zurück

Die Diamantenlager von Lüderitzbucht.

Von Dr. Paul Rohrbach


Mit Originalaufnahmen des Verfassers u. A.

Bilder

Kein Ort in Südwestafrika ist augenblicklich in Deutschland so populär wie Lüderitzbucht. Das öde, weltverlassene Gestade der Felsbucht, der die portugiesischen Entdecker im XV. Jahrhundert den Namen Angra Pequena gaben, wurde vor sechsundzwanzig Jahren von dem Mann, dessen Initiative wir den Besitz Südwestafrikas verdanken, zur Basis für seine geplante Aufschließungstätigkeit im Inneren des Namalandes gewählt, weil hier weit und breit der einzige wirklich geschützte Liegeplatz für Schiffe vorhanden war. Im übrigen waren und sind die natürlichen Lebensbedingungen in Lüderitzbucht und Umgegend so wenig günstig wie nur möglich. Trinkwasser mußte für die von Lüderitz gegründete kleine Ansiedlung zu Schiff von Kapstadt gebracht werden; Weide für den Ochsen, die damals das einzige Fortbewegungsmittel für den Waren - und Personentransport bildeten, war nicht vorhanden.

Nichts als nackte Felsen, Sand und hier und da eine dürftige Wüstenpflanze begrüßten den Ankömmling, und zwanzig Jahre lang bestand Lüderitzbucht aus ein paar Holz - und Wellblechhäusern und seine Bevölkerung aus einem oder zwei kaufmännischen Vertretern, einigen Handlungsgehilfen, einem Zoll - und Hafenbeamten und einem Polizeiunteroffizier mit einem oder zwei weißen Untergebenen; außerdem noch ein paar Dutzend Köpfe eingeborenes Personal. Wie anders wäre die Entwicklung des Platzes und der ganzen Kolonie Südwestafrika gewesen, wenn Lüderitz schon damals in dem Wüstensande wenige Stunden landeinwärts von seiner Niederlassung, den er und seine Angestellten zu Pferd oder auf dem Ochsenwagen so oft auf und ab durchmaßen, die Schätze gefunden hätte, nach denen er vergebens von Bethanien bis zur Oranjemündung suchte!

Eisenbahnen, Soldaten, Kapital, Einwanderer, alles wäre von Anfang an für Südwestafrika dagewesen; unser koloniales Interesse und unsere koloniale Entwicklung hätten einen ganz anderen Aufschwung genommen, wenn die Morgengabe für unsere Kolonialpolitik gleich die die Entdeckung der Lüderitzbuchter Diamanten gewesen wäre. Das hat nicht sein sollen. Lüderitz selbst kam, wenige Jahre nachdem er seinen Fuß auf südwestafrikanischen Boden gesetzt hatte, in der Brandung vor der Mündung des Oranjeflusses um, und der von ihm gegründete Ort tauchte erst während des großen Eingeborenenaufstandes 1904 bis 1906 aus seiner Abgeschiedenheit auf, als die großen Militärtransporte von hier aus ins Innere gingen und die Frage einer Eisenbahnverbindung brennend wurde. Erst der Krieg und die Eisenbahn ließen aus Lüderitzbucht etwas wie ein städtisches Gebilde werden.

Wenn der Reisende sich jetzt zur See dem Platze nähert, so erblickt er schon aus der Ferne Häuserkomplexe, die rauchenden Schornsteine des Kondensators, der Süßwasser durch Destillation von Meerwasser schafft, und Seezeichen mancherlei Art. Die Entdeckung der Diamantenfelder hat dann das Aufblühen von Lüderitzbucht weiter in Gang gehalten, wenn auch die eigentümliche monopolistische Politik Dernburgs eine Entwicklung, wie sie z.B. in Kimberley stattgefunden hat, hintan hielt. Natürlich ist vieles, ja das meiste in der Stadt noch unfertig.

