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Aus dem Reiche des Sultans von Sansibar.

Briefe an eine Verwandte*) von Lonny Rohlfs.

I

An Bord der "Verona" Febr. 1885. Rotes Meer.

Meine liebe L....
Zum drittenmal nach Afrika! Wer hätte mir das früher zugetraut? Ich selbst sicher nicht! Und diese Mal wieder allein; aber ich verliere den Mut nicht. Mit Gerhard bin ich zweimal dahin gereist, das erste Mal von Marseille aus über Malta nach Tripolis, das zweite Mal nach Kairo. Auf der Heimreise von Tripolis hatte ich zwar meine deutsche Jungfer mit, aber diese war mir unterwegs eher eine Last, als eine Hilfe, da sie sich auf das Reisen nicht verstand. Und darf ich nicht auch die Reise nach Neapel, die ich einst mit Frau Professor Zittel unternahmen, um unsere Männer, die aus der libyschen Wüste heimkehrten, schon etwas früher als in der Heimat "ins Joch zu spannen", wie Gerhard zu sagen liebt.

Du fragst, wie ich so schnell fertig geworden bin? Nun, ich hatte eben alles schon vorbereitet. Als Frau v. K. in Berlin mir schrieb, ich könne nun getrost abreisen, Gerhard sei in Sansibar angelangt, erhielt ich auch schon ein Telegramm von ihm, das freilich nur aus dem Worte "abreisen" bestand. Die Telegramme von und nach Sansibar sind nämlich sehr teuer, wie ich selbst zu meinem größten Leidwesen mehrfach erfahren mußte.

Meine Ausrüstung hatte ich also schon vorbereitet, so daß ich nur noch einzupacken hatte. Die letzten Tage in Weimar, in unserm sonst so traulichen Heim, waren recht ungemütlich, aber unsere Bekannten waren so teilnehmend, daß ich auch über sie gut hinwegkam. Ich habe es auch mit großer Dankbarkeit empfunden, daß die Großherzogin, die Erbgroßherzogin und Prinzeß Elisabeth mich so huldvoll entließen; aber denk Dir, als der Großherzog und der Erbgroßherzog mich noch am letzten Tage besuchten, hatte ich gerade nur noch zwei Stühle, alle anderen Möbel waren schon fort.

In Leipzig blieb ich noch vierzehn Tage bei Tante P., so daß ich also eigentlich von dort aus meine Reise antrat. In München waren Zittels am Bahnhof und hatten außer Blumen auch wundervolle Butterbrote für mich eingepackt. Du wirst denken: wie prosaisch! Ich urteilte ganz anders. Mein ganzes Koupee lag noch voller Blumen, die mir meine lieben Leipziger Freunde gespendet hatten, aber ich war sehr hungrig, da machten die Butterbrote einen großen Eindruck auf mich. Mit München verließ ich Deutschland.

Wann werde ich es wiedersehen? Wie früher ging es nun in einer Tour über Verona nach Brindisi. Bis Bologna war ich ganz allein, dann aber stieg eine sehr nette und mitteilsame Italienerin ein, deren Mann, wie sie sagte, in Lecce als Kommandant fungiert. Fast wären wir von hier aus nach einer andern Stadt gekommen. Meine neue Reisegefährtin, welche schon im Koupee saß, erwiderte auf meine Frage, ob diese der Zug nach Brindisi sei: "si, Signora"; als ich aber den Zugführer, nachdem er schon so und so oft sein "pronto" und "parteza" gerufen, noch einmal sagte, ob dies der Zug nach Brindisi sei, erfolgte die Antwort: "per Roma!"

Kaum hatten wir Zeit, noch heraus - und in den richtigen Zug nach Brindisi hineinzuspringen. Wir blieben während der ganzen Fahrt allein, und wenn es an diesem Tage auch für Italien recht kalt war, so ergötzte ich mich doch fortwährend an dem schon so schön keimenden Frühling. Um so schöner war dies sonnige Bild der der wundervollen apulischen Ebene, als zur Rechten der Apennin noch überall mit Schnee bedeckt war. Und Weimar hatte ich bei -16° R. und im Schlitten verlassen!

