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Aus dem Reiche des Sultans von Sansibar.

Briefe an eine Verwandte*) von Lonny Rohlfs.

III

Sansibar, Mai 1885

Liebe L....

Ihr könnt Euch denken, mit welcher Sehnsucht diesmal der Dampfer erwartet wurde, da er sich um drei Tage verspätete. Immer und immer wieder wurde ausgeschaut, ob sich keine Schiffsmasten am Horizont zeigten. Auch der Turm beim Palais des Sultans wurde eifrigst beobachtet, denn dort wird stets, wenn ein Schiff in Sicht ist, eine Fahne aufgezogen. Uns war der Tag seiner Ankunft gerade nicht sehr gelegen, da wir große Festlichkeit im Hause hatten. Seit acht Tagen befindet sich hier ein italienisches Kriegsschiff im Hafen, mit dem Reisenden Cecchi an Bord. Sämtliche Herren machten uns sofort ihren Besuch, und wir hatten sie zum Donnerstag zum Essen eingeladen; außer ihnen noch die hiesigen Konsuln und die hervorragendsten Deutschen. Nach dem Essen, um halb zehn Uhr, kamen dann auch noch die übrigen Deutschen und diejenigen italienischen Offiziere, die am Essen nicht teilgenommen hatten. Also ein großer rout! Ich habe mich sehr gut unterhalten, obgleich ich die einzige Dame war. Alle in Sansibar anwesenden Nationen waren vertreten – d.h. wenigstens in je einer Person –: Deutsche, Franzosen, Italiener, Engländer, Österreicher, Amerikaner, ja sogar ein Russe: der Leibarzt des Sultans Dr. Gregory. Bei diesem Herrn ist eine deutsche Gouvernante im Hause, Fräulein Treppen, die ich sehr gern habe und mit der ich oft musiziere.

Der Sultan hatte zu dieser Festlichkeit für sehr schöne Blumendekorationen sorgen lassen. Gerhard hatte natürlich wieder Konfusion gemacht, da er jetzt den Kopf so voll hat und sich um diese Sachen nicht viel kümmern kann, und einige der Herren schon um sieben, die anderen um halb acht Uhr eingeladen. Natürlich wurde mir dieser Irrtum in die Schuhe geschoben – es ist ja so angenehm, einen Blitzableiter zu haben.

Die Italiener kommen nun auch oft des Abends, so daß unser Haus ganz international geworden ist. Besonders Kapitän Cecchi und der Kommandant des "Agostino Barbarigo" besuchen uns häufig. Letzterer sagt, er schliefe besser, wenn er abends "quadre mots" rede und ist überhaupt sehr unterhaltend und amüsant. Neulich habe ich einmal so herzlich mit ihm lachen müssen, daß Gerhard sich nachher nach dem Grunde meiner Heiterkeit erkundigte.

Die Regenzeit scheint ziemlich vorüber zu sein, denn wir haben jetzt oft blauen Himmel und kühlen Südwind dabei. Ich glaueb aber doch, daß die frischeste Zeit die Regenzeit ist, was ja auch ganz natürlich wäre, da doch die Sonne weniger scheint. Wir haben jetzt immer zwei Grad mehr, also 22° R., das merkt man gleich. In den Zimmern ist die gleiche Temperatur, und es kühlt sich auch nachts nicht ab. Trotzdem baden wir jetzt weniger als anfangs, wo wir zweimal täglich badeten. Jetzt benutzen wir immer gewärmtes Wasser. So verwöhnt man sich.

