
Aus dem Reiche des Sultans von Sansibar.
Briefe an eine Verwandte*) von Lonny Rohlfs.

IV
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Sansibar, Mai 1885 Liebe L.... Nach vergeblichem Warten traf endlich, statt am Dienstag am Donnerstag der Postdampfer ein, und zwar so spät, daß er draußen liegen bleiben mußte. Du kannst dir die Enttäuschung denken, als man merkte, der Dampfer käme abends nicht mehr herein.So mußte man sich denn bis zum Freitag Morgen gedulden. Ich glaube, wir werden uns nie an diese einmontliche Verbindung mit Europa gewöhnen können. Ehe man Antwort auf seine Fragen erhält, vergehen immer drei Monate. Früher hat der Sultan einmal im Monat Dampfer nach Aden geschickt, so daß also eine regelmäßige vierzehntätige Verbindung mit Europa bestand, da sich die Fahrten aber nicht rentierten, hat man sie bald wieder einstellen lassen. Nach Kalkutta und zumal nach Bombay hat er aber eine ziemlich regelmäßige Verbindung eingerichtet. Wir stehen ja nun durch das Kabel mit Europa in Verbindung, das Telegraphieren ist aber so teuer das Wort kostet fast acht Mark , daß man es zum Privatgebrauch nur im äußersten Notfall gebraucht. Sir John freilich hat es gut, denn er erzählte mir neulich, er bekäme jede Woche von seiner Frau aus London ein Telegramm und antworte ihr auch ebenso oft. Diese Telegramme sollen ihm nichts kosten. Die Reuterschen Depeschen, die hier dazwischen ausgegeben werden, sind von so speziell englischem Interesse, daß man sich oft nur über sie ärgert; was geht es uns z.B. an, wer im Derby-Rennen gewonnen hat? Mit dieser Post ist auch Kapitän zur See Herbig angekommen. Da er uns schon von Wilhelmshaven her bekannt ist, so war uns sein Eintreffen eine angenehme Überrschung. Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen und es ist vorüber gegangenauf eine recht deutsche Weise, indem es die ganzen Festtage über ununterbrochen gestürmt und geregnet hat, obgleich die Regenzeit jetzt offiziell vorüber ist. Glaube aber nicht, daß es wie vielleicht bei Euch nieselte und pladderte, nein, wolkenbruchartig stömte der Regen von Himmel herunter. Ich hatte die schöne Absicht, das Fest auf deutsche Art mit einer Landpartie zu feiern, ich wollte nämlich, da es tagsüber zu heiß ist, sämtliche Deutsche einladen, uns abends bei Mondenschein in einem zwanzig Minuten von hier gelegenen reizenden Garten, der einem Hindu gehört, auf eine Maibowle zu besuchen. Ich habe getrocknete Waldmeister mitgebracht, und Elisabeth erinnert sich gewiß noch der "getrockneten Bowle", von der sie, wie sie behauptet, einmal zu Weihnachten bei uns ein Räuschchen bekam. Meine schön Absicht verregnete aber leider. Ich lud also die Deutschen am Pfingstmontag zu einer "Maibowle" hier ins Haus. Sie wurde vorzüglich befunden und erregte allgemeine Bewunderung. Wir werden hier wirklich mit Liebenswürdigkeiten überschüttet, und es vergeht fasr kein Tag, wo nicht irgend jemand etwas hier als Besonderes Geltendes herschickt. Gestern z.B. schickte Sir John eine selten große und schöne Anona, eine Frucht, die äußerlich wie ein großer Tannenzapfen aussieht und wie Creme schmeckt. Herr Winkler brachte eine Riesenjamswurzel, aus der wir für das Mittagsessen ein sehr schönes Pürree bereiteten, und der jüngere Oswald schickte eine sehr merkwürdige Pflanze, deren Namen ich noch nicht weiß, die aber überall fortwuchert, wo man sie hinlegt. Sie braucht keine Erde, kein Wasser, nur Luft. Die jungen Oswalds sind überhaupt sehr aufmerksam und liebenswürdig gegen uns und zeigen sich gefällig, wo sie nur können. Neulich besuchte uns einer der Usagara-Herren in seiner schmucken Uniform von