Nur in Foggia, wo die Bahn nach Neapel abzweigt, war ein längerer Halt, den ich benutze, um ein italienisches Mittagsmahl einzunehmen, während meine Reisegefährtin sich mit Selbstmitgebrachten stärkte. Deutsche Zungen würden an meinem Mahl manches auszusetzen gehabt haben, denn Öl bildet anstatt Butter die Zutat, womit man das Fleisch und den Fisch bereitet, aber daran hatte ich mich während meines einjährigen Aufenthalts in Tripolis genugsam gewöhnt. Ich habe die italienische Küche jetzt sehr gern.

Endlich kamen wir abends um elf Uhr in Brindisi an. Obwohl ich schon einmal da gewesen war, kam ich mir doch recht einsam und verlassen vor, denn der Bahnhof liegt ziemlich weit ab von der eigentlichen Stadt. Ich fühlte meine Einsamkeit um so mehr, als meine Begleiterin von ihrem Gatten, einem stattlichen Oberst in Uniform, empfangen wurde. Aber wie liebenswürdig waren diese guten Leute. Kaum hatten sie ihre Gepäckangelegenheiten besorgt, als der Oberst sich meiner und meiner Sachen annahm, und dann beide nicht davon abstanden, mich nach dem Hôtel des Indes orientales zu begleiten. Dort verabschiedeten wir uns. Sie fuhren noch am selben Tage nach Lecce weiter, während ich hier anderthalb Tage Aufenthalt hatte, um den Dampfer zu erwarten, der mich nach Alexandrien bringen sollte.

So war ich denn in diesem großen Hotel mutterseelenallein. Es war in dem geräumigen Zimmer, das natürlich keine Heizvorrichtung hatte, so kalt, daß ich meinen dicken Wintermantel anziehen mußte, um mich zu erwärmen. Das war um so notwendiger, da ich noch viel zu schreiben hatte, Du kennst ja meine ausgedehnte Korrespondenz nach allen Windrichtungen hin. Gerhard hatte mir gesagt, daß es in Brindisi keineswegs uninteressant sei und man dort recht gut während einiger Zeit mit Genuß verbringen könne. Er hatte mir von dem dortigen englischen Konsul erzählt, der eine schöne Antiquitätensammlung besäße, und von einem alten freundlichen Priester, der ihm einst bereitwilligst die Sehenswürdigkeiten der Stadt gezeigt hatte, aber was half das, da ich die Namen der Herren nicht kannte. Waren sie überhaupt noch da?

Jetzt schlug es Mittag! Der Oberkellner kam und fragte ob ich Table d'hote essen wollte. Obschon ich sonst gerade nicht gern an Table d'hote speise, besonders wenn ich allein reise, willigte ich doch ein, da mir der Kellner ein sehr verführerische Beschreibung von der Mannigfaltigkeit der Gäste machte. Die Tafel war in der Tat riesig groß, und es waren auch verschiedene Menschen anwesend, sie verließen aber alle den Saal, als das Essen begann, und übrig blieben nur — der Hotelbesitzer und ich. Die andern, die alle Brindiser waren, hatten sich mit einem Glase vino del passe begnügt.

Sonntags langte der Dampfer von Venedig hier an und ankerte, nachdem er außerhalb der Stadt Kohlen genommen, dicht vor meinem Hotel. Obschon er erst in der Nacht von Sonntag auf Montag abgehen sollte, da der Mailzug aus London erst dann eintrifft, ging ich doch sofort an Bord und machte es mir in meiner Kabine bequem. Ich fand sämtliche Damen im "saloon" um einen Ofen gruppiert, an welchem sie ihre Füße wärmten, und obgleich mir das anfangs etwas überflüssig erschien, sah ich bald ein, daß es ganz nützlich war. Nachts bekam ich eine sehr nette ältere Engländerin als Schlafgefährtin, die mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten erwies. Sie ging nach Kairo, um ihren bei Tel el Kebir verwundeten Sohn nach London zu holen.

