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Aus Deutschsüdwestafrika

Mit Illustrationen nach Photographien aus dem Besitze des Barmer Missionshauses

I

Bilder

Die rasche Aufeinanderfolge und die mächtige Ausdehnung der deutschen Kolonialerwerbungen in den letzten paar Jahren ist Ursache gewesen, daß man den ersten Anfang derselben schon heute wenig beachtet und kaum noch von dem Unternehmenden Bremer Kaufmann F. A. E. Lüderitz redet, welcher doch hier als Bahnbrecher aufgetreten ist und dessen Namen für alle Zeiten in der Geschichte der deutschen Kolonien genannt werden wird. Die "Wüstenei", wie Übelwollende und Unwissende jenes Südwestafrika bezeichnen, scheint sich unterdessen ganz leidlich entwickeln zu wollen, es ist aus der ursprünglichen kleine Erwerbung Lüderitz' nun schon ein großes, sehr großes Schutzgebiet entstanden, und ein Häuptling nach dem anderen im Innern hat die schwarz-weiß-rote Flagge aufgezogen.

Lüderitz hat durch Kaufverträge von 1. Mai und 25. August 1883 die Küste vom Oranjefluß nordwärts bis zum 26. Grad südlicher Breite in einer Ausdehnung von 20 geographischen Meilen landeinwärts von dem Kapitän Josef Fredericks, dem unabhängigen Beherrscher von Bethanien und Großnamaland, erworben. Der Generalkonsul Dr. Nachtigal hatte dann im Oktober 1884 im Namen des Reichs mit Fredericks einen Schutz- und Freundschaftsvertrag geschlossen; gleich darauf verkaufte Peter Haibib, der Häuptling von Scheppmannsdorf, sein Gebiet zwischen dem 26. Grad und 22. Grad südlicher Breite – ausgenommen die Walfischbai – an Lüderitz und verschiedene andere Deutsche. Andere Häuptlinge im Innern, wie Jan Jonker Afrikaner, Hermann von Wyck, der Häuptling von Rehoboth, Manasse Narebib von Hoachanas, Isaak von Berseba, endlich der berühmte Kamaherero, haben sich gleichfalls unter deutschen Schutz gestellt, so daß nun ganz Südwestafrika vom Oranjefluß im Süden bis Kap Frio im Norden – die englische Walfischbai ausgenommen – und im Innern bis zu 37°40' östlicher Länge von Ferro deutsches Schutzgebiet ist. Über die Verhältnisse des Landes, seine Beschaffenheit, Klima, Naturprodukte wollen wir hier nur nebensächlich reden, da darüber in einem früheren Aufsatze des "Daheim" gesprochen wurde; mehr wollen wir uns mit den dasselbe bewohnenden Menschen befassen, und da treffen wir denn im Norden auf die Ovaherero, auch Damara genannt, und im Süden auf die Nama, weniger gut als Namagua bezeichnet. Beide Völker sind sehr verschieden von einander und stehen sich bis auf den heutigen Tag feindlich gegenüber, wiewohl unter beiden das Christentum festen Boden gefunden hat. Hier liegt ein Rassenkampf vor, denn die Herero sind Neger, die zu der großen weitverzweigten Bantufamilie gehören, die Nama dagegen sind ein Stamm der Hottentotten. Beschäftigen wir uns zunächst mit den Herero, welche offenbar noch nicht allzulange in dem Lande wohnen, wiewohl es zweifelhaft ist, woher sie gekommen sind. Ihr Land liegt unter dem Wendekreis des Steinbocks, und im August, wo unser Sommer zu Ende geht, fangen warme Westwinde zu wehen an, und binnen kurzem ist die Vegetation versengt und zerstört. Zugleich fegen Wirbelwinde mit grausenerregender Schnelligkeit durch das Land und jagen ungeheure Sandsäulen von dreißig, vierzig Meter Höhe und entsprechender Stärke vor sich her. Manchmal sieht man, wie der Reisende Anderson bezeugt, zehn bis fünfzehn solcher Sandsäulen nebeneinander treiben. Die Herero nennen sie "Regenbettler", ein sehr passender Name, da sie gewöhnlich dem Regen unmittelbar vorausgehen. Regengüsse, begleitet von Donner und blendenden Blitzen, sind im September und Oktober nicht ungewöhnlich; aber die regelmäßige Regenzeit beginnt nicht vor Dezember und Januar, worauf sie mit wenig Unterbrechung bis zum Mai andauert. In diesem Monat und Juni herrschen austrocknende Ostwinde, welche die Haut rauh machen. Im Juli und August sind die Nächte am kältesten, und es ist nicht ungewöhnlich, daß man in diesen Monaten halbzolldickes Eis findet. Schnee fällt selten.

