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Aus Deutschsüdwestafrika

Mit Illustrationen nach Photographieen aus dem Besitze des Barmer Missionshauses

II

Bilder

Gänzlich verschieden von den Herero, welche den Norden des deutschen Gebiets bewohnen, sind ihre südlichen, ihnen feindlich gegenüberstehenden Nachbarn, die Namaqua oder richtiger Nama. Das zeigt nicht nur ein Blick auf das Äußere dieses Hottentottenstammes, sondern auch die Sprache, die ungemein schwierig zu erlernen ist, wiewohl schon die Bibel (durch unsern Landsmann Krönlein) in dieselbe übersetzt wurde. Die Schwierigkeit der Ausprache wird durch die sogenannten Schnalzlaute oder Klicks verursacht, welche durch das Anstoßen der Zunge an den Gaumen in vier verschiedenen Arten hervorgebracht werden. Unter den Namaqua steht es als eine ausgemachte Tatsache fest, daß es für jeden, der nicht von Kindesbeinen an unter ihnen gelebt, unmöglich ist, die Sprache richtig reden zu lernen. Diese Erfahrung machen sie an ihren eigenen Kindern, die ihre Jugend unter den Kolonisten verlebt und englisch oder holländisch sprechen gelernt haben; kehren diese zu ihrem Volke zurück, so lernen sie nie ordentlich ihre Muttersprache reden. Amraal, einer der angesehensten Namahäuptlinge, konnte nie, obgleich er ein Alter von neunzig Jahren erreichte, seine Muttersprache geläufig reden, weil er in seiner frühesten Jugend nicht zu Hause gewesen war.

Während die früher geschilderten Herero Verstandesmenschen sind, gelten die Nama mit Recht als leicht erregbare Gefühlsmenschen. Sie sind rührig, leicht entzündbar, rachsüchtig, doch verflackern die Gefühle ebensoschnell, wie sie entflammt sind. Ihr beständiger Trieb nach großen Unternehmungen und tapferen taten artet leicht in Raubsucht aus, der leichte Sinn verwandelt sich in Leichtsinn, die Wandelbarkeit des Charakters ruft alle wilden Eigenschaften wach, als Jähzorn, Zank, Tobsucht, Grausamkeit. Dieser tiefgreifende Unterschied in dem Charakter der beiden unter deutschem Schutze stehenden Völker zeigt sich besonders in ihrem Verhalten gegenüber dem Christentum.

Die Herero wollen stets von dem, was ihnen gepredigt wird, mit Vernuftsgründen überzeugt sein. Die Namaqua dagegen werden schnell und leicht vom Christentum erfaßt. Doch hat die Erfahrung die Missionare gelehrt, in solchen Fällen sehr vorsichtig zu sein, den dieselben Leute, die unter Bußtränen in Sack und Asche lagen und herzzereißende Bußpredigten an ihre eigenen Landsleute hielten, sind nur zu oft einige Wochen darauf die erbittersten Feinde und Verfolger der Missionare gewesen. Darum hat auch das Evangelium bei den Herero tiefere Wurzel als bei den Namaqua gefaßt. Dazu kommt, daß die Namaqua in einem außerordentlichen Hochmute sich gern über die Weißen stellen und alles verachten, was nicht zu ihnen gehört. Außer dem Branntwein ist es höchst wahrscheinlich gerade dieser unbeugsame Hochmut, welcher die reißend schnelle Abnahme des Volkes herbeiführt, das nun schon auf 60 000 Köpfe zusammengeschmolzen ist.

Noch immer ist ein Teil der Namaqua Heiden und glaubt an den großen Zauberer Heitsi - Eibib, um dessen rätselhafte Persönlichkeit sich ein ganzer Mythenkreis gebildet hat. Einst war er mit einer großen Volksschar auf der Reise und ein Feind verfolgte sie. Bei der Ankunft an einem Wasser sprach er beschwörend: "Wasser, öffne dich, daß ich hindurchgehen mag, und schließe dich hinterwärts." So fand es statt, er und die Seinigen kamen sicher hindurch, als aber auch die Feinde die Öffnung im Wasser benutzen wollten, schloß sich dasselbe über ihnen und ertränkte sie. Der Mond und Heitschi Eibib sind identisch und daher verehren die Namaqua auch den Mond. Mit solchen religiösen Vorstellungen ist ein grenzenloser Aberglaube und auch Zauberei verbunden. Gesiterglaube ist unter ihnen sehr verbreitet. Sie geben vor Ahnungen zu haben. Mondfinsternis erfüllt sie mit Schrecken und hält sie von Unternehmungen ab. Die zu einer Gesellschaft gehörigen Leute zu zählen, gilt als ein besonders schlimmes Omen, weil man glaubt, daß einer aus der schar sterben müsse.

