bewegt sich zwischen 20 und 35 Grad. Der April gilt als besonders stürmisch und regnerisch, nicht minder der Oktober und November.

Der Hauptort des Landes, der Wohnsitz des Regierungskommissars, ist Brazzaville am mittleren Kongo, wo die Eisenbahn endigt; der zweitwichtigste Ort ist Libreville an der Küste des Atlantischen Ozeans. Die Bevölkerung der gesamten Kolonie soll 8-10 Millionen Schwarze betragen, doch ist diese Schätzung natürlich nur eine annähernde. Ihre Kultur steht auf der primitivsten Stufe: sie gehen fast ganz nackt und sind zum großen Teil noch Kannibalen, Menschenfresser. Sie treiben bestenfalls einen ganz einfachen Hackbau, sie pflanzen Bataten (süße Kartoffeln), Maniok usw., die aber auch erst durch Missionare eingeführt sind, und Bananen, die erst vor ein paar Jahrhunderten aus Amerika herübergekommen sind. Die Pflanzungen der Europäer erstrecken sich auf Kautschukbäume, Kaffee, Kakao (etwa 450 000 Sträucher) und etwas Vanille. Die Hauptprodukte des Landes sind wilder Kautschuk, der von den Lianen des Urwaldes gewonnen wird, und Elfenbein. Aber die Elefanten werden allmählich ausgerottet, und die Lianen zapfen die mit dem Kautschuksammeln betrauten Eingeborenen nicht fachgemäß an, sondern hauen sie um, so daß sie auch eines Tages verschwunden sein werden.

Die Zollverhältnisse sind verschieden im sogenannten Gabundistrikt (dem nach dem Meere zu gelegenen Teile des Landes) und im Innern, was Anlaß zu großen Unklarheiten und Streitigkeiten gibt. Der Transport ist in dem ganzen Lande nur durch Träger möglich, und diese sind sehr schwer erhältlich. Frühere Expeditionen und Kolonnen haben oft einen unschönen Zwang und Druck auf die Eingeborenen geübt, haben sie zu Trägerdiensten gepreßt und in diesem armen Lande, in dem Fleisch, Gemüse, Milch und Eier schwer erhältlich sind, ihnen oft gewaltsam ihre letzten Unterhaltsmittel genommen, so daß die Bevölkerung sich von den gewöhnlichen Straßen schon bis auf 50 Kilometer zurück ins Innere gezogen hat, wodurch ein Marsch oft den Eindruck vollständiger Oede hervorruft. Größere Wirtschaften sind übrigens bei den Eingeborenen selten: der Stamm der Pawins am Ogowe z.B. hatte fast gar keine Sklaven, da die meisten der Kriegsgefangenen auf der Stelle gefressen werden.

Der Frauenkauf im Verkehr befreundeter Stämme geschieht nicht selten in der Form der Abzahlung, besonders wenn der Bewerber nicht imstande ist, den Eltern der Braut den Preis auf einmal zu entrichten. Bisweilen werden auch Veträge auf Lieferungstermine abgeschlossen: der Bewerber sichert sich die Frau schon in deren kindlichem Alter und zahlt so lange auf sie an, bis sie heiratsfähig und die verhandelte Summe erreicht ist.

Den allgemeinen Eindruck des Landes schildert der Reisende Challaye, der Begleiter de Brazzas, als äußerst monoton. "Überall Wüste, überall Hungersnot", sagt er, und an einer anderen Stelle: "Wir sind noch nicht lange im Ubangi-Schari-Distrikt, und schon haben wir mehrere Kranke angetroffen, ja von vielen Todesfällen vernommen: Wie traurig ist eine Beerdigung in diesem traurigen Afrika!" Der Tod tritt hier sehr häufig in der Form der Schlafkrankheit ein, die in diesen Gegenden wütet und die ausnahmslos zum Tode gührt --auch die Versuche Robert Kochs, der entsetzlichen Krankheit entgegenzutreten, sind vergeblich gewesen.

Das Unglück des Landes und das größte Hindernis seiner wirtschaftlichen Entwicklung sind die großen Konzessions-Monopolgesellschaften. Ein trauriger Handel! "Die Geschichte dieser Gesellschaften ist sehr interessant," sagt Challaye, "hinter den oft skandalösen Tatsachen ahnt man schäbige finanzielle und politische Intrigen; alle Sorten von Schacher, Verräterei, Gemeinheit und Korruption." Ungeheure Landstrecken sind von den verschiedenen Kolonialministern Frankreichs an Parteifreunde verschenkt oder gegen kleine Summen ausgeliefert worden. Namentlich Delcassé hat in der Zeit, als er noch Kolonialminister war (1895), sich durch unglaubliche Rücksichlosigkeit nach dieser Richtung ausgezeichnet. Die ersten Konzessionen haben die Gesellschaften mit so ungeheuren Befugnissen ausgestattet, daß selbst, als 1899 ein ehrlicher Mann, Guillain, das Kolonialministerium erhielt, er nicht mehr viel gutmachen konnte.

