zurück

Mit der Tomatenlinie ins Buschhotel!

Vom Reisen und Wandern in Kamerun, von Eva MacLean


Wenn man heute durch Kamerun reist, hat man nicht nur, wie bisher, die Auswahl zwischen Eisenbahn und Privatauto, sondern kann sich einem richtigen Autobus anvertrauen. Das ist die letzte verkehrstechnische Errungenschaft im französischen Mandatsgebiet, die sich schnell durchgesetzt hat, weil sie einem wirklichen Bedürfnis entgegenkam. Die Autobusse werden vor allem von den Eingeborenen benutzt und sind streckenweise überfüllt von Menschen und Transportgut. Der Eingeborene ist ein Freund der Fortbewegung und hat geradezu eine Leidenschaft fürs Umherwandern oder "wokern", wie es in Kamerun genannt wird, in Anlehnung an das englische Wort "walk" - wandern.

Auf der Strecke Kribi-Jaunde verkehren deutsche Mercedeswagen, die "Tomatenlinie" , so genannt, weil die Eingeborenen die als Wahrzeichen aufgemalte Sonne fälschlicherweise für eine Tomate ansahen. Die andere Strecke, die "Sternlinie", führt von Ebolowa nach Garua, beinahe 1600 Kilometer weit durch Busch und Steppe, die die Eingeborenen für den geringen Preis von 150 Franken (nach heutiger Umrechnung zehn Mark 1937) in sechs Tagen zurücklegen. Diese beiden großen Transportunternehmen sind in Händen von deutschen.
Der Gründe zum "Wokern" gibt es für den Eingeborenen unendlich viele. Der triftigste davon ist wohl der Besuch des Marktes, und dieses Wanderziel betrifft vor allem die Frauen.

Es gibt Märkte in Nordkamerun, zu denen fünftausend Menschen zusammenströmen, aber auch in den weniger dicht besiedelten Urwaldzonen ist der Markt der Treffpunkt für die ganze weitere Gegend. So nimmt die Frau, die das eigentliche Lasttier des Urwaldes ist, ohne Murren eine Riesenlast auf den Kopf, in der sich wohlverschnürt die Verkaufsware und die eigenen Habseligkeiten befinden, und marschiert mit wippenden Hüften dem Ziel ihrer Sehnsucht entgegen, dem Markt. Unterwegs hat sie zahllose Begegnungen mit anderen Bekannten, erfährt die gesellschaftlichen Ereignisse der Gegend und wenn sie dann noch auf dem Markt ein wenig Verdienst gehabt hat, geht es an die eigenen wichtigen Einkäufe: ein Kopftuch, eine Blechschüssel, etwas Salz. Hochbefriedigt kehrt sie ins eigene Heim zurück, beneidet von den anderen Frauen, die nicht hinaus in die Welt konnten. Und heute, wie gesagt, setzt sich die unternehmungslustige Frau in die "Tomatenlinie", sagt: "Einmal Jaunde hin und zurück" und kauft ihr neues Hüftentuch im besten Eingeborenengeschäft der Hauptstadt.

Übrigens ist die neue Zeit an den Mustern dieser Tücher nicht spurlos vorübergegangen. Ich sah einmal ein Mädchen in einem Druckstoff gehüllt, auf dem sich der europäische Musterzeichner geradezu in technischen Orgien ergangen hatte. Auf der linken Brustseite war ein Auto zu sehen, Limousine, neuester Typ, etwas tiefer verbargen sich im Faltenwurf einige Taschenuhren, dann gab es noch Geldsäcke, Herrenzugstiefel und Fahrräder. Wirklich, da hatte die Reise in die Stadt gelohnt, denn natürlich war dies ein ganz neuartiges Tuch, was man auf einem Dorf nie bekommen hätte.