Garde-Königin-Regiment. Es kam mir ganz heimatlich vor, einen deutschen Leutnant vor mir zu sehen, und es wird mir wohl noch öfter vorkommen, da hauptsächlich Offiziere nach Usagara gehen. Gewundert habe ich mich, wie wenig neugierig die Eingeboreren heri sind. Als sich der Leutnant auf der Straße zeigte, sah sich kaum jemand nach ihm um, und er war doch eine noch nie in Sansibar gesehene Erscheinung. Selbst die jungen dunkelhäutigen Damen ließen ihn anscheinend ruhig an sich vorbeipassieren, welche Revolution aber in ihrem Innern entstanden sein mag, kann ich freilich nicht beurteilen. Wie laufen dagegen bei uns die Menschen einem Neger nach! Mit jeder Post kommen jetzt neue Usagarareisende an. Sie halten sich aber hier meist nicht lange auf. Ihr Haus, das sich uns schräg gegenüber befindet, wird augenblicklich nur noch von zwei Herren bewohnt. Gestern sind verschiedene andere per Dhaw (großes Segelboot) abgereist. Sie schifften sich hinter dem Konsulat ein, und es war amüsant zu sehen, wie die beiden großen Segelboote beladen wurden. Es wurde mehr gelärmt als gearbeitet, und die hundertundsiebzig Träger, die dabei beschäftigt waren, sprachen und schrieen alle zur gleichen Zeit. Einer plumpste ins Wasser, da gab es ein Heidengejohle. Drei Offiziere sind die Hauptführer, und es ging bis jetzt noch sehr militärisch her. Einer der Herren hatte in der Hitze des Gefechtes einem Träger eine Ohrfeige gegeben; das hatte ein höherer Offizier gerügt und gesagt: "Melden Sie es unserem Befehlshaber." "Zu Befehl", erwiderte der junge Mann. "ich melde gehorsamst, ich habe einem Neger eine Ohrfeige gegeben." "Wenn er es verdient hat, schadet es nichts, mein Sohn", meinte darauf der gütige Vorgesetzte. Ich leide hier viel an Kopfweh und Migräne, und es vergeht fast kein Tag, an dem ich nicht davon geplagt werde. Es hängt wohl damit zusammen, daß man eigentlich immer in der freien Luft ist und oft in tüchtigen Zuge sitzt. Ihr seid jetzt mitten im Sommer, wir mitten im Winter. Ihr habt den längsten, wir den kürzesten Tag gehabt. Indessen geht hier die Sonne eigentlich das ganze Jahr hindurch zu gleicher Zeit auf und unter: gegen sechs geht sie auf, gegen sechs geht sie unter. Es variiert nur um einige Minuten. Den Winter müßt Ihr Euch auch durchaus nicht winterlich vorstellen, denn die Bäume behalten ihr Grün, d.h. sie wechseln die Blätter, ohne daß man es gewahr wird. Auch die Blumen blühen weiter, der Rasen behält sein frisches Grün, und das Thermometer kommt nie unter 20° R., aber wir haben den schönen frischen Südwind, der die Temperatur um einige Grad kühler erscheinen läßt. Wäre es immer so wie jetzt, wir hätten ein herrliches Klima. Ist der Wind dagegen einmal nicht zu spüren, was gottlob jetzt selten vorkommt, dann ist es gleich unerträglich heiß, und Taschentuch und Fächer werden in Bewegung gesetzt. In unserm Schlafzimmer und auch im Eßzimmer ist es recht luftig, so daß wir bis jetzt noch nicht den Punkah (großer Fächer) nötig gehabt haben. Ganz unerwartet ist gestern Graf Pfeil eingetroffen, von dem in den letzten Tagen das Gerücht ging, er sei ermordet. Glücklicherweise war es falsch, und es bedeutet hoffentlich ein recht langes Leben, damit der energische jung Mann der Ostafrikanischen Gesellschaft noch recht viele Dienste leisten kann. Kaum angekommen und ziemlich geschwächt von den Strapazen seiner Reise, plant er schon wieder eine neue. Nachtigals frühzeitigen Tod erfuhren wir erst mit der letzten Post, und Du kannst Dir denken, wie erschüttert wir waren. Er war ein langjähriger, guter Freund Gerhards, der uns in Weimar besuchte, wo dann beide in afrikanischen Erinnerungen schwelgten. Er