Ein Missionar, der einst, unbekannt mit diesem Aberglauben, seine Arbeiter zählte, hätte die Unkenntnis fast mit dem Leben gebüßt. Auf sein Bitten jedoch wartete man erst den Einfluß des Zählens ab und als sich keine verderblichen Folgen zeigten, ließ man ihn frei. Auch haben die Nama Zauberer, die vermöge mancher Erfahrung und Kenntnis der Krankheit treffliche Heilmittel kennen und oft glückliche Kuren ausführen, aber auch große Schwindeleien verüben. Einst konnte ein Missionar das Zaubertreiben eines solchen Menschen nicht länger mehr ansehen und verlangte von ihm, er solle einmal einen Beweis seiner Zauberkraft ablegen, indem er ein dargebotenes Handtuch hinabschlucke. Alles war sehr gespannt, wie der Mensch seine Aufgabe lösen würde. Kalt lächelnd würgte er zum nicht geringen Erstaunen des Missionars und zur Glaubensstärkung seiner abgergläubischen Namaqua das Handtuch hinunter, so obsiegend. So berichtet Th. Hahn, der unter den Namaqua geboren wurde und aufwuchs. Bündnisse mit Geistern und Zauberei sind unter ihnen allgemein, und nicht selten haben Sklaven oder Buschmänner die Opfer schnöden Aberglaubens werden müssen. So ließ ein Häuptling in dem Glauben, seine untergebenen Buschmänner hätten durch Zauberei den Tod seines Sohnes verschuldet, diese bei lebendigen Leibe in Gruben verbrennen.

Die Namaqua sind ein entschieden poetisch angelegtes Volk, unter dem es an Dichtern nicht fehlt. Sie lieben es, die Wechselfälle des Lebens zu besingen und die Außenwelt in den Kreis ihrer Phantasie zu ziehen. Ein Siegüber die Feinde, Freude über einen lieben Gast, eine glückliche Jagd oder Ärger über eine empfangene Strafe, Hader und Zwist zwischen Eheleuten und auch die Liebe werden von ihnen besungen. Mütter pflegen die Säuglinge auf den Schoß zu nehmen und zu besingen, etwa wie folgt:

Du Sohn einer helläugigen Mutter,
Du weitsichtiger,
wie wirst du einst das Wild aufspüren,
Du, der du starke Arme und Beine hast,
Du starkgliedriger,
Wie wirst sicher schießen und die Herero berauben,
Und deiner Mutter ihr fettes Vieh zur Speise bringen.
Du Kind eines starken Vaters,
Wie wirst du einst starke Ochsen bändigen.

Ein Missionar, der unverheiratet zu den Namaqua gekommen war, holte sich nach einigen Jahren ein Frau aus der Kapkolonie. Bei der Rückkehr wurde er auch mit einem Liede begrüßt, worin es von seiner Frau hieß:

Die du einhergehst mit langen schwarzen Haaren,
Du Tochter einer weißen Mutter,
Du weiße Frau,
Du, deren Gewand nachschleppt,
Daß der Staub gefegt wird,
Und hinter dir aufwirbelt.