Über ihren Ursprung haben die Ovaherero eine Tradition, nach welcher sie samt den Tieren ihres Landes von einem Baum stammen. Damals herrschte tiefes Dunkel; da zündete ein Herero Feuer an, welches die Zebras, Büffel, Giraffen und anderen wilden Tiere in die Wildnis scheuchte, während Ochsen, Schafe, Hunde sich furchtlos um die lodernden Feuerbrände sammelten und Ursache waren, daß die Ovaherero eine Nation von Viehzüchtern wurden. Der Baum aber, von dem das Volk ausging, wird noch bei einem Omarum genannten Orte gezeigt. — Was die religiösen Anschauungen dieses Volkes betrifft, so verdanken wir die besten Nachrichten darüber über den Missionar Hugo Hahn. Nach ihm glauben die Herero, daß Himmel und Erde, Menschen und Tiere von dem "Uralten", dem höchsten Wesen oder Makuru geschaffen wurden; er war es auch, der die Herero aus dem Baum hervorgehen ließ. Neben Makuru wird noch Obempo (Wind, Geist) genannt, und mit dem Glauben an diese beiden hängt auch der Glaube an die Fortdauer der Seele nach dem Tode zusammen, denn ihr religiöser Dienst bezieht sich zunächst auf die Seelen der Verstorbenenund erst in zweiter Linie auf Makuru. Ihr Kultus ist daher wesentlich Ahnendienst; den Ahnen gelten ihre Opfer, an die Ahnen richten sie ihre Gebete.

Wenn man die Herero fragt, woher sie die vielen religiösen Gebräuche, wie Opfer, Speisegesetze, Beschneidung bekommen haben, so antworten sie zunächst von ihren Vorfahren, und diese wieder bekamen sie von Makuru. Neben dem Ahnenkultus findet sich auch derjenige des Feuers. Vor jeder Hütte brennt ein "heiliges Feuer", welches Makuru dem Volke selbst gab. An der Feuerstelle (Okurno) schlachtet man die Opfertiere, kocht man deren Fleisch, versammeln sich die Ältesten zur Beratung. Das heilige Feuer wird von einem jungen Mädchen gepflegt; verläßt der Stamm seinen Wohnsitz, dann geht dieses Mädchen mit einem Feuerbrande vom heiligen Feuer allen voraus, und sorgsam wird acht gegeben, daß es nicht verlösche. So wird es zur neuen Wohnstätte übergeführt und weiter gehütet. Der Feuerdienst bei den Herero ist ein schöner Ausdruck ihres Familienlebens, das zeigt sich durch folgende sinnige symbolische Handlung. Der Segen des Vaters, dessen Kind einen neuen Hausstand gründet, besteht darin, daß er demselben Feuer von seiner Feuerstelle mitgibt.

Bemerkenswert ist, daß bei den Herero das Kastenwesen besteht, und zwar erbt die Kaste von der Mutter auf die Kinder. Zauberei ist bei ihnen, wie bei allen Negervölkern, in hohem Maße gang und gäbe, und der Tod wird weniger natürlichen Ursachen wie dem Einfluß böser Mächte zugeschrieben. Auch Wahrsager haben sie, die ihre Lose vermittelst kleiner Steine werfen; die Zukunft wird durch Traumdeuterei ergründet.

Die Sprache dieses Volkes ist ein Dialekt der großen Bantusprache, welche über einen ungeheuren Raum Afrikas gesprochen wird: von Kamerun an bis zu den großen Seen, da wo der Nil entströmt und von da südlich bis zum Kapland hin. Nur im äußersten Südwesten sind die Buschmann- und Hottentottensprachen von dieser großen Sprache verschieden. Sie hat eine besondere Weichheit und Harmonie der Laute, ist klangvoll, biegsam und schmiegsam. Durch unsere rheinischen Missionare ist die Hererosprache zur Schriftsprache geworden und hat ein eigenes Alphabet bekommen, ja es sind schon mehrere Bücher in derselben gedruckt worden: die Bibel, übersetzt von Hugo Hahn, der kleine Luthersche Katechismus, Kirchenlieder, Erzählungen ect. Da bereits früher im "Daheim" (XXI. Jahrg. Nr. 34) die Mission unter den Herero besprochen wurde, so können wir hier über dieselbe hinweggehen.

