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Eine Dienstreise zu den Kamelreitern in der Kalahari.


Fünf Uhr morgens in Windhuk. Es wird Tag, aber im März, am Ende der heißen Regenzeit kommt die Sonne erst Später. Vor dem Offizierskasino faucht das große Reiseautomobil des Kommandos. Wir wollen zur Besichtigung der Kamelreiterkompanie in die Kalahari hinein. Koffer, Decken, Proviant, Gewehre sind verstaut: in flotter Fahrt gehts durch das reich mit Gartenfrucht angebaute Kleinwindhuker Tal auf der alten Pad nach Osten auf Gobabis los. Die Morgenkühle weicht, der Sonnenball steigt unglaublich schnell zum Zenit empor, die weiten Fernen mit strahlendem Licht vergoldend. Auf der Pad herrscht reger Verkehr: manch schwerbeladener Ochsenwagen überholt unser rasches Gefährt.

Wir sausen durch die endlos vor uns sich dehnende Busch - und Grassteppe, auf der jetzt alles grünt und blüht, vorüber an einsamen Farmen, scheuchen starke Völker von Perlhühnern auf und erschrecken den scheuen Grasbock oder Deuker, den das plötzliche Nahen des Autos überrascht. Mittagsrast an schnell entfachtem Feuer! Es ist heiß und schwül geworden; Fahrer und Fahrzeug sind angestrengt und bedürfen der Erholung im Schatten mächtiger Kameldornbäume. Dann weiter! Dunkles Gewittergewölk steigt auf. Werden wir heute unser Ziel Gobabis noch erreichen? Da hält der Wagen. "Eine Panne", meint achselzuckend der tüchtige Vizefeldwebel J., und 1-1½ Stunde wird die Geschichte dauern". Gerade als wir wieder anfahren, prasselt der Gewitterregen los. Was nützen da Mantel, Decken und Zeltbahn, solch afrikanischer Guß dringt überall durch. Bald fließt und schwimmt alles auf und neben der Pad, die Fahrt wird langsamer. Schon ist es fast Nacht, da erreichen wir Gr.- Witolen und sind froh, auf der Polizeistation Unterschlupf zu finden.

Leuchtend stehen die fernen Bergschroffen im klaren Morgenlicht, als wir weiterfahren. Zur Rechten zeigen sich Strauße, 6, 8 Tiere, Hähne mit schwarzweißem Schwanzstutz, dazwischen unscheinbarer gefärbte, graue Hennen. Mißtrauisch äugen die prächtigen Vögel dem nahenden Auto entgegen, setzen sich erst in langsam wiegenden Trab, um schließlich, kaum 100 Meter seitlich neben uns in rasendem Wettlauf dahinzustürmen. So gehts wohl 2, 3 Kilometer weit. Dann stoppt das Auto im schweren Sand, die Strauße überqueren dicht vor uns den Weg und verschwinden, gleichsam befriedigt von ihrer Rekordleistung, im dichten Busch.

Beim Meldeamt Gobabis ist mancherlei Dienstliches zu erledigen. Nach kurzen Besuch im gastlichen Hause des Bezirksamtmanns rollen wir am Nachmittag weiter, nunmehr nach Süden im Tal des schwarzen Nossob oder auf dem festen Kalkboden seiner Uferränder. Da wo er sich mit dem weißen Nossob vereinigt, auf Farm Aais, bleiben wir zur Nacht, bewillkommt vom Besitzer, einem früheren Schutztruppenoffizier, der sich hier in harter Arbeit eine neue Heimat schuf. Wild prasselt der regen die Nacht hindurch auf das Wellblechdach des Farmhauses.

 

Hier stehen wir an einem Eingangstor in die Kalahari. Gut nutzbare Zugänge in dies weitgedehnte Gebiet gewähren nämlich allein die Flußtäler des Auob und Nossob, die von Norden kommend, die Kalahari durchschneiden und sich fern im Englischem vereinigen. In Urzeiten führten diese gewaltigen Ströme ihr Wasser dem Oranje zu und gruben ihr Bett tief in den Kalkfels hinein. Heute hält nur in der Regenzeit der schilfumkränzte Talweg in schwachem Rinnsal Wasser, das im Unterlauf bald versickert und verdunstet.

Wird unser schwerer Wagen im regendurchweichten Flußbett vorwärts kommen? 10, 15 Kilometer geht es leidlich, aber dann versinken die Achsen rettungslos im Schlamm. Doch wir haben Glück: ein hilfreicher Farmer, dessen Haus vom Kalkrand herunterwinkt, legt seine 20 Ochsen vor. Ein Ruck, die lange Schwipp des farbigen Treibers schwirrt über den Tieren, die sich kraftvoll ins Joch legen, und wir sind auf dem Trockenen. Am frühen Nachmittag erklettert das Auto den steilen Uferhang, der zur Truppenstation Arahoab hinaufführt.

