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Die Vergeltung

Afrikanische Skizze von Walter Heise, Hamburg.

"Lieber Egloffstein," sagte ich, "Sie sind ein famoser Kamerad, aber daß Sie nun mal immer mit Ihren Worten so herausplatzen .... Wette, Wellmann hat es gehört."
"Meinen Sie?" antwortete Egloffstein. "Das sollte mir sehr leid tun. Beleidigen habe ich ihn nicht wollen. Aber recht habe ich trotzdem, nicht war, Dahlen?"
"Daß Sie von Wellmann vorhin als von dem "Zeitungsschreiber" so verächtlich sprachen, war meiner Ansicht nach ungerecht," entgegnete dieser bestimmt.
"Nun erklären Sie sich auch gegen mich!" sagte Egloffstein etwas ärgerlich. Auf Dahlens Ansicht pflegte er sonst viel zu geben.
"Ich habe ja nichts dagegen," suchte er sich dann zu entschuldigen, "der Amerikaner ist ein ganz lieber Kerl, und an sich werfe ich ihm seinen Beruf als Kriegskorrespondent ja nicht vor. Aber wir unterhielten uns doch eben über den persönlichen Mut und da muß ich doch bei meiner Meinung bleiben."
"Er tut seine Pflicht, wie wir die unsrige," warf Dahlen ein.
"Bleiben wir doch beim Thema, Kinder —"
"Er schreibt mitten im Kugelregen seine Berichte," fuhr Dahlen, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, fort.
"Zugegeben. Alles zugegeben. Aber den Mut, den der Soldat besitzt, den man beim Angriff hat, den aktiven Mut, wenn ich so sagen soll, den hat er wohl kaum. — "Braucht ihn auch nicht zu haben," wollen sie sagen, persönlichen Mut und da muß ich schon bei meiner Meinung bleiben. Nicht wahr? Übrigens ist das alles Theorie. Aber darum keine Feindschaft nicht."
"Mit uns nicht," sagte ich. "Aber ob Wellmann" — —
"Kotau mache ich nicht. Und bös hab ichs nicht gemeint."
"Darum Schluß der Debatte," lenkte ich ein. "Doch ich soll in zehn Minuten beim Alten sein. Adieu solange!"

Die beiden Kameraden blieben vor ihrem Zelte sitzen, während ich nachdenklich davonschritt. Da hörte ich Pferdegetrappel hinter mir, dann den Anruf der Posten, und ein Reiter trabte ins Lager. Es war ein Schutztruppler, das sah man an dem zähen, ausgedörrten Gesicht. Er sprang ab und ließ sich direkt zum "Alten" führen.

Wellmann saß auf einem Erdhügel und machte Notizen.
"Nun, mein lieber Wellmann, wieder viel zu berichten?" fragte ich ihn.
"Es hat sich in den letzten Tagen fast nichts ereignet, aber ich denke, daß es bald Arbeit gibt," antwortete er.
"Sie meinen — ?"
"Nun, der Reiter soeben kam direkt vom General X. Und ich würde mich wundern, wenn der Marschbefehl lange auf sich warten ließe."
"Was Sie nicht alles Wissen — — "
"Nun, ein "Zeitungsschreiber" ist doch dazu da," entgegnete er ein wenig bitter und sah mich fest an.
Wahrhaftig, er brachte mich in Verlegenheit. Er hatte es also im Vorbeigehen doch gehört.
"Leutnant Egloffstein hat es nicht bös gemeint," wollte ich begütigen.

"Ich will Ihnen was sagen, Herr Leutnant," antwortete er. "Mein Vater hat früher einmal gesagt: "Junge, laß dir nichts gefallen. Und wenn dir einer zu nahe kommt, so wehre dich!" Mein Vater ist von guter deutscher Art, Herr Leutnant. Drüben in Arkansas gibts nicht viele seinesgleichen. Und ich habe so gehandelt, wie er es mir sagte. In den Vereinigten Staaten ließ ich mich nicht beleidigen und in Afrika habe ich dazu keine Lust."

