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Aus dem Reiche des Sultans von Sansibar.

Briefe an eine Verwandte*) von Lonny Rohlfs.

II

Sansibar, April 1885

Liebe L....

Obgleich meine letzte Post erst vor wenigen Tagen abgegangen ist, fahre ich doch heute schon in meinen Berichten fort, da ich Dir brühwarm über eine große Festlichkeit berichten möchte, die der Sultan der deutschen Kolonie gab. Es geschah dies zum erstenmal, während die Engländer und Franzosen schon öfter von ihm gefeiert worden sind. Er schickte einige Tage vorher seinen Vertrauten zu Gerhard und beauftragte ihn, unter den Offizieren der Gneisenau und unter der deutschen Kolonie je zehn Personen nach Belieben für das Fest auszuwählen. Da aber nach gehaltener Umschau, besonders in der deutscher Kolonie, es Gerhard gar nicht möglich erschien, den einen oder den andern zu bevorzugen, so schrieb er zurück, ob er nicht auch noch die und die Leute einladen könne, worauf die liebenswürdige Antwort erfolgte, Gerhard möge jeden einladen, den er nur einladen wolle. Da wurde denn gar keine Ausnahme gemacht.

So kam der große Tag heran. Sämtliche Eingeladenen versammelten sich um sieben Uhr morgens bei uns auf dem Konsulat, und wir fuhren in einer langen Wagenreihe — die Wagen hatte der Sultan zur Disposition gestellt — nach dem anderthalb Stunde von hier entfernten Landhaus Tschueni. Man fährt fast durch die ganze Stadt, was ganz interessant wäre, wenn man nicht fortwährend für sein Leben zu fürchten hätte. Die Sultanskutscher, es sind Hindus, fahren nämlich immer en carrière, und da die Straßen nicht viel breiter sind als die Wagen selbst, so ist man in steter Angst, beim Umbiegen ein Haus anzurennen, oder mit zebrochenen Achsen und zerrissenem Geschirr liegen zu bleiben. Aber so oft wir auch schon spazieren gefahren sind, so ist uns doch, gottlob, noch nie etwas Ernstliches passiert. Man kann eben die Geschicklichkeit der Kutscher nicht genug bewundern. Freilich, was infolge der Schnelligkeit des Fahrers und der Enge der Straßen passiert, zumal wenn durch Haufen von Menschen gejagt wird, das erfährt man meistens erst später; so bemerke ich denn gleich hier, daß ein Wagen der Gäste bei der Rückfahrt, zwar glücklicherweise keinem Menschen, wohl aber einem Esel die Beine zermalt haben soll.

Bei uns dürfen so schmale Straßen gar nicht befahren werden, oder höchstens im Schritt. Steht doch z.B. in unserem lieben Weimar, wo man die vorhandenen Wagen zählen kann, an allen Straßenecken "Schritt fahren". Und was für breite Straßen hat Weimar im Vergleich zu Sansibar! Passiert es nun gar, daß einem in diesen schmalen Gassen ein anderer Wagen begegnet, so ist das Unglück voll, man muß aussteigen, die Pferde werden ausgespannt und die Wagen zurückgeschoben. Hilfreiche Hände sind übrigens immer bereit; überdies sind außer dem Kutscher stets noch zwei Lakaien auf dem Wagen, einer, der vorn sitzt, und ein anderer als Standesperson hinten. Diese reparieren etwa losgegangene Schnallen, zerrissenes Geschirr ect. auf der Stelle. Dergleichen ereignet sich nämlich bei jeder Fahrt.

