zurück

Der Dualismus der Hererogesellschaft

Die Herero sind ein bantuides Volk mit äthiopiden, ja mit europiden Einschlägen mediterraner Gruppen. Sie besitzen eine typische Hirtenkultur ohne Ackerbau. Im Gehöft wird das für manche Viehzüchter heilige Feuer unterhalten. Rinder sind der wertvollste Besitz. Die Kleidung bestand früher nur aus Leder. Der Häuptling wird als «lebender Ahne» geehrt und nach seinem Ableben in der Haut des «heiligen Bullen» bestattet. Seine älteste Tochter hütet das heilige Feuer des Stammes. Seine politische Macht ist gering, weil ihm ein Rat der Vornehmen und ein Kriegshauptmann gegenüberstehen. Daran hat sich auch seit der Befriedung der Herero nichts geändert.

Einzigartig ist die Sozialordnung dieses Volkes. Jeder Herero gehört gleichzeitig einem patrilinearen Oruzo-Klan und einem matrilinearen Eanda-Klan an. Beide Gruppen unterteilen sich in zahlreiche totemistische Untergruppen. Beim Oruzo liegt die Bedeutung wesentlich im geistig-religiösen Bereich, beim Eanda im profan-sozialen. Die Oruzoeinheiten sind stets lokal begrenzt, und sie vererben die Häuptlingswürde, die ihrem Charakter nach mehr religiös ist - der Häuptling als auf Erden wandelnder Ahnherr - als politisch. Da die Ehe grundsätzlich patrilokal ist, tritt die Frau in den Oruzo des Mannes ein, bleibt aber zugleich auch Mitglied ihres Eanda. Die Totems der Oruzounterklane sind sämtlich Rindertotems, bis auf wenige, die sich in Jagdtieren manifestieren. Beide Klangruppen sind exogam, d. h., man muß seinen Ehepartner außerhalb der eigenen Gruppe suchen. Im Erbrecht wird der Besitz von Mann und Frau getrennt behandelt. Das Erbe vom Vater bleibt in der Oruzogruppe, das der Mutter - dies können auch Rinderherden sein - in ihrem Eandaklan. Die Knabenbeschneidung wurde immer zusammen an allen Gleichaltrigen eines Oruzo durchgeführt. Dabei wurden früher den Initianden die beiden oberen und die vier unteren Schneidezähne ausgefeilt oder ausgeschlagen. Dadurch sollten sie dem heiligen Stier der Siedlungsgemeinschaft ähnlich werden.

In der Religion der Herero wird an erster Stelle der göttliche Ahnherr Mukura verehrt, dessen Repräsentant der Häuptling ist. Erst an zweiter Stelle steht der Himmelsgott Ndjambi-Korunga, der sich aus dem auch bei vielen anderen Völkern im nördlichen Kongogebiet verehrten Hochgott Nyambi und dem alten Erdgott der mutterrechtlichen Völker Angolas gebildet hat. Der Heroen- und Ahnenkult mit seinen Ahnenhütten und dem heiligen Feuer gleicht den Grundzügen des Geisteslebens der Obernilvölker. Das Besondere am Brauchtum der Herero ist, daß sich zwar offenbar uralte mutterrechtliche und pflanzerische Kulturelemente mit solchen des vaterrechtlich-viehzüchterischen Kulturkreises verbanden, daß diese aber nicht miteinander verschmolzen, wie das sonst überall im östlichen, südöstlichen und südlichen Afrika der Fall ist, sondern daß beide Kultur- und Geistesbereiche nebeneinander weiterbestehen.

Webmaster