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Bei deutschen Farmern in Südwest

 

Südwestafrika ist ein hartes Land — zwar ist es keine Sandwüste, wie man beim Anblick von Walfischbucht meinen könnte —, aber es ist auf Gnade und Ungnade der Wasserzufuhr ausgeliefert. Regen ist Sein oder Nichtsein! In einem guten Regenjahr wächst das Gras, gedeiht das Vieh, und der Boden trägt vielfach Frucht. In den Jahren der Dürre aber sterben ganze Vieherden an Hunger und Durst — die Farmen verschulden, und die schwer erkämpfte Arbeit vieler Jahre ist mit einem Schlage vernichtet.

Man nennt Südwest das "Land der drei Bäumchen". Im Süden und Mittelgebiet des Landes hat dieses Wort seine Berechtigung. Der Süden ist flach, baumlos und kahl, mit spärlichem Buschwerk bewachsen. Aber je weiter man nach Norden, an die tropische Grenze, gelangt, je höher wachsen die Büsche, je fruchtbarer ist der Boden, und im nördlichen Teile gibt es dichte Wälder neben weiten Steppen voll mannshohen Grases. Hier gedeihen auch südlich Früchte. Apselsinen, Grapefriut und Mais sind neben der Rinderzucht die Hauptprodukte des Farmers.

In dem öden Flachland des Südens aber gedeihen die Karakuls, das "schwarze Gold" der Farmer, am besten. Vom Bastardland bis etwa 100 km nördlich von Windhuk weiden unzählige Schafherden. Krankheiten sind selten in diesem Gebiet, und das kurze, trockene Gras bekommt den Karakuls weit besser als das üppige, hohe Gras des Nordens, wo wieder mehr Ackerbau getrieben wird.

Überall begegnet man dem Werk deutschen Fleißes. Die größten und ertragreichsten Farmen sind in deutschen Händen. In zäher, verbissener Arbeit haben sich die deutschen Farmer das Land der Hereros unterworfen und urbar gemacht. Bis zum äußersten Norden, fast zur Grenze von Ovamboland, erstreckten sich die Farmen, oft hunderte von Kilometern vom nächsten Ort entfernt.

Müßigang und Luxus gibt es nicht auf den deutschen Farmen in Südwest! Die ganze Familie arbeitet von Morgen bis Abend, jeder an seinem Platz.

Bei Morgengrauen fuhr ich von Windhuk fort, hinauf auf auf das Windhuker Bergland, um eine der größten Karakulfarmen auf einer Höhe von 2000 Meter zu besuchen. Zwei Stunden später, am Eingang der Farm, überholte ich einen kleinen Lastwagen. Vorne ein eingeborener Fahrer, hinten eine blökende Schar Karakullämmer, die mühsam gebändigt wurden von einem hübschen blonden Mädel, nach Landessitte in Khakihemd und Shorts. Das war Ursula, die älteste Tochter der Farm, die schon früh auf die Viehposten hinausgefahren war, um die neugeborenen Lämmer aufs Farmhaus zu bringen, wo die besten für die Zucht ausgesucht wurden, während die andern das Licht des nächsten Tages nicht mehr erblicken würden. Die Locke der Karakulschafe, aus denen die Persianermäntel verfestigt werden, muß am ersten oder zweiten Tage nach der geburt verarbeitet werden.

Ursulas Schwester Erika ist die Hüterin des Farmladens. Die großen Farmen besitzen eigene "Kaufläden" für die auf der Farm beschäftigten Eingeborenen, die mit ihrem Wochenlohn nicht immer die weite Fahrt bis zum nächsten Ort machen können. Alles, was ein eingeborenes Herz nur begehren kann, gibt es hier! Bunte Kopftücher für die braut, Stoffe aller Art, Schals und Spiegel, Kämme und Messer, Ketten, kleine Koffer und sogar Sonntagshemden und Khakihosen, um auf "Passiona" (Urlaub) zu gehen!

