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Deutsch Ostafrika

von

August Leue

I. Wie Ostafrika deutsch wurde.
II. Die Kolonisierung von Deutschostafrika.
III. Eine Küstenfahrt durch Deutschostafrika.

I. Wie Ostafrika deutsch wurde.

Eigentlich wollte ich eine flotte Künstlerfahrt nach unserer Kolonie Deutschostafrika schildern, wie sie mir aus den Erzählungen meines Freundes, des Malers Hellgrewe, im Gedächtnis geblieben ist.— Indes die jüngsten Ereignisse, welche sich kürzlich am Gestade des Indischen Ozeans abspielten , haben mir die Stimmung verdorben, und bevor ich mich mit den mehr komischen als gefährlichen Erlebnissen unseres pinselführenden Helden beschäftige, halte ich es für angemessen, der Männer zu gedenken, welche unter Hintansetzung ihres eigenes Ichs jene Gebiete dem deutschen Vaterlande erworben haben, und die zum Teil die Erreichung dieses Ziels mit ihrem Leben haben bezahlen müssen.

Das Vorspiel und der 1. Akt des großen Dramas: "Die Eroberung von Ostafrika" sind vorüber, und vielleicht möchte es manchem, der bisher behaglich im Parkett gesessen hat, jetzt wünschenswert erscheinen, einen Blick zu tun hinter die Coulissen, wo die Motoren des Stücks wirksam gewesen sind. Vor allem würde es gewiß diejenigen interessieren, welche sich bisher im stillen gewundert haben über die glatte Inszenierung dieses historischen Schauspiels, dessen einzelne Aktionen und Momente ohne irgend welche sichtbare Anstrengung sich geschlossen aneinanderreihten.

Auf dem Welttheater geht es genau so zu, wie auf der Bühne. Der Zuschauer, von dem sich das Stück entrollt, zischt oder applaudiert, wie er gerade gestimmt oder gesinnt ist, ohne daran zu denken, welche ungeheure Masse von Arbeit, Mühe und Sorgen nötig gewesen sind, um die erstrebten Erfolge zu erzielen. Die Kritik ist frei und das Publikum urteilt meist blindlings darauf los. Dieser Akteur, der sich vielleicht mit seiner ganzen Seele in seine Rolle versenkt hat, tritt ihm zu deklamatorisch auf, und jener, der sich mit Todesmute den größten Gefahren aussetzt, um seinen zweck zu erreichen, scheint sich nach Anschauung des weisen Rezensenten in der Handlung zu überstürzen; während ein dritter, der sich eine bedeutende Pose zu geben weiß, rufend beklatscht wird, trotzdem er eigentlich gar nichts geleistet hat.

Von den Geheimnissen des Schnürbodens, der Versenkung und den Machinationen hinter der Szene aber haben die allerwenigsten eine Ahnung.

Es ist indes gar nicht meine Absicht, den Leser mit den internen Verhältnissen unserer Bühne bekannt zu machen; denn es würde erstens inopportun sein, ihm manche Illusionen zu rauben, und zweitens vielleicht den Regisseur ennuyieren; ich will mich daher damit begnügen, in flüchtiger Skizzierung ein Bild davon zu geben, wie die Erwerbung der ostafrikanischen Gebiete der Reihe nach von statten ging.

Es sind just drei Jahre, daß Herr Dr. Carl Peters in Berlin eines Abends beim Glase Wein einigen Freunden seine Pläne in Bezug auf die deutsche Kolonialbewegung auseinandersetzte. Er war kurz vorher aus London gekommen, wo er durch einen mehrjährigen Aufenthalt, unterbrochen durch häufige Reisen auf dem Kontinent, seine volkswirtschaftlichen Studien abgeschlossen hatte. Peters hatte damals schon mehrfach Gelegenheit genommen, sich über die Stellung der Deutschen im Ausland in deutschen Zeitschriften, z. B. in der "Gegenwart", in der schneidigsten Weise auszulassen, und sein ganzes Sinnen und trachten ging darauf hin, mitzuwirken an der Machstellung Deutschlands in überseeischen Ländern. Das "Rule Britannia" hatte ihm zu oft in den Ohren gegellt, als daß nicht bei seinem stolzen Charakter er sich in seinem Nationalgefühl aufs bitterste hätte gekränkt fühlen sollen. Im übrigen glaubte er unbedingt an das deutsche Volk. Er hielt es für berufen, unter allen zivilisierten Nationen die Vorherrschaft zu führen, weil der Germane nach seiner Ansicht sowohl durch seine physischen Eigenschaften wie durch seine Gaben des Verstandes und Gemütes den Angehörigen aller anderen Völker überlegen ist. Das hervorragendste Mittel, Deutschland in die Lage zu versetzten, im Auslande vornehm und selbstbewußt aufzutreten, ist nach Peters' Anschauung eine mächtige Flotte, und die Existenzberechtigung einer großen Flotte ist die deutsche Kolonie.