Die Kalahari bietet dem Besucher einzigartige landschaftliche Eindrücke. Auf festem Kalkuntergrund lagern mächtige, 20-50 Meter hohe Dünen schweren, roten Sandes; sie folgen sich, in beinahe nordsüdlicher Richtung verlaufend, zu Hunderten hintereinander wie die Wellen eines erstarrten Meeres, eine haarscharf gerichtet wie die andere. Je weiter nach Osten, um so üppiger wird das Weidegras, um so dichter der Dornbusch, der sich hie und da mit Laubholzbeständen mischt, die östlich des Nossob das Dünenland sich allmählich in eine unregelmäßig gewellte Parklandschaft von überraschender Schönheit wandelt. Aber das Gespenst des Verdurstens lastet über den Dünen: viele, viele Tagesreisen weit kein Tropfen Wasser. Doch die gütige Natur weiß Rat: auf kilometerweiten Flächen gedeiht in der Einöde die Tschamma, eine sehr wasserhaltige wilde Melone, deren Saft dem schweifenden Buschmann und dem Hottentotten genügt, um den brennenden Durst zu löschen. Der weiße Mann allerdings und sein Reitpferd kann so nur kurze Zeit das Leben fristen, ohne Gesundheit und Leistungsfähigkeit einzubüßen.

Als im großen Aufstande die Hottentottenscharen in die Kalahari hinein auswichen, konnten ihnen erfolgreich nur auf Kamelen berittene Truppen zu Leibe gehen, da die Kamele 8 Tage und länger ohne Wasser auszuhalten vermögen. Aus den Kamelreiterverbänden jener Zeit ist die heutige (7.) Kamelreiterkompanie der Schutztruppe hervorgegangen, die an der Ostgrenze treue Wacht hält.

In Arahoab am Nossob, wo wir heute eintrafen, steht ein Zug, etwa 30 Gewehre stark, unter dem Oberleutnant X.; seine Patrouillen streifen Nossababwärts bis zur Grenze und östlich des Flusses, um dem immer regen räuberischen und wildernden Gesindel das Handwerk zu legen. Einfach sind die Behausungen für Offiziere und Reiter, die sie selbst mit eigener Hände Arbeit errichtet haben. Aber stolz weht über der Station die deutsche Flagge ins Nossobtal hinein, das erst weit, weit im Südosten in der klaren Luft dem Blick entschwindet.

Tagsüber nimmt uns der Dienst reichlich in Anspruch; abends aber vereinen uns frohe Stunden im Hause des Postenführers. Er erzählt von manch erfolgreichem Jagdzug: wie er zu Pferde den schlimmsten Räuber des Landes, den Leoparden, mit Hunden hetzt, bis er sich der Büchse stellt. Wertvolle Jagdtrophäen, unter denen auch die Decke des Löwen nicht fehlt, zieren die wände, im Sande spielt ein junger, gefangener Leopard, ein drolliger Bursche, der die scharfen Krallen schon gut zu gebrauchen weiß.

Ein fünftägiger Erkundungsritt im östlichen Grenzgebiet soll uns mit diesem Landstrich und seiner Eigenart vertraut machen. Hoch über dem Erdboden trägt uns in langanhaltendem Trabe das Kamel in das Land hinein, Packkamele folgen mit einfachsten Lebensbedürfnissen; die Wasserration ist knapp, das Waschen müssen wir uns in nächster Zeit abgewöhnen, Fleischkost liefert die Jagd. Die kühlen Morgen - und Abendstunden nützen wir zum Vorwärtsreiten, tagsüber stehen die Kamele in der üppigen Baum - und Grasweide, die Reiter ruhen im Schatten dreitätiger Bäume, spüren nach Wild oder erkunden im Gelände. Ein seltsam erhebendes Gefühl ist es, ohne Weg und Steg 3, 4 Tagesmärsche von letzten Wasserloch entfernt durch die Dünen zu streifen, frei und unabhängig von all den Sorgen, die den Pferdereiter beim Eintritt on solch gefährliche Gegend beschleichen müssen.

In dieser weltfernen Einsamkeit hat sich ein reicher Bestand afrikanischen Großwildes fast unberührt erhalten. In der Frühe, noch vor Sonnenaufgang stehen ganz vertraut große Antilopen, Hartebeest, dicht bei unserem Lager und lassen sich durch die Vorbereitung zum Aufbruch kaum stören. Später war es ein starker Gnubulle, der bei Annäherung der unbekannten Fabeltiere, der Kamele, mit gesenktem Horn über eine im Dünental liegende Pfanne uns entgegensprengte, tapfer wie ein Ritter, um sein hinter ihm äsenden Harem, Kühe und Kälber, zu schützen.

Dann wieder reiten wir in von Wildpfaden durchkreuztem Flußtal entlang, in dem Wild aller Art den salzigen Brandbusch gierig aufnimmt. Hunderte von Springböcken weichen beim Vorwärtsreiten vor uns wie leichte Truppen nach den Seiten zurück, während neue Mengen ins Tal hinabsteigen. Dahinter beobachten Strauße, Gnus (Wildebeest) und Gemsböcke (Oryxantilopen), oft 30, 40 Tiere und mehr, neugierig und doch ängstlich die herantrabenden Kamelreiter. So bot uns die Wildnis täglich und stündlich neu wechselnde Bilder afrikanischen Tierlebens und machte uns diesen Ritt unvergeßlich.