Von unserer Dienerschaft habe ich Dir, glaube ich, nichts geschrieben. Es sind Suaheli – Eingeborene – und Goanesen – indische Portugiesen aus Goa. Unser Koch Jack – der "Haustyrann" wird er genannt, da er meist das kocht, was ihm am liebsten ist – ist Goanese wie fast alle Köche bei den Europäern. Er bekomt ein sehr hohes Gehalt, 51 Mark montlich, und tut weiter nichts als kochen. Alles übrige besorgt der Küchenjunge. Jack ist ein sehr guter Kerl und scheint auch nicht zu trinken, wie es die meisten seines Handwerks tun sollen. Nur einmal hatte ich ihn im Verdacht, sich ein Räuschchen angelegt zu haben. Ich ließ in zu ungewöhnlicher Zeit heraufrufen, und er erschien zitternd und mit verbundenem Kopf. Auf meine Frage, was ihm fehle, antwortete er, er hätte das Fieber. Er sah wirklich jämmerlich aus.

Wenn ich meinen Kaffee trinke, erscheint Jack und legt mir Rechenschaft ab. Gleich nach dem Frühstück verschwindet er – mitunter aber schon morgens um halb fünf. Ich denke mir, er geht zur Messe, da er ein frommer Katholik ist. – Nach dem Diner geht er wieder fort, und um neun liegt er schon im Bett. Alle Köche sollen es hier so machen, ja die Mehrzahl schläft sogar außer dem Hause. Herr Oswald behauptet, sein Koch hielte eine Spielbank, und er koche schlecht, wenn seine Bank gesprengt sei, gut nur, wenn er gewonnen habe. Vielleicht hatte mein armer Jack an dem Tage, wo er so jämmerlich aussah, auch sein Hab und Gut verspielt.

Unsere übrige Dienerschaft sind, wie gesagt, Suaheli. Man nennt sie hier "boy", Gerhard hat aber den englischen Namen in unserem Hause verboten, und wenn wir von ihnen sprechen, sagen wir "unsere Leute", oder wir rufen sie bei Namen. Einer von ihnen heißt Fridolin und einer Tamino – d.h. Gerhard hat ihnen diese schönen Namen gegeben, da die ihrigen ähnlich lauteten –, die übrigen heißen Ali oder Mohammed ect. Fridolin kann etwas Deutsch sprechen, da er einmal auf einem deutschen Schiff nach Hamburg gefahren ist. Man muß aber, damit er uns besser versteht, wie mit einem kleinen Kinde zu ihm sprechen, z.B. "du – gehen – hin –, fragen – wann – kommen? Du – sagen – Ali – bringen – Wasser" ect. Es passiert dann wohl, daß Ali statt Wasser einen Stuhl oder ein Glas bringt, aber man kann doch mit einem Schwarzen in seiner Sprache reden, und hoffentlich wird er bald mehr lernen. Die übrigen Leute sagen schon ganz gut "guten Morgen" und "gute Nacht", wissen auch was "Brot", Butter", "Eis" und dergleichen ist, sind überhaupt ganz intelligent. Aber einen großen Fehler habne sie, Glas und Porzellan behandeln sie, als wenn es aus Eisen wäre, Du kannst Dir keinen Begriff davon machen. Wenn das Zerschlagen so weiter geht, haben wir bald kein Glas, kein Porzellan mehr. Wir wollten, da die Zerstörungen en gros gemacht werden, den Schaden den Leuten am Lohn abziehen, sie streikten aber und wollten es sich nicht gefallen lassen, und jetzt muß man gute Miene zum bösen Spiel machen. Ein dutzend Teller sind in der kurzen Zeit schon kaputt gegangen, und von den Gläsern mag ich gar nicht reden. Ich erwähne nur, daß z.B. von vierundzwanzig Wassergläsern — acht noch übrig sind!

Weibliche Dienstboten kennt man hier nicht und nur in Familien, wo Kinder sind, werden solche genommen. Meist sind es auch Goanesinnen. Es wird aber viel über sie geklagt. Mir schien es anfangs unmöglich, ohne weibliche Dienstboten existieren zu können, und doch geht es jetzt ganz gut. Wenn man es eben nicht anders haben kann, gewöhnt man sich leicht an Dinge, die einem beim Erzählen unglaublich erscheinen.