Ein gemeinsames Oberhaupt haben die Nama nicht; sie zerfallen in zehn oder zwölf Stämme. Jeder Stamm hat seinen eigenen Häuptling, dessen Würde in männlicher Linie erblich ist. Außer dem, daß er der reichste Mann ist, hat er vor seinen Untertanen keine Auszeichnung voraus, höchstens ist seine Hütte etwas größer, und beim gemeinschaftlichen Mahle erhält er das beste Stück Fleisch. Es herrschen mancherlei gute Gesetze und Einrichtungen bei den Namaqua. Steigt der Reisende auf dem Platze ab, so sind besondere Beamte da, die seine Pferde und Ochsen in Empfang nehmen, absatteln, tränken und weiden. Der Fremde wird mit Milch, Fleisch, Wasser und Holz versorgt und hat einen Schutzmann, der ihn bedient und ihn vor den Belästigungen der Kinder schützt. Zu seiner Aufnahme ist ein reinliches Mattenhaus errichtet, in welchem der Schutzmann bei ihm schläft und das Feuer brennend erhält. Bezahlung fordern fällt keinem ein, und es ist in das Belieben des Fremden gestellt, ob er ein Geschenk machen will.

Wunderbar ist die Begrüßungssitte, die, obgleich sehr unsauber, doch hier erwähnt werden soll, weil sie charakteristisch ist. Der Häuptling befielt nämlich – zur Prüfung des Charakters des Fremden, wie es heißt –, daß bei dessen Ankunft sein ganzer Stamm sich Hände und Gesicht mit frischem Kuhdünger bestreicht und so den Fremdling küßt und umarmt. So wurde die Frau des hochverdienten, jetzt verstorbenen Missionars Vollmer in Gegenwart ihres Mannes von sämtlichen Männern eines Namadorfes, die sich mir frischem Kuhdünger eingerieben hatten, umhalst und abgeküßt. Obgleich es in Vollmers Brust kochte, zeigte er äußerlich eine kaltblütige Gelassenheit. Die Folge dieses Verhaltens war, daß er später mit großem Segen unter diesem Volke arbeitete. Kuhdünger vertritt auch die Seife bei den Namaqua, von denen wir noch manches wenig Saubere zu erzählen wüßten, geböte uns nicht die Rücksicht auf die Leserinnen damit einzuhalten. Allerlei Ungeziefer verzehren sie mit Vergnügen. Von einem schönen Hasenbraten oder unserm Hühnerfleisch zeigen sie großen Ekel, während sie große Eidechsen, Ameiseneier mit Milch gekocht und derlei Sachen gern verspeisen.

Vielweiberei ist bei den Nama gestattet, kommt aber verhältnismäßig selten vor; die Liebe der Eheleute zu einander ist oft eine innige, und die Kinder werden gut behandelt. Um sie gegen Sonnenstahlen zu schützen, reibt man sie mit Butter ein, und dieses ist der einzige Reinigungsprozeß, dem die kleinen Wesen unterworfen werden. Gegen die Kinder sind die Eltern sehr zärtlich, ja sie freuen sich, wenn sie so stark geworden sind, daß sie die Alten prügeln können! Haben sie dann doch die Überzeugung, daß sie sich erfolgreich eines Feindes erwehren können. Während von einzelnen Reisenden behauptet wird, die Nama setzen ihre altersschwachen Eltern aus, liegen anderseits Beispiele vor, daß die Kinder ihren verstorbenen Eltern das zärtlichste Andenken bewahren. Beim Tode des Vaters pflegt der Sohn einen Bock zu schlachten und dessen Leiche mit dem Blute des Tieres zu bestreichen, dann wird sie, in Matten eingewickelt, in die Grube versenkt.

Man hat die Hottentotten wohl als eine verkommene Rasse bezeichnet. Von den Überresten derselben im Kaplande mag das richtig sein, von den Nama aber kann dieses in keiner Beziehung gelten, denn bei ihnen hat sich die urwüchsige Naturkraft noch vollständig bewahrt. Und woher sollten auch die Entnervung und Schwäche kommen? Besteht doch die Jugend der Nama in einer fortgesetzten Reihe von Körperübungen. Solange der Kraal an Flüssen liegt, wird eifrig geschwommen. Das Zureiten von jungen unbändigen Ochsen macht sie schon früh zu gewandten Reitern. Zum Ringen, Springen, Laufen auf den Händen findet sich tagtäglich auf dem Felde hinter der Herde die beste Gelegenheit. Auf der Jagd stärkt sich der Mut und das Selbstbewußtsein, das Auge wird geschärft und übt sich im Spurensuchen. Das versteht wohl keiner besser als der Nama, mag die Spur über harten Tonboden, Steinplateaus oder weiche sandige Flächen führen, wo der Wind sie leicht unkenntlich macht, überall weiß der Nama ihr zu folgen und genau das Alter derselben zu bestimmen. Er weiß genau, wem von seinen Rindern die Spur angehört, ob es "Ohnehorn", "Blaß", "Langohr", "Krummschwanz" gewesen. Ebenso unterscheidet er die Spuren der Menschen, er weiß, ob die Fährte von einem Herero oder von einem seiner Stammesgenossen herrührt.