Die Herero sind ein von Natur ziemlich träges Volk, das aber viel Geschick zur Erlernung von Handarbeiten zeigt und sich recht schnell in europäischen Handwerken zurecht findet. Auch im Unterricht verraten sie nicht unbedeutende Gaben; Sprachen erlernen sie meistens erstaunlich schnell. Europäischer Ackerbau ist durch die Missionare eingeführt worden. Das Volk hat ein offenes, fröhliches Gemüt, das auch in ihrem Volksnamen ausgedrückt ist, welcher die "Fröhlichen" bedeutet. Sehr interessant sind ihre sozialen Zustände. Es ist z.B. bemerkenswert, daß die Frauen bei weitem nicht alle häuslichen Arbeiten zu verrichten haben, sondern sich mit den Männern darin teilen. Abends sitzen Männer und Frauen zusammen, singen und schwatzen oder tanzen auch wohl im Kreise, wobei sie in die Hände klatschen und allerlei Pantomimen machen.

Bei den Herero bestehen drei Formen des ehelichen Verhältnisses: Monogamie, Vielweiberei und Vielmännerei. Vorherrschend und unter dem Einflusse des Christentums zum Siege gelangend ist die Monogamie. Die Vielweiberei scheint erst später aufgekommen zu sein, und es ist stets eine Frau die "große" Frau. Wie schon gesagt, sind die Weiber nicht unterdrückt, ja sie haben oft großen Einfluß. Höchst selten schlägt ein Herero seine Frau, und wenn er es tut, so läuft sie davon. Der englische Reisende Galton erzählt von den Hererodamen, die sich in seiner Gesellschaft befanden, folgendes: "Die Achtung des Mannes vor der Frau war eine große Schwierigkeit in bezug auf Disziplin, denn ich hatte die Frauen meiner Reisegesellschaft oft zu bestrafen und konnte die Männer nicht dazu bringen, daß sie dieselben für mich prügelten; ich aber war natürlich viel zu galant, als daß ich dieses durch andere Hände hätte tun lassen. Sie ärgerten mich mit ihrem fortwährenden Schwatzen fast zu Tode; ich muß aber zugestehen, daß sie viele gute Eigenschaften haben; sie waren geduldig, wenn auch nicht weiblich nach unseren Ideen."

Wie bei einem viehzüchtenden Volke natürlich, besteht die Kleidung der Herero aus Leder; die Nacktheit, wie sie bei anderen Negervölkern vorkommt, ist schon durch die klimatischen Verhältnisse ausgeschlossen. Die Felle, in welche sie sich kleiden, sind meist mit einer Salbe aus Fett und rotem Ocker bestrichen, und diese Pomade erhält auch die Haut des Trägers geschmeidig. Am eigentümlichsten ist die Kleidung der Frauen, welche geradezu grotesk zu nennen ist. Sie tragen nämlich von den Verheiratung an eine helmartige lederne Kopfbedeckung, welche mit Perlschnüren geschmückt ist und an deren hinterem Teile drei Lederlappen steif wie Eselsohren in die Höhe stehen. Schnüre von Elfenbein- oder Eisenperlen, bis zu zwanzig Pfund schwer, hängen hinten bis auf die Fersen herab. Lederne Sandalen, zahlreiche Kupfer- und Eisenringe an Armen und Beinen, Perlenschnüre um den Hals vervollständigen den Aufzug, der im Holzschnitte von hinten und vorne dargestellt ist.

Wie Hahn hervorhebt, ist bei den Herero das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ein sehr schönes und pietätvolles. Wie der Häuptling der Patriarch des Stammes, so ist der Vater der Patriarch der Familie. Für die Pietät der Kinder gegenüber den Eltern spricht am schönsten die rührende Sitte, daß der Herero bei den Tränen der Mutter schwört.