Die eingeborenen Frauen tragen sich hier in "Taschentücher" gewickelt. Es sieht sehr lächerlich aus, denn es sind buntgedruckte Tücher, die noch halbdutzendweise zusammenhängen. Sie schneiden diese Tücher nicht durch, wie wir es tun würden, sondern umwickeln sich damit, wie mit einem Shawl. Es sieht ganz nalerisch aus, und sie wissen sich sehr schön zu drapieren. Man sieht mitunter die merkwürdigsten Muster bei diesen Tüchern, so sah ich z.B. bei einer Frau Sonne, Mond und Sterne, und Sonne strahlte gerade in der Mitte des Rückens. Eine andere hatte als Muster lauter Vasen zu ihrem Kleidungsstück gewählt. Manche tragen aber auch selbst nach unserem Geschmack recht hübsche Muster. Bei einer Frau sah ich eine Landschaft und machte Gerhard ganz begeistert auf "die Wartburg" aufmerksam. Ich glaubte wirklich unsere stolze Burg auf dem Anzug einer sansibarischen Schönen bewundern zu können. Leider zerstörte mir Gerhard die Illusion, indem er mir sagte, die Tücher würden alle in England gemacht,und es sei irgendein englisches Schloß. Die deutschen Tücher haben bei den Suahelidamen noch keinen Beifall gefunden, trotz einiger Versuche. Die Engländer sollen sie auch billiger liefern. Ich glaube, solch ein Kleidungsstück kostet nur ungefähr 1 Mark.

Sehr amüsant ist es zu sehen, wie eine Sansibarschöne bei dem Einkaufe einer neuen Toilette beträgt. Über den Preis wird nicht viel gefeilscht, da derselbe immer ziemlich derselbe ist, die Wahln der Muster wird ihr aber sehr schwer, der Ladenjüngling muß sehr viel verschiedenartige Muster vorlegen, und oft dauert es Stunden, ehe sie handelseinig werden.

Die Ohren und Nasen der Frauen sind immer sehr geschmückt, und manche durchlöchern eine Seite der Nase, um einen großen silbernen Nagel oder auch eine Münze oder kleine Goldstücke hineinzustecken. In den Ohrläppchen tragen sie zehn bis zwölf kleine weiße Näglechen; leider habe ich nicht herausbekommen können, waraus dieselben bestehen. Ihre Haartrachten sind sehr merkwürdig und verschiedenartig. Am lächerlichsten sehen sie aus, wenn sie ihr Haar in Straßen eingeteilt haben, denn anders kann man die vielen Rillen, die man auf ihrem Kopfe sieht, nicht nennen. Hinter unserem Hause wohnt, glaube ich, eine Friseuse, wenigstens sehe ich dort den ganzen Tag über eine Frau hocken, die immer den Kopf eines anderen Weibes im Schoße hat und mit einem sehr merkwürdigen Instrument darauf herumhantiert.

Die reichen Suahelidamen, die Araberinnen und Inderinnen gehen natürlich besser gekleidet, man sieht sie aber auch seltener.

Mit großer Geschicklichkeit tragen die Weiber zwei, ja auch drei große Gefäße übereinander auf dem Kopf, ohne dieselben mit den Händen zu halten. Ist das Gefäß einmal etwas zu voll und das Wasser läuft auf ihre halbnackten Oberkörper, so gibt es ein furchtbares Gejohle und Gejauchze. Immer sind diese Frauen vergnügt, immer heiter. Sie haben wirklich ein beneidenswertes Temperament. Neulich entstand hinter unserm Hause ein großer Zank. Ich glaube, es handelte sich um etwas sehr Geringfügiges, aber es klingt immer gleich, als wenn Hunderte Streit hätten, da hier nicht nur die Weiber – wie man abscheulicherweise bei uns sagt –, sondern auch die Männer eine große Kehl- und Zungenfertigkeit entwickeln. Gerhard und ich konnten eine Frau nicht genug anstaunen, die mit einer Grazie Posen einnahm und Handbewegungen machte, um die eine Klara Ziegler oder Frau Wöter sie hätten beneiden können.

