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In den Schlafkrankheitsgebieten von Neukamerun

(Aus Georg Escherich: "Quer durch den Urwald von Kamerun")

Nachmittags kommen wir in dem kleinen Dorfe Mbaka an, in dem wir Lager beziehen. Fr. Boht, der als Assistent vom Stabsarzt Dr. Roesner mit diesem zusammen die Schlafkrankheitsbekämpfung im Carnot-Nolagebiet eingerichtet hat, ist ein theoretisch ebenso wie praktisch geschulter Arzt, der durch seine Tätigkeit sich weit und breit großes vertrauen bei den Eingeborenen erworben hat...

Meine Leute sollen zunächst untersucht werden. Frühmorgens 6 Uhr schon sitzt anderen Tages Dr. Boht wieder vor dem Zelttische, auf dem das Mikroskop, die Atoryllösung, Spritzen und sonstige ärztliche Instrumente bereitgestellt sind. Da die Blutuntersuchung, die allein ein völlig sicheres Ergebnis liefert, auf dem Marsche zuviel Zeit in Anspruch nehmen würde, so begnügt Dr. Boht sich damit, die Drüsen zu punktieren und das entnommene Sekret mikroskopisch zu untersuchen. Selbst wenn aber diese Drüsenpunktationen keine Trypanosomen, die Erreger der Schlafkrankheit, zeigen, so ist damit durchaus noch nicht festgestellt, daß der Untersuchte nicht doch bereits infiziert ist, weshalb immer auch noch eine Blutuntersuchung nötig ist.

Zu diesem Zwecke erhält jeder der Punktierten ein Objektivglas, auf dem die mit dem Verzeichnis übereinstimmende Nummer aufgeschrieben wird, ausgehändigt. Mit diesem Glase in der Hand treten die Leute bei dem schwarzen Heilgehilfen an, der sie mit einem scharfen Messer am Ohrläppchen ritzt und einen Tropfen des Blutes auf das Glas bringt und eindeckt. Diese Gläser werden nun zunächst mit der Flaggenpost nach der Schlafkrankheitsstation Kumbe geschickt, um dort von dem Sanitätssoldaten gefärbt und erstmalig untersucht zu werden. Der Befund der Untersuchung wird von Dr. Boht nochmals nachgeprüft. Zeigt es sich dabei, daß einer der Leute tatsächlich infiziert ist, so wird er sofort mit Atoryl gespritzt und vor dem Rückmarsch nach Altkamerun eine Zeitlang in Quarantäne gehalten. Nur so ist es möglich, eine Verschleppung der Seuche nach Altkamerun hintanzuhalten.

Das beste Zeichen für die damalige Tätigkeit unserer Ärzte ist das uneingeschränkte Vertrauen, das sie im verseuchten Gebiete überall hatten. Vor allem standen Dr. Roesner und seine Herren im ganzen Gebiet im größten Ansehen, und schon in Gaza hat mir der dortige Häuptling erzählt, daß der deutsche Doktor eine "big medicine" habe und die Leute, die sie bekämen, nicht mehr so viel sterben würden. Nirgends aber im Graslande oder an Orten, die weitab von den Haupthandelsplätzen lagen, konnte ich über die frühere Tätigkeit der französischen Ärzte etwas erfragen. Von den feinen Herren ließ sich nie einer sehen, sie hätten eben eine andere ärztliche Moral als die Deutschen....

Ein unsagbar düsteres Bild menschlichen Elends, das ich nie mehr vergessen kann, ist der Besuch eines Schlafkrankenlagers. Die hier eingebrachten Kranken sind ausnahmslos dem baldigen Tode verfallen. Sie befinden sich meist schon im letzten Stadium und sind nur mehr lebende Gerippe. Und doch wollen sie alle noch so gerne leben und wollen die Sonne genießen, die sie so sehr lieben. Es ist ergreifend, zu sehen, wie die noch einigermaßen lebenskräftigen Kranken mit äußerster Anstrengung die anderen noch viel Kränkeren, die sich überhaupt nicht mehr bewegen können, aus dem Düster der Hütte ins Freie schleppen, um sie nochmals die geliebte Sonne genießen zu lassen. Gefühlsmäßig suchen diese Ärmsten Heilung in der Sonne.

Doch ihnen kann selbst tropische Bestrahlung nicht mehr helfen. Der Stempel des Todes ist ihnen aufgeprägt.

Die vielen verlassenen Dorfstätten, die wir getroffen, das rapide Schwinden der Bevölkerung, zeigen nur zu deutlich, welche furchtbare Geißel über dem herrlichen Landstriche schwebt.

Quelle: Unsere Kolonien, 1938, von rado jadu 2001




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