In Gefahren zeigt der Nama Geistesgegenwart und Gewandtheit. Folgende Geschichte erzählt Th. Hahn, dem dafür die Verantwortung zukommt. "Ein Nama schlief des Nachts auf der Reise an einem Feuer, welches allmählich zusammenbrannte. Als er es wieder schüren will, sieht er neben sich ein Paar Augen aus der dunklen Nacht blitzen. Es ist ein Löwe, der, zum Sprunge niederkauert, seinen Rachen mit den furchtbaren Zähnen weit aufreißt. Während nur der Löwe springt, stößt der Nama mit aller Macht seine nervige Faust in des Löwen Rachen, packt dessen Zunge bei der Wurzel, reißt, kneift und zwickt sie, bis der Löwe vor Schmerz sich seines Gegners zu entledigen sucht und, als ihm dieses gelungen, mit eingekniffenem Schwanze das Weite sucht."

Ihr Vieh pflegen die Nama, festliche Gelegenheiten ausgenommen, nicht zu schlachten. Lieber schnüren sie sich den Hungergurt etwas enger und begnügen sich mit Milch und wilden Zwiebeln. Schlachten sie aber, dann beginnt ein Schmausen, das man nur als Fresserei bezeichnen kann. Man fängt wirklich an an Wunder zu glauben, wenn man sieht, welche Fleischmassen hinuntergeschlungen werden, und es ist ein Rätsel, wo diese Mengen bleiben. Ununterbrochen flammt ein Feuer unter dem brodelnden Kessel; fortwährend wird Fleisch hineingetan und herausgenommen. Ist der Nama gesättigt, so rollt er sich, der Verdauung halber, auf der Erde hin und her, was besonders gern die jungen Damen tun. Drei Mann verzehren in einer Nacht einen fetten Hammel oder fünf Mann in anderthalb Tagen ein junges Rind.

Unter ihren geistigen Fähigkeiten ist besonders die Fähigkeit, fremde Sprachen zu erlernen, bemerkenswert. Sehr viele Nama sprechen deutsch, holländisch und englisch. Schon in der ältesten Chronik des Kaplandes, in Riebeeks Tagebuch, wird bemerkt, daß die dortigen Hottentotten bald das Holländische sich angeeignet hatten. Weiter ist bemerkenswert ihre Neigung und Befähigung zur Musik. Allgemein in Südafrika ist berühmt der hottentottische Kirchengesang, d.h. da, wo das Christentum bei ihnen bereits zur Geltung gelangte. Bei den reinen, klangvollen Stimmen machen sich zu gleicher Zeit die nach dem Takt ertönenden Schnalzlaute durchaus nicht schlecht, da sie entschieden den Rhythmus des Gesanges heben. Leidenschaftlich gern kaufen sie von den Tauschhändlern allerlei musikalische Instrumente, wie Maultrommeln, Harmonikas, Geigen, in deren Handhabung sie es zu großer Vollkommenheit bringen, ja sie gehen so weit, daß sie nach europäischen Mustern sich selbst Geigen bauen.

Wie schon hervorgehoben wurde, hat das Christentum, dank dem Eifer tüchtiger Glaubensboten, unter den Nama Wurzeln gefaßt. Freilich sind noch viele Scheinchristen, während bei vielen anderen die Überzeugung und der Glaube feststehen. Ein Mann hatte sich zum Abendmal gemeldet; allein da er bis zur Verteilung desselben trotz seines Bemühens mit seinem Gegner einen Streit nicht zum Austrag bringen konnte, so enthielt er sich des Abendmahls. Als sein Missionar ihn dann nach dem Grunde des Ausbleibens fragte, so antwortete er nur: Matthäus, V. 23, 24

R. Andree

Quelle: Daheim, 1886, von Rogerli by jadu 2002