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Die Wünschelrute

Humoreske von Walter Heise, Hamburg.

"Ja, Herr Schröder," sagte der Farmer, "dagegen, daß meine Erna Ihre Frau wird, wäre am Ende nichts einzuwenden. Sie haben sich beide lieb, und ich glaube auch, daß Sie ein braver Kerl sind. Aber — — "
"Aber?" fragte der Ingenieur.
"Herr Schröder," fuhr der Farmer fort, "die Zeiten sind jetzt schwer. Und das Mädel soll mit Ihnen nach Deutschland, also etliche Meilen von ihrem Vater fort. Vermögen haben Sie nicht, und die Mitgift, die ich meiner Tochter vorderhand geben kann, ist auch nicht gerade groß. Darum möchte ich — um es gerade herauszusagen — gerne wissen, ob Sie, wie man zu sagen pflegt, ein Mann sind, der nicht auf den Kopf gefallen ist. Ich denke, Sie verstehen mich."
"Nicht ganz," antwortete Schröder etwas kleinlaut.
"Mein lieber, Sie müssen es mir nicht übelnehmen," begütigte der Farmer. "Aber Ihre sogenannten Zeugnisse imponieren mir gar nicht. Hier in Afrika heißt es: "Zeige was du kannst. Alles andere gilt nicht."
"Herr Jensen," meinte Schröder, "Sie haben am Ende recht. Aber wie soll ich Ihnen den beweisen — — ?"

"Mein Lieber," sagte der Farmer, und Schröder schien es, als wenn der Alte eine Art Schmunzeln, wie es die Bauern zur Schau tragen, wenn sie ein gutes Geschäft gemacht haben, nur mit Mühe verbergen konnte., "Sie sind nun glücklich einige Monate mit Herrn Uslar im Lande umhergereist. Sie haben mit Ihrer Wünschelrute nach Wasser gesucht und," er schmunzelte vor sich hin, "auch manchmal etwas gefunden. Wie wäre es nun, mein Lieber, wenn Sie auf meinem Grund und Boden mal ein bißchen herumsuchten? Wenn Sie etwas finden — nun, dann sollen Sie meine Tochter haben." Schröder dachte einen Augenblick nach. An die Kraft der Wünschelrute glaubte er keineswegs mehr so sicher. Und dann hatte der Alte wohl einen besonderen Grund, ihn hier nach Wasser suchen zu lassen. Die Vegetation sah nicht darnach aus, als ob reichlich Wasser vorhanden war. Also sollte er dem Farmer sagen, daß er sich dieser Probe nicht unterziehen könne? Nein! Dem Mutigen und auf sich selbst Vertrauenden hatte noch immer das Glück geholfen. Und so sagte er denn: "Abgemacht. Das Wort soll gelten!"

"Einverstanden," lachte der Farmer, "und morgen wollen wir ans Werk gehen. Es sollte mich freuen, Sie zum Schwiegersohn zu bekommen. Aber die Praxis ist das Wichtigste. Das müssen Sie doch einsehen. Leben Sie wohl. Auf morgen!"
Er schüttelte dem Ingenieur die Hand und ließ ihn allein.
"Das sind ja schöne Aussichten," dachte Schröder, "aber ich glaube doch, daß meine Erna, die die Örtlichkeit genau kennt, hier am besten helfen kann."
Nach dem Abendessen erzählte er ihr von der ihm auferlegten eigenartigen Liebesprobe. Sein Bräutchen schien gar nicht so hoffnungsvoll. "Vater weiß doch am besten, das hier wenig Wasser ist. Wenn nicht der Kanal von der Creek wäre, hätten wir überhaupt nichts" erklärte sie traurig.
"Dann wäre auch alles Bohren zwecklos?"
"Sicherlich!"
"Nun, dann muß ich wohl auf deine Hand verzichten," sagte er ruhig und sah sie fest an.
"Karl, du wirst mich doch nicht verlassen," rief sie.
"Närrchen! Wie kannst du dir so etwas nur denken?" lachte er. "Aber ich habe einen Plan. Merk auf! Auf einen Schelm anderthalben. Dein Vater weiß, daß hier kein Wasser ist, und trotzdem läßt er mich darnach suchen. Gut, er soll welches finden."
"Wird der Vater auch nicht schelten, wenn du ihm etwas — vormachst? Denn das willst du, Karl, ich errate es." Sie guckte ihn ängstlich an.
"Du ahnungsvoller Engel du," lachte Schröder, "das mag schon stimmen. Aber befinde ich mich nicht in Notwehr? Und um mir den Rücken zu decken, will ich es gleich zu Papier bringen, daß ich keinen Betrug beabsichtigt habe, sondern nur eine Kriegslist anzuwenden gezwungen war." Und er schrieb einige Zeilen auf. Das Papier tat er in ein Schubfach.

