zurück
![]() |
Deutsch Ostafrika
|
![]() |
von
August Leue
|
III. Eine Küstenfahrt
durch Deutschostafrika.
|
III. Eine Küstenfahrt durch Deutschostafrika.
|
Haben wir
uns bis jetzt mit der Geschichte unserer Kolonie und mit den Anfängen
der Kultivierung von Deutsch Ostafrika befaßt, so werden wir versuchen,
in nachstehendem ein Bild von der Naturbeschaffenheit dieser tropischen
Gegenden zu geben. Eine Veranschaulichung des Berichts bieten dem Leser
die diesen Artikel illustrierenden Zeichnungen meines Freundes Hellgrewe,
welche er Gelegenheit hatte, bei seiner Reise durch einen Teil des Schutzgebietes
an Ort und Stelle zu entwerfen. Und da manchem die direkte Schilderung
von Erlebnissen und Eindrücken interessanter erscheinen mag als die
trockene Reisebeschreibung eines Dritten, so lassen wir ihn selbst erzählen: In Sansibar angekommen, fand ich freundliche Aufnahme im Usagarahause, dem Heim der Generalvertretung der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft, und hatte bald Gelegenheit, mich mit den Verhältnissen in Sansibar vertraut zu machen. Vom Meere aus gesehen macht dieser bedeutende Handelsplatz einen freundlichen Eindruck. Zuerst erblickt man die Gebäude der Afrikanervorstadt Schangani, bald sieht man die Masten der im Hafen liegenden Schiffe und hier und da eine rote Flagge, und plötzlich liegt, sobald man das Ras Schangani umschifft hat, die Stadt in ihrer vollen Größe und Pracht vor Augen. Wie ein Märchen aus "Tausend und eine Nacht" steigt diese arabische Welt aus der See hervor. Halbmondförmig breitet sie sich am Ufer aus, überragt von den Türmen des arabischen Forts und den Palästen des Sultans. Sansibar, bewohnt von circa 100 000 Arabern, Suaheli und Indern, ist teilweise umgeben von herrlichen Anlagen, die den dort weilenden Europäern Gelegenheit zu erfrischenden und angenehmen Spaziergängen bieten. Das Klima ist ein feucht warmes, die Wärme schwankt zwischen 19° und 26°. Bei dieser Temperatur gedeiht die üppige Vegetation, die man sich denken kann. Man trifft auf der Insel ganze Wälder von Kokospalmen, und alle Tropenfrüchte, wie Bananen, Melonen, Mangos, Orangen, Limonen und Granatäpfel gedeihen aufs prächtigste. Ein der wichtigsten Kulturpflanzen daselbst ist der Gewürznelkenbaum, da Sansibar fast die ganze zivilisierte Welt mit Gewürznelken versorgt. Außerdem wird gebaut Zuckerrohr, Kassave, Reis, Mtama, Baumwolle und Indigo. Ich war noch nicht lange in Sansibar, als ich ganz wider mein Erwarten Gelegenheit fand, den Kontinent von Afrika zu betreten. Am Morgen des 2. November 1885 saßen wir im Usagarahaus in heiterster Stimmung beim Frühstück, als plötzlich das Geräusch vieler Stimmen an unser Ohr schlug. Noch ehe wir es uns erklären konnten, stiegen eine Anzahl uns unbekannter schwarzer Gestalten die Treppe herauf, die in ihrer Mitte einen Verwundeten behutsam trugen. Der letztere war Dr. Hentschel, dessen Ankunft aus Usagara in Sansibar erwarten worden war. Er teilte uns mit, das Lieutnant Schmidt und er in der Gegend von Kindete überfallen und verwundet worden seien. Er selbst habe einen Schuß ins Bein erhalten. Alle Gepäck der Expedition sei verloren. Sofort wurden Anstalten getroffen, Lieutnant Schmidt aus dem Innern zu holen. Auf Befehl des Admirals Knorr, des Kommandeurs der deutschen Flotte vor Sansibar, ging nachmittags ein Kriegsdampfer ab, der den Auftrag hatte, einen Arzt, sowie die kleine Expedition der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft nach Saadane zu bringen. "Bei allen großen Ereignissen muß ein Maler sein, warum nicht auch hier," sagte ich mir, packte in aller Eile meine Sachen zusammen und ging mit, den Revolver an der Seite und das Skizzenbuch unter den Arm. