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Bilder aus Deutsch Ostafrika

Von Adolf Zimmermann

"Afrika, dein denk ich immer...."

Das schöne Lied, in dem diese Worte vorkommen, ist von mir selbst und eigentlich nur für meinen allerpersönlichsten Gebrauch bestimmt. Die Melodie ist die des "Teure Heimat, sei gegrüßt!" Danach pflege ich es vor mich hinzubrummen, wenn wieder einmal die Erinnerungen kommen. Und die melden sich oft genug. Gemeint ist Deutschostafrika, das aber nicht recht ins Metrum paßt. Es ist eine merkwürdige Sache, um die tropischen Regionen des dunklen Erdteils. Wer mit ihnen zu tun gehabt, dem bleibt eine tiefe Sehnsucht im Herzen, und er kommt wieder, früher oder später. Das gilt selbst für die, denen es ursprünglich nur darum zu tun war, dort Geld zu machen, also für Menschen, zu deren wesentlichsten Eigenschaften übertriebene Weichherzigkeit nicht gerade zu gehören pflegt. Oder für jene anderen, denen das Klima ganz und gar nicht bekommt, so daß sie nach früheren Aufenthaltsversuchen infolge schwerer Fieberattacken fluchtartig das Land verlassen haben, um ihr bißchen Leben nach Europa zu retten. Auch sie kehren zurück, wie die Motte zum Licht, auf die Gefahr hin, nicht viel später, mit einem vertrocknenden Wedel als letzte Liebesgabe über dem Hügel, irgendwo am Strande des Ozeans der Ewigkeit entgegenzuschlummern, beim nachdenklichen Rauschen der vom Monsun gewiegten Palmen zu ihren Häuptern. Die Aussicht schreckt sie nicht, oder besser, die Sehnsucht nach der trunkenen und ihrerseits berauschenden Sonne des Äquators ist stärker als ihre Furcht.

Die Sonne ist für sie ein unentbehrliches, darum aber nicht um ein Jota weniger tödliches Gift. Übrigens braucht sich niemand bange dadurch machen zu lassen, daß es Leute gibt, die das Afrika der Tropen nicht vertragen können. Ihre Zahl ist schließlich doch nicht allzu groß. Wer an sich kräftig ist, keinen organischen Fehler und namentlich auch keine schlecht verheilte Krankheit mit sich herum trägt, wer gute Zähne hat und — man verzeihe das harte Wort — gut schwitzen kann, der mag es immerhin riskieren, ein paar Jahre drunten zuzubringen! Die guten Zähne und das gute Schwitzen sind nicht unwesentlich. Das Fleisch ist zähe dort, weil es frisch geschlachtet gegessen werden muß, und wer gut schwitzt, hat meist ein starkes Herz und gesunde Nieren. Wer vernünftig lebt und das Klima verträgt, mag sogar ruhig nicht nur ein paar Jahre, sondern ganz drüben bleiben; freilich darf er nicht darauf versessen sein, sich mitten in einem Sumpf seine Hütte zu bauen. Doch es gibt ja genug geeignetere Stätten.

Mein oben angeführtes, anspruchloses Lied hat, offen gestanden, über die zitierte Stelle hinaus nicht viel Verse. Die Melodie und nicht der Text ist nämlich die Hauptsache daran, und zwar weil sie mich an sich, und auch ohne daß es der Worte bedarf, so lebendig, als wenn sie erst seit gestern hinter mit lägen, an so manche im dunkeln Erdteil verbrachte schöne oder doch bemerkenswerte Stunden erinnert. Wenn die Deutschen in der Heimat recht lustig werden, singen sie bekanntlich das Heinesche Lied: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin!" Und wenn unsere Landsleute draußen in Afrika sich in ihrer neuen Heimat einmal so recht ausnahmsweise wohl fühlen, so entkorken sie des Abends nach wohl verrichtetem Tagewerk eine "Schampus" und stimmen, womöglich vierstimmig, das Lied der Sehnsucht nach der Heimat.

So sangen wir es auch an einem wundervollen Septemberabend in Morogoro, einer Station der ostafrikanischen Zentralbahn, welch letztere nächstens bis nach Tabora, dem Paris der Ostafrikaneger, vorgeschoben sein wird, damals aber noch bei dem genannten Ort endigte. Morogoro liegt in einer wildromantischen Gebirgslandschaft inmitten der Uluguruberge, bis auf der Karte meist ziemlich unscheinbar aussehen, in der Nähe besehen aber sehr anständige Dinger sind, und sich mit unserem Riesengebirge an Höhe und malerischer Zerklüftung wohl vergleichen lassen. Ein klares Gebirgsflüßchen, der Ugerengere, das immer Wasser hat — ein für Ostafrika nicht ganz alltäglicher Vorzug! — durchrieselt es mit traulichem Plätschern, und wenn das Land erst einmal richtig besiedelt sein wird, so werden die Europäer von der Küste hier oben mit Vorliebe ihre Ferien verbringen. Einstweilen ist es die Residenz des braven, alten, nicht weniger kognak- wie deutschfreundlichen Kengo. Kengo ist einer der größeren Sultane des Landes, und war bereits unseres unvergeßlichen Afrikadurchquerers Hermann von Wißmann Freund und Waffengenosse, als dieser hinter Buschiri hersetzte und ihm und seinem Verbündeten Banaheri das Handwerk legte.