 

Nach kurzer Rast in Arahoab geht es südwärts weiter nach Gochas am Auob, dem Standort der 7. Kompanie, vor dem Aufstande Hauptsitz der Copperhottentotten. 105 schwere Dünen sind zwischen den beiden Flußtälern zu überwinden. Schwerfällig stampft das Kamel im tiefen Sande bergauf, rasch gleitet es vom Kamm abwärts, um das nächste Dünental im Trabe zu durchmessen. "Auf und ab, in der Mitte Trab", so lautet der alte Reiterspruch. Nicht nach Kilometern, nach der Zahl der Dünen berechnet der Reiter die Länge des Weges; Teile der Nacht müssen ausgenutzt werden, um das Marschziel rechtzeitig zu erreichen.

Im fahlen Mondlicht gibt das Kreuz des Südens die Wegerichtung, bis wir uns, in Decken gehüllt, auf blanker Erde zur Ruhe legen. Der weiche Ruf der Eule und das heisere Gebell des Schakals, der nach unserem Aufbruch hungrig den Lagerplatz durchsuchen wird, begleitet uns in den Traum hinüber.

Da, am Morgen, welch fremder Ton in der Wildnis: Klappern, Stampfen und Rammen. Vom nächsten Dünenkamm aus sehen wir eine Bohrkolonne der Regierung in voller Tätigkeit, schon sprudelt das Wasser aus dem Bohrloch hervor. Die ersten Zeichen vordringender Kultur! In zielbewußter Arbeit sind heute zwischen Arahoab und Gochas, bei Stamprietfontein am Auob und abwärts Gochas bis Akanaus an der Einmündung des Elephantenflusses Bohrlöcher durch die Kalkschicht hindurchgetrieben und haben reichlich Wasser erschlossen. Wieviel Jahre noch, und die unermeßlichen Weiten der Kalahari, von denen der Schrecken der Wasserlosigkeit genommen ist, werden dem deutschen Siedler Farm - und Weideland für seine Herden bieten!

In Gochas herrscht reges, militärisches Leben. Wie daheim auf dem Übungsplatze exerziert die Kamelreiterkompanie im Gelände und entfaltet sich sicher und gewandt zum Gefecht. Die Schützen springen zum Feuerkampf von den Kamelen, die sich gehorsam in der Deckung niederlegen; schnell packt der Maschinengewehrzug seine Gewehre von den Tragtieren; weiter rückwärts stehen die Packkamele der großen Staffeln für Munition, Verpflegung und Wasser. Bei Felddienst und Schießen, Unterricht und Exerzieren gehen die Besichtigungstage bald vorüber.

Dann bringt uns das Auto rasch 100 Kilometer Auobaufwärts zum Kamelgestüt Kalkfontein Nord, vorbei an Kalkklippen des Gefechtsfeldes von Großnabas, wo die deutschen Truppen, fast verdurstet nach dreitägigem Kampfe, am 4. Januar 1905 Hendrik Wittboi in wildem Ansturm den Sieg entrissen.

Kalkfontein Nord, im Aufstande ein großer Magazin - und Etappenplatz, liegt an einem der westlichen Zugänge in die Kalahari über dem Auobtal. Unter Leitung eines Veterinäroffiziers ist hier ein Gestüt errichtet, das der Kamelreiterkompanie den nötigen Nachwuchs an Remonten liefern soll. Tagsüber gehen die Tiere in großen Herden auf die Weide, nachts stehen sie in den Kralen unter den prächtigen Kameldornbäumen, die das Gestüt in weitem Kranz umgeben. Die Aufzucht von Remonten, die erst sechsjährig zur Truppe kommen, erfordert große Sorgfalt und viel Arbeit. Die Tiere sind sehr empfindlich, mancherlei Krankheiten unterworfen, ängstlich, mißtrauisch und bei falscher Behandlung auch bösartig. Mit berechtigter Befriedigung erläutert uns der Gestütsleiter die Erfolge der Aufzucht. Abends, wenn die Herden bei sinkender Sonne auf die Station zurückkehren, und früh am morgen, wenn die kleinen Kamelfohlen in possierlichen Bocksprüngen den würdig schreitenden Müttern auf die weide vorauseilen, mustern wir die Bestände.

Noch einmal müssen die braven Ochsen des Gestüts unser Auto ein paar Kilometer durch tiefen Sand schleppen, ehe wir der Kalahari und den einzigartigen Bildern deutschen Soldatenlebens, die sie bietet, Lebewohl sagen. Dann führt uns der weg westwärts über Rietmont, dem einstigen Sitz Hendrik Wittbois, in die weite Senke des Großen Fischflusses zur Bahnstation Gibeon neuen Aufgaben entgegen.



Quelle: Jungdeutschlands Flotten - und Kolonial Kalender 1915, von rado by jadu 2003