Von der Reise läßt sich sonst wenig sagen. Wir hatten eine köstliche Fahrt, das Meer war wie mit Öl begossen und wir gingen sogar den letzten Tag nur mit halbem Dampf, um nicht zu früh anzukommen, da man nachts nicht in den Hafen von Alexandrien einfahren darf. Wir ankerten also um zwei Uhr morgens auf der Reede vor Alexandrien. Ich stand sehr zeitig auf und konnte nun einen prachtvollen Sonnenaufgang bewundern, die Sonne stieg so klar und goldig über die schlanken Minarets Alexandriens auf — es war herrlich! Um acht Uhr besuchten mich Herr Friedheim und Herr Menshausen, Freunde meines Onkels Professor Schweinfurth. Er selbst befand sich damals auf einer Wüstenreise zwischen dem roten Meere und dem Nil. Da wir zwei Stunden Aufenthalt hatten, forderten die Herren mich auf, eine Spazierfahrt durch die Stadt zu machen, und ich war gern bereit, da es mich interessierte, die Spuren der Zerstörung Alexandriens von 1881 zu sehen.

Erst jetzt fängt man wieder an zu bauen und zu restaurieren. Um zehn Uhr brachten mich die Herren wieder an Bord und bald darauf bestiegen wir Reisenden die Waggons, um unsere Fahrt fortzusetzen. Es ist so bequem eingerichtet, daß man vom Dampfer nur einige Schritte zum Waggon hat, doch dürfen nur die P. a. O. steamer an dieser Stelle ankern. Die Fahrt nach Suez war staubig und ziemlich warm. Die schauderhaften Waggons waren überdies noch überfüllt. Wir saßen zu sieben im Koupee und jeder hatte natürlich viel Handgepäck. Ich fuhr mit drei sehr netten englischen Ehepaaren, die nach Kalkutta reisen wollten. Die Herren waren Beamte. Die Landschaft wechselte aber so rasch die Szenerie, die Baumwollen -, Reis -, Mais- und Zuckerrohrfeldern standen so üppig, längs der Bahn zogen so merkwürdige Gestalten einher, die Büffel badeten sich in den Pfützen mit solchem Behagen, daß von all dem Schauen mir die Zeit schnell verging. Um neun Uhr abends langten wir in Suez an, Herr Konsul Meyer empfing mich, brachte mir aber eine sehr unangenehme Nachricht, indem er mir sagte, ich würde wohl in Aden längeren Aufenthalt haben, da der Dampfer, der mich nach Sansibar bringen soll, Port Said noch nicht passiert hat. Das wäre nun sehr fatal, läßt sich aber nicht ändern. Ich hoffe immer noch, daß sich die Nachricht nicht bestätigt.

Ohne Aufenthalt in Suez ging es nun an Bord des Dampfbootes, auf dem ich dieses schreibe. Diese Schiffe der britischen P. a. O. Linie sind viel größer und eleganter eingerichtet, als die im Mittelmeer gehenden. Sie durchfurchen aber auch den gefährlichen Golf von Aden und zum Teil den "stillen " Ozean. Einige von ihnen gehen nach Bombay, nach Indien, andere nach Melbourne und Australien. Zufällig geht die "Verona" nach Melbourne, ich benutze daher die Gelegenheit, direkt aus meiner Kabine an meine teure Freundin zu schreiben, deren Gatte dort jetzt Italien vertritt, und — nun weißt Du schon, wen ich meine — bei denen ich ein ganzes Jahr in Tripolis geweilt habe.

Dieses Mal habe ich eine Kabine für mich allein, denn obschon das Schiff nicht wenig Passagiere hat, so ist es so groß, daß man den Damen alle nur möglichen Bequemlichkeiten gewähren kann. Auch die Kälte des Februar, die sich auf dem Mittelmeer noch so bemerkbar machte, daß der Salon geheizt wurde, hat jetzt einer angenehmen Frühlingsluft Platz gemacht.

Nun muß ich Dir doch noch einige Worte über die Lebensweise an Bord sagen. Leider bin ich ein schlichter sailor, wie die Engländer sagen; ich genieße daher nur halb die Reize, die das Meer, und besonders das Mittelmeer, das wir eben verlassen haben, in so hohem Maße bietet. Also des Morgens um sechs Uhr bringt mir die Stewardeß Tee vors Bett, so dunkel wie Kaffee. Sie war anfangs sehr erstaunt, daß ich den Tee ohne Milch verlangte. Die Engländer, die doch so große Teekenner sein wollen, trinken nämlich merkwürdigerweise den Tee meist mit Milch. Ich stehe noch nicht gleich auf, sondern gewöhnlich erst um acht Uhr, um welche Zeit ein warmes Bad bereit ist, dann wird gefrühstückt. Die Engländer gehen hierbei sehr ernsthaft vor und und man serviert ein komplettes warmes Essen. Mein Zustand erlaubte mir nicht, daran Teil zu nehmen, die Stewardeß brachte mir aber einige leichte Speisen. Dann ging ich auf deck, beschäftigte mich mit Lektüre oder Handarbeit, suchte mich im Englischen zu vervollkommnen, oder betrachtete stundenlang die prächtigen Ufer, die in verschiedensten Formen wie ein Wandelbild an uns vorbeizogen.