hätte noch lange dem Vaterland und der Wissenschaft nützen können! Wir leben hier viel geselliger als in Weimar, und es vergeht fast kein Tag, wo wir nicht abends der eine oder der andere sich einfindet. Ein sehr lieber Gast ist uns stets der ungarische Baron Bela Rakowski, ein äußerst liebenswürdiger und sehr gescheiter junger Mann. Er spricht wenigstens zehn verschiedene Sprachen und soll in ihnen allen gleich perfekt sein. Gerhard sagt, daß er z.B. das Arabische wie ein Araber spricht, im Tonfall, in der Gebärde, in allem soll er keinem andern nachstehen. Dazwischen singt er uns arabische Lieder vor und sagt Koransprüche her, in derselben leiernden monotonen Weise, wie es die Araber tun. Gehe ich an einer Moschee vorbei oder begegnet mir ein Bettler auf der Straße, immer glaube ich den Baron Bela zu hören. Jetzt sind wir im Rhamadan, der Fastenzeit der Mohammedaner. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang dürfen sie weder essen, noch trinken, noch rauchen, es wird daher die Nacht zum Tage gemacht. Unsere Leute sind deshalb jetzt immer müde und abgespannt und machen mehr Dummheiten als gewöhnlich. Diese Fastenzeit dauert von Neumond zu Neumand. Glücklicherweise ist es jetzt kühl, sonst denke ich mir das Entbehren des Trinkens besonders hart. Der Sultan schickt uns eine Menge der schönsten Früchte, Rosen und Jasmin. Es sind darunter Früchte aus Kalkutta, Madras, Bombay. Eins seiner Schiffe ist aus Indien heimgekehrt, und da ist er denn stets sehr freigebig im Verteilen. Rosen sind hier so rar, wie bei uns Syringen im Winter, und nur der Sultan hat welche in seinem Garten. Dabei fällt mir ein, daß ich Dir noch gar nicht von der Musik, die dort spielt, erzählt habe. In unserer nächsten Nähe nämlich befindet sich ein Garten des Sultans, in dem an jedem Mittwoch von vier bis sechs die Kapelle des Sultans konzertiert. Dieses Vergnügen ist nur für uns Europäer bestimmt. Die Kapelle besteht aus Goanesen und spielt gar nicht so übel. Die Konzerte wurden, als der Sultan sie zuerst einrichtete, mit der Sansibarhymne begonnen, als aber die Europäer unterließen, ihren Hut zu lüften und aufzustehen, wurde es den Musikanten untersagt, sie zu spielen.Der Garten selbst könnte sehr schön sein, wenn er etwas besser gehalten würde. Denn es sind dort Blumen und Früchte vertreten, die selbst in Sansibar selten sind. Früher durfte man sich wohl einzelne Blumen pflücken, da aber in letzter Zeit einige Europäer ganze Sträuße mit nach Hause genommen haben sollen, hat der Sultan es jetzt ganz untersagt. Wir sind übrigens bis jetzt noch nicht sehr oft dort gewesen, denn wir ziehen eine ordentliche Promenade diesem steifen Sitzen vor. In einem gepflasterten, ziemlich schmalen Gange stehen sich dort nämlich zwei Reihen Stühle gegenüber, und da sitzen denn auf der einen Seite die Damen, auf der andern die Herren. Der Sultan hat vor längerer Zeit beimn Hause Oswald einen kleinen Danpfer bestellt, der zu Vergnügungsfahrtennfür seine Damen bestimmt ist. Derselbe ist beim "Vulkan" in Stettin gebaut worden und wird hier fertiggestellt. Herr Oswald hatte mich schon vor längerer Zeit gebeten, wenn das Schiff soweit sei, die Taufe desselben zu übernehmen, und am 11. Juni sollte nun der feierliche Akt des Stapellaufes vor sich gehen. Es geschah dann auch in sehr feierlicher und außerordentlich schöner Weise. Die Werft stößt dicht ans Oswaldsche Haus, und von ihrer Terrasse aus wurde die Taufe vollzogen. Um halb zwei versammelte sich so ziemlich die ganze europäische Kolonie bei Ostwalds. Der Sultan wohnte dem feierlichen Akte von Zollhaus aus, das gegenüber liegt, unsichtbar bei. Als er den