![]() |
Aus deutschen Kolonien
|
![]() |
Auf Expedition
|
In Kamerun sagt man "Expedition", in Ostafrika "Safari" und in Südwest "Pad". Wer die drei Kolonien kennt, kann an den drei Worten ein Stück Kolonialgeschichte und Kolonialkunde ablesen. Als wir zuerst nach Kamerun kamen, dehnte sich an der ganzen Küste entlang viele Tage, ja Wochen weit laneinwärts nur der dunkle, weglose Urwald. An der Eingangspforte des Kamerunbeckens saßen die Dualas und machten eine Sperre, damit kein weißer Kaufmann selber an das Elfenbein der Binnestämme herankam. An der Batangaküste im Süden gab es überhaupt keinen Verkehr, weil sieben Tagemärsche weit hinter Kribi der Wald unbewohnt war. Ernst Dominik (1) ließ den Weg durchschlagen, holte Leute heran und befahl ihnen, Dörfer zu bauen und Pflanzungen anzulegen, damit sich Trägerkarawanen verproviantieren konnten. Weit hinter dem Walde, in Adamaua, stieß man auf Stämme von hoher afrikanischer Kultur. Der Wald war geschichtslos; darum nahm man für das Eindringen in die Wildnis das mitgebrachte europäische Wort Expedition. Ostafrika dagegen war schon Jahrtausende lang von arabischen Handelszügen begangen worden, als es deutsch wurde. Wir haben ein Segelhandbuch, das bald nach der Zeit Christi verfaßt wurde, den Periplous (2) des Roten Meeres (d.h. des westlichen Indischen Ozeans). Darin heißt es schon, man führe nach Ostafrika Zeuge, Waffen und Spirituosen ein und hole von dort Elfenbein, Schildpatt, Aromata und Sklaven. Von den Arabern, die zu diesem Zweck ins Innere gingen, hörten die Gewährsleute des Claudius Ptolemäus (3) von den hohen Bergen unter dem Äquator, und das der Nil aus großen Seen käme. Unter arabischem Einfluß bildete sich eine halbzivilisierte küstenbevölkerung, und in ihrer Sprache, in Kisuaheli, nannte auch die Europäer den Marsch ins Innere mit dem alten Wort Safari (eigentlich Safiri). Ähnlich war es, als wir nach Südwestafrika kamen. Schon seit dem 17.Jahrhundert knarrte der ochsenwagen, den die Nachkommen der ersten holländischen Kolonisten am Kap gebrauchten, durch die Steppe; und die Rinder der Hottentotten und Banustämme lernten das Joch des Buren (Bauer in Afrikaans) auf dem Nacken tragen. Die Räderspur, die sich durch Grasfeld, Sand und Klippen zieht, ist die Pad, und mit diesem niederdeutschen Wort wird auch die Reise bezeichnet. Man geht "auf die Pad" und wünscht sich "gute Pad". Ein unterschied ist freilich zwischen dem süden und den afrikanischen tropen. Im Herero - und Namalande fährt man und reitet man, denn dort ist der tödliche Feind der Rinder und Pferde, die Tsetsefliege, unbekannt. In Tsetsegebieten dagegen, wozu Ostafrika und Kamerun größtenteils gehören, geht man zu Fuß oder läßt sich tragen. Alle die großen klassischen Expeditionen, durch die Innerafrika entschleiert wurde, die Reisen Livingstones, Stanleys, Wißmanns, Peters' u.a., Zehntausende von Kilometern, sind als Fußmärche ausgeführt worden. Seit die europäische Verwaltung aufkam und die Ansprüche über das Pionierzeitalter hinauswuchsen, sucht man Reitpferde hinzubringen, wo es nur irgend geht: aber ich kenne viele alte Afrikaner, die, auch wo sie heute reiten könnten, die harte Gewohnheit des Marschierens an der Spitze der Karawane freiwillig beibehalten haben.
