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Die Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika

Zum 25-jährigen Jubiläum. Von Generallleutn. z. D. E. v. Liebert, früherem Gouverneur von Deutsch-Ostafrika.

Am 8. Februar d. J. begeht die ostafrikanische Schutztruppe feierlich ihr 25. Stiftungsfest. Ein Stück deutscher Weltpolitik und ein Abschnitt deutscher Heldenzeit zieht innerhalb dieser Zeitspanne an uns vorüber. Mutige deutsche Männer hatten große Landschaften der Sansibarküste unter deutschen Schutz gestellt. Dr. Karl Peters hatte sodann die Deutsch Ostafrikanische Gesellschaft gegründet und für diese durch Vertrag mit dem Sultan von Sansibar die Küste von Umba bis zum Rovuma erworben. Als dort aber Zölle erhoben und der Sklavenhandel verboten wurde, empörten sich die an der Küste ansässigen Araber und vertrieben die deutschen Beamten und Kaufleute. Nur Bagamajo und Daressalam konnten deutscherseits behauptet werden. Da die Marine außerstande war, diesen Aufstand niederzuschlagen, so beauftragte Fürst Bismarck den gerade aus Afrika zurückkehrenden Hauptmann Wissmann mit diesem schwierigen Geschäft.

Es ist das bleibende Verdienst unseres Wissmann, sich die Truppe geschaffen zu haben, die allein jene Aufgabe zu lösen vermochte. Er warb in Kairo sudanesische Soldaten an, die den Feldzug unter Hicks Pascha mitgemacht hatten, dann aber entlassen und brotlos waren. Ausgezeichnete Soldaten, dem Tropenklima und allen Strapazen gewachsen, gut diszipliniert, bildeten sie unter der Führung deutscher Offiziere und Unteroffiziere eine den Verhältnissen vortrefflich angepaßte Truppe. Verstärkt durch zwei Kompagnien Zulus aus dem portugiesischen Ostafrika, konnte der Reichskommissar Wissmann seine Truppe sofort von Sieg zu Sieg führen, die Araber schlagen und die Küstenplätze mit Sturm nehmen. Zwei Züge in das Innere, nach Mpapua und zum Kilimandscharo, vollendeten die Befriedung des Landes, Wissmann kehrte als gefeierter Sieger nach Europa zurück.

Am 1. April 1891 wurde aus der Wissmanntruppe eine kaiserliche Schutztruppe. Ihr fiel die Aufgabe zu, die Stämme des Inneren zum Frieden zu zwingen und sie in Zucht zu halten. Eine Reihe von Expeditionen führte Teile der Schutztruppe bereits bis nach Tabora. Stationen wurden im Innern angelegt, das Land in Bezirke eingeteilt, die Offiziere übernahmen zugleich die Verwaltung der unterworfenen Gebiete. Unter den Stämmen, die sich der deutschen Herrschaft am längsten entzogen und durch ihre kühnen, verheerenden Beutezüge den Nachbarn den Frieden raubten, war der gefährlichste das Bergvolk der Wahehe unter seinem kriegerischen Führer, dem Quawa. Gegen diese Ruhestörer führte Hauptmann v. Zelewski im Sommer 1891 drei Kompagnien der Schutztruppe mit drei kleinen Geschützen über Kisaki quer durch Uhehe gegen den Hauptort Iringa. Bei Rugaro fiel diese Marschkolonne am 17. August in einen ihr von mehreren Tausend speerbewaffneter Wahehe bereiteten Hinterhalt. Der Führer und neun deutsche sowie 290 Askari blieben auf dem Schlachtfelde, 300 Gewehre und die Geschütze gingen verloren. Es war die einzige, aber schwere Katastrophe, die die Schutztruppe erlitten hat. Mehrere Jahre dauerte es, bevor man zur Niederwerfung der gut organisierten, tapferen Wahehe schreiten konnte, deren Ruhm und Übermut erklärlicherweise gewaltig anschwollen.

Erst im Herbst 1894 setzte sich Gouverneur v. Schele an die Spitze einer starken Strafexpedition von fünf Kompagnien und drei Maximgeschützen und führte diese gegen des Quawa Haupstadt, das für afrikanische Verhältnisse sorgsam befestigte Iringa. Am 30. Oktober vor Tagesanbruch wurde der Platz gestürmt, große Waffen-, Pulver- und Elfenbeinvorräte fielen in die Händeder Truppe, der Quawa entkam. Es war noch kein voller Erfolg erziehlt, da die vielen Aufgaben der Schutztruppe dazu nötigten, die Kompagnien anderweit zu verwenden, der Afrikaner aber sich nur für besiegt erklärt, wenn ihm der Sieger auf dem Nacken bleibt.

1896 versuchte Gouverneur v. Wissmann eine neue Methode gegen diesen zähen Gegner. Er entsandte den im afrikanischen Kriege wohlbewährten Hauptmann v. Prince nach Uhehe. Dieser legte mehrere Stationen an, gewann die einzelnen Häuptlinge der Wahehe allmählich, isolierte den Quawa mehr und mehr, bis er zum unstet umherirrenden Bandenführer ward und, ganz umstellt, sich selbst den Tod gab. Seitdem ist der kriegerische Stamm ein gutes Material unter deutscher Leitung geworden und hat keine Unbotmäßigkeit mehr gezeigt.