Daß Straßenplanum wird hier und da erst in die Klippenzüge, die sich quer durch das Stadtgelände erstrecken, heneingesprengt; Gleise, die für beladene Wagen in dem tiefen Sand erst ein Vorwärtskommen mit rationellem Kräfteaufwand ermöglichen, werden in den Straßen noch gelegt. Der Bahnhof, von dem die Züge nach Keetmanshoop abgehen, besteht eigentlich nur aus einer Signalbude und ein paar Laternen. Trotzdem muß jeder, der Lüderitzbucht vor sechs oder sieben Jahren kennen gelernt hat und es heute wiederseht, bekennen, daß es ganz unwahrscheinliche Fortschritte gemacht hat - alles durch die Diamanten.

Natürlich ist die erste Frage, die jedem begegnet, der heute aus Lüderitzbucht nach hause kommt und die Diamantenfelder besucht hat, die: wieviel Diamanten es drüben eigentlich gäbe und ob die Ausbeute noch lange dauern wird? Um das zu beantworten, ist es vorher nötig, ein Wort über die eigentümliche Natur der verschiedenen Diamantenvorkommen zu sagen.

Der Diamant ist bekanntlich kristallisierter Kohlenstoff und kommt hauptsächlich zusammen mit anderen Mineralien, namentlich Granaten, in dem sogenannten Kimberlit oder Blaugrund vor. Es ist das ein vulkanischer Gestein von bläulicher, mitunter auch gelblicher Farbe, das zuerst 1869 in der nähe von Kimberley in Britischsüdwestafrika entdeckt wurde und röhrenförmige Gänge oder auch tief in das umgebende Gestein hinabreichende Schlote, "Pipes", ausfüllt, deren Mächtigkeit sehr verschieden sein kann. Die großen Pipes oder fälschlich sogenannte Krater in der Nähe von Kimberley und Pretoria haben ein Durchmesser von mehreren hundert Metern; andere Gänge sind bedeutend kleiner. Lange nicht alle Blaugrundstellen führen Diamanten, und mitunter ist der Diamantgehalt des Muttergesteins auch so gering, daß die Ausbeute nicht lohnt.

Der Blaugrund wird entweder im Tagbau oder durch Schacht - und Stollenbetrieb bergmännisch gewonnen. Nachdem er zutage gefördert und verwittert ist, erfolgt die Zerkleinerung des Materials mit Maschinen und die Aussonderung der Diamanten durch einen komplizierten Waschprozeß. Die Größe der im Kimberlit eingeschlossenen Diamanten ist sehr verschieden. Der mächtigste bisher gefundene Stein, der sogenannte Cullinandiamant, wog ungeschliffen über 3000 Karat (0,6 Kilogramm) und war etwa so groß wie eine kleine Faust. Er bildete aber nur ein Trümmerstück eines nicht mehr existierenden Riesenkristalls, der ursprünglich noch vier - oder fünfmal größer gewesen sein muß. Die kleinsten Diamanten dagegen sind Splitterchen von kaum wahrnehmbarer Größe. Ebenso verschieden wie das Gewicht und der Umfang sind auch Farbe und Qualität. Es gibt weiße, gelbe, braune, grünliche und in sehr seltenen Fällen auch blau und rosa gefärbte Diamanten.

Ausgesprochene bunte Exemplare von starkem Feuer bedingen unter Umständen sehr hohe Liebhaberpreise; für gewöhnlich wird aber der reine weiße Diamant mit etwas bläulichem Feuer am höchsten bewertet. Auch ganz schwarze Diamanten kommen vor. Diese und die große Menge der zum Schleifen unbrauchbaren unreinen und trüben Steine werden zu technischen Zwecken verwendet. Ungefähr siebzig Prozent aller vor Entdeckung des südwestafrikanischen Vorkommens geförderten Diamanten gehören in die Kategorie dieser kleinen Steine, von denen mehrere auf ein einziges Karat gehen. Der Gesamtwert der Weltproduktion, die damals fast ganz und gar auf das britische Südafrika entfiel, betrug im Jahre 1908 mehr als 200 Millionen Mark. Diejenigen Diamanten, die vor der Entdeckung der Lagerstätten von Kimberley gefunden wurden, stammten aus Brasilien, Ostindien und in geringer Menge auch von den Sundainseln, aus dem Uralgebirge und aus Australien.