Von einer ausgebildeten Justiz kann bei diesem Volke nicht die Rede sein. Der Häuptling ist der oberste Richter des Stammes, daneben existiert das Faustrecht, besonders die Blutrache. Wird jemand ermordet, so sind die nächsten Verwandten verpflichtet, seinen Tod zu rächen; der Blutrache im kleinen entsprechen im großen die Fehden zwischen den einzelnen Stämmen. Da kein gemeinsames Oberhaupt da ist, muß in streitigen Dingen der Kampf entscheiden. Der Verlauf ist gewöhnlich folgender: Eine schöne Herde lockt die Habgier eines Häuptlings, er überfällt die Hirten und führt im Triumph die Beute heim. Repressalien folgen, und oft zieht sich eine Fehde jahrelang hin, bis sie mit einer Entscheidungsschlacht oder einem Vergleiche endigt. Die Art der Kriegsführung besteht meist in Neckereien, und eine große Schlacht ereignet sich selten. Die Beraubten verfehlen nie den Siegern eine Gesandschaft auf dem Fuße nachzusenden und diese um Rückgabe eines Teiles des Viehes zu bitten, und diese Bitte findet fast stets großmütige Erhörung. Neuerdings sind, seit Einführung der Feuerwaffen, die Kämpfe blutiger geworden, und es haben Schlachten zwischen Herero und Namaqua stattgefunden, bei denen jederseits dreihundert bis vierhundert Mann im Felde standen und Hunderte von Erschlagenen die Wahlstatt deckten.

Klagend und weinend sammelt sich der Stamm um seine Toten, und unter besonderen Gebräuchen wird der Erschlagene oder Verstorbene bestattet. Man bringt Totenopfer. Indem man Ochsen schlachtet, legt Trauerkleidung an und zieht dann weiter. Kehrt der Stamm, was häufig geschieht, zur Grabstätte später zurück, so werden dem Toten abermals Opfer gebracht, und es wird Milch auf seinem Grabe gespendet. Väter und Mütter versammeln in der Regel, wenn sie den Tod herannahen fühlen, ihre Kinder um sich, ermahnen und segnen dieselben schließlich, indem sie die Hände auf ihrer Kinder Haupt legen und ihnen alles Gute wünschen. Eine gewiß schöne und rührende Sitte.

Die Gräber der Häuptlinge stehen meist am Fuße ansehnlicher Bäume. In das enge, aber ziemlich tiefe Grab senkt man die Leiche in sitzender Stellung mit dem Angesichte nach Norden gekehrt. Särge kennt man nicht, dagegen umhüllt man die Leiche mit Fellen. Um das Grab herum macht man Dornenhecken und legt Steine darauf, damit die Hyänen es nicht ausscharren. Eine Menge Rinder, je nach dem Reichtum des Verstorbenen, wird geschlachtet und zum Totenopfer dargebracht. Die Hörner derselben befestigt man auf dem Grabe, auf dem man auch Bogen und Pfeile des Häuptlings niederlegt. Schrecklich ist die Sitte, daß, wenn Frauen sterben und Kinder hinterlassen, diese nicht selten mit der Mutter begraben werden. Unser Landsmann, der Missionar Rath, war einmal so glücklich, ein Kind zu retten, das nahe daran war, mit der Mutter verscharrt zu werden.

Neben den vielen schönen Zügen, die wir hier von den Herero mitgeteilt haben, fehlt es aber auch bei diesem Volke nicht an schwarzen Schattenseiten. Anderson bemerkt, daß es im Hererolande verhältnismäßig wenig alte Leute gäbe, was zum Teil seine Ursache im Mangel an Mitleid für bejahrte und altersschwache Personen haben möge. "Manchmal scheint es sogar, als böten sie alles auf, was in ihrer Macht steht, um den Tod eines solchen Unglücklichen zu beschleunigen." Missionar Hahn sah einmal eine arme alte Frau, die fast blind und nicht mehr imstande war, für sich selbst zu sorgen; er hatte Mitleid mit ihr und gab ihr täglich, was sie zu ihrem Lebensunterhalte brauchte. Ihr Bruder, der diesen Vorteil nicht auch genoß, wurde neidisch über die seiner Schwester erwiesene Bevorzugung und faßte heimlich den Vorsatz, sie aus dem Wege zu schaffen. Diesen Plan führte er so aus, daß er unter dem Vorwande, nach Wurzeln zu graben, sie mit sich an einen Ort nahm, wo es gänzlich an Wasser fehlte, und hier überließ er sie ihrem Schicksal. Ein Knabe, der sie begleitete, versicherte, daß der unnatürliche Bruder, als er einige Tage später wieder dahin kam und seine Schwester noch am Leben fand, sie mit der Keule auf den Kopf schlug, bis der letzte Lebensfunken erloschen war.

