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Das gestrandete Schiff

 

Ein 6000 Toonnen großer Dampfer einer deutschen Schiffahrtslinie war mit Proviant, Munition, Waffen und Truppen an der Westküste nördlich Swakopmunds gestrandet, und zwar war das Schiff im Nebel nachts zu nahe an der Küste gekommen und unter ungeheurem Getöse auf einem Felsenriff aufgelaufen.

Es war hohe See, und das Schiff saß in der Mitte fest. Eine Felsenspitze hatte sich im Mittelschiff durchgedrückt, wie sich später herausstellte, und an ein Abkommen war nicht zu denken. Am nächsten Tage waren Schlepper von Swakopmund herbeigerufen worden, die die Mannschaften und Passagiere nach dem 18 Kilometer entfernten Swakopmund brachten. Nur ein kleiner Teil der Fracht konnte in Sicherheit gebracht werden, das Schiff lag im Bereiche der Brandung und die See war selbst bei schönem Wetter an dieser Stelle rauh und ungebärdig. Vor allen Dingen war ein Herankommen an das Schiff, der Felsenriff wegen, nur mit kleinen Booten möglich. Das Schiff mußte also mit seiner sehr wertvollen Ladung, die Millionen repräsentierte, aufgegeben und verkauft werden. Es wurde einschließlich Ladung auf Abbruch versteigert und erbrachte beim Verkauf den Erlös von 15 000 Mark. Der ungewöhnlich niedrige Preis war auf die Unmöglichkeit zurückzuführen, Fracht und Schiffsteile zu bergen. Von der Kommandobrücke des Schiffes bis zum Festlande betrug die Entfernung etwa 350 Meter. Bei Ebbe war die Entfernung noch kleiner kleiner. Eine Gesellschaft von sechs Herren hatte das Schiff gekauft; ich war bei der Versteigerung leider nicht am Platze, verhandelte nun aber mit den Besitzern des Schiffes, um den Abbau zu übernehmen. Zu diesem Zwecke hatte ich mit einige norwegische Seeleute gesichert, die an der Küste für Rechnung meines Freundes fischten. Wir rüsteten ein kleines Ruderboot aus und fuhren an einem schönen Tage zum gestrandeten Schiff, um an Hand der Situation unsere Bedingungen auszuarbeiten. Das Wetter war sehr schön und ich wunderte mich, daß soviel über die Gefährlichkeit des Unternehmens gesprochen wurde. Der Fallreff hing noch an der Backbordseite, nur war es nicht leicht, den richtigen Moment zu erfassen, um auf die Schiffstreppe zu springen, weil das Schiff, wie schon erwähnt, in der Mitte aufgespießt war.

Trotz der ruhigen See wogte der riesige Schiffsleib wie ein Riesenschaukel auf und nieder. Wir waren nicht wenig erstaunt, als wir an Bord des seit Monaten verlassenen Schiffes von drei handfesten, wettergebräunten Männern in Empfang genommen wurden. Der eine hatte eine Axt in der Hand, der andere einen großen Hammer und der dritte stand abseits. Wir begrüßten die Leute höflich, da wir ja nicht wußten, wieviel Mann an Bord waren, und fragten, was sie auf dem Schiff machten. Darauf erklärten sie, sie hätten vorläufig von ihm Besitz ergriffen und brächten in Sicherheit, was ihnen möglich sei. Es waren Gelegenheitsfischer und Seeräuber von Beruf, wie man sie an allen Küsten der Welt hat. Sie hatten sich im Offizierskasino des Schiffes wohnlich eingerichtet und schon geborgene Ladung gestapelt, Konserven, Schokolade, Schnaps, Wein usw. Einer von den neuen Schiffseigentümern befand sich in meiner Gesellschaft, aber er beanstandete dies alles nicht; er verkehrte vielmehr in aller Freundlichkeit mit den Männern, und sie waren ebenfalls höflich und entgegenkommend. Die Piraten hatten sich aus Langholz ein Floß gebaut und brachten damit bei schönem Wetter Waren an Land und vergruben sie im Sande einige hundert Meter Landeinwärts. Den einen nahm ich zur Seite und erklärte ihm meine Absicht und fragte um seinen Rat; er erklärte mir: "Das Schiff hat ungeheuerlich wertvolle Ladung, aber manchmal ist es sehr unangenehm, an Bord zu sein, und die Ladung ist kolossal gefährlich. Uns wird beinahe jedes Floß in der Brandung umgeworfen, und nur weil wir sehr gute Schwimmer sind, kommen wir dabei nicht um." Der Tag ging unter allerhand Orientierungen zur Neige, und ein schwerer Südweststurm setzte ein.

Wir richteten uns eine Kabine in der ersten Klasse ein, die Wellen schlugen über das Schiff, die Laderäume füllten sich infolge der Flut voll Wasser. Rattenschwärme zu Tausenden suchten in den oberen Räumen des Schiffes Schutz. Das Schiff rollte, als läge es frei in hoher, offener See, nur das Krachen und Mahlen der Felsen, die sich nach dem Maschinenraum durchgedrückt hatten, wies immer wieder auf die Tatsache der Strandung hin. Es war ein Höllenkonzert in dieser Nacht. Ich hatte das Gefühl, das Schiff müßte auseinanderbrechen; mein Bekannter, der Seeräuber, meinte auch: "Lange kann das Schiff nicht aushalten." Um mir das bei dem betäubenden Lärm verständlich zu machen, brüllte er mir in die Ohren. Mit zunehmender Flut wurden die Sturzwellen über Deck immer häufiger, das Schlimmste aber war die Rattenplage. Ich habe es gar nicht für möglich gehalten, daß so viele Ratten auf einem Schiff hausen können. Es war eine schreckliche Nacht, und doch schlief ich ein. Am anderen Morgen ließ die See etwas nach, aber an ein Abrudern war noch nicht zu denken; erstens stampfte das Schiff noch zu stark, und dann war auch die See für unser kleines Boot noch zu rauh. Wir hatten uns für einen Tag ausgerüstet und fanden glücklicherweise Süßwasser an Bord. Es war schon etwas schlecht, aber im abgekochten Zustand noch genießbar.