Die eingeborenen Männer tragen nur einen Schurz, aber die wohlhabenderen darüber ein schönes weißes Hemd. Auf dem Kopfe haben sie eine weiße, gestickte Mütze, die sie sich selbst sehr kunstvoll fertigen und die ziemlich teuer ist. Ich glaube, so eine Mütze kostet ungefähr acht Mark. Überhaupt ist solch ein Dandyanzug nicht billig. Dazu kommen noch ein Dolch, ein Spazierstöckchen, eine blühende Blume im Munde, und ein "lion" von Sansibar ist fertig. Unsere Leute gehen ebenso gekleidet. Die Goanesen tragen sich europäisch. Hierbei will ich gleich bemerken, daß das Galakostüm der europäischen Herren aus schwarzer Tuchhose, Weste aus demselben Stoff und einem weißen Jäckchen besteht, wie sie bei uns die Konditorjungen tragen. Vielleicht ganz praktisch der Hitze wegen, aber nicht schön.

Von den Fenstern aus meinem Zimmer sehe ich auf einen Brunen, und da entfaltet sich ein Leben, gerade wie bei uns in Deutschland an demselben Ort. Den ganzen Tag über kommenund gehen die Weiber, und es ist ein Gekakele und Gelächter ohne Ende. Ich bin überzeugt, daß dort ebenso geklatscht wird wie bei uns. Dazwischen gesellt sich auch ein Jüngling hinzu. Dann werden das Gelächter und die Unterhaltung noch lauter und animierter. Kabalen und Liebesgeschichten spielen sich gewiß auch dort ab, denn wenn der Jüngling wieder fortgeht, entsteht meist Streit. Das Verhältnis zwischen Männern und Weibern, d.h. zwischen Negern und Negerinnen, ist hier überhaupt ein sehr freies. Unterhaltungen werden aus hundert Schritt Entfernung angeknüpft und fortgesetzt, wenn sich die miteinander Redenden auch gar nicht mehr sehen. Geschäkert wird auf der Straße Sehr viel, und abends entsteht oft großer Lärm. Gegen Europäer sind die Eingeborenen sehr freundlich, und "yambo, yambi sana" wird einem immerfort zugerufen. Yambo sana ist ein besonders freundlicher Gruß. In Tripolis waren die Leute viel fanatischer, da wurde dem Europäer viel nachgeschimpft, ja manchesmal sogar nachgeworfen. Ich habe dort selten ein freundliches "ssalam"gehört.

Inzwischen sind wir auch endlich umgezogen und augenblicklich ganz eingerichtet. Wir sindrecht zufrieden, denn im Vergleich zu unserer anderen Wohnung ist diese ein Paradies. Wir haben recht große, hohe und luftige Räume. Augenblicklich sind die fast zu luftig, denn es bläst ein tüchtiger Wind, gerade von der Seeseite her. Die Sonne sehen wir direkt im Meer verschwinden und haben jeden Abend die herrlichsten Dämmererscheinungen. Unser Saal ist ganz europäisch eingerichtet und erregt hier großes Erstaunen. Die meisten Einrichtungen bestehen hier nur aus leichten Rohrmöbeln oder aus wundervoll geschnitzten indischen Geräten, die für das hiesige Klima für praktisch gehalten werden. Wenn man aber glaubt, in schwellende Poster zu sinken, merkt man schnell, daß man sich auf einer harten Bank befindet. Nur Oswalds sind schön und bequem eingerichtet, und ihre Räume sind außerordentlich groß und hoch, Ihr Haus ist jedenfalls das schönste in ganz Sansibar, nach europäischem Stil und auch mit Komfort gebaut, so daß das unsrige, obschon es ganz neu ist, weit dagegen zurücksteht. Wir haben die Wände und Decken bunt streichen lassen, während man sie hier meist nur weiß getüncht sieht. Die dunklen Portieren und Gardinen, die wir mitgebracht haben, dienen hier nicht zum Verhängen der Fenster und Türen, das würde zu viel Luft wegnehmen, sondern um die Wände oberhalb und seitwärts derselben zu schmücken. So sieht es wirklich ganz wohnlich aus.