Ehe man aus dem Hüttenstadtviertel herauskommt, schließt dasselbe links mit einem herrlichen, mitten in hohen Kokospalmen und buschigen Orangenbäumen gelegenen Anwesen ab. Es ist das ein dem französischen Bischof gehöriges Landhaus, das von einer sehr liebenswürdigen Französin bewohnt wird. Diese Dame ist uns persönlich bekannt. Sie verwendet ihre Reichtümer ausschließlich zu Samariterdiensten, verabreicht kranken Eingeboreren unentgeltlich Medizin und nimmt sie, wenn es not tut, auch bei sich auf und verpflegt sie. Madame Chevalier, so heißt die Dame, die in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein muß und mir sehr sympathisch ist, hat noch eine Gefährtin, Mademoiselle Duclos, eine Elsässerin, und beide Damen walten ihres schweren uneigennützigen Berufes mit großer Liebe und Hingebung. Madame Chevalier erzählt mir oft, mit welch widerlichen Krankheiten sie zu tun hat und wie wenig Dank sie für ihre Tätigkeit erntet. Ja, mit rührender Resignation erzählt sie mir, daß es auch wohl vorkäme, daß Kranke manchmal, um ihren bleibenden Dank für Verpflegung und Medizin auszudrücken, heimlich davongehen, zugleich moit den geliehenen Kleidungsstücken, der Bettwäsche und anderen leicht zu transoprtierenden Gegenständen.

Ist man aus der eigentlichen Stadt heraus, so kommt man über einen langen Damm, und nun geht`s durch eine lange, stets sehr belebte Straße, die aus lauter Kaufläden besteht, aber sehr unangenehm zu passieren ist, da man hier die fürchterlichsten Gerüche einzuatmen gezwungen ist. Hier liegen nämlich halbtrockene Haifische und andere Delikatessen der Eingeborenen au, die die Luft manchmal förmlich verpesten. Endlich gelangt man ins Freie, und nun beginnt beginnt eine herrlich, leider nur zu schnelle Fahrt. Auf mein "asti, asti" (langsam, auf Hindustani) hört der Kutscher nicht, sondern jagt immer gleichmäßig schnell vorwärts. Hinter uns keuchte ein armes schwindsüchtiges Pferd bei dieser tollen Fahrt ganz entsetzlich – der Kutscher achtete aber nicht darauf.

Nun kommen wir an einem Landhause des Sultans, an verschiedenen Schambas reicher Hindus und Araber vorbei und befinden uns unterdessen stets mitten in der prächtigsten Tropenvegetation. Nelken- und Zuckerrohranpflanzungen ziehen sich rechts und links hin, wir durchfahren Orangenwälder und befinden uns dann wieder in einer Allee Arekapalmen und Kasuarinen, während sich ab und zu der Blick auf das Meer eröffnet, rechts aber die Landschaft durch anmutige, mit Nelkenbäumen bestandene Hügel stehts ein anderes Bild bietet.

Endlich gelangten wir um halb neun Uhr in Tschueni an. Wir wuder hier vom Vertrauten des Sultans empfangen und sofort in einen mit Spiegeln und Kronleuchtern überreich dekorierten Riesensaal geführt, in dem wir zu einer schön gedeckten Tafel genütigt wurden. Feinstes Porzellan, schönes Damasttischzeug, geschliffenes Glasgeschirr und Gold- und Silberzeug gab es hier in Überfülle. Der Tisch sah prachtvoll aus und war mit Blumen und Früchten schön geschmückt. Wir zählten zwölf verschiedene Sorten frischer Früchte: Bananen, Orangen, Äpfel, Mangos, Ananas, Datteln, Feigen, Trauben ect. Natürlich hatte der Sultan sich die Äpfel aus Europa kommen lassen, ebenso die Trauben, denn obschon es deren in Sansibar gibt – der französische Bischof schickte uns gleich nach unserer Ankunft eine Schüssel herrlich aussehender blauer, in Sansibar gewachsener Trauben –, so sind sie doch sehr sauer.