Mittags wird geluncht, d.h. eine kaltes Frühstück serviert, und hieran beteiligte ich mich in der Regel, denn die säuerlichen Speisen, Salate, Früchte u. konnte mein halb seekranker Magen noch am besten vertragen.

Abends um sechs Uhr war die Hauptmahlzeit. Erstaune nicht, meine Liebe, wenn ich Dir sage, daß zum Diner die Herren und Damen in Toilette erschienen; d.h. die, welche nicht seekrank waren, denn diesen letzteren wird das ganze Leben, was äußere Form anbetrifft, sehr gleichgültig. Die englischen Ladies halten darauf, womöglich jeden Tag dreimal in einem anderen Anzug zu erscheinen und Fächer und Handschuhe dürfen selbstverständlich nicht fehlen.

Es wird dir komisch erscheinen, wenn ich Dir sage, daß wir Herren an Bord haben, welche ebenfalls dreimal des Tages Toilette machen. Man sagt und glaubt bei uns immer, die Franzosen wären Modenarren, Dandies, swells, Pschütts, oder wie man sonst jetzt in Paris und Berlin die Gecken nennt; aber sie sind armselige Schlucker gegen die jungen Engländer, welche morgens früh in einem nicht zu beschreibenden Kostüm herumwandeln, dann — das scheint jetzt Mode zu sein — zur Frühstückszeit in buntkarrierten hellen Anzügen auftreten, und endlich abends zum Essen einen Gesellschaftsanzug tragen. Und das noch dazu an Bord eines Schiffes!

Es gab nur eine Dame an Bord, welche gleich mir stets in demselben Reiseanzug auch zu Tisch erschien. Ich glaube, wir wurden deshalb bemitleidet, im übrigen aber waren alle Passagiere, auch die Damen, sehr zuvorkommend und Steifheit trat im Umgang nicht zu tage.

Zu Tisch konnte ich erfreulicherweise immer erscheinen. Die Unterhaltung, die nur in englisch geführt wurde, war lebhaft. Ich saß neben dem Kapitän, einem äußerst gutmütigen älteren Herrn, dann kamen Herren und Damen bunt durcheinander, die Herren junge, schmucke Männer. Ich war noch nicht in England, aber die Engländerinnen, welche ich im Auslande gesehen habe, waren fast immer schön und die Engländer stattlich. — Nach Tisch ging man wieder auf Deck und verweilte dort noch einige Zeit, ich zog mich aber immer früh in meine Kabine zurück; am Tee abends habe ich nie teilgenommen. So ist nun ein Tag wie der andere und doch bringt jeder tag auch auf dem roten Meer Neues.

Vorbei ging's nun bei Sinai, dessen großartige Formen blau übergossen, aus dem blauen Meer auftauchten. Du erinnerst Dich wohl, daß, wie so viele Reisende, die das rote Meer befuhren, auch Gerhard, der es mehrere Male durchschiffte, eine Erklärung über die rote Farbe dieses Meeres zu geben versuchte. Ich grüble nicht darüber nach, aber hier ist es nicht rot, sondern blau, so schön blau, daß selbst das tyrrhenische Meer in seiner Farbe ihm nicht gleichkommt.

Je weiter wir nach dem Süden kamen, desto wärmer wurde es, so daß schon nach vierundzwanzigstündiger Fahrt von Suez beim Essen ein mächtiger Punkah, d.h. ein großer Fächer in Bewegung gesetzt wurde, um uns Kühlung zuzufächeln.

An Bord der "Abyssinia". Aden Februar 1885.