Vor kurzem gab der britische Generalkonsul Sir John Kirk ein großes Fest in seinem wundervoll gelegenen Landhause. Seine Familie wohnt schon seit einem Jahr in England, weil für die Erziehung heranwachsender Kinder in Sansibar bis jetzt keine Einrichtungen bestehen.So wurden denn die Honneurs von ihm und den übrigen Herren des Konsulats gemacht. Wir gingen zu Fuß nach der Wohnung des englischen Vizekonsuls, Mr. Craknell, wo eine ganze Reihe von Wagen des Sultans der eingeladenen Gäste harrte, und fort ging's nun über den langen Damm dem Süden zu.

Das Landhaus Sir Johns – so wird der englische Generalkonsul hier schlechtweg genannt – liegt auf einer Landspitze, wo wo aus man eine herrliche Aussicht auf die nach der Stadt sich öffnende Bucht und auf die Stadt selbst hat. Ehe man ankommt, fährt man durch eine schöne Allee von Kokospalmen und Kasuarinen, letztere sind Bäume, die etwa so aussehen wie Tamarisken, die man ja als Gebüsche auch bei uns hat, zeigen alle eine entfernte Ähnlichkeit mit unseren schönen Lärchenbäumen. Weit prächtiger noch ist die Anpflanzung um die Wohnung. Was nur das gegenüberliegende Festland an seltenen Pflanzen bietet und was auf Madagaskar, den Komoren und Seychellen an schönen Gewächsen zu haben ist, blüht und grünt hier. Sogar vom fernen Indien und Amerika hat Sir John Pflanzen kommen lassen. Auch Vanille, Kakao, Kaffee, Nelkenpflanzen — kurz, ein wirklicher botanischer Garten zieht sich um die Besitzung hin.

Das Haus selbst ist gerade nicht sehr geräumig. Es enthält unten einen großen Saal, einige Nebenzimmer, dann oben einen eben solchen Saal und Schlafzimmer. Alles aber ist elegant und bequem eingerichtet, so daß auch Fremde aufgenommen werden können. Daneben sind die Gebäude für Küche uznd Wirtschaft, die Besitzung ist also ein vollkommenes Gut. Sie bringt Sir John auch schon eine hübsche Rente ein, denn wie er mir sagte, hat er zweihundert tragende Kokospalmen, und jede Palme soll jährlich vier Mark einbringen.

Dabei fällt mir ein schmackhaftes Gericht aus Kokospalmen ein. Das Herz der Palmkrone wird in ganz dünne Scheiben geschnitten und als Salat mir einer Mayonnaisensauce präpariert. Es schmeckt ganz vorzüglich. auch als Gemüse gekocht. ist es gut zu genießen und erinnert dann sehr an Spargel. Da aber mit der Benutzung des Herzen der Palme der ganze Baum ausgeht, sind diese Gerichte selbst in Sansibar ein seltener Genuß. Unser alter Jack brachte es uns jedoch öfters, ohne daß wir viel dafür zu zahlen brauchten, und ich vermute, daß er wohl gute Freunde hat, die ihm den "Palmkohl" bringen, wenn ein unnützer Baum gefällt werden muß. Eine Freundin von Kokosmilch bin ich bis jetzt nicht geworden. Ein einziges Mal hat sie mir einigermaßen gemundet, als wir einen längeren Spaziergange gemacht hattten, ich sehr müde und durstig war und wir uns bei der Schamba (Landhaus) eines erholten, der uns dann freundlichst einige Nüsse zur Erfrischung anbot. Die Nuß schmeckt ähnlich wie Haselnuß. Aber ich kommeauf das Fest bei Sir John zurück. Alle Gäste waren allmählich versammelt. Leider nur Herren, denn Frau Cheney, die sehr angenehme Frau des amerikanischen Konsuls, ist für einige Zeit gesellschaftsunfähig, und das französische Konsulat ist augenblicklich nur durch einen nicht verheirateten jungen Herrn vertreten. Frau Van der Elst, die Gemahlin des belgischen Konsuls, hatte absagen lassen. Es lief alles sehr hübsch. Sir John hatte im Freien unter einem riesigen Mangobaum decken lassen, und wir waren sehr vergnügt. Es gab bei Tisch auch deutsches Bier, eine Aufmerksamkeit, die, wie Sir John mir sagte, er Gerhard hatte erweisen wollen. Leider umsonst, da Gerhard nie Bier bei Tische trinkt. Die Blumen waren dieses Mal aus Sir John Garten, und wie schön waren sie und wie wohlriechend, besonders die Franzipani, eine äußerst wohlduftende Blume. Von Früchten waren mir die Guajava neu, die auch aus dem Garten Sir Johns stammten. Das Eis und das Gefrorene kamen aus den Haushalt des Sultans.