Der kleine Mann mit dem glattrasierten Gesicht blickte so energisch und zornig drein, daß ich mich in meiner Rolle als Verteidiger ex officio recht unsicher fühlte. Noch einmal wiederholte ich, daß Leutnant Egloffstein ihn gewiß nicht kränken wollte, und suchte ihn dann schnell durch die Frage abzuleiten: "Also Ihre Mutter ist keine Deutsche?"
"Anglo-Amerikanerin. Aber mein Vater sprach mit mir fast nur deutsch. Und als der Aufstand losbrach, kam mir dies gut zustatten. Ich schlug dem "Herald" vor, mich 'rüberzuschicken. Und dann "kämpfe" ich, wenn ich so sagen darf, als halber Deutscher ja auch für die schwrz-weiß-rote Flagge. Meinen Sie nicht?"
"Und ob Sie es tun," antwortete ich ihm, der wie ein rechter Sohn Germaniens Zorn und Haß vergaß, wenn nur der richtige Mentor ihn leitete. — Mein lieber Egloffstein hätte sich doch vorsehen sollen! — —

Wellmanns Vermutung hatte nicht getrogen. Auf den nächsten Vormittag wurde der Weitermarsch festgesetzt.
Es kam uns doch etwas hart an, nach mehrtägiger Rast an der Wasserstelle wieder in der Sonnenglut weiter zu ziehen. Aber es ging an den Feind. Und wir brannten darauf, den Heimtückischen wieder zu stellen. Ein langer Zug war es diesmal. Zwei Maschinengewehre waren zu uns geschickt und außer unseren fünf Ochsenwagen befanden sich noch vierzig bepackte Maulesel im Troß. Die aus Argentinien mitgenommenen Arrieros trieben mit Stockschlägen und einem "Arre, Holgazan!" (Vorwärts, du Faulpelz) ihre Lieblinge an, die häufig Lust verspüren, im Stehen eine kleine Siesta abzuhalten.
Wellmann ritt bald an der Spitze, bald sah man ihn bei den Kapwagen.

Drei Stunden waren wir wohl schon im Sattel, da wurde halt gemacht. Der "Alte" besprach sich mit dem Schutztruppler und fragte ihn wiederholt, ob er auch den richtigen Weg wisse. Die Spitze hatte gemeldet, daß man Herero vor sich glaube. Der "Alte" entschied sich, vorzurücken. Denn die Felsenge, in der wir uns jetzt befanden, war für uns doch ein gar zu ungünstiges Verteidigungsterrain. Den Talkessel mußten wir auf jeden Fall zu erreichen suchen, um uns ausbreiten zu können.
Die heißen Felswände strahlten die glühende Hitze zurück. Und eine Wolke feinen Staubes flog auf und trübte uns den Blick, als wir im Galopp die Talmulde durchritten.

"Gottlob! Nun hat man doch Bewegungsfreiheit," sagte Dahlen, der sich bei mir vorbeischob. Da fielen in rascher Aufeinanderfolge vor uns etwa dreißig Schüsse. Ich sah acht Mann fallen und ein Pferd sich aufbäumen und sich überschlagen. Dann befand ich mich auch schon im Talkessel. Ich hörte den "Alten" kommandieren und gab das Kommando weiter. Sogleich sah ich aber ein, daß jeder auf sich selbst gestellt war. Zwei Salven konnte ich noch kommandieren, dann kämpfte jeder Mann gegen Mann. Leider boten wir ein nur zu gutes Ziel, und die Verwirrung war zuerst allgemein. Doch wir fanden bald unsere Kaltblütigkeit wieder. Wir schossen sicherer und bekamen Luft. Dahlen warf sich mit seinen Leuten vor und gewann Fühlung mit meiner Abteilung. So, jetzt standen wir. Hinter uns brüllten die Ochsen und schrien die Maultiere.
"Vorwärts," rief da Dahlen, "Egloffstein kann sich nicht mehr halten."
Gemeinsam suchten wir vorzustoßen. Wir konnten nicht gegen den Keil an, der sich jetzt zwischen uns schob.
Aus nächster Nähe schossen die schwarzgelben Teufel mit tödlicher Sicherheit.

Von rechts her suchte der "Alte" loszukommen. Vergeblich. Wir waren wieder in die Verteidigungsstellung zurückgedrängt. Das eine Maschinengewehr versuchte uns einmal Luft zu machen. Aber es stellte gleich wieder sein Feuer ein, da die hin und her schiebenden Massen von Freund und Feind ein sicheres Zielen unmöglich machten.

