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Ngó

Ein Erlebnis in Deutsch Kamerun von H. von Oertzen.

Bevor breite Straßen angelegt, der Zwischenhandel gebrochen und durch die Schutztruppe Ordnung geschafft wurde, hatten im Südbezirk Kameruns die Handelskarawanen gegen die Buschleute einen schweren Stand. Schon einige Tagereisen von der Küste sie von ganzen Ortschaften überfallen, gebrandschatzt oder gar nicht durchgelassen. Auch einzeln machten verwegene Räuber Plünderungsversuche. Unter diesen war einer durch seine Kühnheit, List und Grausamkeit zum allgemeinen Schrecken geworden; sogar bis in die Dörfer der Küstenbewohner dehnte er seine Raubzüge aus, und seit langem waren diesem wildem Gesellen die Häscher des Bezirksamts auf den Fersen. Viele hatten ihn gesehen, glaubten ihn genau beschreiben zu können; doch seine Schlupfwinkel blieben verborgen, und fangen ließ er sich nicht. Stets machte er seine Opfer stumm für immer. Seine Stärke und Wildheit hatte ihm zu dem Namen Ngó verholfen, in der Bantusprache: der Panther (Leopard).

Dumpfe Schwüle liegt drückend zwischen den Urwaldriesen; es riecht nach modernden Stämmen, und über den Sumpflöchern brütet erstickender Brodem; tiefe Stille ringsum, nur ab und zu betäubendes Schmettern der Grillen oder der melancholische Ruf des Pfefferfressers. Dann und wann huscht noch ein Strahl der sinkenden Sonne durch den dämmernden Wald: es wird Zeit, das Nachtquartier zu bezihen. Müde strebt die lange Linie der Trägerkolonne dem Lager zu. Die Spitze beginnt schneller auszuschreiten, und die Abstände zwischen den schwerbepackten Leuten vergrößern sich nach dem Ende zu. Einige Nachzügler keuchen schon halb im Laufschritt hintendrein; aber das Ziel ist nahe und spornt ihre erschöpften Kräfte. Der letzte Mann wankt allein eine gute Strecke ab von seinen Vorderleuten, übermüdet, durch Sumpf, über Stämme und Felsblöcke; er denkt an Weib und Kind, die er an der Küste zurückließ, und an die schönen Sachen, welche er von seinem sauer verdienten Lohn nach wochenlanger Reise im Innern für sie in den Faktoreien erstehen wird. Ein knackendes Geräusch im dichten Busch am Rande des schmalen Fußweges läßt ihn auffahren aus seinen Träumen: vielleicht ist es eine Zibetkatze oder gar der Leopard, der böse Feind, der ihm einst aus seiner Hütte ein Kind gerissen. Er lockert sein Haumesser — da erhält er von hinten einen furchtbaren Schlag — hat aber noch die Kraft, einen durchdringenden Schrei Schrei auszustoßen — dann bricht er zusammen. Über ihn beugt sich ein großer, fast schwarzer Kerl mit funkelnden Augen; ein grimmiges Lächeln irrt über seine düstere Züge. Hastig zieht er sein kurzes Schwert aus der scheide von Leopardenfell, trennt die Tragbänder von der Last, reißt die Packung auseinander und wühlt gierig nach europäischen Kaufmannsschätzen.

Aber nicht ungehört verhallte der Todesschrei des Kameraden: schon eilen einige Träger und Soldaten zurück. "Ngó!" ruft der eine, und dann sind sie an ihm und überwältigen den Räuber nach hartem Kampf trotz verzweifelter Gegenwehr, nicht ohne seine wilden Kraft manch schweren Hieb zu verdanken. Gefesselt wird er von zwei Soldaten an die Küste aufs Bezirksamt gebracht und seine Identität wird festgestellt. Es ist wirklich Ngó, ein etwa dreißigjähriger, dunkelschwarzer, überaus muskulöser Bursche, der "Tiger" des Urwaldes, der Kinderschreck, der nun endlich seine Schandtaten büßen soll. Sein Urteil ist bald gefällt und lautet auf Tod. Bis die Bestätigung vom Gouvernement eingetroffen, muß er in Ketten arbeiten.

Das Gefängnis des Bezirksamts bestand zu dieser Zeit aus einem großen Wellblechschuppen; die Wände sind etwa einen halben Meter tief in den harten Lateritboden eingelassen, an starken Strebebalken werden nachts durch Ringe die Ketten der schweren Verbrecher gezogen, doch so, daß sie umhergehen und auf ihrer Holzpritsche sich bequem ausstrecken können. Der allerdings zuweilen etwas trunksüchtige Gefängniswärter, ein Kruheadman, vespricht, sich dieses gefährlichen Gefangenen ganz besonders anzunehmen.

Gerade hat die Tornadozeit begonnen, und fast allnächtlich rast der Sturm und kracht der Donner. In einer solchen Nacht geschah es. Der wachhabende Soldat hat sich vor dem Unwetter in seiner Bahausung zurückgezogen, ein wenig den Schlummer gehuldigt, sich auch wohl auf die vier wachsamen Terriers des Amtmanns verlassen, zwei ältere und zwei etwa drei Monate alte, auch schon sehr scharfe Hunde, von denen aber in dieser Nacht die beiden alten der Amtmann, die jungen der Polizeimeister mit in ihre Wohnung genommen haben.