Überall dort hat die Ausbeute aber jetzt unter dem Einfluß der südafrikanischen Produktion, außerdem aber auch wegen Erschöpfung der sonstigen Fundstellen und wegen zu hoher Gewinnungskosten, beinahe aufgehört. Bemerkenswert ist auch, daß sowohl die indische, als auch die brasilianischen Diamanten ganz überwiegend nicht in irgendwelchem Muttergestein festsitzend, sondern lose im Schwemmland früherer oder gegenwärtiger Flußläufe gefunden wurden.

Es waren also sogenannte Alluvialsteine, im Unterschied zu den aus dem Blaugrund selbst gewonnenen südafrikanischen Diamanten. Nur an einer Stelle, am Vaalfluß, nördlich von Kimberley, werden auch in Südafrika Steine in altem Flußschotter, also im Alluvium, gefunden, die sogenannten Riverstones. Diese sind, wie überhaupt die meisten Alluvialsteine, von hervorragender Qualität.

Vergleichen wir nun hiermit das Vorkommen der Diamanten in Südwestafrika, so ergibt sich ein von allen bisher Bekannten gänzlich verschiedenes Bild. Die südwestafrikanischen Steine liegen lose in dem aus Quarzsand und feinem Kies verschiendenster Herkunft, dem sogenannten Gravel, gemischten Gesteinsschutt, der die Oberfläche der Namib bildet, der großen Wüste, die sich an der ganzen südwestafrikanischen Küste entlang zieht. Ursprünglich glaubte man, daß sich die Fundstellen auf die nähere Umgebung von Lüderitzbucht beschränken, aber je weiter die Schürfexpeditionen an der Küste nach Norden und Süden vordrangen, desto mehr diamantenhaltige Partien im Wüstensande wurden entdeckt. Nach dem gegenwärtigen Stande unserer Kenntnisse liegt die südlichste Diamantenfundstelle bei Angras Juntas, nicht sehr weit nördlich von der Mündung des Oranjeflusses, und die nördlichste bei Conceptionbai (Empfängnisbucht), südlich von Walfischbai. Das ist also eine Distanz von über 400 Kilometern. Auf dieser Strecke findet man aber lange nicht überall Diamanten, sondern nur an gewissen Stellen, die südlich von Lüderitzbucht ziemlich nahe beieinander liegen, während sie weiter nach Norden durch lange, leere Zwischenräume getrennt sind. Nirgends aber hat man bisher Diamanten außerhalb des Küstenstriches entdeckt; vielmehr liegen alle Fundpunkte in unmittelbarer Nähe des Meeres, höchstens bis zu 14 oder 15 Kilometer landeinwärts entfernt. Es scheint übrigens, daß die Grenze des mantenvorkommens gegen das Innere zu weniger durch die Entfernung von der See als durch die Erhebung des Festlandes über den Meeresspiegel bedingt wird, eine Beobachtung, die vielleicht geeignet ist, einen wichtigen Fingerzeig für die Beantwortung der Frage nach der Herkunft des ganzen Diamantreichtums zu geben. Bemerkenswert ist ferner, daß die südwestafrikanischen Steine im Durchschnitt nur einen geringen und auffallend gleichmäßigen Größendurchschnitt zeigen. Der größte bisher gefundene Stein wog 17 Karat; außerdem hat man eine Anzahl vom Exemplaren im Gewicht von 8 und 10 Karat gefunden. Steine von 1 bis 3 Karat Rohgewicht sind schon etwas häufiger, aber die Hauptmasse liegt innerhalb der Größenklassen von 4 bis 6 Stück auf das Karat. Darin, sowie in der durchschnittlichen Qualität, zeigt sich eine auffallende Ähnlichkeit mit der früheren brasilianischen Ausbeute. Wie die Diamanten in den Sand der Namib gekommen sind, erscheint zunächst als ein Rätsel, zu dessen Lösung alsbald nach der Entdeckung verschiedene Theorien aufgestellt worden sind. Erst ganz neuerdings scheint es, daß sich der Schleier, der bisher über dem Problem lag, in einer ebenso einfachen wie überraschenden Weise lüften wird. Hiervon noch weiter unten.