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir die Küste, konnten indes der schon hereingebrochenen Dunkelheit wegen nicht landen. Als wir am anderen Morgen an Deck kamen, sahen wir die Küste vor uns liegen. Bald wurden die Boote klar gemacht, und es ging dem Lande zu. Es war ein eigentümlich erhebendes Gefühl für mich, als ich die Stelle betrat, von welcher aus die meisten der berühmten Afrikaforscher ihren Weg ins Innere des geheimnisvollen dunkeln Erdteils angetreten haben. In Saadane erfuhren wir, daß Schmidt noch lebe und nur wenige Tagemärsche von der Küste entfernt sei. Sofort machten wir uns auf den Weg, ihm entgegen. Der Marinearzt, Dr. Schubert, welcher seiner Ordre zufolge nachmittags wieder in Sansibar sein mußte, begleitete uns bis Ndumi, wo er umkehrte, nachdem er uns mit Medikamenten, Instrumenten und Instruktionen über die Anlegung eines Notverbandes versehen hatte. Herr Söhnge und ich marschierten noch bis Mlange, wo wir übernachteten. Die Gegend, welche wir durchschritten, war nichts weniger als eine Wildnis. Vor uns sahen wir stets die Gipfel einiger bedeutender Berge. Rings um uns war die Welt so frisch und grün, daß es uns vorkam, als gingen wir in dem schönsten Teile von Thüringen spazieren. Wir fühlten keine Anstrengung; auch brannte die Sonne lange nicht so heiß, als ich gefürchtet hatte. Früh am nächsten Morgen brachen wir wieder auf, und schon nach einem Marsche von zwei Stunden begegneten wir einer Karawane, die von zwei englischen Missionären geführt wurde. Es war die, welche den Lieutnant Schmidt zur Küste transportierte. Er selbst lag in einer Hängematte und war todesmatt. Schmidt hatte einen Schuß ins Bein und einen Schuß durch die rechte Brust erhalten. Der Überfall war, wie wir jetzt erfuhren, durch schwarze Elefantenjäger ausgeführt, mit denen Schmidt in Kindete in Streit geraten war. Bei dem Zusammentreffen mit der Karawane brachen unsere Schwarzen in ein urwüchsiges Jubelgebrüll aus, während wir Weißen uns den Missionaren, den Hut in der Hand, in aller Form vorstellten, wie es sich für gesittete Europäer geziemt. Noch am selben Tage vermochten wir Schmidt der Sorge des Dr. Schubert, der nach Saadane schon zurückgekehrt war, zu übergeben, und tags darauf trafen wir wieder in Sansibar ein, wo wir den Schwerverwundeten der fürsorglichen Pflege des französischen Hospitals überliefern konnten. Dr. Hentschel sowohl wie Lieutnant Schmidt sind von ihren wunden wieder genesen. Auch ihr Gepäck ist später zum größten Teil gerettet worden. Endlich schlug auch die Stunde, wo ich meine Künstlerfahrt durch einen Teil des Schutzgebietes beginnen konnte. Mein Ziel war Quindokaniani, der Ort, an welchem Dr. Karl Peters mit dem Sultan Mafungu Biniani Blutsfreundschaft abgeschlossen hatte. Mit einer kleinen Karawane von circa 20 Mann unter Führung des Beamten Söhnge, die mir von der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft in der freundlichsten Weise ausgerüstet und zur Verfügung gestellt war, fuhr ich auf einer arabischen Dhow der Küste zu. Die Fahrt war bei dem herrlichen Wetter recht günstig. Indes war ich doch froh, als der nichts weniger als angenehme Aufenthalt auf dem elenden Fahrzeug sein Ende erreicht hatte. Indes war es nicht so leicht, die Landung auszuführen. Indes war es nicht so leicht, die Landung auszuführen. Die Nacht war schon mit der in den Tropen gewöhnlichen Schnelligkeit herabgesunken, als unser Fahrzeug die Küste anlief. Das Boot leg etwa 300 Schritt vom Lande entfernt, da der Strand während der Ebbe sehr flach ist; und der Gedanke, diese weite Strecke bei der Dunkelheit zu durchwaten, war nicht sehr verführerisch. Dessenungeachtet zog ich doch vor, mich lieber der Gefahr eines kalten Bades oder gar des Ertrinkens auszusetzen, als die Nacht auf dem schrecklichen Wasserkasten zuzubringen, und ich bereitete mich todesmutig vor, in das schwarze Naß hinabzutauchen. Ehe ich jedoch meinen heldenmütigen Entschluß ausführen konnte, kam mir eine unerwartete Hilfe. Ein anfangs undefinierbares Ungetüm schwamm an die Dhow heran, das ich zuerst