Nach dem Essen wurde promeniert, lawn tennis gespielt und geschossen aus Pistolen und Revolvern. Dann machten wir einen reizenden kleinen Spaziergang. Durch dichtes Gestrüpp und Buschwerk führt ein ganz schmaler Pfad zur alleräußersten Spitze des Insel, wo ganz im Grünen versteckt ein altes Gemäuer sich befindet, Sir John meint, es rühre noch von den Portugiesen her. Heute ist es ein viel benutzter Fetischtempel der Eingeborenen, wohin sie pilgern, um alte Lumpen, Tücher und andere Dinge aufzuhängen und zu weihen.

Gerhard war nach dem Essen verschwunden, und ich vermute, daß er sich zurückgezogen habe, um zu "lesen", da sah ich ihn die Allee heraufkommen mit einem der auch eingeladenen "reverends". Er hatte unterdessen die in der Nähe gelegene Missionsanstalt besucht – nicht zu verwechseln mit der bei der Stadt Sansibar gelegenen, die man university mission nennt – und war ganz entzückt von der schönen Einrichtung. Wie er es mir sagte, werden hier junge Sklavenmädchen bis zu einen Alter erzogen und dann verheiratet. Ob sie auch Christen bleiben, wenn sie einmal aus dem Bereiche ihrer Erzieher heraus sind, konnte freilich niemand mit Bestimmtheit sagen. Die Engländer haben hier einen großen Missionsapparat, dem zwei Bischöfe vorstehen. Die hier wohnenden Deutschen wollen nichts vom ihnen wissen; ich glaube, sie verkehren auch nur in unserm Hause, aber die Herren sowohl wie die Damen, die wir kennen lernen, sind sehr netteund liebenswürdige Leute. Auf der englischen Mission , dicht bei der Stadt, wohin wir Sonntags manchmal spazieren gehen, finden wir gewöhnlich, man denke nur am englischen Sonntag!, die kleinen Negerknaben mit Ball oder anderen lärmenden Spielen beschäftigt! In unserer nächsten Nachbarschaft befindet sich das französische Hospital, das unter der Leitung der superieure Luitgarde steht und bei welchem auch sechs "Schwestern" beschäftigt sind. Es ist dort auch eine Kinderschule, wo verschiedene weibliche schwarze Zöglinge im Lesen, Schreiben und Arbeiten unterrichtet werden. Wenn diese Mädchen erwachsen sind, werden sie nach Bagamoyo geschickt, wo sich auch eine vorzüglich organisierte Missionsanstalt befindet, und dort verheiratet. Außerdem ist es eine Art Kindergarten, da die Goanesen und auch einige Europäer ihre Kinder zum Lernen und Spielen hinschicken. Ich gehe öfter hin, da ich die "Mutter" Luitgarde, die aus Mauritius stammt, gern habe, und ich wohne besonders gern der Singstunde der Zöglinge bei, die in französischer Sprache sehr hübsch und wohlklingend geistliche Lieder singen. Eine der Schwestern unterrichtet sie darin.