Die Geschichte, der Entdeckung der Lüderitzbuchter Diamanten ist bekannt. Im Mai 1908 fand ein aus der Kapkolonie stammender Farbiger, Zacharias Lewala, der als Streckenarbeiter in der Nähe der Station Colmanskop in der Lüderitzbucht-Keetmanshooper Bahnlinie angestellt war, die ersten Steine und zeigte sie seinem Vorgesetzten, dem Bahnmeister Stauch. Dieser stellte alsbald durch Befragung von Sachverständigen fest, daß es sich tatsächlich um Diamanten handelte, und begann in der Stille eine Anzahl von Schürffeldern in der Nähe der Eisenbahn zu belegen. Natürlich blieb seine Tätigkeit in der Lüderitzbucht nicht geheim, aber die Tatsache, daß dort in unmittelbarer Nähe des Platzes Diamanten liegen sollen, an Stellen, über die seit Jahrzehnten der ganze Ochsenwagenverkehr ins Innere, danach die großen Kriegstransporte und schließlich der Eisenbahnbau hinweggegangen waren erschien jedermann so unglaublich, daß die Stauchschen Schürfungen zunächst nur Unglauben und Kopfschütteln hervorriefen. Stauch ließ sich aber nicht beirren, und nach einiger Zeit überzeugte man sich auch anderseits, daß wirklich Diamanten da waren. Nun zog alles, was abkommen konnte, mit Schürfpfählen und Tafeln in dien Wüste. Von dem wahren Umfange der Lager hatte aber noch mehrere Monate nach der ersten Entdeckung niemand eine Ahnung, und die ganze Namib nördlich und südlich von Lüderitzbucht, ein wasserloses und unwirtliches Gelände, in dem Sandstürme und kalte Nebel abwechselnd das Vorwärtskommen erschwerten, war auch für die Lüderitzbuchter ein gänzlich unbekanntes Gebiet. Vom Sommer 1908 bis zum Herbst 1909 stellte nun eine ganze Reihe meist mit großen Schwierigkeiten und Entbehrungen und leider auch nicht ohne Verlust von Menschenleben durchgeführten Expeditionen die Lage und den ungefähren Umfang der diamantführenden Strecken innerhalb des Küstenstriches zwischen der Oranjemündung und der Walfischbai fest. Dabei zeigte sich, daß nirgends Blaugrund oder sonstiges Muttergestein zu finden war, die Diamantfelder also ein sogenannte sekundäre Ablagerungsstätte der Steine bildeten, daß aber trotzdem sehr große Werte vorhanden waren.