Du wirst an meinen krummfüßigen Schriftzügen, liebe L., schon gemerkt haben, daß die Bewegungen eines Schiffes und ein halbkranker Zustand dem Briefschreiben nicht eben förderlich sind. Was soll ich Dir noch vom roten Meer erzählen? Wir verloren bald die Küste aus dem Gesicht, passierten einige Inseln mit Leuchttürmen, kamen bei Perim, der kleinen Insel in der berühmten Straße Bab el Mandeb (bei diesem Worte, welches ich in der Geographiestunde nie behalten konnte, fällt mir ein, daß Gerhard mir gesagt hat, ich solle nicht Straße Bab el Mandeb, sondern nur Bab el Mandeb sagen) vorbei, dann lag Aden, das berüchtigte heiße Aden, vor uns. Und von hier, von diesem Eden — wie die Engländer aussprechen — schreibe ich Dir.

In den letzten Tage war das Wetter stürmisch geworden, so daß ich den ganzen Montag in meiner Kabine lag, d.h. ohne eigentlich seekrank zu sein. Um vier Uhr nachmittags wagte ich mich hinauf und blieb bis zum Abend oben. Am Dienstag ging es mir noch schlechter und kurz vor Aden war ich recht elend. Sowie der Dampfer geankert hatte, fühlte ich mich besser und ich ging auf Deck. Ein schrecklicher Wirrwarr herrschte dort und um das Schiff herum. Nackte Neger in kleinen Kanoes boten sich an, heruntergeworfenes Geld aus dem Wasser zu holen, und führten das auch mit unglaublicher Geschicklichkeit aus. Inzwischen war es dunkel geworden — die Sonne geht hier jetzt um halb sechs Uhr unter —, der Sturm tobte recht arg und ich dachte mit Zittern und Zagen an meine Überfahrt zum andern Schiff, das ziemlich entfernt lag.

Die Boote konnten nur mit Mühe ans Schiff heran und es dauerte minutenlang, ehe sie für einen Augenblick anlegen konnten, um gleich wieder von den Wogen abgestoßen zu werden. Und dann die Aussicht, sich von lauter unheimlichen Gestalten in der Nacht (es war inzwischen neun Uhr geworden) hinüberrudern zu lassen! Ich glaubte ernstlich, mein letztes Stündlein würde auf dieser Überfahrt eintreten. Der Kommandant war aber so freundlich, mir einen der Schiffsoffiziere mitzugeben; dieser brachte mich mit großer Sicherheit die hohe, steile, schwankende Schiffstreppe, von der man mir kurz vorher "zur Beruhigung" erzählt hatte, sie sei beim Ausschiffen in Malta gebrochen und vier Passagiere seien ins Wasser gefallen, hinunter und hob mich ins Boot. Alle Zurückbleibenden verfolgten meine Abfahrt mit großer Teilnahme, denn ich war der einzige Passagier nach Sansibar.

Unterwegs schlugen die Wellen ganz über unser Boot weg und wir mußten uns dann immer verbergen. Mich wundert nur, daß ich nicht seekrank wurde und sehr ruhig bei dieser gefährlichen Fahrt war, obgleich mir inzwischen der Atem ausging. Nachher nahm uns glücklicherweise eine Dampfbarkasse ins Schlepptau, sonst wären wir, wie mein Begleiter sagte, zwei Stunden unterwegs gewesen. Endlich langten wir nach einer guten halben Stunde an Bord der "Abyssinia" an. Sowohl mein freundlicher Beschützer als ich waren sehr betroffen über das, was wir hier sahen. Lauter fragwürdige Gestalten lungerten um uns herum und ich dachte einen Augenblick, ich sei auf ein Sklavenschiff geraten. Kein höherer Schiffsoffizier war zu sehen, selbst keine Stewardeß auf dem Schiffe. Wie man mir nachher sagte, hatte man meine Ankunft nicht erwartet, weil ich mit dem Dampfer einer andern Kompagnie kam; gewöhnlich werden die Namen der Passagiere telegraphiert. Der mich begleitende Schiffsoffizier empfahl mich schließlich den unheimlichen Gestalten und fuhr fort.

Während meine Kabine zurecht gemacht wurde, wartete ich im Salon. Dort setzte sich ein junger mann zu mir, der sich als der Schiffsarzt vorstellte und das erste weiße Gesicht war, das ich an Bord sah. Ich ließ mir vor allem den Schlüssel zu meiner Kabine geben. Heute bei Tageslicht sieht aber alles nicht so schlimm aus, wie abends und nachts vorher. Ich bin der einzige Passagier an Bord. Diese Nacht soll es fortgehen. Der Kommandant, der heute endlich sichtbar wurde, war so freundlich, mich an Land mitzunehmen und mir die einzige Sehenswürdigkeit Adens, die Wasseranlage zu zeigen.