Aber weiter in der Beschreibung der Festlichkeit. Eigentlich könnte ich sie mit drei Worten abmachen: Essen, Essen und nochmals Essen! Denn wenn Du glaubst, es sei mit diesem ersten sehr vollständigen Frühstück vorbei gewesen, so irrst Du, wie Du gleich sehen wirst. Das Fest sollte den ganzen Tag dauern, wir mußten daher selbst für Unterhaltung sorgen. Aber da war ja im Hofraum ein Karusell mit einer Orgel. Das war schon etwas. Also nach dem Frühstück amüsierten wir uns mit Karusselfahren. Dann hat der Sultan dort draußen eine Zuckerfabrik, und ein arabischer Scheich machte uns auf Wunsch des Sultans die ganze Fabrikation anschaulich, vom Beginn, wie das Zuckerrohr zerstampft wird, bis zu dem Moment, wo der Zucker geläutert herausfließt. Das war sehr interessant, nur war die Hitze in dem Raum entsetzlich! In den Tropen in einer Zuckersiederei!

Inzwischen boten Diener Limonade, Sherbet, Kaffee oder andere unschuldige Getränke an. So verging die Zeit bis zum zweiten Frühstückm das um eins serviert wurde. Gerhard hatte mittlerweile vergebens beim Vertrauten des Sultans durchzusetzen versucht, daß das Frühstück und das Mittagessen in einem serviert wurden, konnte aber nur erreichen, daß vom Abendessen abgesehen werden sollte, und auch das nur, weil er aufs bestimmteste erklärte, gegen acht Uhr abends wieder zu Hause sein zu müssen.

Dies zweite Frühstück war ebenfalls ein komplettes warmes Mittagsessen. Nun packten auch die Herren ihre Vorräte an Getränken aus. Der Sultan als strenger Mohammedaner gibt bei seinen Gastmahlen weder Wein noch Bier, nicht einmal Sekt, den doch die meisten Mohammedaner zur "Limonade" rechnen. Da ein guter Deutscher aber nicht wohl einen ganzen Tag ohne das ordentliche Naß zubringen kann, hatten die Herren mit Bewilligung des Sultans selbst für die Getränke gesorgt, so daß an nichts Mangel war.

Mittlerweile war es recht warm geworden. Einige Herren benutzten die Zeit, um die vom Sultan zur Verfügung gestellten Bäder zu gebrauchen, andere zogen sich zurück, um zu lesen oder auch, wie Frau Buchholz sagt, "die Augen zu wärmen". Ich habe Gerhard, obschon er für alle Fälle ein Buch mitgenommen hatte, stark im Verdacht, daß er, trotz der immer größeren Hitze, augenkalt geworden war. Die Mehrzahl aber versammelte sich auf dem Balkon, der Schutz vor der Sonne bot und auf dem sich eine angenehme Brise von Meere her verspüren ließ. Noch heute gedenke ich dankbar des Leutnants Jacobs von der Gneisenau, der in seiner unerschöpflichen Laune ein lustiges Stück nach dem andern erfand. Er arrangierte z.B. lebende Bilder, ohne irgendwelche Dekorationsstücke; mein Regenmantel, Sonnenschirme ect. genügten und erzielten den besten Effekt. Eine Scharade muß ich Dir doch vorführen: unser deutscher Diener Karl mußte fortwährend um einen der Herren herumspringen. Das sollte heißen – Du wirst wohl kaum erraten? –: "Der Knabe Karl fängt an mir fürchterlich zu werden." Auch "Und ich hab' sie doch nur auf die Schulter geküßt" kam zur Aufführung ect.