für einen Haifisch oder etwas Ähnliches hielt, das sich aber bald als ein sogenannter "Einbaum" entpuppte. Es war ein ausgehöhlter Baumstamm, den ein Afrikaner mir für wenige Pfennig als Rettungsboot zur Verfügung stellte. Voll Zittern und Zagen bestieg ich das wackelige Ding, und krampfhaft hielt ich mich an den Bordseiten fest, als es durch die rauschende Brandung ans Ufer gezogen wurde. Hier ließ ich mich in aller Behaglichkeit nieder, während die Suaheli das Gepäck landeten, uns hatte Muße, die Genüsse einer Tropennacht zu durchkosten. Blauschwarz lag die weite Flut vor mir, beleuchtet von den Strahlen des Vollmondes, während die weißen Flocken der schäumenden Brandungswellen, in einem unheimlichen Lichte glitzernd, meine Füße umspielten. Im Hintergrunde hob sich der tiefschwarze Rumpf der Dhow gespensterhaft vom Horizonte ab, während mir zur Seite die Formen der stolzen Palme aus dem Schatten hervortraten. Tausende und aber Tausende von Leuchtkäfern durchschwirrten die Luft, und in der Ferne ertönte der melancholische Gesang der arbeitenden Afrikaner, sowie das eigentümliche Geschrei von umherstreifenden Nachtvögeln. Am folgenden Tage zogen wir die uns schon bekannten Straßen über Nduni hinaus ins Innere. Es war ein wunderschöner Morgen, als wir die Küste verließen und dem fernen Gebirge zumarschierten. Das Meer erglänzte hinter uns in der ganzen Farbenpracht der Tropen, unter unserem Füßen strömten die buntschimmernden Blumen ihre betäubenden Düfte aus, und um uns her flogen Schmetterlinge und Käfer von nie gesehener Größe und Gestalt. Die Luft war warm und durchsättigt von einer intensiven Lichtfülle, die das Auge auch selbst sehr entfernte Gegenstände scharf erkennen ließ. Der Weg ging über schmale, etwa zwei Fuß breite Pfade, die zu den beiden Seiten von Schilf, Gras oder Mimosen eingefaßt waren. Die Gegend, welche wir durchzogen, hatte meist etwas Parkähnliches, d.h., wir marschierten über weite Wiesenflächen, die in gewissen Zwischenräumen mit Wald und Busch bestellt waren. Gleich am ersten Tage hatten wir das Vergnügen, ein seltenes Schauspiel zu genießen. Als wir aus einer Waldung heraustraten, überraschten wir auf einer Ebene dicht vor der Lisiere eine Quaggaherde., die sofort in größter Eilfertigkeit davontrabte. Natürlich verfehlten wir nicht, einige Schüsse hinterherzuschicken, die aber leider ohne Resultat waren. Es mag hier erwähnt werden, daß wir nicht selten Giraffen und Antilopen vor uns über den Weg setzen sahen. Von dem verstorbenen Gartentechniker Schmidt wurde erzählt, daß, als er sich auf einer Reise nach Uhehe befand, vor seinen Augen eine Giraffe von einem Löwen niedergerissen worden sei. Die Märsche in diesen ostafrikanischen Gebieten unterscheiden sich im allgemeinen sehr wenig voneinander, abgesehen von den Erlebnissen des Tages. Die Nächte verbrachten wir meist in den befestigten Dörfern auf der Kitanda, dem Gurtbett, unter dem Dachvorsprung einer Afrikanerhütte. Nachdem wir uns an die Kitanda gewöhnt hatten, schliefen wir im allgemeinen recht gut. Unangenehm waren mir nur im höchsten Grade die sogenannten Kakerlaken, fast fingerlange Käfer, die sich in den Dächern der Hütten zahlreich aufhielten. Da mir erzählt war, dieselben nagten mit Vorliebe an den Fingernägeln der Menschen, schreckte ich oft aus dem Schlafe auf, weil ich mir einbildete, diese kleinen Ungeheuer knapperten mir an den Fingern herum. Von den Moskitos habe ich ziemlich wenig zu leiden gehabt. Interessant war mir der Aufenthalt in Mbusine, wo wir von dem Sultan sehr freundlich empfangen wurden. Er zeigte stolz die Geschenke, die ihm Dr. Peters verehrt hatte, schlug sich auf die Brust und wiederholte, indem er auf sich wies, immer das Wort "Daitsch". In der Nähe dieses Dorfes wurde uns auf dem Marsche am folgenden Tage eine unangenehme Überraschung zu teil. Wir zogen ganz gemütlich fürbaß, als plötzlich der