Im Dunkel der Nacht waren die beiden Liebenden am Werk, still und geheimnisvoll in ein mit Mühe gegrabenes Loch eine große, mit Wasser gefüllte Tonne zu versenken.
Sie ebneten sorgfältig das Terrain und schlichen dann schnell ins Haus zurück, wobei sie nicht bemerkten, daß eine dunkle Gestalt sich von einem Baume ablöste und mit einer Laterne sorgfältig den Boden absuchte. Als er den Platz gefunden hatte, wo soeben der improvisierte Wasserbehälter versenkt worden war, lachte der Farmer — denn er war es — laut auf.
"Es war doch gut, daß das Schubfach nicht verschlossen war. Ist ein Teufelskerl, der Schröder. Aber der alte Jensen hat auch die Augen offen. Und euer Entschuldigungsbrief soll wenig nützen."
Dann tastete er mit einer Eisenstange auf dem Erdreich herum.

"So, hier wird wohl die Tonne sein," sagte er und stieß die Stange mit aller Kraft in den Boden. Es klang hohl. Noch einmal stieß er zu. "So, in der "Quelle" wären wir. Jetzt heißt es, das Wasser herauslaufen lassen." Und er stieß so stark, daß die Stange die Tonne auch auf der anderen Seite durchlöcherte und das Erdreich gierig das herausdringende Wasser trank. "So, du Wünschelrutenmann, jetzt kannst du uns etwas vorexperimentieren," lachte er, verwischte so gut als möglich die Spuren seiner Tätigkeit und suchte sein Lager auf.

Am anderen Vormittag standen der Farmer, seine Tochter und der Ingenieur in der Nähe der bewußten Stelle. Schröder ließ die Wünschelrute, das unscheinbare Ding, leicht in seinen Händen balanzieren. Näher kamen sie der "Quelle." Leise drückte er das Holz, so daß es einige Male in der Richtung der Regentonne hin und her pendelte.
"Alle Wetter," sagte der Farmer, "Sie scheinen Wasser gefunden zu haben."
"Möglich," erwiderte Schröder und bemühte sich, ein gleichgültiges Gesicht zu zeigen. Und doch klopfte sein Herz nicht minder stark, als das seiner Braut.

"Man könnte einmal bohren," sagte er dann. Sie stellten das mitgebrachte Bohrgerüst auf und senkten das Brunnenrohr in den Boden. Knirschend drehte sich die Brunnenkrone durch das Erdreich und das Holz der Tonne. Jetzt mußte ein Wasserstrahl emporsteigen. Aber selbst, als das Brunnenrohr noch tiefer gesenkt wurde, trat kein Wasser zutage.
Erna schaute mit ängstlichen Augen ihren Geliebten an.
Mit Mühe unterdrückte dieser seine Aufregung. Das Wasser war ausgelaufen, das war klar. Dicht war die Tonne gewesen. Aber sie konnte undicht gemacht worden sein. Doch von wem? Denke einmal nach, Schröder, ganz logisch und ruhig. Wie sagt der Kriminalist? "Cui bono?" Ja, wem nützt es? Nun, dem alten Farmer, wem denn sonst? Schröder guckte den Farmer an. Gleichmütig schaute dieser drein. Aber das Lächeln, das verdammte pfiffige Lächeln, konnte er doch nicht verbergen.
Schröder wußte genug, der Farmer hatte auf irgendeine Art von der Sache Wind bekommen und den Plan durchkreuzt. Schröders Vermutung wurde zur Gewißheit, als der Farmer plötzlich sagte: "Wie man sich doch täuschen kann. Und ich hätte vorhin, als die Wünschelrute hierher wies, wetten mögen, daß mindestens eine Tonne Wasser zu finden wäre!" Wenn Blicke Dolche wären, so wäre Jensen jetzt ein toter Mann. So schaute der Ingenieur dem Höhnenden ins Auge.