Endlich war es fünf Uhr nachmittags geworden, und es ertönte der Ruf zum Mittagessen. Die Tafel im großen Spiegelsaal war wieder aufs reizendste dekoriert, frische duftende und farbenprächtige Blumen sowie Berge der seltensten Früchte verdeckten das schöne Leinenzeug, und auch die Speisen ließen nichts zu wünschen übrig. Aber wer konnte, trotz der Reize derselben, noch essen! Hier hast Du das Menü, das wir auf schön gedruckten, mit den Initialen des Sultans versehenen Karten erhielten. Es wird Dich, da es in Sansibar in der Küche des Sultans zusammengestellt wurde, gewiß interessieren. Suppe, ein sehr schönes Fischgelee, Tauben mit grünen Erbsen, Filet mit Austern, Kücken mit Champignons, gebratene Hammelkeule mit Johannisbeergelee, Gänsebraten mit Äpfeln. Hühner und Ochsenzunge mit Bohnen, Enten mit Oliven, Gänseleberpasteten, Spargel, zwei Puddings, Pückler-Muskaneis, Nachtisch ect. Dies alles, nachdem man schon den ganzen Tag über nichts weiter getan wie essen! Gerhard brachte in sehr hübschen Worten das Wohl des Sultans aus, und der Vertreter desselben nahm den Toast entgegen, stieß aber mit Wasser an. Wir waren vom Wetter sehr begünstigt, denn obgleich wir jetzt in der Regenzeit sind, so daß es täglich wolkenbruchartig regnet, fiel kein Tropfen, und es ging ein angenehmer Wind.

Es war schon dunkel, als wir zurückfuhren, aber wir kamen ohne Unfall wieder zu Hause an. Als wir indessen abdes zu Bett gehen, sehe ich, wie Gerhard Chinin nimmt. Auf meine Frage, ob er Fieber verspüre, antwortet er mir: "Ich nehme es, damit mir die Langeweile gut bekommt." Du weißt, wie wenig Gerhard solche "Bummeltage" liebt. Hat man je so was gehört! Chinin gegen Langeweile!

Das Chinin spielt überhaupt eine große Rolle bei uns, und ich bin froh, daß es wenigstens ein Mittel gibt, um alle bösen Einflüsse bekämpfen zu können. Gerhard sagt zwar, das Klima sei gar nicht so schlecht, nd er befände sich sehr wohl; dabei ist sein Appetit aber wie der eines Kindes, und auch mich hat das Fieber schon gepackt gehabt. Zehn Tage lang war ich sehr elend, ich litt nicht nur am Fieber, sondern auch am Magen. Nichts konnte ich bei mir behalten, und ich habe sechs Tage lang nichts gegessen. Stets aber hatte ich großen Durst, und ich habe einmal den Saft einer ganzen großen ananas getrunken. Ich bin in dieser kurzen Zeit ganz mager geworden. Mein guter Mann aber, an dem eine Krankenpflegerin verloren gegangen ist, hat mich rührend gepflegt und mich schnell wieder hergestellt. Gerhard behauptet, meine Krankheit sei durch die Wohnung verursacht, in der wir uns jetzt befinden. Diese, die – wie ich Dir schrieb – Sir John Kirk uns zur Verfügung stellte, ist zwar sehr geräumig, das Haus ist aber alt und etwas baufällig. In unserm Schlafzimmer regnet es immer ein, so daß wir mit unsern Betten stets rücken mußten, je nachdem es hie und da durch die Lage träufelte. Dazu die entsetzlichen Moskitos, die – ich weiß nicht wie – trotz der Netze ihren Weg in das Innere der anscheinend dicht verhangenen Betten zu finden wissen.

Am Tage vor dem beschriebenen Feste gaben wir dem französischen Konsul und seiner Familie, unsern Bekannten von Tripolis her, das Geleite. Sie sind leider nach Port Said versetzt. Die vornehmsten Leute der europäischen Kolonie waren an Bord. Wir fuhren mit einem Boote der "Gneisenau" hin, und unser Boot war von allen Booten das schmuckste. Dies erkannten auch alle neidlos an. Unsere deutschen Jungen sehen so stramm und gesund aus, daß es eine wahre Freude ist.