Etwa gegen 1 Uhr, als das Toben der Elemente, das Zittern und Knarren des Hauses, die schrecklichen Windstöße und das pausenlose Knallen der Donnerschläge den Schlaf verscheuchten, glaubt der Amtmann ein rasseln am Schloß seiner Verandatür zu vernehmen und hört die Hunde in der Wohnstube knurren. Er meint, es seien die Katzen, mit denen die Hunde in Unfrieden lebten, und welche sich wohl vor dem Tornado auf die Veranda geflüchtet hätten, und schläft, da auch das Wetter nachzulassen beginnt, bald ein. Am morgen kommt die Meldung: Ngó ist ausgebrochen. Wie konnte er aber die Kette vom Balken lösen? In der kleinen Speisekammer neben dem Wohnzimmer des Amtmanns fehlen mehrere Handtücher, Konserven, eine Kanne Petroleum, eine Flasche Wein und ein Beil.

Es wird ein Preis auf den Kopf dieses "Panthers" gesetzt.

Einige Tage später. Sonntägliche Mittagsstille ruht über den weiten Hof einer großen Faktorei am Ufer der hier ungefähr zweihundert Meter breiten Mündung des Kribiflusses ins Meer.

Auf der Veranda des Hauptgebäudes sitzen der Kaufmann und der Polizeimeister beim Frühschoppen, im Sande spielen braune Dorfkinder, und in der Ferne weht die Flagge des Bezirksamts. Plötzlich schreit ein Junge: "Ngó !"

Aus den umliegenden Hütten stürzen einige Männer mit Stöcken und Gewehren: aber nicht der bunte vierläufige Räuber, sondern der schwarze zweibeinige springt mit großen Sätzen über den Platz und kopfüber in den Strom. Schnell ist eins der am Strande liegenden Boote, sowie mehrere Kanus klar gemacht, und es beginnt eine wilde Jagd hinter dem wie ein Otter schwimmenden und tauchenden Verbrecher. Schon die Hälfte des Flusses hat er hinter sich gebracht. Aber auf dem anderen Ufer stehen viele Leute mit Speeren und Schwertern zu seinem Empfang bereit. Jetzt beginnt er in die See hinaus zu schwimmen. Bisweilen taucht der schwarze Wollkopf mit den blitzenden Zähnen, eine hand mit langem Messer bewehrt, aus der schäumenden Flut. Von allen Seiten umschwärmen ihn di Kanus. Schon packt den gerade einmal wieder Auftauchenden ein beherzter Fischer, erhält jedoch einen Messerstich und läßt den Untertauchenden fahren.

Endlich ist der Polizeimeister mit seinem schweren Boot nahe herangekommen und bringt durch einen Schlag mit der Ruderpinne den kühnen Schwimmer in seine Gewalt. Auf dem Amt gesteht dieser freimütig: "Die Tornadonacht erschien mir günstig für meine Flucht, zumal nachdem ich wahrgenommen, daß die Hunde nicht auf dem Hofe waren. Der betrunkene Headman schloß mich am Abend nicht am Balken, sondern an den Fuß meiner Schlafpritsche fest, und mit einen alten verrosteten Haumesser, welches ich bei der arbeit auf dem Felde fand und in meinem Hüftentuch verborgen hatte, unterhöhlte ich die Wellblechplatte. Als ich draußen war, nahm ich meine Ketten in die Hand, damit sie nicht klirrten, und beschloß zunächst dich, Governor (Amtmann), und dann den Polizeimeister zu töten. Ich fand in der offenen Pantry das Beil, trat an dieVerandatür und wollte eine kleine Scheibe darin eindrücken. Aber jetzt knurrten die Hunde in der Stube, und ich gab mein Vorhaben auf, da sie bei meinem Eintritte gebellt und du mich erschossen hättest. Im Hause des Polizeimeisters sah ich Licht und ihn am Tisch sitzen. So schlug ich mich in den Wald, wo ich die Schlösser der fessel mit Beil und Steinen zertrümmerte, nicht ohne, wie du sehen kannst, einige Haut dabei zu lassen. Auf der anderen Seite des Flusses erwartete mich heute mein Weib, und mit ihr wollte ich diese Gegend verlassen. Nun, verhaßter Mukalla (Weißer) , tue mit mir, wie du willst."

Der Tag seiner Hinrichtung steht bevor. Die Exekutionsmannschaft ist angetreten, und die Bestätigung des Urteils soll verlesen werden. Am frühen Morgen wird seine Zelle geöffnet: auf seinem Lager liegt starr und kalt, Schaum vor dem Munde, Ngó, anscheinend vergiftet. Ob er selbst oder ein anderer, vielleicht der für seine Nachlässigkeit schwer bestrafte Headman, aus Rache dem Richter vorgegriffen hatte, konnte niemals festgestellt werden.

Quelle: Das große Weltpanorama, 1918, Verlag W. Spemann, von rado jadu 2001©

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