Im Hospital soll man ganz vorzüglich versorgt sein, und es befinden sich immer Kranke dort. Manche gehen auch nur hin, um sich etwas aufzufrischen, da Pflege und Verpflegung gleich gut sein sollen. Ich glaube, sie nehmen aber nur Europäer, indes einerlei welchen Glaubens. Die Mutter Luitgarde, die mir besonderem Stolz ihren deutschen Namen hervorhob, schickt mir häufig Blumen und, was namentlich Gerhard sehr angenehm ist, Radieschen, Petersilie und Salate aus ihrem schönen Garten, den die Zöglinge selbst in Ordnung halten. auch die "Väter" der algerischen Mission und die vom St. Esprit versorgen uns mit diesen, hier raren Delikatessen, so daß wir fast täglich davon genießen können.

Zum Schluß muß ich Dir von einem sehr wichtigen und interessanten Ereignis Mitteilung machen, nämlich von meinem Besuch bei der Sultanin.Ich habe ja schon verschiedene Harems in Ägypten besucht und war bei der Vizekönigin und den übrigen ägyptischen Prinzessinnen, freute mich aber doch, als der Tag herannahte, wo ich mich zur Sultanin von Sansibar begeben sollte. Daß der Harem des Sultans aus einigen siebzig Damen bestehen soll, habe ich dir schon erzählt. Nur eine einzige von ihnen führt den Namen "Sultana". Diese soll sehr selten europäische Damen empfangen, höchstens die Frauen der Konsuln, und da es deren wenige in Sansibar gibt, so kommt sie auch nicht oft in die Verlegenheit. Der Sultan soll diese Besuche nicht lieben. — Da ich weder der arabischen Sprache noch des Kisuaheli mächtig bin, die Sultanin aber keine der europäischen Sprachen spricht, bat ich Fräulein Treppen, die vorhin erwähnte junge Deutsche, die sehr gut Kisualehi sprechen soll, mich als Dolmetsch zu begleiten, und sie war auch so freundlich, meiner Bitte zu willfahren. Am bestimmten Tage um vier Uhr nachmittags holte sie mich ab und, und in Begleitung des Vertrauten des Sultans traten wir bei ziemlichem Regen zu Fuß die Wanderung an: es lehnte sich nicht, zum Palast zu fahren, da er nicht weit entfernt ist. Leider merkte ich gleich, daß wir nicht im Harem selbst, der einen anderen Eingang hat, empfangen wurden, sondern in dem Gebäude, das der Sultan bewohnt und wo er auch die Europäer empfängt.

Wir wurden daher auc nur von Männern eskortiert. Wir mußten einige sehr steile, mit Teppichen belegte Treppen erklimmen – an jedem Absatz wechselten unsere Führer –, und wir befanden uns schließlich vor einer arabisch gekleideten, mit einer Maske versehenen Dame. Die Maske war aber nicht so dicht, daß ich nicht hätte sehen können, daß die Dame jung und schön sei. Nun hatte mir Frau Ledoule, die Gattin des neulich abgereisten französischen Konsuls, gesagt, die Sultanin sei alt und häßlich; so glaubte ich zuerst irgend eine Hofdame oder dergleichen vor mir zu sehen, und umsomehr wurde ich darin bestärkt, als die Dame und an der Treppe empfangen hatte, obgleich ich von Gerhard wußte, daß der Sultan auch die Herren so empfängt.

Die maskierte Dame gab uns sehr freundlich die Hand, führte uns durch eine Halle in einen europäischen Salon, nötigte uns auf einen Diwan zum Sitzen und nahm uns gegenüber Platz. Nun merkten wir erst, daß wir die Sultanin selbst vor uns hatten. Von Sklavinnen, deren es in den ägyptischen Harems zu Hunderten gibt, war nichts zu sehen, wir waren ja aber auch nicht im Harem, sondern in einem der Säle des Sultans.