Befehl zum Beginn gegeben hatte, traten wir alle auf die Terrasse und gingen dicht an den Rand derselben. Ich zerschellte nun eine Flasche Limonade der Mohammedaner wegen durfte es kein Wein sein und hielt eine Rede, die lautete: "Ich taufe dich Tschuccuani." So lautete der Name eines Landhauses des Sultans. Das mit Fahnen und Palmen reizend geschmückte Schiff glitt jetzt erst langsam, dann immer schneller in die Fluten. Ein endloser Jubel brach unter den nach Tausenden zählenden Eingebornen los, und auch wir wehten mit Taschentüchern resp. Hüten. Seit langem hatte man in Sansibar ein solches Schauspiel nicht gesehen, die Begeisterung und das Staunen waren daher groß. Es wurde dann noch Champagner gereicht, Gerhard brachte das Wohl des Sultans aus, und um halb drei war alles vorbei.. Der Sultan war so entzückt gewesen, daß er Oswald gleich dekoriert hat. Nachher kamen sämtliche Arbeiter der Werft in den Oswaldschen Hof, johlend und singend, und verlangten eine Belohnung, die ihnen in Gestalt von Pesos (Kipfermünzen) auch heruntergeworfen wurde. Es war ein Heidenlärm! Neulich kamen hier fünf schiffbrüchige deutsche Matrosen in einem kleinen Boot an. Sie hatten ihr Schiff an der Küste verloren und waren fünf Tage hierher unterwegs gewesen. Gerhard hatte viel Arbeit mit ihnen, ihr Boot wurde verkauft, ihre Erlebnisse wurden zu Protokoll genommen, und Gerhard verschaffte ihnen vom Sultan freie Fahrt nach Bombay. Der Sultan sagte: "Und wenn du hundert Matrosen schicken willst, so will ich sie befördern." In dieser Nacht starb der belgische Konsul Van der Elst, der neulich auf dem Fest bei Sir John noch sehr lustig gewesen war, ganz plötzlich an der Dysenterie, und einige Stunden darauf wurde er schon beerdigt. Das geht hier rasch! Im Laufe von zwölf Stunden; lebendig und unter der Erde! Der Trauerzug, der an unserem Hause vorbei kam, war sehr feierlich. Voran schritten englische Seesoldaten, ihnen folgten die italienischen Matrosen, dann kam die katholische Geistlichkeit augenblicklich sind hier viele Priester, denn allein mit der letzten Post langten neun von ihnen an , endlich der Sarg, mit der belgischen Fahne bedeckt, über welcher die Uniform lag, mit seinen Dekorationen. Hinter dem Sarge schritten Sir John, Gerhard und Monsier Piat, alle in Uniform, dann folgten die Kommandanten des englischen und italienischen Kriegsschiffes, die Offiziere und fast die ganze europäische Kolonie. Neulich haben wir eine wunderschöne Mondscheinsegelfahrt gemacht. Kapitän Herbig speiste bei uns, ausnahmsweise schon um sechs, und um halb acht schifften wir uns auf der Oswaldschen Jacht ein. Herr Oswald hatte uns schon oft aufgefordert, eine solche Tour mit ihm zu machen, ich bin aber etwas hasig auf dem Wasser, da ich sofort seekrank werde. Da es indessen an diesem Abend sehr ruhig war, fast zu ruhig für eine Segelfahrt, nahmen wir endlich seine Einladung an. Außer uns waren noch Herr Kunholdt, der Kanzler des Konsuls, Herr Winkler und Baron Bela mit. Oswald hatte die Kajüte reizend mit Palmen und Fahnen geschmückt, und ein mit allen möglichen Getränken und kalten Speißen gedeckter Tisch gab uns die Gewißheit, daß wir weder hungern noch dürsten würden. Da wir erst gegen Mitternacht heinkehrten, sind die Schüsseln allmählich auch leer geworden. Wir hatten auch für Musik gesorgt und ein Ariston mitgenommen, das bald lustige, bald traurige Weisen ertönen ließ. Außerdem erfreute uns Baron Bela mit arabischen und ungarischen Gesängen. Als wir bei der Rückfahrt beim italienischen Kriegsschiff vorbeifuhren, spielte unsere Orgel aus "Ernani", beim Engländer "God save the Queen", beim Amerikaner "home