Peters hatte sich damals fest vorgenommen, für den Fall, daß er hier in Deutschland keine Unterstützung fände, nach Amerika zu gehen, und dort den Versuch zu machen, die deutschen Elemente zu gemeinsamem Vorgehen zu verbinden. Die Hebung des Deutschtums im Auslande, das war der Leitgedanke, der all seinem Tun zu Grunde gelegt hat, und dieses Ziel hat er immer allein im Auge behalten.

Bald darauf trat er in den Konservativen Klub zu Berlin ein, in dem er am ersten Unterstützung für seine rein nationalen Pläne zu finden glaubte. Und er hatte sich darin nicht getäuscht.

Am Geburtstag unseres Kaisers, am 22. März 1884, als der Festtrubel vorüber war, saß noch spät in der Nacht Dr. Peters mit dem Grafen Behr Bandelin zusammen. Im Lauf des Gesprächs berührte Peters auch das Gebiet der Kolonialbewegung und nahm Gelegenheit, seine Anschauung über diesen Punkt zu erörtern. Dem Grafen Behr, welchem auch seine Widersacher zugeben müssen, daß er überall, wo es sich um ein patriotisches Unternehmen handelte, stets ohne Besinnen für eine Förderung desselben zuerst eintrat, leuchteten die Peterschen Deduktionen ein, und er versprach ihm, sich nach besten Kräften an der Sache zu beteiligen.

Schon am 28. März fand eine Versammlung von etwa 30 durch den Grafen Behr eingeladenen Herren statt, vor welcher Peters einen Vortrag hielt über die politische, wirtschaftliche und allgemein nationale Bedeutung einer überseeischen Kolonisation seitens des deutschen Reiches und Volkes.

Der Erfolg des Abends bestand darin, daß 24 Herren zu einer Vereinigung zusammentraten, die den Namen "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" annahm, und welche sich zum Ziel gesteckt hatte, sich ausschließlich mit praktischer Kolonisation zu befassen. Aus diesen kleinen Anfängen ist die Deutschostafrila Gesellschaft entstanden, welche jetzt über ein Gebiet von 30 000 Quadratmeilen in Ostafrika verfügt.

Der Gründung der Gesellschaft für deutsche Kolonisation folgte aus eine Zeit der angespanntesten Arbeit, und oft sah es aus, als wenn alles Kämpfen und ringen der kleinen Gesellschaft dennoch ein vergebliches sein sollte. Feinde zeigten sich auf allen Seiten, welche die kleine Schar von entschlossenen Männern aufs heftigste angriffen, und ihr vor allem die Heranschaffung der nötigen Geldmittel im höchsten Grade erschwerten. Standen doch selbst auch diejenigen Elemente in der Nation, welche sich für die Kolonialbestrebungen interessierten und in erster Linie berufen gewesen wären, die Gesellschaft zu unterstützen, derselben feindlich gegenüber. Dabei war im Vorstande selbst keine Einigkeit vorhanden, und die ganze Sache erhielt erst Hand und Fuß, als Dr. Karl Peters erster Vorsitzender der Gesellschaft wurde.

Den vereinigten Anstrengungen der Herren gelang es, sich in kurzer Zeit trotz aller Widerwärtigkeiten die nötigen Geldmittel zu verschaffen, so daß schon wenige Monate später die Gesellschaft in der Lage war, die erste Expedition zur Erwerbung von zur Kolonisation geeigneten Ländereien nach Afrika zu entsenden.