"Weiteres Bohren scheint zwecklos," sagte er dann resigniert, "wir wollen heimkehren."
Vor dem Hause sagte der Farmer: "Ich denke, daß wir uns erst ein wenig ausruhen. Nachher können wir einmal näher über das mißlungene Experiment sprechen. Was meint ihr? Soll in der vermeintlichen Wasserquelle vielleicht Gold vorhanden sein? Die Wünschelrute hat ganz bestimmt gewippt!"
"Möglich," sagte der Ingenieur unwirsch und suchte sein Zimmer auf.


Er hatte wohl eine Stunde geschlafen, als die Farmerstochter ihn herausrief. "Liebster," sagte sie in fliegender Eile, "ich habe des Vaters letzte Worte vorhin gehört. Und da ist mir ein Plan gekommen. List gegen List. Du bittest nachher den Vater, die Probe wiederholen zu dürfen, da auch du glaubest, auf Gold gestoßen zu sein — —"
"Ich bitte dich, Karl, laß mich nur machen! Und weiter bewirkst du, daß die Wünschelrute später nach der kleinen Vogelhütte — du kennst sie doch noch — zeigt. Dann kommst du mit dem Vater dorthin."
"Ja, aber Erna, ich begreife noch nicht — —."
"Tu nur, wie ich gesagt habe. Und leb wohl." Und weg war sie.
"Was mag sie wohl vorhaben?" dachte Schröder. Immerhin wollte er den Rat seiner Braut befolgen.
Nach einer Stunde stand er mit dem Farmer wieder an der Stelle, wo sie vorhin vergeblich nach Wasser gebohrt hatten.
"Ihr meint wirklich, daß hier Gold vorhanden ist," fragte der Farmer, über das ganze Gesicht lachend.
"Ganz entschieden," antwortete Schröder mit aller Zuversicht, die er auftreiben konnte.

Übrigens hatte sein scharfes Auge sehr wohl gemerkt, daß der Boden über der Tonne hastig aufgegraben und wieder zugeschüttet worden war.
"Nun, dann wollen wir einmal nachgraben," sagte der Farmer, "ob Wasser oder Gold — mein Wort gilt noch immer!"
Schröder setzte den Spaten an, der Spaten drang durch das Erdreich und fand kaum Widerstand. Es war Schröder, als wenn er auf Leder oder Zeug stieß. Es klirrte wie Metall. Er zog den Spaten hervor und vor seinem Fuße lagen in einem Beutelchen — goldene Ringe, Ketten und Armbänder!
Da stand er da! O Weiberlist! Diese Schmucksachen stammten ja von Erna selbst und ihrer verstorbenen Mutter. Das brave Mädel hatte sie vorhin zusammengesucht und schnell vergraben.
Schröder sah den Farmer an. "Gold ist das freilich," sagte der Farmer, der sich zu einem Gesicht zwang, als hätte er Essig getrunken.

"Ja, es ist Gold," antwortete Schröder, der seinen ganzen Mut wiedergefunden hatte.
"Hm, hm. Eine eigenartige Legierung. Hm, gewissermaßen das Gegenteil vom Rohzustand."
"Gewissermaßen, ja," antwortete Schröder, innerlich aufjauchzend. Aber dann fiel es ihm ein, daß es ja noch galt, den Sieg ganz auszunutzen und den letzten Hauptschlag auszuführen. Er ließ die Rute spielen und sagte: "Herr Jensen, kommen Sie bitte mit. Die Rute weist nach der Vogelhütte."
"Noch mehr Gold finden, ha?"
"Gewissermaßen ja!"
Sie standen vor der Hütte. Schröder klopfte das Herz. Wenn jetzt etwas fehl schlug? Der Farmer riß die Tür auf. Und "hier, lieber Vater, ist dein Goldkind," tönte es ihm von den Lippen seiner Tochter entgegen, die ihn in demselben Moment fest umschlungen hatte.
"Hihi," lachte der Farmer, "Goldkind! Merken Sie was, Herr Schröder? Goldkind. Der Nachdruck liegt auf Gold. O ihr Schwerverbrecher. Den alten Jensen so zu betrügen. Doch hier, du Goldkind, werde glücklich mit deinem Falschmünzer und Wassersucher. Gegen solche Ingenieurkunst konnte ich nichts ausrichten."
Schröder drückte herzlich die Hand des Farmers — —.

Quelle: Süssenrotts illustrierter Kolonial-Kalendar 1912, von rado jadu 2000.


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