sweet home" und beim Sultanlichen wurde ein Strauß'scher Walzer gespielt, da die sansibarische Hymne nicht im Programm war. Diese ist übrigens gar nicht so häßlich und endet im Text mit "o glücklich Sansibar". Einen Tag nach dieser Segelfahrt machten wir mit Kapitän Herbig eine Mondscheinfußtour, abnds um zehn Uhr. Es war das erste Mal, seit wir hier sind, daß wir uns bei einem Spaziergang, obgleich wir sehr schnell gingen, nicht erhitzten. Die Landschaft sah wunderschön im Mondlicht aus, und als wir beim "Schlangenteich" vorbeikamen, suchte ich Herbig etwas ängstlich zu machen, was mir leider nicht gelang. Sir John hat uns nämlich gesagt, daß es in dem einen Teich, in dem Bull täglich mit großem Widerstreben sein Bad nimmt, Schlangen gibt. Ich habe freilich bis jetzt keine zu sehen bekommen, gehe aber seitdem doch nur mit einem kleinen Unbehagen an dem Teich vorüber, und auch für Bull haben wir eine andere Badestelle gefunden. Im Juli 1885 Daß Gerhard abgereist ist. habt Ihr gewiß schon durch den Telegraph erfahren, und alle meine Nachrichten werden daher etwa veraltet bei Euch eintreffen, denn Ihr werdet ihn inzwischen wohl schon gesehen haben, und er kann Euch alles viel genauer und besser erzählen, als ich in meinen flüchtigen Briefen. Das Schreiben ist hier, ich kann Dir die Versicherung geben, keine Kleinigkeit, denn selbst die unbedeutende Handbewegung bringt einen in Transpiration, und dabei müssen Mücken und Fliegen mit dem Fächer verscheucht werden. Ich kann wohl sagen, daß mir eine Trennung von Gerhard und ich habe deren doch schon viele durchgemacht noch nie so schwer geworden ist wie dieses Mal. Es ist ja auch noch nie dagewesen, daß ich in Afrika und Gerhard in Europa weilt.Was läßt sich aber dabei machen! Hoffentlich dauert die Trennung nicht lange. In der vorigen Woche hörte die Fastenzeit der Mohammendaner auf, und es folgten drei Festtage, die, als man den Mond erblickte, durch Kanonenschüsse sämtlicher hier liegender Kriegsschiffe eingeleitet wurden. Dreimal täglich wurde gedonnert, die Schiffe waren sehr schön beflaggt, und abends fand vor dem Palast Feuerwerk statt. Ich habe während der drei Tage viel und oft am Fenster gestanden, um die geputzte Welt vorbeizuziehen zu sehen. Jeder hatte sein bestes Zeug an, man sah aber manchmal wahre Affengestalten. Hauptsächlich waren die Kinder mir Gold- und Flittertand überladen. Einige, Kinder reicher Araber, hatten wirklich an Goldstickereien und Schmucksachen ein Vermögen an sich. Am lächerlichsten schmückten sich die eingeborenen Weiber. Ich habe Dir neulich schon geschrieben, sie teilen ihre Haarfrisur in Straßen ein. Nun waren diese Straßen, wahrscheinlich um besonders schön zu erscheinen, mit gelber Farb gezeichnet, und einzelne hatten auch ihr Gesicht ganz gelb gemacht. Es sah verteufelt aus! Gelb ist hier jedenfalls eine besonders feine Farbe, denn für gewöhnlich bemalen sich die Weiber und auch die Kinder mit Blau. Die Augen sind mit dunkelblauer Farbe umrandet, und auf das Gesicht sind lauter blaue Tüpfchen gezeichnet. Außerhalb der Stadt ist ein Kirchhof und davor ein großer freier Platz, Nasimoya genannt, auf dem die Gneisenau-Mannschaft einmal exerziert hat. Der Kirchhof scheint merkwürdigerweise auch Vergnügungsort zu sein, man spielt dort Karten und andere Spiele, und in diesen drei Festtagen war dort Haupttrubel. Es war ein lebhaftes farbreiches Bild, das sich dem erstaunten Europäer bot. Der Kirchhof liegt schon an für sich sehr malerisch; denkt Euch dazu die tropische Vegetation, den blauen Himmel, die bunten Gestalten, das Geschrei und Gejohle, und Ihr werdet begreifen, wie sehr wir gefesselt