Augenblicklich regnet es wolkenbruchartig. Ihr habt keinen Begriff von solchen tropischen Regengüssen. Bei uns würde man denken, die Welt ginge unter, hier aber geht das tagelang so fort. Spät nachmittags klärt es sich übrigens meistens auf. Ich habe mich eben über ein Negerkind amüsiert. Es stellte sich splitternackt unter eine Traufe und nahm so eine Dusche. da der Strahl sehr stark war und von sehr hoch herabkam, muß es ordentlich gepeitscht worden sein. Das Kind schrie denn auch und sprang wie ein Teufelchen umher, amüsierte sich aber herrlich. Die Pfützen werden auch gleich zum Wäschewaschen benutzt, und jetzt liegen überall Weiber an ihnen und klopfen ihre Wäsche. Andere sammeln das Regenwasser unter den Traufen. Im übrigen sind die Wäscheverhältnisse hier sehr traurig. Alle meine schöne Wäsche wird wohl bald hin sein. Sie wird hier auf Steine geschlagen, geklopft und mit Bimsstein gerieben, der Schmutz aber bleibt drin, und nur die Wäsche verdirbt. Eine europäische Wäscherin könnte hier schönes Geld verdienen, denn alle klagen, aber man tut nichts, um Abhilfe zu schaffen.

Kaisers Geburtstag wurde hier auch festlich begangen. Morgens um zehn Uhr versammelten sich alle Deutschen bei uns, und wir fuhren nach der "Gneisenau", wo Gottesdienst stattfand. Alle Herren waren im Frack, Gerhard in Uniform. Die Offiziere waren natürlich auch alle in Gala und die Mannschaft in schönen weißen Anzügen. Mit Begleitung der Musikkapelle wurde am Anfang und zum Schluß ein Choral gesungen, und Kapitänleutnant Burig las eine Predigt vor. Der Gottesdienst fand auf Deck statt und war sehr feierlich. Nachher lud uns Kapitän Valois ein, in seine Räume zu kommen, wo wir in Champagnerbowle auf des Kaisers Wohl tranken. Gerhard und ich fuhren dann gleich zurück, da um zwölf Uhr die Konsuln kommen sollten. Auch sämtliche Deutsche kamen nochmals, und es wurde Sekt gereicht. Um zwölf Uhr feuerte die Gneisenau einundzwanzig Schuß ab, und auch die beiden hier liegenden englischen sowie des Sultans Kriegsdampfer gaben je einundzwanzig Schuß. Um sieben Uhr war Diner von dreißig Personen bei uns, ich nahm aber nicht teil an ihm. Ich unterhielt mich aber auch allein ganz gut, da die Gneisenaukapelle spielte. Gerhard brachte des Kaisers Wohl aus, es wurde dreimal begeistert "Hoch" gerufen und "Heil dir im Siegerkranz" gesungen. Das ganze Haus war von den Matrosen der Gneisenau herrlich mit Palmen und Fahnen geschmückt. Gespeist wurde oben auf dem bedeckten flachen Dach, das auch mit Palmen, Fahnen und Blumen wundervoll geschmückt war. Der Sultan hatte so viel Blumen geschickt, daß der ganze Tisch damit bedeckt war und man kaum ein Tischtuch bötig gehabt hätte. Außerdem schickte er morgens zwei Ziegen, Körbe voll herrlichen Obstes und andere in Sansibar als Delikatessen geltende Sachen, z.B. Wiener Waffeln, Makkaroni, eingemachte Früchte mit deutschen Etiketten ect. Auch lieferte er, was Euch gewiß sehr sonderbar vorkommen wird, verschiedene Formen sehr schönen Eises. Der Sultan hat nämlich eine Eisfabrik, aus welcher jeder Eis, undzwar zu verhältnismäßig billigen Preisen bekommen kann. Den Konsuln schickt er das Roheis ohne Bezahlung, und veranstalten sie größere Festlichkeiten, so sendet er ihnen auch zubereitetes Gefrohrenes.