Die Technik ist es, die Afrika von Jahr zu Jahr schneller erobert und eine Umwandlung herbeiführt, die fast alle Lebensgebiete berührt. Der ständig wachsende Automobilverkehr verlangt gute Straßen, und Straßen können in den regenreichen Tropengebieten nur durch dauernde Menschenarbeit in gutem Zustand erhalten werden. Darum lassen die Franzosen in ihrem Mandatsgebiet die Bevölkerung nach Möglichkeit an die großen Straßen ziehen und eine Umsiedlung vieler Tausende von Menschen aus abgelegenen Dörfern an die breiten Verkehrsadern hat in den letzten Jahren stattgefunden und geht noch immer weiter vor sich. So kommt es, daß man auf weite Strecken durch Kleinsiedlungen fährt, die zu beiden Seiten der Fahrstraße gelegen sind, wo Bananen, Kakao und Kaffeebäume regellos und üppig wuchernd die kleinen Hütten umgeben und erst hundert Meter weiter zurück sich die grüne hohe Mauer des schweigenden Urwaldes erhebt.

Ein Erinnerungsstück aus deutscher Zeit ist die ganze Eisenbahnanlage in Kamerun. Die Nordbahn, die von der Küste 160 Kilometer weit nach dem fruchtbaren Nkongsamba führt, wurde noch zu deutscher Zeit vollständig beendet, während die Mittellandbahn, die die Hafenstadt Duala mit Jaunde verbindet und 300 Kilometer lang ist, vor dem Kriege bis Edea fertiggestellt war und auf Grund der deutschen Pläne von den Franzosen dann bis zum Ende durchgeführt wurde. Es lag in der Absicht der deutschen Kolonialverwaltung, diese Strecke bis in den hohen Norden, also bis ins Tschadseegebiet auszubauen und überhaupt den Schnellverkehr des Landes durch ein erweitertes Eisenbahnnetz zu entwickeln. Dagegen haben die Franzosen das Schwergewicht ganz auf den Straßenbau gelegt und haben darin auch manches Gute geleistet. Aber sicher ist, daß in den Regenmonaten eine Eisenbahn ein unbedingt zuverlässigeres Beförderungsmittel vorstellt als eine aufgeweichte und unterwaschene Straße, die jedes Weiterkommen hindert.

Auch die Eisenbahn hat einen riesigen Andrang der Eingeborenen Bevölkerung , auf den Bahnhöfen herrscht ein wahres Getümmel von An- und Abreisenden, Weißbrot, Zuckerrohr und Früchte werden als Proviant angeboten und in der dritten Klasse geht es zu wie in einem Bienenstock. Zweite und erste Klasse sind den Europäern vorbehalten und der Speisewagen auch, aber er wird von Eingeborenen geführt. "Willst du Ochse stark, mittel oder klein?" Mit diesen Worten störte mich vor dem Mittagessen der Boy aus der Tiefe meines weißüberzogenen Lehnsessels auf. Der Sinn dieser Worte war mir dunkel, aber ich sagte für alle Fälle: "Mittel". Im Speisewagen kam darauf ein halbdurchgebratenes Beefsteak auf meinen Teller und ich war von so viel Vorsorge sehr beeindruckt. Sonst war kein weiterer Grund zur Freude gegeben, denn selbst die Franzosen finden ihren Speisewagen schrecklich. Der Manager führt an einem Ende des Wagens einen Dauerschlaf, aus dem er nur aufschreckt, wenn jemand "Whisky!" ruft, denn er hat die Flaschenbatterie hinter sich. Heftig schwitzende Boys wechseln viele Teller nach vorherigen Abwischen mit einem Küchentuch, von dem man nur hofft, daß es niemals mit einem Taschentuch verwechselt wird. Aber die Eisenbahnfahrt selbst ist nicht schlecht und nach neunstündiger Fahrt von der Küste kommt man in Jaunde an, durchgerüttelt und leicht angerußt, aber doch mühelos.

Hier ist man nun in das eigentliche Gebiet des Automobilverkehrs gelangt. Lockend breiten sich vor dem Auge des Expeditionsreisenden wie ein Spinnennetz auf der Karte nach allen Seiten die Fahrstraßen aus. Soll man nach Fumban fahren, wo die Holzgötzen herkommen, die unheimlichen Messingfratzen und die kostbaren Stickereien? Oder nach Süden zum Kongo? Oder nach Norden zum Tschadsee? Herrlichster Augenblick des Reisens, wenn man so vor der Karte sitzt und sich als Herr der Straßen und Ströme und Urwälder fühlt!