Kirongosi, der Anführer unserer Schwarzen, heranstürzte mit den Worten "Bana, bana, simba" ("Herr, Herr, ein Löwe"). Unsere Afrikaner flogen erschreckt auseinander, während wir weißen, ebenfalls sehr wenig erfreut, nach unseren Waffen griffen. Noch zweifelte ich an der Richtigkeit der Botschaft, als ein dumpfes, grauenerregendes Murren mich eines Besseren belehrte. Und in der Tat sah ich in einer gewissen Entfernung vom Wege sich das Gras auf der Ebene bewegen. Wir marschierten mit gespannter Büchse weiter; indes ließ sich kein Löwe sehen. Augenscheinlich war ihm, nachdem er eine Zeitlang neben der Karawane hergeschlichen war, die Sache langweilig geworden. Wenn gleich bei dem Wildreichtum in Ostafrika der Angriff eines Löwen auf Menschen zu den größten Seltenheiten gehört, so können die Fürsten der Wildnis doch recht ungemütlich werden. So sahen wir in einem Afrikanerdorf einen Eingeborenen, der durch fürchterliche Narben entstellt war. Es wurde uns mitgeteilt, daß dieselben von Wunden herrührten, die der Mann empfangen haben, als ihm ein Löwe durch das Dach der Hütte auf den Leib sprang. Das fürchterliche Wehegeheul des Verletzten und das Geschrei der herbeieilenden Nachbarn hatten das Tier indes verscheucht, so daß der Afrikaner mit dem Leben davon kam. Auch erzählte in Sansibar ein Beamter der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft, daß während seiner Anwesenheit in der Missionsstation Kondoa das Haus eines Abends von Löwen umschlichen worden sei, die über die Boma in den Garten setzten, und erst durch Schüsse verscheucht werden mußten. Das Schwierige an der Sache ist, daß zu der Jagd auf das große afrikanische Wild Jagdbüchsen schwersten Kalibers gehören, die man ihres Gewichtes wegen selten dann zu Hand hat, wenn man sie gerade braucht. Selbst die größeren Raubvögel sind schwer zu erlegen. Auf einer Streiferei wurde ein außerordentlich großer Adler vom Baum heruntergeschossen. Obgleich das gewaltige Tier augenscheinlich schwer verwundet war, schlug es doch so wild und grimmig mit den Flügeln um sich und wehrte sich mit solcher Energie, daß die Schwarzen sich mit ihren Spießen nicht heranwagten und erst ein zweiter Schuß aus nächster Nähe seinen Widerstand brechen konnte. In der Nähe von Matungu in der Makataebene besuchte ich den Wamistrom, um eine Reihe von Skizzen von ihm zu entwerfen. Hierbei nahm ich auch die Gelegenheit wahr, eine Flußpferdjagd in Szene zu setzen. Allerdings hatten meine Streifereien meist sehr geringen Erfolg, da die Aufgabe, welche mich nach Ostafrika hingeführt hatte, mir wenig Zeit ließ, der Jagdlust zu fröhnen, und ich verhindert war, den angeschossenen Tiere lange nachzugehen. Unsere Reise ging bis Quindokaniani, wo wir auf das Liebenswürdigste von dem jungen Sultan Mafungu Biniani, dem Blutsbruder von Dr. Peters, empfangen wurden. Es handelt sich darum, meine Skizzensammlung durch eine Reihe von Studienzeichnungen aus Quindokaniani zu vervollständigen, welche den Zweck hatten, für das Diorama "Peters Blutsbrüderschaft mit Mafungu Biniani" einigen Anhalt zu bieten. Von dort marschierten wir auf demselben Wege wieder zur Küste, und bald darauf rief mich das Geschick aus den gastfreundlichen Kreisen der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft nach Deutschland zurück. Mit wehmütigen Gefühl bin ich aus Afrika geschieden, und nur mit Mühe fand ich mich wieder in den altgewohnten Verhältnissen zurecht. Es liegt ein so eigentümlicher Zauber auf jenen Landschaften, daß ein jeder, der Afrika kennen gelernt, sich stets danach zurücksehnt. Möge es mir recht bald vergönnt sein, meinen Fuß wieder auf den geheimnisvollen schwarzen Erdteil setzen zu können. Es lebe Deutschostafrika!" Quelle: Vom Fels zum Meer, Verlag Spemann, Stuttgart, 1887, von rado jadu 2001 |
Namen von Orten in Tanzania (die beiden Anfangsbuchstaben eingeben, dann erscheint eine Karte und der Ort.)
