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"Kaiser Wilhelm lebe hoch."

 

Deutschlands Kolonie in der Wüste

 


In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte sie alle das Kolonialfieber ergriffen: die Engländer, Franzosen, Italiener und auch die Deutschen. Das 1871 gegründete Kaiserreich war eine der stärksten Mächte in Europa und wollte bei der Verteilung der Erde unter die Europäer nicht abseits stehen. Der alte Bismarck versuchte zwar abzuwiegeln, da er sich von Kolonien nichts versprach, außer Konflikten mit anderen Großmächten, aber gegen die "Lobby" der erwerbshungrigen Kaufleute und selbsternannten Machtpolitiker kam er nicht an.

Der hartnäckige Herr Lüderitz
In Südafrika übernahm der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz die Initiative. Ließe sich nicht zusammen mit den noch unabhängigen Buren eine umfangreiche Kolonie bilden? Dieser Zahn allerdings mußte Herrn Lüderitz gezogen werden, denn da England von der Kapkolonie aus nach Norden vorstoßen wollte, drohte überflüssige Verwicklung. Aber an der Atlantikküste Südafrikas durfte Lüderitz Fuß fassen. am 10. April 1883 landete ein von ihm ausgerüstetes Versorgungsschiff einige hundert Kilometer nördlich der Mündung des Oranjeflusses in den Atlantik, in einer kleinen Bucht.
Na, viel fanden die deutschen da nicht vor: einige Hottentotten, die gerade Robben schlugen. Der Hottentottenhäuptling Joseph Fredericks stellte den Deutschen zur Audienz an seinen Hof (später wurde dieser Ort "Bethanien" genannt) sogar Pferde zur Verfügung, plauderte mit den Herrn sehr freundlich und verkaufte ihnen die Bucht gegen hundert Pfund Sterling und 200 Gewehre. Weitere Landkäufe folgten, und Lüderitz beeilte sich, das erworbene Land zu besichtigen, denn es sollte ja bald Gewinn abwerfen! Aber er fand nichts als Wüste und noch einmal Wüste. Daß in der Erde unter ihm gewaltige Diamantenvorkommen lagen, ahnte er nicht. Lüderitz muß aber ein guter Schauspieler gewesen sein, denn es gelang ihm trotzdem, die Reichsregierung für diese Ecke der Welt zu interessieren. Bismarck gab seinem Herzen einen Stoß und schickte am 24. April 1884 an das deutsche Konsulat in Kapstadt folgende Depeche: "Nach Mitteilung das Herrn Lüderitz zweifeln die Kolonialbehörden, ob seine Erwerbungen nördlich vom Oranjefluß auf deutschen Schutz Anspruch haben. Sie wollen also erklären, daß er und seine Niederlassungen unter dem Schutz des Reiches stehen."

Mittlerweile hatte Lüderitz schon 850 000 Mark ausgegeben, aber nichts als Sand eingekauft.

Es erwies sich, daß nicht einmal der Tauschhandel mit den Eingeborenen gewinnversprechend war. Auf Verbindung mit der Burenrepubliken war nicht mehr zu hoffen, seit England 1885 der Kalahari-Wüste im Osten unter dem Namen "Betschuanaland" besetzt hatte. Ein Trostpflaster aus London gab es allerdings, und das ragt heute noch grotesk in die Landkarte hinein: den sogenannten "Caprivi-Zipfel" als landverbindung zum Sambesi. Man hatte damals fabelhafte Vorstellungen davon, wie ein Hafen am Sambesi wirtschaftliche Verbindungen nach Osten, nach Rhodesien und über Mocambique zum Indischen Ozean schaffen könnte! Aber Sümpfe, mannshohes Elefantengras und ein schwer passierbarer Steppenfluß machten diesen Streifen Land weitgehend unbrauchbar für den Verkehr.