wurden. Auf Kapitän Herbig, der, seit Gerhard fort ist, so freundlich ist, mich täglich zum Spazierengehen abzuholen, machte dieser Anblick auch großen Eindruck, obgleich er doch schon viel in der Welt gesehen hat. Ich bin einmal ganz allein dort vorübergegangen, daß heißt nur mit einem Diener. In Tripolis hätte ich das nie gewagt und in Kairo erst recht nicht. Herbig sah sich an dem Tage die Parade und die Schießerei vor dem Sultanspalast an. Die vom General Matthews unterworfenen (?) Stämme, von denen Abgesandte hier sind, führten Tänze und Kriegstänze auf, als ich gerade vorbeiging. Geschrei war die Hauptsache dabei. Einer jagte einem andern Krieger mit Schild und Lanze nach, dieser fiel hin, wurde erstochen das heißt nicht in Wirklichkeit , und dann wurde sein Leib geknetet, wahrscheinlich um ihn wieder lebendig zu machen. Kinder hatten sich Masken, gelbe Fratzen mit langen Nasen, vors Gesicht gebunden und erschreckten die übrigen. Drachen stiegen, ja es hatten sich Verkäufer mit Erfrischungen, Kokosnüssen, Orangen ect. niedergelassen, kurz, man konnte fast glauben, einem thüringischen Vogelschießen oder einer Kirmse beizuwohnen. Am dritten Tage dieser Festlichkeiten empfing der Sultan die Europäer und fastete dann noch privatim sechs Tage. Als die vorüber waren, fuhr er mit seinem ganzen Gefolge hier vorbei nach seinem Landhause, wo er die Herren wohl bewirtet hat. Nun noch einiges über meinen Letzten recht bunt verlebten Sonntag. Um zwölf Uhr war ich zum Frühstück zu den Italienern auf ihr Schiff geladen, und da der amerikanische Konsul, Mr. Cheney, mit seiner Frau auch teilnehmen sollte, nahm ich die Einladung an. Cheneys halten mich ab, und wir fuhren in ihrem Boot an Bord. Die Italiener hatten Gerhard und mich schon öfter eingeladen, und wir hatten aber im letzten Moment immer wieder abgesagt, da es uns zu stürmisch schien und wir beide nicht allzu seefest sind, nun war aber jedesmal hinterher das schönste Wetter geworden. Kaum hatten Cheneys und ich das Boot betreten und wir befanden uns auf dem Wasser, so brach ein Unwetter los, wie man es eben nur in Sansibar erleben kann. Unsere Matrosen konnten nicht vorwärts kommen, Mr. Cheney verlor seinen Hut, wir Damen wurden klatschnass, und der italienische Kommandant hielt es für angebracht, uns zwei Rettungsboote entgegen zu schicken. So schnell wie das Unwetter gekommen war, so schnell ging es auch wieder vorüber, und als wir beim "Barbarigo" ankamen, schien die freundlichste Sonne. Unter großem Gelächter bestiegen wir den hübschen Aviso, mußten aber gleich in die Kommandantenkajüte, um etwas Toilette zu machen, da unsere sehr derangiert war. Ich hatte wenigstens meinen Hut gerettet, indem ich meinen Sonnenschirm aufgespannt hatte, und war zum Glück dunkel gekleidet. Frau Cheney mußte eine Kaskette des Kommandanten aufsetzen, da ihr Hut ganz unbrauchbar geworden war. Der Kommandant veranstaltete nach dem Frühstück eine Regatta mit seinen Matrosen, und die Gewinner erhielten zwei Luisd'or. Sie hatten es gar nicht leicht, denn das Meer war ziemlich aufgeregt. Um vier Uhr fuhren wir wieder zurück, und ich habe dann noch mit Kapitän Herbig im Sultanswagen eine Spazierfahrt nach Tschuccuani gemacht. In unserer Nachbarschaft haben wir ungefähr ein Dutzend Negerhütten liegen. Der Sultan hat schon früher gesagt, sie sollten fortkommen, obgleich sie uns wenig störten. Heute werden die Hütten nun wirklich abgerissen, und obgleich die Leute doch ihre Wohnung verlieren eine Entschädigung erhalten sie nicht , herrschte eine bewunderungswürdige Heiterkeit unter ihnen. Mit den herzlichsten Grüßen an alle Lieben in B. Deine L. |
V.