Die wichtigsten Fundgebiete liegen, von Süden nach Norden aufgezählt, zunächst bei Angras Juntas, dann am Bogenfelsen, dann der Pomomainsel gegenüber, ferner landeinwärts von der Prinzenbucht und in weitem Umkreise um Lüderitzbucht selbst herum. Damit schließt die Reihe der südlichen Felder. Nördlich von Lüderitzbucht sind Diamanten nachgewiesen bei Anichab und in der Hottentottenbai, bei Spencerbucht, bei Osterkliffs und vor allen Dingen in einem ziemlich ausgedehnten Gebiet südlich der Empfängnisbucht. Das sind die nördlichen Felder, von denen vorläufig nur die Ablagerungen von Empfängnisbucht ihrem Umfange und Wert nach so genau untersucht sind, daß sich eine Abbaugesellschaft wird bilden können. Unter den südlichen Feldern weisen bisher Bogenfels und Pomona die größte Konzentration des Diamantentgehaltes auf. Auch die Felder von Angras Juntas sollen sehr reich sein, aber sie werden, ebenso wie Pomona, wegen eines schwebenden Streits über die Eigentumsrechte noch nicht abgebaut, und es ist in der Öffentlichkeit wenig über sie bekannt geworden. Der Reichtum der Kieslager von Bogenfels ist sehr groß. Weite, durch Sandstürme in der Vorzeit eben geschliffene Felsflächen am Grunde langgezogener Talmulden sind mit einem Gemisch von Sand und feinem Kies, dem obengenannten Gravel, erfüllt, dessen Diamantreichtum enorm ist.

Die Trennung zwischen Sand und Gravel erfolgt auf sehr einfache Weise durch Schüttelsiebe, die von eingeborenen Arbeitern bedient werden. Die Maschenweite dieser Siebe ist eine solche, daß der feine Sand nach unten durchfällt, während das gröbere Korn, eben der Gravel, sich am unteren Ende des schräggestellten Siebes entweder erst in einem Kasten sammelt oder gleich zu kegelförmigen Haufen zusammengeschaufelt wird (siehe Abb.) Vergleicht man diesen einfachen Prozeß mit der kostspieligen und komplizierten Gewinnung des Blaugrundes bei Kimberley, so ergibt sich die Überlegenheit der südwestafrikanischen Produktion nach dieser Richtung hin auf den ersten Blick. In Britisch-Südafrika gilt der Blaugrund, der einige Karatbruchteile auf den Kubikmeter Muttergestein enthält, bereits als abbauwürdig, während der Gravel von Bogenfels 8 bis 10 Karat Diamanten auf den Kubikmeter liefert! Auf der anderen Seite darf freilich nicht vergessen werden, daß alle anderen Bedingungen für die Produktion in Britisch-Südafrika günstiger liegen. Die dortigen Diamantminen befinden sich in einem Kulturlande, wo es Wasser und Nahrungsmittel, Ansiedlungen und Arbeitskräfte in unmittelbarer Nähe gibt. In Südwestafrika befinden wir uns inmitten einer Wüste, wo jeder Tropfen Wasser und alle Nahrung für Menschen und Tiere aus großer Entfernung herangeholt werden müssen. Auf den entferntesten Arbeitsplätzen belaufen sich die Kosten, die für den Liter Süßwasser entstehen, bis auf 50 Pfennige. Kamele, Maultiere und Pferde besorgen den Transport von Lüderitzbucht oder von der nächsten brauchbaren Landungsstelle bis auf die Felder, aber dieselben Tiere müssen ja nicht nur das Wasser, den Proviant, die Maschinen, die zerlegbaren Baracken usw., sondern auch ihr eigenes Futter transportieren. Nirgends in der Wüste ist eine natürliche Basis für die Existenz von Menschen und Tiere vorhanden.

Der abgesiebte Gravel wird in runde Drahtsiebe getan, und diese werden mit der Hand in wasergefüllte Blechwannen geschüttelt. Glücklicherweise kann man hierzu auch Meerwasser oder Brakwasser, wie es die an einzelnen Stellen in der Wüste angelegten Brunnen liefern, verwenden. Die Abbildung zeigt eine Anzahl eingeborener Arbeiter neben den aufgeschütteten Gravelhaufen mit dem Schütteln der Siebe beschäftigt. Durch das ruckweise Schütteln gerät das Drahtnetz in Schwingungen, und die schwersten Bestandteile des Kieses, darunter die Diamanten, werden nach der Mitte zusammegetrieben. Auf einzelnen Betriebsstellen, namentlich bei der Colmanskop-Gesellschaft in unmittelbarer Nähe von Lüderitzbucht, sind einfache Maschinen zum Waschen des diamanthaltigen Gravels in Tätigkeit, um deren Konstruktion sich namentlich der Lüderitzbuchter Bürgermeister Kreplin ein Verdienst erworben hat. Diese Maschinen (siehe Abbildung) liefern ein sogenanntes Konzentrat, das dann gleichfalls in die Siebe und Wannen und von dort auf die Auslesetische gelangt. Eine Maschinenanlage größeren Stils mit Motorbetrieb ist ganz neuerdings von der Deutschen Diamantgesellschaft bei Bogenfels aufgestellt worden.