Gegen Ende September 1884 fand sich eine kleine Gesellschaft von circa zwölf Personen bei Ewest in der Behrenstraße zu Berlin zusammen, um den Abschied der hinausziehenden Herren zu feiern. Und wenige Tage darauf fuhr die Expedition von Berlin ab. Chef derselben war Dr. Karl Peters, und außerdem nahmen noch die Herren Dr. Karl Jühlke, Graf Pfeil und der Kaufmann Otto daran Teil.

Über die Reise der kleinen Expedition nach Ostafrika und die Erwerbungen der Landschaften Usagara, Useguha, Ukami und Nguru ist soviel gesprochen und geschrieben worden, daß eine eingehende Beschreibung derselben den Leser ermüden könnte.

Interessant ist, daß Herr Maler Hellgrewe nachher zum großen teil denselben Weg gezogen ist, und Gelegenheit gehabt hat, uns durch seine Skizzen das Hochgefühl verständlich zu machen, welches Peters und seine Freunde empfanden, als ihnen die Erwerbung dieser fruchtbaren, schönen Tropenlandschaften gelungen war.

In Mbusine war es, wo Peters, nachdem er mit dem Sultan Mbuela den Abtretungsvertrag geschlossen hatte, zum erstenmal das schwarz- weiß-rote Banner hißte und dieses wunderschöne Stück afrikanischer Erde unter dem Krachen der Gewehre und dem Hurra seiner Begleitung als deutsch proklamierte.

Nach Beendigung des feierlichen Aktes standen Peters und sein freund Jühlke Arm in Arm auf einer Anhöhe und schauten in die herrliche Landschaft hinaus, wo die stolzen Palmen gen Himmel strebten und die Waldfläche schäumend durch die blühenden Fluren rauschten. Wer will es den beiden Männern verdenken, wenn das stolze Gefühl der Freude über das Gelingen ihrer Tat ihnen die Tränen des Glücks in die Augen trieb. — Heute ist an jener Stelle eine Station errichtet, welche man zum Andenken an den Tag der Besitzergreifung und zu Ehren des Leiters jener ersten Expedition "Petershöhe" genannt hat.

Der Marsch der Expedition begann in Saadane, gegenüber von Sansibar, wurde fortgesetzt bis nach Muinin im Hochlande von Usagara, wo Graf Pfeil und Otto zur Anlegung einer Station zurückblieben, während Peters und Jühlke ihre Schritte rückwärts der Küste zulenkten. Die letzteren zogen durch das reizende Mkondoguatal in die Ebene hinab und nahmen ihre Route durch die Landschaft Ukami nach dem Küstenort Bagamoyo. Unter den größten Strapazen legten sie in Eilmärschen diesen Weg zurück und am 17. Dezember sahen sie zu ihrer unaussprechlichen Freude die See vor ihren Blicken aufleuchten.

Während Jühlke zur Vertretung der Interessen der Gesellschaft in Sansibar verblieb, kehrte Peters über Bombay nach Europa zurück, wo es seinen Bemühungen gelang, über die vier Landschaften Useguha, Nguru, Ukami und Usagara den ersten kaiserlichen Schutzbrief zu erhalten.

Was den in Muinin zurückgebliebenen Grafen Pfeil anbelangt, so wurde ihm von Sansibar aus sofort eine Proviantkolonne zugesandt. Als Expedition ankam, fand sie den Grafen frisch und gesund mit der Anlegung der ersten deutschen Station Simaberg beschäftigt. Der Kaufmann Otto war indes kurz vorher an den Folgen einer Krankheit gestorben.

Von denjenigen Mitgliedern der Gesellschaft für deutsche Kolonisation, welche die ersten Gelder à fonds perdu gezeichnet und teilweise eingezahlt hatten, bildete sich die Deutsch Ostafrikanische Gesellschaft, welche sich geschäftlich von der Gesellschaft für deutsche Kolonisation ablöste und die Form einer Kommanditgesellschaft auf Aktien annahm. Dem Vorstand derselben gehörten u. a. die Herren Dr. Karl Peters, als erster Vorsitzender, Graf Behr und Hofgartendirektor Jühlke, der Vater des Freundes von Dr. Karl Peters, an.

Kaum war die Deutsch Ostafrikanische Gesellschaft ins Leben getreten, als Dr. Karl Peters mit beispielloser Energie an die Aufgabe herantrat, sich in Ostafrika diejenigen Gebiete zu sichern, welche für die Entwicklung einer deutschen Kolonisierung daselbst in Frage kamen.