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Venedig, Mitte September 1885 Liebste L.... Wie das so schnell gekommen ist, daß ich nun wieder in Europa bin, das sollen diese Zeilen nach melden, denn ganz direkt kehre ich nun von hier nach Weimar zurück, und nach den aufregenden und aufreibenden Zeiten könne weder Gerhard noch ich daran denken, jetzt zu Euch zu kommen, um mündlich und persönlich unsere Gedanken auszutauschen. Am 6. August telegraphierte mir Gerhard, sofort zurückzukommen, da beschloß ich denn gleich, nicht die Post abzuwarten, sondern die erste sich darbietende Gelegenheit zur Heimkehr zu benutzen. Glücklich genug für mich schickte der Sultan am 10 August seinen Dampfer "Aooka" nach Indien, und ich beschloß über Bombay zu fahren, zumal der Sultan mir für mich und unsern Diener freie Passage anbot. So verließ ich denn Sansibar, nachdem ich noch den großartigen Anblick der hereinkommenden deutschen Flotte gehabt hatte. Du kannst Dir denken, wie ich mich freute, Kapitän Valois mit der "Gneisenau" und die Offiziere dieses stolzen Schiffes wieder begrüßen zu können. Und wie ich in einem Boot der Gneisenau vor Monaten gelandet war, So ließ Kapitän Valois mich auch in seinem Boot an Bord des Sultansdampfers bringen. Ich schiffte mich im selben Augenblick ein, als der Sultan die Kommandanten der deutschen Schiffe in feierlicher Audienz empfing. Noch an Bord der "Aooka" hörte ich die Klänge der "Wacht am Rhein". Ich hatte eine vorzügliche Kabine und war in jeder Beziehung viel besser untergebracht als auf der Hinreise, auf dem Dampfer der britischen India Kompanie. Der Kapitän des Schiffes, der erste Offizier und der Maschinist sind Deutsche. Die Reise bis Bombay dauerte zehn Tage und war ziemlich stürmisch; da wir mit günstigem Winde fuhren, langten wir aber einen Tag früher an, als wir gerechnet hatten. An Passagieren waren, außer Kapitän Herbig und mir, nur Hindu und Araber an Bord. Schmutziges Volk, das nur von Reis lebt: morgens Reis mit Curry, mittags Reis mit Zwiebeln und abends reis mit Apfelsinen. Es wurden täglich zwei Zentner Reis konsumiert, und wenn Ihr die riesigen Schüsseln gesehen hättet, die herbeigetragen wurden, würde Euch dieses große Quantum nicht in Erstaunen gesetzt haben. Erst aßen die Männer allein, und hinterher erst die Frauen und Kinder. Es machte mir viel Vergnügen, den Mahlzeiten dieser Leute von meinem Stuhl aus zuzuschauen. Schon am Tage vor unserer Ankunft in Bombay beluden sich die Hindudamen mit Schmucksachen. Eine jede hatte Gold und Silber oft recht hübsch, ja schön gearbeitete Spangen, Arm- und Fußbänder, Gürtel- und Haarschmuck gewichtsweise auf dem Körper. So trugen sie ihr Vermögen mit sich herum. In Bombay begegneten mir sogar Bettelweiber mit silbernen Arm- und Fußspangen. Solch ein Schmuck sieht schön und seltsam aus, wenn er noch durch neue buntseidene Gewänder gehoben wird. Da fällt mir ein, daß, als ich reiste, unser alter Koch, dessen Frau in Goa lebt, mir ein einheimisches Gewand brachte, das ich zum Andenken nitnehmen sollte. Ich vermute, es war ein ursprünglich für seine Gattin bestimmtes Staatskleid. Der gute Jack, tränenden Auges sagte er mir "good bye". In Bombay! Wie hätte ich mir träumen lassen können, je nach dieser Stadt zu kommen! Da hätte ich noch eher geglaubt, nach Mursuck oder Kufra zu gelangen als nach Indien! Aber ich war wirklich in Asien! Zu