Man kann auch alle anderen leiblichen Genüsse in Sansibar erhalten, zumal im Laden "der große Susa", wo man von der Stecknadel bis hin zum Hut, von Mehl bis zu den feinsten Konserven alles kaufen kann. Der Name Susa bedeutet hier so viel wie bei uns Schulze oder Müller, denn jeder dritte Mann heißt so, auch unser Koch. Bei Susa habe ich mir schon ganz gute Schuhe machen lassen und Gerhard einen weißen Anzug und einen Hut. Man sagt mir, daß Susa sogar Damentoiletten anfertigt, nur muß man ein Kleid als Modell mitgeben, dieses wird dann so genau als Muster benutzt, daß, falls sich ein Loch darin befindet, auch das nachgemacht wird (?).Es gibt hier auch einen sehr guten Fleischer, bei dem ich sogar meine schriftlichen Bestellungen auf deutsch machen kann. Das Rind- und Hammelfleisch ist recht gut, und es gibt gewöhnlich alle vierzehn Tage auch Kalbfleisch, was extra vorher angesagt wird. Wird aber ein Schwein geschlachtet, was sehr selten vorkommt, so wird vorher eine Subskriptionsliste herumgeschickt, und man unterschreibt auf zwei, drei oder fünf Pfund, je nachdem Bedarf. Man spricht davon, ein Abonnement auf Schweinefleisch einzurichten, so behaupten wenigstens doe Spaßvögel. Hühner, Enten, Perlhühner, Tauben sind bilig und gut. Puter gibt es selten, sie kommen dann aus Madagaskar. Gemüse gibt es wenig: eine Sorte Kohl, Spinat, Eierfrucht, Kürbis, Gurken, Tomaten ect. Kartoffeln werden hier nicht gezogen, sie kommen aus Bombay, sind aber sehr gut. Hier wachsen süße Kartoffeln, die mögen wir aber nicht oder doch höchstens als Pürree mit einer scharfen Sauce.

Bull fängt an, sich an die Hitze zu gewöhnen und läuft, wie in Weimar, leidenschaftlich gern spazieren. Wir gehen täglich von halb fünf bis sechs Uhr mit ihm aus. Er ist hier ebenso gefürchtet wie in Weimar, aber er hat auch wie dort einige Häuser, die er auf seinen einsamen Spaziergängen mit seinem Besuche beehrt. Ich habe mich zu Kaisers Geburtstag über seine Klugheit amüsiert. Er sollte während des Diners bei mir bleiben, und ich hatte die größte Mühe mit ihm, da er absolut fort wollte.Als er nun sah, daß ihm nichts half, tat er, als wenn er sich übergeben müßte, denn er weiß, daß er dann immer hinausgejagt wird. Er ereichte damit auch seinen Willen und spazierte ganz vergnügt hinauf, hat alle Herren begrüßt und sich schließlich zwischen Gerhard und Valois hingelegt. Er schämte sich wohl, als einziger Herr bei mir bleiben zu müssen.

Neulich haben wir auch den Besuch des Sultans gehabt. Er ließ sich einige Tage vorher anmelden, da für seinen Besuch einige Verbereitungen getroffen werden müssen. Über das Sofa im Saal wurden die deutsche und die sansibarische (ganz rote) Flagge gehängt, und wir hatten noch mindestens zwei Dutzend Stühle hineintragen lassen, da der Sultan immer mit großem Gefolge kommt. Um neun Uhr morgens marschierte das Militär auf und bildete Spalier vom Schloß bis zu uns, etwa einen halben Kilometer weit, während die Musikkapelle sich vor unserem Hause aufstellte. Gerhard war in Uniform, und ich hatte ein schwazsamtenes Kleid an. Du rufst gewiß: "O, bei der Hitze", aber es war mir gar nicht zu heiß, denn wir befinden uns jetzt in der sogenannten kühlen Jahresezeit, das heißt, wir haben immer noch + 20 bis 21° R. Tag und Nacht, aber kühler wird es hier nicht. Wir schlafen auch jetzt noch bei offenem Fenster, haben aber Jalousien vor.