Es mußten doch irgendwo fabelhafte Bodenschätze im Lande liegen? Oder war Lüderitz etwas zu romantisch-abenteuerhaft an den Erwerb Südwestafrikas herangegangen? Auch sein Verschwinden von der Szene war romantisch: von dem inzwischen "Lüderitzbucht" genannten Ort reiste er mit drei Begleitern oranjeaufwärts. Die Expedition setzte die mitgebrachten Bootsteile zusammen, und Lüderitz ruderte mit einem Mitreisenden den Oranje zur Mündung hinunter. Man hörte noch von den beiden, daß sie auf den offenen Atlantik hinauswollten, und das war das letzte Lebenszeichen von Adolf Lüderitz.

Auswanderer und Aufstände
Nun aber kamen die "Pioniere" und einige Verwaltungsbeamte. Bismarck entsandte absichtlich nur drei Mann, darunter den Landgerichtsrat Dr. Heinrich Göring (den vater des "Reichsmarschalls" Hermann Göring). Die Kolonie sollte hauptsächlich privater Initiative überlassen bleiben.
Aber diese sparsame Rechnung ging nicht auf. Dr. Göring kam mit den Eingeborenen in Konflikt, als er ihnen den Kauf von Waffen, Munition und Alkohol verbot und mußte sich nach Walfischbai flüchten, einem englischen Stützpunkt an der Küste. Also mußte Naschub aus Deutschland her: ganze 21 Soldaten unter Hauptmann von Francois, der mit den Eingeborenen, besonders dem Stamm der Hereros, wieder freundliches Einvernehmen herstellte.

1890 gründete er die Hauptstadt Windhuk. Auch Siedler und Kaufleute kamen wieder ins Land, aber es wurden bis zum Ende der deutschen Kolonialherrschaft nicht mehr als 20 000.

Das Land war bei weitem noch nicht gesichert. Hereros und Hottentotten lieferten sich dauernd Scharmützel mit den Kolonialtruppen und hatten, wie die deutschen Offiziere entsetzt feststellen, nicht einmal Respekt vor dem Namen ihres obersten Kriegsherren, des Kaisers im fernen Berlin! Ende 1904 brach der größte Aufstand los: auf die — falsche — Nachricht vom Tod des Gouverneurs hin, massakrierten die Hereros deutsche Farmer und griffen im Bündnis mit den Ovambos aus den Norden des Landes allerorten Militärstationen an. Die Deutschen waren weitaus in der Minderzahl, weshalb der Oberkommandierende auf Verstärkung aus Übersee warten mußte. Als die schließlich ausgeladen waren, zogen sich die Hereros mit Weib, Kind und ihrem gesamten Viehbestand auf den Waterberg bei Otjivarongo zurück. wer verwundet wurde, konnte auf keine medizinische Versorgung rechnen. Wer den Hereros in die Hände fiel, wurde unter greulichen Martern umgebracht. als die Hereros schließlich in die Flucht geschlagen waren, fehlte den deutschen die Kraft sie zu verfolgen.

Der ganze Stamm floh nach Osten. in die Halbwüste des "Sandfeldes" hinein. Mit beginn der Regenzeit drangen deutsche Patrouillen bis zur Grenze von Betschuanaland vor. Was sie dort sahen, ließ ihnen das Blut in den Adern erstarren: ein sterbendes Volk, das in einer Mischung aus Eigensinn und Heldenmut nicht bereit war, vor den verhaßten Weißen die Waffen zu strecken. Bei diesem Aufstand kam mehr als die Hälfte der Hereros um. Sie hatten sich erhoben, weil sie ihr Land verteidigen wollten gegen die Weißen, denn sie brauchten es als Weidegrund für ihr Vieh. Auf deutscher Seite waren knapp 1500 Mann gefallen, ein zehntel des gesamten Kolonialkorps. Noch wehrten sich die Hottentotten bis 1908, dann brach eine Epoche des Friedens und des Wohlstandes für Deutsch-Südwest an.

Diamanten und Ritterburgen
Diamanten wurden bei Lüderitz entdeckt, so daß die Kolonie sich zu lohnen begann. Die Verwaltung war bestrebt, die grausige Aufstände vergessen zu machen und gewährte den Hereros voll Amnestie. Windhuk bekam sein heutiges Aussehen: Zentrum der Stadt ist die "Kaiserstraße", gesäumt von einigen Bauten, an denen mann verblüfft den jugendstil der europäischen Jahrhundertwende erkennt.