Das wunderbare Schlafen unter freiem Himmel ist in den Tropen leider nicht möglich. Auch in der Trockenzeit muß der Europäer dort sein Zelt und sein Feldbett mitführen, demnächst sind die wichtigsten Stücke Moskitonetz und Badeschüssel. Zelt, Bett, Tisch und Stuhl sind zusammen fünf Trägerlasten. Ein halbes Dutzend koffer braucht der Europäer für Kleidung, Wäsche, Stiefel und dergleichen. Auf weite Reisen, wie auf meiner Expedition nach Neukamerun - 40 Tagemärsche von Kribi bis Singa am Ubangi -, müssen eine Menge Proviantlasten mitgenommen werden: Mehl, zwieback, Zucker, Kaffee, Kakao, Fleisch-, Obst - und Gemüsekonserven, Petroleum, Kerzen, Munition, Apotheke usw. Unter 20 bis 25 Lasten geht es kaum ab. An Bedienung braucht man einen Boy, einen Koch und einen Waschmann. Wer im amtlichen Auftrage oder mit Regierungsempfehlung reist, bekommt auch noch einen oder zwei schwarze Soldaten mit. Natürlich sind auch in Innerafrika die Ansprüche verschieden. Als ich mit Oberstabsarzt Kuhn auf der Schlafkrankheits -Expedition in Neukamerun war, trafen wir eine englische Dame in mittleren Jahren, die aus purem Wissenseifer in Afrika umherzog. Sie hatte ein winzig kleines Zelt, übernachtete aber meist in Negerhütten, dazu ein paar Kleidungsstücke, einen Kochkessel und als eisernen Proviant eine Last Reis. Auch wer Sinn für das Spartanische auf Expeditionen hat, kann aber über solche Einfälle nur die Achseln zucken, denn der Reisende wagt dabei sein Leben, das er doch durch sein Unternehmen bereichern will.
Wie sieht ein Expeditionstag aus? Früh um 1/2 5 Uhr wird das Lager geweckt. Eine Stunde später, sobald das erste Dämmerlicht den weg erkennen läßt, muß anmarschiert werden, um von der größten Tageshitze wieder Lager schlagen zu können. DieTträger schnüren ihre Lasten, der koch bereitet das Frühstück, der Boy serviert bei Laternenschein, das Zelt wird abgebrochen, das Bett zusammengepackt. Wer von den Negern von gestern noch etwas übrig hat, verzehrt es zur Stärkung, dann wird bei den Lasten angetreten, ein Pfiff des schwarzen Headmans oder begleitende Soldaten, und die Karawane setzt sich in Marsch, der Weiße voraus. Ein leichter Eingeborenenspeer dient ihm häufig als Stock, die Boys tragen Gewehr, Feldflasche, Kamera. 5 Marschstunden, auf die einschließlich der Pausen selten mehr als 20 km gerechnet werden, sind der Tagesdurchschnitt. Der Europäer könnte mehr machen, aber die Träger mit 60 Pfund auf dem Kopf haben reichlich genug damit. Tageslohn und Verpflegung, die auch für den Rückmarsch der abgelösten Träger gewährt werden muß, machen eine Mark pro Kopf aus. Mit den Dienerlöhnen und den sonstigen Ausgaben kostet also die Fortbewegung für jede 20 km im Durchschnitt 50 M.- in Deutschland auf der Eisenbahn 1. Klasse Schnellzug 1.50 M! Um 11 uhr spätestens sollte man an Ort und Stelle sein. Dann wird dem Dorfhäuptling aufgegeben, wieviel Verpflegung von den Feldern herbeizuschaffen ist. Meist dauert das einige Stunden. Dann fangen die Träger zu kochen an. Für den Weißen ist das Zelt aufgeschlagen, Bett und Liegestuhl im Schatten eines Baumes bereitgestellt, und vor allen Dingen, wenn kein kühler Bach oder Fluß ohne Krokodile und Glossinen (Schlakrankheitsfliegen) beim Dorfe fließt, kommt die Badeschüssel ins Zelt. Man wechselt Wäsche und Anzug, streckt sich in den Stuhl, raucht eine Zigarre, wenn man welche hat, und wartet aufs Essen. Nach dem Essen Siesta, und danach Arbeit. Die sieht je nach dem zweck der reise sehr verschieden aus: Tagebuch führen, Ethnigraphika sammeln, zoologische und botanische Objekte präparieren, Eingeborenen -Palaver, ärtzliche Untersuchungen, Linguistik, Routenaufnahmen. Um 6 Uhr sinkt die Sonne und eine halbe Stunde später ist es Nacht. Das Abendbrot kommt, und je nach Lust und Kraft geht es dann beim Schein der Expeditionslampe mit Schreiben und Präparieren noch weiter oder nicht. Die schönste Stunde ist abends nach dem Essen am Lagerfeuer beim Mondschein, wenn das Laub der Mangobäume sich leise bewegt, Singsang und Schwatzen und Tanzgestampf von den entfernt gelagerten Trägern herüber dringt und das bewußtsein einer guten Tagesleistung der Reisenden erfreut.
1) Oberleutnant Dominik unternahm 1901 eine der Expeditionen, die zur
Befriedung unruhiger Stämme im Hinterland von Kamerun noch hier
und da erforderlich wurden. Quelle:
Deutschtum im Ausland und in den Kolonien, Dr.Paul Rohrbach,1925 Verlag
von Quelle und Meyer, Jadu 2000
|