Außer uns waren noch Dr, Jühlke und Herr Winkler zugegen. Um halb zehn Uhr fuhr der Sultan vor, das heißt, er mußte in einiger Entfernung vor unserem Hause aussteigen, da unsere Straße so eng ist, daß unmöglich ein Wagen ganz herankommen kann. Er kam achtspännig angefahren, mit einem schön betreßten Kutscher und einem sehr eleganten Lakaien auf dem Bock. Vor und hinter dem Wagen sprengten berittene Leibwachen in roter Uniform. Gerhard und die beiden obengenannten Herren gingen dem Sultan entgegen, derselbe packte Gerhard am Arm, und sie kamen so herauf. Ich begrüßte den Sultan am Eingang des Saals, er gab mir sehr freundlich die Hand, kniff mich tüchtig in den Arm und schob mich vor. Dann setzte er sich aufs Sofa unter die deutsche Fahne, Gerhard unter die sansibarische, und ich nahm rechts vom Sultan Platz. Nun strömte das ganze Gefolge des Sultans herein, wenigstens dreißig Mann, darunter Brüder, Onkel und Verwandte des Sultans. Die Unterhaltung führten aber nur der letztere und Gerhard, und zwar arabisch, wir andern saßen stumm wie die Fische herum. Der Sultan wandte sich dazwischen mit einer Frage an mich, und Gerhard beantwortete sie. Unterdessen spielte die Musik die Wacht am Rhein und das Preußenlied. Es wurden Kaffee und Scherbet gereicht. Natürlich wurde den Sultan zuerst präsentiert, er befahl aber durch eine Handbewegung, daß mir zuerst gereicht werden sollte, dann Gerhard und dann ihm. Er ist überhaupt sehr höflich, nicht mehr jung, nicht besonders schön, aber außerordentlich sympathisch. Er hatte ein weißen Gewand an und darüber einen schwarzen, mit Goldlitzen besetzten Kaftan (wie die Russen) und auf dem Kopfe einen Turban. Am kleinen Finger der linken Hand hatte er einen haselnußgroßen Diamant. Dieser Besuch dauerte ein halbes Stündchen, dann zogen alle mit demselben Zeremoniell ab. Nun werde ich wohl nächstens die Sultanin besuchen müssen. Es gibt eine einzige Dame seines aus einundsiebzig Frauen bestehenden Harems, die diesen Namen führt. Gestern abend ist er mit der ganzen Gesellschaft für zwei Tage auf ein Landhaus gefahren, damit sie sich dort an der freien Luft, am Karusell und an der russischen Schaukel erfreuen können. Sie dürfen nur in der Dämmerung ausfahren, und ich glaube, nur einmal im Monat. Es reitet dann jemand der ganzen Wagenreihe voraus und scheucht die Männer aus dem Wege.

Da es an Bismarks Geburtstage furchtbar regnete und wir deshalb auf dem Dache nicht decken konnten, unser Eßzimmer aber zu klein ist, verlegte Gerhard das Diner, an dem einige zwanzig Personen teilnahmen, in das Hotel, wo wir zuerst gewohnt haben. Das Fest ist dort sehr hübsch ausgefallen, und das Diner soll ganz vorzüglich gewesen sein.

Inzwischen hat uns leider die Gneisenau verlassen. In den letzten Tagen ihrer Anwesenheit fanden noch alle möglichen Festlichkeiten statt, wir speisten noch beim Kommandanten, die Offiziere gaben eine Bowle an Bord, und auch an Land gab es Feierlichkeiten. Es wird nun still hier werden, und wir vermissen zumal den Kapitän Valois, der ein häufiger und stets gern gesehener Gast bei uns war.

Jeden Freitag gibt es hier ein großes militärisches Schauspiel, nämlich morgens und nachmittags Parade vor dem Palais des Sultans. Die Soldaten sollen gut gedrillt sein. Der General ist ein Engländer namens Matthews, und dessen Adjudant ein Maltese. Augenblicklich gehen die Truppen mit ganz guter Musik durch die Straßen, gerade wie in Berlin und in allen deutschen Städten gefolgt von der johlenden Jugend und erwachsenen Nichtstuern.