Da sah ich, wie der "Alte" winkte. Wir schoben uns noch einmal vor, wobei uns die Beine zwischen den Pferden fast zerquetscht wurden. Eine kleine Lücke war an der rechten Seite entstanden. Das Maschinengewehr spielte, und eine dunkle Masse sauste in die Lücke, durchbrach die erste Reihe der Herero und schob sich stampfend und schreiend in die Richtung von Egloffstein. Die Herero wandten sich jetzt gegen den neuen Feind. "Die Maulesel," durchschoß es mein Hirn. Aber ich konnte nicht weiterdenken; denn drüben schien die Menschenwand, die zwischen uns und Egloffstein hin und her wogte, zu wanken. Noch eine Salve fiel. Und durch den nördlichsten Kesseleingang drängten sich die Herero. Schuß fiel auf Schuß. Aber wir waren so erschöpft, daß wir an eine Verfolgung nicht denken konnten. Wir hatten wieder Fühlung miteinander. Und wir wandten uns den Rettern in der Not, den Mauleseln zu. Manches arme Langohr lag tot oder verwundet am Boden.

Fast zu gleicher Zeit standen Egloffstein und ich vor des Rätsels Lösung. "Wellmann," riefen wir wie aus einem Munde.
Auf einem Meister Langohr saß Wellmann, ohne Hut, das Gesicht von Schweiß und Schmutz bedeckt. Er war außer Luft und Atem. Aber seine Augen leuchteten. Weiter sahen wir, daß sämtliche Halfter der Tiere miteinander verknüpft waren. Und wir begriffen alles. Der Brave hatte sich beim Überfall hinten bei den Maultieren befunden. Und als er unsere kritische Lage erkannt, hatte er mit Hilfe der Arrieros schnell die Maulesel zusammengekoppelt und den Ritt, der für ihn leicht ein Todesritt hätte werden können, unternommen. Es war nicht zu leugnen, diese, einer plötzlichen Eingebung Wellmanns entsprungene Idee hatte uns aus der Patsche geholfen.

Egloffstein drückte dem Kriegskorrespondenten die Hand. Und auch der "Alte" kam hinzu und lobte die Bravourleistung.
Wellmann wehrte bescheiden ab und meinte: "Die Sache war schließlich nicht so schlimm für einen ehemaligen Rough Rider."
"Was sagen Sie da?" fragte Dahlen, "Sie sind ein ehemaliger Rough Rider?"
"Gewiß, habe seinerzeit unter Roosevelt den Ritt von Santiago de Cuba mitgemacht," lachte Wellmann.
"Und das sagen Sie erst heute," sagte Egloffstein fast vorwurfsvoll, "Sie sind doch ein — —"
"Zeitungsschreiber," vollendete Wellmann lachend.
"Verzeihen Sie mir," sagte Egloffstein und reichte ihm noch einmal die Hand, die Wellmann kräftig schüttelte. "Kriegsgefährten tragen einander nichts nach," antwortete er schlicht.

"Aber die Leser des "Herald" werden Augen machen über Ihren Maultierritt," meinte Dahlen.
"Wohl kaum;" antwortete Wellmann ruhig, "da sie ja nichts davon erfahren werden. Hier ist die Depesche," und er reichte uns ein mit Bleistift beschriebenes Blatt Papier.
Dahlen las halblaut:
"Herero attacked Germans. Gallant victory. Battle won especially by heroic resistance of Lieutnant Egloffstein. —
Wellmann."*)

Und wo steht denn die Sache mit Ihrem Maultierritt?" fragte Egloffstein.
"Das Wort nach New York kostet mindestens einen Dollar. Und in Privatangelegenheiten darf ich keine Depeschenspesen machen," antwortete Wellmann und sah aus, als ob dies die selbstverständlichste Sache von der Welt wäre.

* "Herero durch Deutsche angegriffen. Glänzender Sieg, Schlacht wurde hauptsächlich gewonnen durch den heldenhaften Widerstand von Leutnant E. — Wellmann." Original !!!

Richtigerweise sollte es "Deutsche durch Herero" angegriffen....heißen. d.red.

Quelle: Süssenrotts illustrierter Kolonial-Kalender 1912, von rado jadu 2000.

 

 

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