In kolossalen Reservoirs wird das Regenwasser aufgefangen und durch Röhren der Stadt zugeführt. Die Fahrt in einer sehr anständigen Droschke dauerte zwei Stunden und ich habe ganz Aden gesehen. Die eigentliche Stadt liegt nicht am Hafen (dort befinden sich nur die Hotels, Konsulate und einige andere Häuser), sondern eingeschlossen in einem Bergkessel, und es ist hier so heiß, daß man Aden "die Hölle" nennt. Natürlich von Bäumen und Sträuchern keine Spur.

Lamu an Bord der "Abyssinia". Ferbruar.

Gestern abend habe ich von hier aus in alle Windrichtungen hin Korrespondenzkarten geschickt, damit Ihr erfahrt, daß ich noch lebe. Heute fange ich nun, nach achttägiger Pause, mit der näheren Beschreibung an, d.h. viel zu erzählen habe ich nicht, da, wie immer auf See, der Tag gleichförmig wie der andere vergeht, wenn man nur Himmel und Wasser sieht, und ich froh bin, wenn einer wieder überstanden ist. Augenblicklich ist es neun Uhr morgens. Ich schreibe an Deck und trage schon einen ganz leichten Tropenanzug, sowie einen Riesenstrohhut. Die ersten Tage hier an Bord habe ich nur in meiner Kabine zugebracht (der Kommandant hat mir sein Salon eingeräumt), ich war nicht eigentlich seekrank, aber fiebrig und elend. Heiß war es nur nachts. Ich schloß nämlich meine Fenster schon sehr zeitig, weil ich Angst vor Ratten und allem möglichen anderen Getier hatte.

Ich belastete denn auch in der Tat mein Gewissen durch einen Mord, indem ich ein Tier tötete, das nicht zu den Annehmlichkeiten des menschlichen Lebens gehört und in der Todesstunde einen unangenehmen Geruch verbreitet. In der folgenden Nacht sah ich wieder so ein Tier, drückte mit Widerwillen und furchtbarer Kraftanstrengung darauf los und am Morgen bei Tageslicht entpuppte der Leichnam sich — als Wassermelonenkern! Glücklicherweise blieb es von der Sorte bei dem einzigen Exemplar. Aber große Käfer, hier Kukerutsch, in Deutschland Schwaben genannt, erschrecken mich oft, und als ich neulich ein Stückchen Schokolade essen will, wimmelt es in der Blechtrommel von Tausenden von ganz kleinen rötlichen Ameisen. Wie sie dort hineingekommen sind, weiß ich nicht. Die Küche hier an Bord ist schlecht, fade und geschmacklos. Zwiebeln bilden den Hauptbestandteil, und wenn ich mir z. B. mutton chops kommen lasse, erhalte ich einen Teller voll Zwiebeln mit einem mikroskopisch kleinen Stückchen Fleisch. Die Zwiebeln schmecken hier aber nicht so scharf wie bei uns, und ich glaube, der Koch braucht sie kaum tränenden Auges zu präparieren.

Mombassa. Februar.

Ich bin sehr ungehalten über den Kapitän! Wir sind eben hier angekommen und bleiben ohne Grund bis morgen liegen. Führen wir heute abend noch ab, so könnten wir morgen früh vor Sansibar liegen, so werden wir erst am Montag dort sein! Mombassa liegt sehr hübsch und hat eine prachtvolle Vegetation. Besonders herrliche Adansonien stehen dicht am Ufer. Wir sind aber vom Lande zu weit entfernt, als daß ich eine nähere Beschreibung von ihm entwerfen könnte. Die vorige Nacht habe ich ziemlich schlaflos verbracht, ein greuliches Tier, das ich für einen Skorpion hielt, ängstigte mich. Schließlich holte ich mir den Steward, der es verscheuchte, denn töten wollen diese Leute kein Tier. Ich muß noch zwei Nächte an Bord dieses fürchterlichen Schiffes zubringen!