Inzwischen hatten weitere zum Teil recht schwere Kämpfe um Tabora, am Kilimandscharo, um Kilwa, am Rovuma und anderen Ortes stattgefunden, die alle zum Ruhme der Schutztruppe ausgefallen waren und die deutsche Herrschaft überall befestigten. Mit großem Eifer waren die Bezirkschefs und die jüngeren Offiziere auf einzelnen Posten bemüht, sich mit den Eingeborenen zu beschäftigen, ihre Sprache, ihre Sitten und Gebräuche, die Art ihres Denkens zu verstehen und ihnen auf diese Weise näherzutreten. Die Befriedung des großen Landes war so sichtlich fortgeschritten, daß ich in meiner damaligen Eigenschaft als Gouverneur es wagen konnte, am 1. April 1898 die Hüttensteuer einzuführen, ohne daß Schwierigkeiten sich ergaben. Sie war ein Mittel, die Eingeborenen zur Arbeit anzuregen und der Kolonie neue Einnahmen zuzuführen, die sich andauernd mit jedem Jahr heben.

Allmählich war die deutsche Macht bis zum Tanganjikasee ausgebreitet, eine Station am Südende des Sees, Bismarckburg, eine andere am Nordende, Usambara, angelegt worden. Dort am Nordende, in dem großen Negerreich Ruanda, kam es zu einem Zusammenstöße mit dem großen Nachbarn, dem Kongostaat. Die Grenze war willkürlich vom Nordpunkt des Sees mit dem Lineal quer durch das Reich Ruanda gezogen worden. Der Sultan Ruandas erklärte, er wolle mit den Deutschen gut Freund sein, mit dem Kongostaate aber nichts zu schaffen haben. Hierauf verfügte ich als Gouverneur auf eigene Verantwortung die militärische Besetzung der natürlichen Grenze des Russissiflusses und des Kivusees, trotzdem nur ein Leutnant mit 25 Askaris an der neuen Grenze zur Verfügung standen. Ich hatte nicht umsonst mit dem Prestige des Deutschen Reiches und mit dem Takt seiner Offiziere gerechnet. Die weit überlegene Zahlenstärke der kongolesischen Truppen achtete respektvoll die neue Grenze. Das Besitzrecht war gewahrt, ein großes Landgebiet für Deutschostafrika gewonnen, und nach zehn Jahren ward die 1899 besetzte deutsche Grenze durch Staatsvertrag festgelegt und anerkannt. Wie es aber im Leben zu gehen pflegt, haben nicht die Offiziere die Belohnung ihrer Verdienste erhalten, sondern die Diplomaten, die hinterher den Vertrag abschlossen.

Das Gouvernement des Grafen v. Goetzen (1901-1906) verlief so erfreulich und friedlich, daß mancher schon die Existenz der Schutztruppe für überflüssig erachtete. Aber plötzlich traten Ereignisse ein, die rechtzeitig daran erinnerten, daß wir uns da draußen eben in Afrika befinden. Ganz unvermutet und doch ein Jahr lang in der Stille vorbereitet, erhob sich 1905 der ganze Süden der Kolonie, von Daressalam bis zum Rovuma und vom Nyassasee bis zur Küste. Der Grund zu diesem Aufstande ist bis heute unaufgeklärt. Fanatische Priester und Fetischmänner hatten die Bevölkerung aufgewiegelt und ihr eingeredet, sie sei unverletzlich, die Gewehre der Deutschen würden Wasser statt Feuer schießen. Bei der gewaltigen Ausdehnung des Aufstandgebiets war die Lage der kleinen Schutztruppe und der geringen Verstärkung durch Marinemannschaft höchst bedenklich. Ein volles Jahr mußte eine Landschaft nach der anderen durch wütende Gefechte und unerhörte Strapazen niedergerungen werden. Die Wangoni im Süden und die Landschaft Mahenge forderten die größten Opfer. Entscheidend aber war, daß die Wahehe treu blieben, daß die Kompagnie aus Iringa abrücken und sich am Niederwerfen des Aufstandes energisch beteiligen konnte. Das beste Zeugnis stellte in dieser hochernsten Zeit die Schutztruppe sich selbst aus. Trotzdem sie aus Landeskindern der empörten Gebiete zusammengesetzt war, bewährte sich ihre Manneszucht glänzend. Es kam keine Desertion vor, die Tapferkeit und Standhaftigkeit war in allen Gefechten zu rühmen, und Raub und Plünderung war ausgeschlossen.

So hat unsere Schutztruppe die schwerste Probe gut bestanden, aber die deutschen Behörden haben gleichzeitig die ernste Mahnung erhalten, daß ohne eine solche innerlich tüchtige Truppe den ewig schwankenden, unberechenbaren Afrikanern gegenüber das Schutzgebiet auf die Dauer nicht zu behaupten ist. Steht doch für die Zukunft immer noch der Schreckruf bevor: Afrika den Afrikanern! eine Parole, die für die wenigen Weißen im Tropenlande verhängnisvoll sein muß. Eine militärisch hoch anzuschlagende Organisationsänderung ist neuerdings eingetreten mit der Durchführung der Zivilverwaltung in allen Bezirken. Hierdurch sind die Kompagnien ganz ihrer militärischen Ausbildung zurückgegeben; die Polizeitruppe ist ein selbständiger Truppenteil geworden, sie übernimmt den ganzen Verwaltungsdienst.

Die ostafrikanische Schutztruppe kann mit berechtigtem Stolz auf die ersten 25 Jahre ihres Bestehens zurückblicken. Sie hat sich in ernster Zeit trefflich bewährt und durch die Zahl ihrer Opfer im Gefecht und durch Tropenklima ihre Hingebung und ihren Wert gezeigt. Jeder Offizier und jeder Unteroffizier darf sich sagen: Wir waren auch dabei! Wir haben mit Geschichte gemacht! — Ein Heil unseren braven Ostafrikanern!

Quelle: Reclams Universum, Weltrundschau, Januar 1914, von rado jadu 2000

 

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