Hat der Arbeiter sein Sieb genügend im Wasser geschüttelt, so hebt er es heraus und kippt es auf einen rohgezimmerten Tisch vor dem Sortierer um. Der Siebinhalt hat genau die Form und Größe einer runden Torte, in deren Zentrum auf der zu oberst gekehrten Grundfläche das meist dunkel gefärbte, sogenannte "Herz" sich zeigt, die schwersten Gemengeteile des Kieses und unter diesem die Diamanten enthaltend. Es bedarf immerhin eines ziemlich geübten Auges, wie es die Sortierer auf Grund ihrer Tätigkeit besitzen, um die glänzenden Diamantkristalle und Splitter im "Herzen" rasch und sicher zu finden. Sie werden mit einer Pinzette herausgenommen und in eine kleine verschlossene Messingbüchse auf den Arbeitstisch getan. Die Abbildung zeigt im Vordergrund zwei große Haufen Gravel und einige Eingeborene beim Schütteln der Siebe; dahinter zwei Sortierer bei der Arbeit. Vor dem rechststehenden Mann liegt gerade der tortenförmige Inhalt des umgestülpten Siebes. Natürlich findet man lange nicht an allen Arbeitsstellen in jedem Siebe Diamanten; an manchen besonders reichen Plätzen bringt aber auch ein Sieb hinter den anderen nicht nur einen, sondern selbst mehrere Steine.

Von den Diamantfeldern gehört ein Teil, diejenigen, die bis zum September 1908 belegt oder für die bis dahin Schürfrechte erworben waren, eine Anzahl Gesellschaften, unter denen die Koloniale Bergbaugesellschaft, die Colmanskop-Gesellschaft und die Vereinigten Diamantminen-Lüderitzbucht die bedeutendsten sind. Den größten Besitz unter diesen dreien hat die Koloniale Bergbaugesellschaft, die ihre Felder durch die Tätigkeit des Herrn Stauch, des eigentlichen Entdeckers und Erschließers der Diamantenfelder, erwarb. Stauchs Zähigkeit und seinem optimistischen Vertrauen auf den anfangs stark angezweifelten Wert der Felder verdanken wir in der Hauptsache die deutsche Diamantenproduktion. Neben ihm gebührt ein großes Verdienst dem Oberingenieur der Eisenbahnfirma Lenz und Co., Nissen, der in den Anfangsstadien, als niemand Geld an das Risiko der Schürfexpeditionen setzen wollte, mit seinem Barvermögen dem Pionier Stauch, der nicht viel mehr besaß als seine Energie und sein Vertrauen in die Sache, zur Seite stand. Das deutsche Großkapital hat sich in diesem entscheidenden Anfangsstadium der Diamantenfrage trotz wiederholter Bemühungen der Entdecker, eine bescheidene Hilfe zu erhalten, vollständig zurückgehalten und keinen Pfennig gewagt. Erst als gar kein Zweifel mehr daran existierte, daß es sich um Millionenwerte handelte, erfolgte die Sperre des noch nicht belegten diamanthaltigen Gebiets durch den Staatssekretär Dernburg zugunsten der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika, der die Land- und Bergrechte in der Namib gehörten. Über die Bevorzugung der Kolonialgesellschaft und ihrer Tochtergründung, der Deutschen Diamantgesellschaft, d.h. im wesentlichen großkapitalistischer heimischer Kreise, ist dann bekanntlich jener lange Streit entbrannt, der mit einer tiefgreifenden Revision der ursprünglichen Verträge zwischen der Kolonialgesellschaft und dem Fiskus und mit dem Rücktritt Dernburgs, d.h. mit dem politischen und moralischen Siege der Südwestafrikaner, endete. Von dem äußeren Charakter des Diamantengebietes und von dem Leben der dort tätigen Menschen gewähren unsere beiden letzten Bilder eine gewisse Vorstellung.