Sansibar im März 1885

Nun bin ich schon bald drei Wochen, habe aber noch nicht geschrieben, da der Dampfer erst in acht Tagen nach Europa geht und ich die ersten Eindrücke auf mich wirken lassen wollte. Leider gibt es hier nur einmal im Monat Verbindung mit Europa, und nicht wie ich meinte, alle vierzehn Tage. An diesen Übelstand werden wir uns sehr gewöhnen müssen; viele der hiesigen Europäer sind jedoch ganz zufrieden damit. Sie scheinen also wenig geistiger Anregung zu bedürfen. Ich kam hier also am Morgen des 23. Februars an und wurde von Gerhard und dem Kapitän Valois, Kommandant der "Gneisenau", im deutschen Boot, unter deutscher flagge, und von deutschen Matrosen gerudert, empfangen. Außerdem begrüßten mich an Bord der Vertraute des Sultans im Namen seines Herrn, der französische Konsul, unser alter Bekannter aus Tripolis, Herr Winkler, Gerhards Privatsekretär, und einige deutsche Herren. Da hier große Wohnungsnot herrscht, haben wir uns erst noch einige Zeit im Hotel behelfen müssen, das nicht allzuschlecht ist und den Namen Grand Hôtel de l'Afrique centrale führt.

Als aber bald nach meiner Ankunft der Oswaldsche Dampfer mit unsern Sachen kam und der englische Generalkonsul und das Haus des englischen Konsulararztes, der jüngst gestorben, zur Verfügung stellte, zogen wir hier hinein und sind seit acht Tagen schon ganz gemütlich eingerichtet. In drei Monaten steht uns dann ein neuer Umzug bevor, wir beziehen dann aber ein sehr schönes, stattliches Konsulatsgebäude, an dem jetzt noch stark gearbeitet wird, da es ein ganz neues Haus ist. Augenblicklich sind wir leider in der unangenehmsten Jahreszeit. Es ist bei gänzlicher Windstille sehr heiß und nun beginnt noch die Regenzeit, die bis Ende April dauert, dann soll aber eine herrliche Zeit kommen. Ich war wenige Tage gar nicht wohl, jetzt geht es aber wieder besser, man gewöhnt sich hoffentlich an die Hitze. Wir sind beide immer wir gebadet und ich halte in der einen Hand stets ein Fächer, in der andern ein Taschentuch. Gerhard fühlte sich gottlob sehr wohl, er leidet dazwischen an Zahnweh, sieht aber frisch aus und ist munter und vergnügt. Ich habe leider nur sehr wenig von ihm, da er fast den ganzen Tag über im Bureau ist. Ich sehe ihn zum Frühstück um halb elf, dann holt er mich gegen fünf zu einem Spaziergang ab, der bis sechs dauert, und um sieben essen wir.

Bull, unser treuer aber etwas bissiger Hund, dessen Vaterland Abessinien ist und der in Weimar immer der Schakal genannt wurde, ist auch glücklich angelangt, leidet aber vorläufig sehr an der Hitze. Er liegt den ganzen Tag auf dem Steinfußboden des Vorhauses, während er sich in Weimar am liebsten einen Platz mit doppeltem Teppich aussuchte. Der Kanarienvogel dagegen fühlt sich sehr wohl, und je ärger der Lärm auf der Straße ist, desto lauter schmettert er. Die Vegetation der Insel ist tropisch und sehr schön. Man hat Kokos - und Arekapalmen, Mango, Adansonien, Orangen, Nelken und Bäume, deren Namen ich vorläufig noch nicht kenne. Dabei immer wunderschönes Grün unter den Bäumen und nicht den ewigen Sand wie in Tripolis. An Früchten gibt es auch eine große Auswahl, eben jetzt beginnt die schöne Ananaszeit. Blumen gibt es in Hülle und Fülle.

Für heute lebt wohl; ich schließe jetzt, da noch viele andere Briefe geschrieben sein wollen, und hoffe, daß diese lange Epistel auf der weiten Reise nicht verloren geht, sondern glücklich in Deutschland anlangt. (Fortsetzung - zweiter Teil).

*) Diese Briefe, die ursprünglich nur für die Adressatin bestimmt waren, wurden uns auf unsere Bitte von der Verfasserin behufs Veröffentlichung überlassen. Unsere Leser werden der Dame dafür gewiß ebenso dankbar sein wie wir. - d. r.-

Quelle: Daheim 1886, von rado by jadu 2002

 

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