dem Entzücken, wieder festen Boden unter mir zu haben nun noch der Genuß, wieder inmitten der Zivilisation zu sein, denn in Sansibar kann davon bis jetzt doch keine Rede sein. Hier aber ist alles fast wie bei uns. Wir bezogen ein vorzügliches Hotel, das Esplanadenhotel, und hatten hinlänglich Zeit sechs Tage waren wir dort , diese interessante Stadt kennen zu lernen. Nicht wenig trug unser deutscher Konsul dazu bei, uns mit all den Sehenwürdigkeiten bekannt zu machen. Er lud uns zu seinem "Bungalo" außerhalb der Stadt ein, und hier hatten wir Gelegenheit, den Luxus und die schöne Einrichtung der in Indien lebenden Europäer zu bewundern. Wenn ich "wir" sage, so meine ich immer Kapitän Herbig und mich; dieser hat sich meiner in nie zu vergessener Weise aufs liebenswürdigste angenommen. Ich besuchte mit ihm auch das Parsitheater, wo ein nicht endenwollendes Lustspiel gegeben wurde. Wir verstanden nichts davon, lachten aber doch mit, und zwar recht oft und herzlich. Es wurde recht spät, und ich fragte durch Zeichen eine neben mir sitzende Parsidame, wieviel die Uhr sei. Sie war sehr verständig: statt zu antworten, zeigte sie mir eine wundervolle kleine goldene Damenuhr, damit ich selbst nachsehen möge, und schien sich zu freuen, als ich die Uhr sehr bewunderte. Aber Bombay ist so bekannt, namentlich bei Euch in Bremen auch unser deutscher Konsul in Bombay ist ja ein Bremer , daß ich Dir kaum etwas Neues darüber sagen kann. Die Vegetation ist nicht so üppig wie in Sansibar, obgleich gerade jetzt hier die Regenzeit ist. Soll ich noch vom tower of silence erzählen, wo die Parsi ihre Verstorbenen hinhängen, um sie von den Geiern fressen zu lassen? Mich schauert jetzt noch, wenn ich daran denke, oder wenn ich im Geiste die Spazierfahrt dahin mit Kapitän Herbig wiederhole. Nach sechs Tagen schlug endlich die Stunde der Abfahrt. Wie prächtig war der Dampfer, auf den wir nun übersiedelten! Wenn ich nur Nutzen davon gehabt hätte. Aber gerade auf der Fahrt bis Aden war ich ganz besonders elend. Im Roten Meer war es einigermaßen kühl, da wir einen erfrischenden Wind spürten, war es aber windstill, so glaubte ich in der Nähe eines Ofens zu sein. Die meisten Passagiere schliefen oben, ich zog es aber vor, in meiner Kabine zu bleiben, die ich für mich allein hatte. Wir waren nur wenig Passagiere ungefähr siebzig bis achtzig I. Kajüte , die Strecke von Suez nach Alexandien wurde durchflogen, und dann ging es noch einmal an Bord. Nur noch drei Tage Seereise, aber auch diese nicht ohne Krankheit. Je mehr ich mich Europa näherte, desto ungeduldiger wurde ich, dauerte doch unsere Reise schon fast fünf Wochen! In Brindisi traf mich ein Telegramm von Gerhard mit der Mitteilung, er sei in Venedig, um mich dort zu erwarten. Mein elender Zustand bewog mich, den Dampfer zu verlassen und mit der Bahn durch Italien zu reisen. Als dann unser Zug in der Halle von Venedig einlief, winkte Gerhard schon von weitem, und nun mit ihm wieder vereint, schließe ich meine langen Episteln und die kurzen von Woche zu Woche beginnen wieder. *) Diese Briefe, die ursprünglich nur für die Adressatin bestimmt waren, wurden uns auf unsere Bitte von der Verfasserin behufs Veröffentlichung überlassen. Unsere Leser werden der Dame dafür gewiß ebenso dankbar sein wie wir. - d. r.- Quelle: Daheim 1886, von rado by jadu 2002 |
Das Projekt: Gerhard Rohlfs Gesammelte Werke