Das Bild stellt die Baracken und Schuppen beim gegenwärtigen Hauptlager der Colmanskop-Gesellschaft dar, das zweite einen Teil des Betriebes der Kolonialen Bergbaugesellschaft. Wir sehen den vollkommen wüstenhaften Charakter des Terrains: die von Sandmassen zum Teil überschütteteten nackten Felszüge, die kleinen Holzhäuschen, die zur Unterkunft von weißen Angestellten dienen, die Wellblechbaracken der farbigen Arbeiter, die zum Teil aus Ovambos, zum Teil aus sogenannten Kap-Boys (aus der Kapkolonie importierte Leute) bestehen. Im Vordergrund des letzten Bildes dehnt sich eine diamanthaltige Sandfläche in ihrem natürlichen Zustande aus. Auch die Sandwehen, die an den Berghängen in die Höhe steigen, enthalten in der Richtung unter dem Winde mitunter Diamanten.

Erst nachdem wir uns auf diese Weise in den Umrissen ein Gesamtbild der äußeren Verhältnisse des Diamantengebietes verschafft haben, können wir auf die eingangs aufgeworfene Frage zurückkommen, welche Werte, d.h. wieviel Diamanten, annähernd vorhanden sein mögen und, mit der derselben Vorsicht, die bei der Antwort auf die erste Frage nötig ist, einen Hinweis auf die Herkunft unserer Diamanten wagen. Eine genaue Schätzung, wieviel Diamanten in der Wüste bei Lüderitzbucht liegen, bedürfte der Kenntnis von drei Faktoren: 1. Wie groß ist innerhalb des ganzen Küstengebietes der Umfang der einzelnen diamantführenden Striche? 2. Wie groß ist die durchschnittliche Tiefe der diamantführenden Sand- und Kiesablagerungen? 3. Welches ist an den einzelnen Punkten ihr Gehalt an Diamanten? Keine dieser Fragen aber kann vorläufig mit Sicherheit beantwortet werden. Die größte Unsicherheit herrscht bezüglich der zweiten und dritten. Man hat Stellen gefunden, an denen kleine Versuchsschächte und -gräben bis zu sechs Metern Tiefe abgeteuft werden konnten, ohne daß die untere Grenze des nach der Tiefe zu sich immer mehr und mehr verhärtenden und schließlich in einem vollkommenen Gesteinszustand übergehenden Diamantsandes erreicht wurde. An anderen Stellen liegt der Kies so dünn auf der Felsunterlage, daß er nicht mit Schaufeln, sondern mit dem Stahlbesen zusammengekehrt werden kann. Gerade im Pomonagebiet, in dem die stärksten Konzentrationen des Diamantengehalts vorkommen, ist das häufig der Fall. Dort kann man sich aber auch buchstäblich platt in den Sand legen und in einer Viertelstunde auf ganz kleinen Flächen ohne alle Vorkehrungen Diamanten im Werte von Tausenden in die Hand sammeln. Wertvoller als solche enorm angereicherten, aber wenig tiefgründigen Einzelfundplätze sind natürlich die mehrere Meter tiefen, durchschnittlich ärmeren, aber im ganzen viel reicheren Sandflächen, wie sie z.B. die Deutsche Diamant-, die Koloniale Bergbau- und die Colmanskop-Gesellschaft besitzen. Am genauesten untersucht ist bisher das Gebiet der Colmanskop-Gesellschaft. Auf Grund der dort vorgenommenen Stichproben und sonstigen Aufschlüsse wird der Betrag der hier strichweise über einen Gesamtbesitz von 5000 ha verteilten Diamanten auf 4 Millionen Karat (etwa 100 Millionen Mark) angenommen und die voraussichtliche Dauer des Abbaus dieser Menge auf zwanzig bis 30 Jahre. Legt man diese Schätzung, die, wie gesagt, als einigermaßen wahrscheinlich gilt, zur Grundlage, so wird der Mindestgehalt der gesamten bisher bekannten Felder nicht unter 40 bis 50 Millionen Karat (1 Milliarde Mark) betragen. Das würde bedeuten, daß bei einer vernünftigen, d.h. mit der Aufnahmefahigkeit des Weltmarktes rechnenden Produktion die gesamten Lüderitzbuchter Felder im Durchschnitt fünfzehn bis zwanzig Jahre abbaufähig bleiben werden. Manche Autoritäten geben aber noch höhere Schätzungen.