Alle vier Wochen wurden von Berlin aus Expeditionen nach Ostafrika entsandt, die teilweise scheiterten, meistens aber mit großem Erfolg agierten. Das erste bedeutende Resultat nach der Erwerbung des Schutzgebietes erzielte Dr. Karl Jühlke, welcher, begleitet von dem Premierlieutnant im Ingenieurcorps, Kurt Weiß, trotz der ihm entgegengestellten Hindernisse zum Kilimandjaro marschierte und die paradiesische Landschaften Usambara, Bondei, Pare, Dschagga, Aruscha, Kahe und Ugeno vertragsmäßig erwarb und dadurch Deutschland die Möglichkeit der Anlegung von Ackerbaukolonien verschaffte.

Unterdessen war Graf Pfeil, nachdem der Garteningenieur Karl Schmidt den Ausbau der Simastation übernommen hatte, im Juni 1885 durch die herdenreiche Landschaft Chutu marschiert, hatte in derselben für die Deutsch Ostafrikanische Gesellschaft Verträge abgeschlossen und sich als dann der Küste zugewandt. Nach kurzer Zeit der Erholung in Sansibar erhielt er von Berlin aus den Auftrag, zum Zweck der Erweiterung der deutschen Gebiete gegen den Nyassasee vorzudringen. In Gemeinschaft mit dem Lieutnant Schlüter vom 56. Regiment brach er von Sansibar aus auf und bewegte sich über Simaberg mit einer starken Kolonne auf den Nyassa zu. Von den kriegerischen Wahehe zurückgedrängt, wandte er sich nach Süden, fuhr den Ulanga hinauf und gelangte bis auf wenige Tagemärsche in die Nähe des Sees, wurde jedoch durch den Umstand, daß der Expedition die Vorräte ausgingen, gezwungen, umzukehren. Er benutzte die Wasserstraße des Ulanga bis zu den Schugalifällen und marschierte von dort aus nach dem Küstenorte Kiloa Kiwindje. Auf dieser Tour erwarb er durch eine Reihe von rechtsgültigen Verträgen die Landschaften: Ubena, Mahenge, Wamaschonde und Wagindo, wodurch das das Gebiet der deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft bis an den Rovuma ausgedehnt wurde. Im Februar 1886 kamen die Herren Graf Pfeil und Schlüter im besten Wohlsein in Sansibar wieder an.

Zur selben Zeit hatte der Lieutnant Schmidt Usaramo erworben, während der Regierungsbaumeister Hörnecke, nachdem seine Expedition am Tana an den Intriguen des Sultans von Sansibar gescheitert war, eine denkwürdige Dhowfahrt nach dem Somaliland unternommen hatte. Von Lamu aus fuhr der letztere nämlich auf einem dieser gebrechlichen arabischen Fahrzeuge, zusammen mit dem Lieutnant Anderten, an der Somaliküste entlang, um das Kap Guardafui herum bis nach Halule, wo die Herren mit den Somali Sultanen Osman und Jussuf Verträge abschlossen, die das ganze Somaliland in den Besitz der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft brachten.— Von Halule kehrte Hörnecke auf wenige Wochen nach Deutschland zurück, um bald darauf mit einer Expedition wieder hinauszugehen, während von Anderten auf einer anderen Dhow, unter Zurücklassung des Agenten Winter in Halule, welcher dort eine Station begründete, in Verfolgung eines Befehls des Präsidenten der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft Dr. Karl Peters nach den Tanagebieten zurückkehrte, um nochmals den Versuch zu machen, jene Gebiete unter die Herrschaft der Gesellschaft zu stellen.

Diesen Auftrag ausführend, hat Lieutnant von Anderten, Giriyama, die Sabakgebirge, sowie Ukamba und die Länder der Baretta Gallas durch Verträge erworben. Den Abschluß dieser Art von Expeditionen machte Dr. Karl Jühlke, welcher nach einem halbjährigen Aufenthalt in Europa auf dem Dampfer "Isolde" nach der Benadirküste fuhr und durch Erwerbung der wichtigsten Punkte derselben eine Verbindung zwischen den Somali- und den Suaheligebieten der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft glücklich herstellte.

Quelle: Vom Fels zum Meer, Verlag Spemann, Stuttgart, 1887, von rado jadu 2001

Bilder vom Maler Hellgrewe

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