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Die Gesellschaften, von denen ca. 40 etwa 95pCt. des Landes in Besitz haben, schalten und walten wie Souveräne: sie organisieren die Polizei, erheben Steuern, sprechen Recht, und der regierungsbeamte, der wagen würde, sich gegen ihren Druck zu erheben, würde direkt vom Kolonialminister seines Amtes enthoben werden. Keine Gesellschaft hält sich an die Vorschriften ihrer Konzession in bezug auf Aufforstung, Wegebauten und ähnliche Verbesserungen. Wenn die Eingeborenen nicht genug Lianengummi abliefern, so werden sie gezüchtigt, ja dauernd an Lein und Leben geschädigt. Der Arbeitslohn wird nicht in Geld, sondern in form von Waren ausgezahlt, und dabei werden den eingeborenen ihre Leistungen zu niedrigsten, die Waren zum denkbar höchsten Preise angerechnet. Nach dem Abkommen der Berliner Internationalen Kongokonferenz ist der Handel auch in Französisch-Kongo frei, aber diese Bestimmung steht nur auf dem Papier. Denn nach der französischen Rechtsanschauung sind die Landesprodukte als ein Teil des Bodens anzusehen, auf dem sie wachsen, und da der Eingeborenen kein bares Geld hat, könnte er nur mit Landesprodukten zahlen: über diese aber darf er nicht verfügen, und die Gerichtshöfe haben noch außerdem erkannt, daß alle Abmachungen mit Eingeborenen, bei denen Zahlung in Landesprodukten vorgesehen ist, ungültig sind. So werden die klarsten internationalen Abmachungen von den Franzosen umgangen. Der Versuch der französischen Regierung, den Verfall der Konzessionen herbeizuführen, weil die Konzessionäre ihre Pflichten nicht erfüllen, ist bisher immer von den französischen Gerichtshöfen durchkreuzt worden. Es wäre daher der Rückkauf der Konzessionen nötig, und man hat berechnet, daß dieser das französische Volk mindestens 100 Millionen kosten würde. Auf eine solche Mindestsumme muß sich auch Deutschland gefaßt machen.

Es ist bezeichnend, wie die aufrichtigen Franzosen selbst über den Wert ihrer Kolonie am Kongo denken. So schreibt der genannte Félicien Challaye in seinem Werk "Le Congo francais": "Das äquatoriale Afrika stimmt tieftraurig. Die ewige Eintönigkeit seiner weiten Landschaften, seiner glanzlosen Horizonte, seiner schweigenden Einsamkeiten, seiner düsteren Wälder, seiner gewaltigen Gewässer tötet das Denken, versteift die Empfindung, krampft die Herzen zusammen. Die schwere, feuchte Hitze schlägt den Weißen nieder, das Fieber lastet als eine beständige Gefahr auf ihm. Kein Teil einer eingeborenen Menschheit ist primitiver, barbarischer, träger, ausgehungerter. Hier ist das klassische Land der Sklaven -und Menschenfresserjagden. Das Buch, das man hier wiederlesen muß, ist Dantes Hölle."

Challaye schildert schreckliche Einzelfälle, auf deren Wiedergabe wir hier verzichten können, weil sie, wie mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden darf, ein Ende nehmen werden, sobald das Land in deutschen Besitz ünergegangen sein wird. Denn Deutschland wird natürlich der sittlichen Verpflichtung nachkommen, der Gewinngier der französischen Gesellschaften ein Ende zu machen und die Eingeborenen menschlich zu behandeln und -wenn dies auch nur langsam gehen dürfte - ihnen die Elemente der Bildung beizubringen, die schrecklichen Gebräuche, wie die Menschenfresserei, zu unterdrücken und die Ausbeutung und Mißhandlung abzustellen. Deutschlands koloniale Aufgabe am Kongo wird insifern eine ganz neuartige sein, als es hier zum erstenmal einen Kolonialboden betritt, der von anderen geschädigt und verdorben ist, deren Fehler es wieder gut zu machen hat, und es steht zu hoffen, daß es sich hier ebenso bewähren wird wie da, wo es in zivilisatorischer Hinsicht jungfräulichen Boden betreten hat. Sein Gewinn wird in den ersten Jahren im Vergleich zu den Ernten der Franzosen vielleicht auf diese Weise sinken - sein Ruhm, sein Verdienst um die Sache der Menschheit kann dadurch nur steigen.

Quelle: Unsere Kolonien, Emil Zimmermann, Ullstein 1911, von rado jadu 2000

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