Ich ging in die Bäckerei des Schiffes, die noch betriebsfähig war; Fässer voll Mehl standen darin, eine Kiste mit Büchsenbutter, sogar Backpulver und Getreidepreßhefe in Büchsen war vorhanden. Ich habe einen großen Kuchen gebacken; mit butter und Zucker brauchte ich nicht zu sparen, und da die Piraten uns ein Quantum Kaffee zur Verfügung gestellt hatten, so war für unser leibliches Wohl aufs beste gesorgt. Verhungern und Verdursten konnten wir also nicht mehr. Mir gefiel es in der bäckerei recht gut; den draußen war rauher Wasserbetrieb, bei mir aber mollige Wärme. Meine neue Bekanntschaft bat mich, ja aufzupassen, daß keine Ratte in die bäckerei kämen, da es sonst den Vorräten schlecht erginge. Dann erklärte er mir: "Wenn Sie Fleisch essen wollen, können Sie Enten haben, die wir immer nachts auf dem heck des Schiffes oder der Kommandobrücke fangen, sie schmecken tadellos, wenn man ihnen den Balg abzieht." Am Abend ging ich mit meinem Bekannten auf Deck, und zwar auf die Kommandobrücke, weil da die Sturzwellen etwas bescheidener waren. Wir hatten eine große Schlafdecke bei uns. Auf der Kommandobrücke saßen Hunderte von Enten zusammengedrängt, über die ich meine Decke auswarf. Die Vögel, ratlos in der Dunkelheit, schrien und hackten um sich herum, und als ich meinen Fang zusammenraffte, haben mich noch einige an den Händen verletzt. 15 Enten zog ich in meiner in die Bäckerei, um den Vögeln den Kopf abzuhacken und sie auszunehmen. Diese schwarze Ente nennt man auch "Stinkente", weil sie als ungenießbar gilt; sie riecht und schmeckt stark nach Tran, sollte aber nach dem Rezept meines Ratgebers ausgezeichnet munden. Ich zog also den Enten den Balg vollständig ab, wusch die Vögel noch einmal gründlich, steckte sie in einen großen Topf, briet sie mit etwas Wasser an und ließ sie unter Zusatz von Gewürz und 2 Kilo Butter im Backofen schmoren.

Als ich am andern Morgen meine Enten anbrachte, behaupteten alle, der Geschmack wäre einwandfrei. Tatsächlich war von Tran nichts zu schmecken: der üble Geschmack und Geruch sitzt also in der Haut. So lebten wir nun 3 Tage an Bord, bis uns endlich das Wetter erlaubte, abzurudern. Als wir eine Stunde auf See waren, fiel plötzlich dicker Nebel und die See wurde wieder rauh. Wir erwogen den Plan, durch die Brandung aufs Land zu stoßen, aber unser Bootführer meinte: "Wir müssen etwas mehr von der Küste abhalten, um aus dem Bereich der Brandung herauszukommen, sonst werden wir Unglück haben; ein Landen können wir unter gar keinen Umständen riskieren." Dabei hielten wir zu weit von der Küste ab und verfuhren uns, und da wir keinen Kompaß bei uns hatten, versprach die Sache lieblich zu werden. Wir haben abwechselnd gerudert: ich hatte nach 6 Stunden keine heile Stelle in den Handflächen mehr und trotz aller Anstrengung konnten wir kein Land finden. Nun lauschten wir aufmerksam nach dem Rauschen der Brandung, hörten aber nichts mehr. Es war ein unverantwortlicher Leichtsinn, ohne Kompaß, auch wenn es nur an der Küste war, in See zu gehen. Wir waren mit Tagesgrauen abgerudert und nach meiner Uhr war es 4 Uhr nachmittags: wir hatten kein Land und immer noch dichten Nebel.

Gott sei Dank brach die Sonne endlich durch; wäre die Sonne nicht gekommen, hätte die See das Boot umgeworfen. In der Ferne sahen wir Land und entdeckten, daß wir Kurs in der Richtung nach Südamerika mit unserer Nußschale hatten; Swakopmund hatten wir längst überholt. Nun hielten wir direkt auf Land zu, fuhren dann vom Walfischbai-Gebiet zurück nach Swakopmund und landeten endlich im dortigen Hafen. Den Seeleuten habe ich meine Komplimente gemacht über ihren Leichtsinn, und sie mußten es sich gefallen lassen. Ich war froh, als ich wieder an Land war. Das Schiff hat nicht viel Glück gebracht. Die See verschlag die halbe Ladung, einer hat dabei sein Leben gelassen, und es dauerte sehr lange, ehe ein Teil der Fracht geborgen war. Später brach das Schiff entzwei und verschwand in den Fluten. Pläne zur Bergung der Schiffschraube hatten wir zwar erwogen, aber es war keine Möglichkeit, das schwere wertvolle Metall zu retten. Wir hatten den Plan, die Schraube mit einem Drahtseil anzuseilen und dann an Land 60 — 100 Ochsen vorzuspannen, und so die Schraube ans Land zu ziehen; es war uns jedoch nicht möglich, sie vom Schiffe zu trennen.

Quelle: 18 Jahre Farmer in Afrika, Otto Reiner, Paul List Verlag, 1924,von rado jadu 2000.

 

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