Während die Mutter den Haushalt führt, arbeiten Vater, Söhne und Töchter auf der Farm, beaufsichtigen Ackerbau und Viehzucht und bringen die Farmprodukte zum Verkauf an den Großhändler der nächsten Stadt. Alles wird auf den kleinen, geländegängigen Lastwagen verfrachtet: Karakulfelle und lebende Schafe, Rinder und Reitpferde. In großen Herden weiden die Pferde das ganze Jahr über im Freien, nur ab und zu wird eines der schönsten herausgefangen, um als Reitpferd "eingebrochen" zu werden.

Lustig ist das Bild der eingeborenen Hausmädchen auf den Farmen, die in ihrer wallenden tracht aus viktorianischer Zeit mit Bügeleisen und Schrubber, mit Besen und Staubsauger munter hantiert und sogar einesn lukullischen Sonntagsbraten aus Kudufleisch bereiten können.

Sonntags ist meist ein wirklicher Ruhe- und Festtag. Fast jede größere Farm hat ihren eigenen Tennisplatz, wo umschichtig große "Turniere" veranstaltet werden. Es macht gar nichts aus, daß die Tennismeister oft stundenlang reiten oder fahren müssen, bis sie erst einmal an Ort und Stelle anlangen. Entfernungen spielen keine Rolle in Südwest! Und man freut sich ja schon die ganze Woche darauf, wieder andere Gesichter zu sehen und die neuesten Ereignisse durchsprechen zu können!

Das Schönste aber sind wohl die großen Jagden hinter dem Fuchsschwanz, die vor allem auf den Farmen in der Umgegend von Windhuk veranstaltet werden. Auch die Südwester Mädels stehen dabei "ihren Mann" und sind meist unter den ersten beim Halali, um den Tropenhelm mit frischen grünen Bruch zu schmücken.

Nun soll man aber nicht etwa denken, daß das Leben der Farmersfrau gar so leicht und einfach ist! Selten nur sind diese Vergnügungen auf den Farmen — und bitter hart und schwer die Arbeit. So weit und schön das Land ist — so endlos die Steppe — und so frei der Mensch in seinem riesigen Lebensraum — um so stärker auch ist die Einsamkeit! Auf den entlegenen Farmen ist das Radio oft wochen-, ja monatelang die einzige Verbindung mit der Außenwelt. Zwar durchkreuzen alle Südwestwer Straßen den Besitz der einzelnen Farmer, aber nur wenige Wanderer und Fremde zu Pferd oder Auto durchziehen das Land und bringen auf kurze Zeit neues Leben in das ewige Gleichmaß des Farmersleben.

Hoch im Norden, fast schon an der grenze zum Ovamboland, wohnt Familie Hartmann auf Farm "Nagusib" als Vorposten deutscher Arbeit. Vater Hartmann war einer der sechs heldenhaften Schutztruppler, die im Jahre 1904 das Fort Namutoni gegen eine Übermacht von mehr als 500 Ovambos verteidigt und — gesiegt haben! Ihn hat das Land dann nicht mehr losgelassen. Aus kleinsten Anfängen baute er seine Farm auf, ganz in der Nähe des alten deutschen Forts. "Ganz in der Nähe" heißt dort oben vielleicht etwa 100 km entfernt auf fast unwegsamer straße, die in der Regenzeit überhaupt unpassierbar wird! Durch dichtes Buschwerk, vom Gras überwachsen, zieht sich der weg. Die nächste "Stadt", die deutsche Mine Tsumeb, ist viele Autostunden entfernt, und bis Windhuk müßte man mehr als eine Tagesreise machen! So muß sich der Farmer seine Freuden und Zerstreuungen auf der farm selbst suchen.

Hier im tropischen Norden, wo es noch Wild in ungezählten Mengen gibt, wo Löwen und Leoparden des nachts in die Herden einbrechen, wo Elefantenherden den Boden zerwühlen und langhalsige Giraffen wie Tiere der Urzeit vorüberschreiten, wo Zebra- und Antilopenherden, Gnus und Springböcke zu Tausenden äsen, hier ist das Eldorado des Jägers. Viele Farmer haben sich auch Jungtiere gezähmt, Kudus und Zebrafohlen, scheue kleine Springböcke und winzige, possierliche "Erdmänchen" spielen um das Farmhaus und werden von den Gästen aus Übersee gebührend bewundert.