Es gibt aber noch eine Art des Reisens in Kamerun, die selten ist und kaum noch ausgeübt wird, weil es eine Kunst wurde - das ist der Fußmarsch! Eine Kunst deshalb, weil man sich darauf verstehen muß, und so abenteuerlich für Neulinge, weil jeder Tag, ja, jede Stunde so nahe an der Natur eine Entdeckung ist. Von unseren deutschen Kolonialpioniere ist ganz Kamerun im Fußmarsch bezwungen worden, man kann sie noch heute erzählen hören, wie sie acht oder zwölf Wochen "durch den Busch" marschiert sind. Aber das sind auch die wahren Sachverständigen, die Kamerun kennen, weil sie es erlebt haben. Dreißig bis vierzig Träger schleppen auf den Köpfen alles, was man in den Wochen des Marschierens zum Leben braucht, Proviant vor allem, Getränke, Gewehr, Faltbett, Stuhl und Klapptisch. Die durchschnittliche Last beträgt 25 Kilogramm für den Mann und "gewokert" werden zwischen zwanzig und vierzig Kilometer am Tag. Beim Marschieren versinken Stunden und Tage unbemerkt, verschwunden ist die Welt, man ist eingegangen in ein anderes Dasein. Dinge, die einen vorher noch interessierten, sind wie ausgelöscht, aber Sonne und Mond, Trommelzeichen, Wildspuren, das Geschwätz der Träger, der rasende Durst auf ein Glas Wasser - gibt diesem neuen Leben seinen Inhalt. Trotz der unmenschlichen Anstrengungen, die ein solcher Marsch mit sich bringt, gehört es zum Besten, was man heute noch in Afrika erleben kann.

Aber ein Bericht über das Reisen in Kamerun wäre unvollständig, wenn man nicht auch der Rasthäuser gedächte, jener "Buschhotels", die einem für eine oder mehrere Nächte zur freundlichen Heimat werden. Fast in jedem größeren Dorf und erst recht in den Eingeborenenstädten des Nordens gibt es von der Regierung zur Verfügung gehaltene Rasthäuser, meistens im Stil der Gegend gebaut, also mit Lehmwänden und mit einem Gras -oder Palmwedeldach. Innen sind mehrere Räume für die Boys und die Küche gesonderte Hütten, -es ist sozusagen "Komfort" vorhanden. Die Eingeborenen dürfen hier nicht hausen, schlimmstenfalls jagt man ein paar Hühner oder Hammel heraus. Selbst im finsteren Urwald waren die Rasthäuser sauber gehalten. Eine wahre Landstraßenromantik entwickelt sich aber entlang den großen Autostraßen, wo abends alles, was nicht weiter kann, in den Rasthäusern einkehrt und sich dort mit Sack und Pack häuslich niederläßt. Hier treffen sich die modernen fahrenden Ritter, mit selbstverständlicher Gastfreundschaft wird der Neuangekommene an den Abendessentisch gebeten und jeder holt aus seiner großen "Freßkiste" noch etwas hervor was das Picknick verschönern kann.

Nach einiger Erfahrung bildet sich geradezu eine raffinierte Reisetechnik aus. Außen am Wagen baumeln, in feuchte Tücher gewickelt, die Wasserflaschen, die durch die Verdunstung und den Luftzug abkühlen, Porzellan, Bestecke, Gläser stecken in eigens gezimmerten Kisten, Korbflaschen mit französischem Rotwein, Konserven von der Pastete bis zur Seemuschel, Gummibadewanne, Liegestuhl und helleuchtende Benzinlampe werden zu Kulturgütern eines Vagabundenlebens, das von diesen Dingen allen einen Schimmer bürgerlicher Behaglichkeit bekommt. So hat sich durch das Autofahren eine ganz neue Art von Reiseromantik ausgebildet und mit dem siebzigpferdigen Motor kann man heute auch in Kamerun wieder seine "echt afrikanischen" Erlebnissen haben.

Quelle: Köhler's Kolonial Kalender 1939

Bahn

webmaster