Gegenwärtig beträgt die Jahresproduktion von Lüderitzbucht nahe an eine Million Karat im Werte von rund 25 Millionen Mark. Eine noch viel größere Bedeutung als jetzt würde das Vorkommen von Südwestafrika aber erhalten, wenn es gelingen sollte, die Herkunft der Lüderitzbuchter Diamanten aus einem Muttergestein nachzuweisen, und die Ursprungsstelle im Inneren des Landes aufzufinden. Nachdem man bisher mir allen Vermutungen hierüber fast ganz im Dunkeln getappt hatte, scheint sich des Rätsels Lösung jetzt in großen Lagern alter Flußschotter zu finden, die an verschiedenen Stellen der Küste, namentlich bei Bogenfels, aufgefunden worden sind. Diese Geschiebe sind während einer sogenannten Pluvialperiode, d.h. einer viel regenreicheren Zeit als heute, gegen Ende der Kreide- oder zu Anfang der Tertiärepoche, aus den Innern durch Wassermassen jetzt verschwundener Ströme herabgeführt worden, und in ihnen sollen sich bei Bogenfels Diamanten gefunden haben. Danach darf man also vermuten, daß alle jetzt in der Namib liegenden Diamanten mit jenen alten Flußschottern aus dem Innern gekommen sind. Die Flüsse haben das Geschiebe an ihrer Mündung ins Meer abgesetzt, und die Brandung hat die Schotterbänke bis auf einige erhalten gebliebene Reste wieder zerstört, wobei die Diamanten ausgewaschen und entweder von der See ans Land gespült oder, was wahrscheinlicher ist, durch eine Hebung des Landes um etwas über 100 Meter, wofür eine ganze Reihe von Anzeichen spricht, aufs Trockene gebracht wurden. Danach hat der Wind die weitere Verteilung innerhalb des Küstenstriches übernommen. Wenn diese Hypothese, wie es scheint, richtig ist, so kommt es natürlich alles darauf an, weiter landeinwärts nach Blaugrundstellen zu suchen, und zwar diesseits der Wasserscheide zwischen der atlantischen Küste und der ersten nach innen gerichteten Abdachung des Landes. Dort müssen die einstigen Flüsse der Namib ihren Ursprung genommen, und dort oder auf irgendeinen anderen Punkte ihres Laufs müssen sie diamanthaltige Blaugrundmassen angetroffen und zerstört haben.

Gegenwärtig ist man in Südwestafrika eifrig mit Expeditionen und Nachforschungen in dieser Richtung beschäftigt. Sollte diesen ein glücklicher Erfolg beschieden sein, so würde das Land zweifellos seinem wirtschaftlichen Wert nach auf lange hinaus an die erste Stelle unter unseren deutschen Kolonien treten.

Quelle: Velhagen und Klasings Monatshefte1910/1911, von rado by jadu 2002

 

Bilder

Hier die Bilder zum Anschauen

webmaster