Große Sinnlichkeit und Faulheit sind die Hauptfehler der Herero. Gern überlassen sie ihre Arbeit den Sklaven, welche entweder die Nachkommen verarmter Familien ihres eigenen Stammes sind oder eingefangene Buschmänner.

Milch ist die Hauptnahrung der Herero. Sie trinken sie stets aus derselben Schüssel, die man nicht anders reinigt, als daß man sie durch die Hunde auslecken läßt; dieses infolge von Aberglauben, da man wähnt, die Kuh würde aufhören Milch zu geben, wenn man das Gefäß auswüsche. Mit Ausnahme des erbeuteten Wildes essen sie nur wenig Fleisch. Herdenvieh schlachten sie selten, meist als Opfer, bei Hochzeiten und Begräbnissen.

Eine außerordentliche Rolle spielt der Ochse, ja er ist die Hauptsache, um die sich alles dreht, denn sie sind wesentlich ein Hirtenvolk, dessen Reichtum in seinen Herden besteht. Die Schafe, um mit diesen zu beginnen, tragen im Hererolande keine Wolle, dagegen haben sie dicke Fettschwänze, die ein vortreffliches Schmalz liefern, welches bei den in ihrem Lande wohnenden Europäern die Butter vertritt. Diese Fettschwänze werden bis fünf Kilogramm schwer und behindern die Schafe im Gehen. Hauptsache aber bleibt das Rindvieh, welches gleichfalls vom europäischen verschieden ist. Es ist schlank, starkknochig, mit kleinen harten Klauen und liefert vortreffliche Zug- und Reitochsen. An ihnen sind die Hörner, deren Spitzen zwei Meter von einander abstehen, das merkwürdigste, und nach der Größe dieser mächtigen Hörner wird der Wert der Tiere bestimmt, die im Range neben Weib und Kind stehen. Die Rinder sind das Lieblingsthema in Gespächen und Gesängen des Herero. Mit der größten Sicherheit findet er zwischen Hunderten von Ochsen die seinigen heraus, und wäre es auch nur einen einzigen, den er am Tage zuvor gekauft. Kommt seine Herde von fünfhundert bis siebenhundert Stück von der Weide nach Hause, so wird er sofort merken, nicht nur ob ein Ochse überhaupt fehlt, sondern auch welcher ausgeblieben ist. Es fehlt ihm ein bekanntes Gesicht. Die Herden sind es, mit denen die Kosten für Bündnisse, für Heiraten, für Einkäufe und manche religiöse Zeremonie bestritten werden, und wer kein Vieh hat, ist eine Null unter seinen Stammesgenossen.

Diese Herden sind aber auch für die Herero von verderblichen Folgen gewesen, denn sie waren die stete Quelle von Hader und Krieg zwischen ihnen und ihren südlichen Nachbarn, den Namaqua. Eine schöne Herde lockt in jenen Gegenden, wo der Unterschied zwischen Mein und Dein noch nicht überall streng geschieden ist, die Habgier eines anderen Häuptlings, er überfällt die Hirten und führt im Triumph die Beute heim. Wiedervergeltung folgt, und oft zieht sich eine Fehde jahrelang fort, bis sie mit einem Vergleich oder einer entscheidenden Demütigungdes einen Teiles endigt. Herden von 10 000 Stück, die früher ein einziger Herero besaß, kommen jetzt nicht mehr vor, dafür haben die Kriege mit den Nama gesorgt, welche im Jahre 1825 begannen. Noch im verflossenen Jahre ist zwischen beiden Teilen eine große Schlacht geschlagen worden. Somit haben die Kämpfe jetzt gerade sechzig Jahre gedauert. Beide Teile stehen nun unter dem Schutze Deutschlands, das hoffentlich zum Nutzen aller, hier Ruhe und Ordnung schaffen wird.

Quelle: Daheim, 1886, von Rogerli by jadu 2002

Teil II