Die Innenstadt wird von drei Burgen überragt, denn das Zeitalter Kaiser Wilhelms II. gefiel sich darin, zum Preis der alten Rittersleut' allerorten Burgen zu renovieren und aus dem Boden zu zaubern, in einem Stil, den die damaligen Oberbauräte für mittelalterlich hielten. Die drei Burgen sind täuschend echt, mit Schießscharten, wuchtigen Rundtürmer und niedlichen Butzenscheiben, zwecks deutscher Gemütlichkeit. 350 km südlich von Windhuk baute sich seine Gnaden Herr Baron von Wolf ein perfektes Schloß im urigen Burgherrenstil. Die Innenausstattung war ganz und gar nicht kolonial sondern aristokratisch: da fehlen antike Stühle mit Zarenwappen ebensowenig wie Stiche an der Wand — von der Wiener Hofreitschule.

Neben der Folklore um fast jeden Preis wurde aber auch eine tüchtige Verwaltung gepflegt, die sich um die Anlage von Straßen, Eisenbahnen, Schulen und Krankenhäuser verdient machte. Den ewigen Kämpfen zwischen den Hottentotten und Hereros wurde ein Ende gemacht. Manche kleine Stämme, die zwischen diesen Rivalen blutig hin- und hergeschubst worden waren, konnten nun endlich aufatmen.

Von "Südwest" nach Namibia
Aber das Idyll aus der "guten alten Zeit" dauerte nur kurze 7 Jahre bis 1915. Die englische Regierung versprach den Südafrikanern den Besitz von Deutsch-Südwest, wenn sie auf britischer Seite in den Krieg eintreten würden. Es war ein ungleiches Gefecht: 6000 Mann auf der deutschen Seite, dazu Buren, die sich mit der englischen Besetzung von Transvaal noch nicht abgefunden hatten, gegen 67 000 Südafrikaner.

Am 12. Mai 1915 rückte General Botha in Windhuk ein, am 9. Juli wurde die deutsche Kapitulation unterzeichnet. Von den 20 000 Deutschen wurden nach dem Versailler Frieden 7 000 ausgewiesen, aber viele kehrten wieder zurück. Südafrika übernahm das Land in der Mandatsverwaltung. Heute beträgt der Anteil der Deutschen an der weißen Gesamtbevölkerung nördlich des Oranje 30%.

Man sagt den dortigen Deutschen nach, daß sie ein eigenartiges Nationalgefühl haben, sozusagen ein verpflanztes: nicht das heutige Deutschland sei ihr Vaterland, sondern ein fast noch kaiserliches Südwestafrika.. Sie haben auch ihre sprache behalten, wenn auch mit englischen Einschüben. So gibt etwa ein Parksünder, der eine Geldbuße berappen muß, zu: " ich bin aber lecker gekätscht worden"
(to catch : fangen).
Mit den Buren und Engländern der Kolonie besteht reger Kulturaustausch. Ein Schweizer Reisender, fasziniert von einem reibungslosen Zusammenlaben dreier (weißer) Nationen, versichert, daß das deutsche "Südwesterlied", nach Melodie und Inhalt ein rüstiges Wanderlied, von allen dreien als eine Art "Nationalhymne" angesehen werde. Auch die Eingeborenen lernen oft Deutsch, angeblich, weil diese Sprache viel kräftigere Flüche hat als das Englische oder Afrikaans.

Die Deutschen wissen, daß sie mit den anderen Weißen Südafrikas in einem Boot sitzen, wenn die Zeit der Unabhängigkeit gekommen ist und die überwältigende Mehrheit der Eingeborenen auch Windhuk übernehmen wird. Dann wird "Südwest" ein eigener Staat unter den Namen "Namibia."

Dennoch besteht die Hoffnung, daß der Übergang in die Unabhängigkeit ohne Katastrophe erfolgt.

Quelle: Geschichte mit pfiff, 1981, Sailer Verlag, Nürnberg, von rado jadu 2000


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