Die Sultanin trug ein ein goldgewirktes Gewand und darüber ein zweites von noch weicherem Stoff. Die sogenannten "Pumphosen" waren von schwerem Seidenstoff. Ihre unbekleideten Füße steckten in spitzen Pantoffeln. Die Nägel an Händen und Füßenwaren mit Henna rötlich gefärbt. An den Händen, am Halse, in den Ohren hatte die Dame eine Menge wertvoller Schmuckgegenstände, ja an den Ohren hing ihr wenigstens ein Pfund Gold herunter. Kaum saßen wir, als drei kleine Mädchen hereinkamen, uns die Hand gaben und sich dann uns gegenüber setzten. Zuletzt kam ein sehr hübscher kleiner Knabe herein, bei dessen Erscheinen die Sultanin sich erhob. worauf wir natürlich dasselbe taten. Der kleine Knabe gab uns freundlich die Hand und setzte sich dann zu seinen Geschwistern. In der Nase hatte der kleine Kerl verschiedene Ringe mit Brillanten hängen, die ihm bis dicht vor dem Mund herunterbaumelten. Die Sultanin war sehr freundlich, und soviel ich sehen konnte, jung und hüsch. Sie fragte, wie es mir hier gefiele, und bedauerte, daß ich nicht arabisch spräche (sie ist eine arabische Prinzessin aus Maskat, Cousine des Sultans, sie hat keine Kinder), und wir erzählten ihr einiges von Deutschland. Ich sagte ihr, daß es mir in Sansibar gut gefiele, schilderte, welchen mächtigen Eindruck die schöne Vegetation auf mich mache, und fragte sie, da wir ein Klavier im Nebenzimmer hatten stehen sehen, ob sie auf demselben spiele. Sie verneinte es, sagte aber, sie höre sehr gern Musik, und fragte, ob wir Klavier spielten, was von uns bejaht wurde.

Inzwischen wurde uns Kaffe und Scherbet gereicht, und nach ungefähr einer Viertelstunde, als die Unterhaltung stockte, stand ich auf, um mich zu verabschieden. Sie bedauerte unser schnelles Fortgehen, begoß unsere Tachentücher mit Rosenöl und geleitete uns wieder bis an die Treppe. Sie hat einen sehr angenehmen, sympathischen Eindruck auf mich gemacht.

Der Sultan hat auch zugegen sein wollen, wurde aber angeblich durch eine Zahnoperation daran verhindert.

Die Einrichtung des Empfangszimmers war, wie gesagt, ganz europäisch.Das Zimmer liegt über dem Empfangssalon des Sultans. Schwere Teppiche bedecken den Fußboden, schöne Glaskronleuchter hängen von der Decke herunter. Die Wände sind mit großen Spiegeln geschmückt, die Stühle, Sofas und Diwans mir Plüsch und Seidendamast überzogen. In der Mitte des sehr großen Saales stehen Etageren mit allerlei Gegenständen und Nippsachen. Was aber alles zu sehen war, kann ich nicht sagen, da ich mich nicht so neugierig umschauen wollte.

Fräuein Treppen und ich verspüren noch immer in unseren Kleidern das Rosenöl. Anfangs ist der Geruch desselben, in dem verschwenderischen Maße, wie er uns zu teil wurde, nicht angenehm und erst, wenn es anfängt, sich zu verflüchtigen, wirkt es sympathisch.

Weshalb uns die Sultanin nicht im Harem empfing, kann ich nicht angeben.

*) Diese Briefe, die ursprünglich nur für die Adressatin bestimmt waren, wurden uns auf unsere Bitte von der Verfasserin behufs Veröffentlichung überlassen. Unsere Leser werden der Dame dafür gewiß ebenso dankbar sein wie wir. - d. r.-

Quelle: Daheim 1886, von rado by jadu 2002

 

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