Heute haben wir wieder ein Diner. Es gilt Monseigneur de Courmont, eveque de Bodona, einem sehr liebenswürdigen Herrn, einem deutschredenden Pater, den vorhin genannten französischen Damen, dem Vertreter des französischen Konsuls Monsieur Piot, dem jungen O'Swalds und einem ungarischen Baron, dessen Name so lang und schwer auszusprechen ist, daß wir ihn schlechtweg Baron Bela nennen.

Kapitän Valois, der uns fast täglich auf unseren Spaziergängen begleitete, wird nicht nur von uns vermißt, sondern auch von den vielen professionellen Bettlern. Unser gewöhnlicher Spaziergang führt in südlicher Richtung über einen breiten Damm nach dem Festlande. Auf diesem Damm geht man am liebsten gegen Abend spazieren, da man um diese Zeit den fahrenden und reitenden Eingeborenen begegnet. Europäer sieht man nur selten, und wir sind wohl die einzigen, die regelmaßig spazieren gehen. Höchstens begnet man den Herren, die zum Lawn-Tennis-Platz pilgern, denn daß es einen solchen auch hier gibt, kannst Du Dir denken. Wo zwei oder drei Engländer versammelt sind, gibt es eine Kirche und einen Tennis-Platz.

Am Ende, wo der Damm sich mit dem Festlande vereinigt – wie komisch, daß man diese kleine Insel Sansibar als Festland bezeichnen muß, um sie von der noch kleineren Stadtinsel zu unterscheiden –, sitzen immer zwanzig bis dreißig Bettler jeden Alters und jeden Geschlechts. Sie haben das Privilegium, hier milde Gaben entgegennehmen zu dürfen, und die Vorübergehenden bedenken diese Ausgestoßenen der Menschheit, denn meistens sind es Aussätzige oder mit Elefantiasis Behaftete – die wirklich so dicke Beine haben wie Elefanten – reichlich. Am meisten erhielten sie aber immer von Kapitän Valois, der vorher seine Taschen mit den dicken Kupfermünzen angefüllt hatte, und nun Geld regnen ließ. Jetzt ersetzen wir seine milde Hand, und bei der Genügsamkeit der armen Geschöpfe, die still und duldend auf dem Boden hocken, ist das auch keine allzuschwere Aufgabe. Einer dieser armen Leute, der am wenigsten widerlich aussieht, begrüßt uns schon von weitem und ruft: "yambo Bibi, yambo Bana" – "guten Tag Herrin, guten Tag Herr" –, und wenn wir einmal einen Bettler übersehen haben, macht wieder dieser selbe uns auf unsere Unachtsamkeit aufmerksam. Vergnügt sind sie übrigens trotz ihres Elendes, denn wenn Bull einmal etwas zu dicht an sie heranzukommen sucht und sie beschnuppert, so entsteht ein allgemeines Gelächter und Gekreische.

Unser Weg führt uns auch oft zur englischen Missionsstation, die jedenfalls eine der schönsten Lagen außerhalb der Stadt hat. Sie liegt mitten in einem schönen Park, denn Park darf man die Umgebung wohl nennen, obschon von keinen kunstgerechten Wegen die Rede ist. Auch die Gebäude sind, von weitem gesehen, nicht nur großartig, sondern machen auch einen wundervollen, fast mittelalterlichen Eindruck. Dieser schöne Anblick wird noch durch das riesige Kreuz erhöht, welches über all den hohen Palmen hervorragt und das große Gebäude krönt. Gerhard, der sich sehr für diese Anstalt interessiert, hat mich auch schon einmal in das Innere hineingeführt, und die Missionare zeigten uns sehr bereitwillig und liebenswürdig ihre Anstalt. (Fortsetzung - dritter Teil).

*) Diese Briefe, die ursprünglich nur für die Adressatin bestimmt waren, wurden uns auf unsere Bitte von der Verfasserin behufs Veröffentlichung überlassen. Unsere Leser werden der Dame dafür gewiß ebenso dankbar sein wie wir. - d. r.-

Quelle: Daheim 1886, von rado by jadu 2002

 

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