Familie Hartmann hat solch ein graziöses junges Kudu, das jeden Morgen seine Milch aus der Flasche bekommt, auf "Häschen" hört und wie ein Hund in Haus und Garten herumläuft.

Weniger friedlich sind die Leoparden, verwundet oder in der Falle sind es mit die gefährlichsten Tiere Südwestafrikas.

Auf einer Farm am Waterberg, bei Friedrich v. Flotow, einem Nachkommen des berühmten Komponisten, erlebte ich das Ende einer dieser Pantherkatzen.
"Mister, ein Leopard sitzt in der Falle!" rief Wilhelm, der Viehboy, eines Morgens ganz aufgeregt. Mitten im dichten Busch hatte er sich in einem schwachen Schakaleisen gefangen, nachdem er die letzten Nächte mehrere Kälbchen geschlagen hatte.

Mit dem Lastwagen fuhren wir bis an die Grenze der felder, marschierten dann noch fast eine Stunde durch Gras und Buschland, Thyras, der große Schäferhund, und Bella, seine kleine Freundin, voraus. Plötzlich wittern die Hunde — stürzen los mit gesenkter Nase, gesträubtem Fell und hellem Laut! Wir nach — Und da saß er auch, die grünen Lichter funkeln böse, die lange Kette der Falle hatte sich um einen kleinen Baum gewickelt, der linke Hinterlauf des Räubers klemmte fest in dem Schakaleisen.

Er knurrt und faucht — fletscht die Zähne, wütend und machtlos, gegen die jaulenden Hunde und die herannahenden Menschen. Als ich ganz nahe an ihn herangehen will, um den schönen, sehnigen Kerl groß zu fotografieren, duckt er sich, reißt alle Kraft zusammen — springt los — doch das Schakaleisen hölt noch! Und im nächsten Augenblick trifft ihn die Kugel!

"Wie kann man nur so leichtsinnig sein! Ein Leopard ist viel gefährlicher als ihr Europäer euch denken könnt!" — Und dann gab es den ganzen Rückweg, während der tote Leopard von den eingeborenen, strahlenden Boys an Stangen zum Auto transportiert wurde, nur ein Thema: die schaurigsten Geschichten von Leoparden, die Reiter zu Pferde angegriffen und zerfleischt hätten — und ähnlich erfreuliche Dinge mehr.

Wir jedenfalls fuhren am nächsten Tage alle zusammen vergnügt und "ungegessen" und "unzerfleischt" nach Windhuk. Viele, viele Stunden lang durch die herrliche Natur des Südwester Landes. Vorbei an den Farmen der "Stehkragenpad" (sie hat diesen Namen bekommen, weil die meisten Farmen an dieser Straße früher im Besitz von "sehr vornehmen" Aristokraten waren) , vorbei an Apfelsinen- und Grapefruithainen, an Termitenhügeln, Kamel- und Kakisdorn, an Karakulherden und Rindern, über sandige, tiefgespurte Straßen, über Hügel und Steppe. Und als die Sonne dunkelrot hinter den Auasbergen unterging, als die hügel des Windhuker Berglandes eine pastelfarbene Tönung überschattete, hielten wir in Windhuk, der Hauptstadt Südwestafrikas, vor dem Hotel "Großherzog".

Dann kam der größte Gegensatz dieses Afrikanerlebens — morgens noch an den Quellen des vielumkämpften Waterberges, mitten im Herzen des einsamen Landes — abends in Windhuk auf einem großstädtischen Ball vom deutschen Frauenverein. Es gab ein Tanzorchseter und kaltes Büffet — spiegelndes Parkett und schöne Frauen im Abendkleid und Herren im Tropenfrack. Aber ein Band einte alle, die im Busch und die in Windhuk: wir alle waren Deutsche, denn Windhuk und ganz Südwest ist heute noch so deutsch wie einstmals, als die deutsche Flagge noch über dem Regierungspalast wehte.

Und eins wissen und glauben sie alle, die Farmer auf äußerstem Vorposten, die Städter und Händler, die Pfadfinder und Schuljugend, daß Südwest, ihre Heimat, auch eine deutsche Heimat ist!

Quelle: Ilse Steinhoff, 1954, von rado jadu 2000

 

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