Wißmanndenkmal

Neben den "Schenzi" Kengos leben in Morogoro noch ein paar stolze Araber, die unvermeidlichen, kriecherischen, aber in ihrer Art fleißigen Inder niederer Kaste, die als Kleinhändler und Vermittler zwischen den Faktoreien der Küste und den Afrikanern das Land überschwemmen, der Bezirksamtmann mit seinen Sekretären und schließlich etliche Deutsche, die als Bergwerksunternehmer die zahlreichen Glimmerlager der benachbarten Berge abbauen. — "Schenzi" ist der in Ostafrika übliche Ausdruck für Neger überhaupt. Das Wort gehört, wie auch die anderen hier angeführten allgemein üblichen ostafrikanischen Ausdrücke dem Suaheli an, der Sprache der von Zanzibar her islamisierten Küstenneger, einem Idiom, das auf Grund wirklich bemerkenswerter Eigenschaften zur sozusagen internationalen Umgangssprache, zu einer Art Französisch für den ganzen Osten Afrikas geworden ist. "Schenzi" bedeutet an sich "Buschneger" "Heide" mit dem Beigeschmack des Verächtlichen; und die Suaheli, die ehedem ihre "ungebildeten" Genossen vom schwarzen Fell im Innern mit der Bezeichnung traktierten, müssen es sich nun gefallen lassen, daß sie von den Weißen längst selbst so genannt werden, und zwar ganz offiziell. —

Die Glimmerbrüche sind eigentlich die Haupteigentümlichkeit Morogoros. Ich bin ganz hübsch in der Welt herumgekommen, aber ich habe etwas Ähnliches noch nicht gesehen, wie diese Gipfel und Abhänge, wenn die Morgensonne sie küßt. Dann glitzert und funkelt es die Höhen hinan, bricht es sich in tausend Lichtern, als sei überall eitel Demant zwischen Busch und Felsgeklüft in verschwenderischer Fülle ausgestreut. Es ist wirklich ganz phantastisch und märchenhaft und gibt einen unvergeßlichen Anblick. — Erwähnt sei noch, daß die Berge von Wild und Raubzeug wimmeln.

Station

Doch will ich hier weniger von Morogoro und den Ulugurubergen am Morgen oder am Tage, sondern von einer Nacht, die ich dort zugebracht habe, erzählen, — eben der, in der wir das "Teure Heimat" sangen. Von "meiner" Nacht in den Ulugurubergen — denn ich habe leider nur diese eine zu verzeichnen. Sie gibt aber ein liebliches kleines Guckkastenbild aus Afrika. Allerdings nur so, wie es im Alltagsgewand aussieht, und nicht, wie es wohl dreinschauen muß, wenn die starken Männer und Sonntagskinder unterwegs sind, die, wenigstens nach ihren Berichten, überall die haarsträubendsten Abenteuer erleben und Gelegenheit zu den wildesten Heldentaten finden. Übrigens, ganz ohne die Würze eines kleinen besonderen Ereignisses ist jener Abend doch auch nicht verlaufen....

Station

Also: das Aveglöckchen der französischen Mission, dessen Bimmeln bis dahin so wehmütig-sehnsüchtig durch die Wildnis zu uns herübergeklungen war, hatte Feierabend gemacht, die kurze Dämmerung entschwand und auch Kengo hatte sich empfohlen. Der alte Bursche war bis nach Sonnenuntergang mit seinem "Ministerium" — ein paar unglaublichen, ebenfalls hinlänglich bejahrten schwarzen Trotteln — auf der Barabara (Straße) spazieren gegangen, hatte sich aber dann nach seiner Boma (Burg, Haus der Behörde) verfügt, nicht ohne vorher sich von den weißen bana uckubas (großen, vornehmen Herren: die landesübliche Anrede für Europäer oder besonders angesehene Araber) durch eine tiefe Verbeugung mit auf der Brust gekreuzten Händen zu verabschieden. Drüben aus dem Dorf klang Lachen und Schwatzen zu uns herüber. Die silberhellen Stimmen der Weiber und Mädchen waren dabei besonders heraus zu hören. Die Trommel wurde, wie üblich, zum Tanz geschlagen und die Esel schrien — nicht weniger nach dem Brauch des Landes — einer um den anderen in aufgeregten Dissonanzen ganz herzzerreißend. So ist es immer, wo Afrikaner wohnen; die drei Arten von Lauten halten an, bis es wieder Morgen wird. Kommt man nachts in die Nähe eines Schenzidorfs, so ist, wenn man den Lärm und namentlich die Trommel hört, alles in schönster Ordnung; ist es aber still, so kann man sicher sein, daß Besonderes sich zugetragen hat. Vorsicht ist dann geboten!

Und nun brach die Dunkelheit ernsthaft herein. Afrikanische Nacht umfing uns. Der Bahnhof, war damals noch nicht gebaut. Man war schon froh, daß endlich das Geleise bis Morogoro lag; Arbeit genug hatte es gekostet. Die Züge mußten einstweilen ruhig im freien Felde halten. Wir Deutschen — mein Wenigkeit als Gast — saßen auf der Barasa (Veranda) unseres Freundes S., der in einer Person das Gewerbe eines Fleischers, Spediteurs, Restaurateurs und Hoteliers betreibt. Solche Vielseitigkeit ist in Afrika nicht selten, und oft genug Voraussetzung für den geschäftlichen Erfolg. Auf der Schwelle saßen unsere Boys; unablässig schwatzend und lachend harrten sie, jeder eine brennende Laterne neben sich, ihrer Herren, um diesen dann auf ihrem Wege ins Zelt zu leuchten. Denn die Fremdenzimmer des "Hotels" bestanden in einer Flucht Zelte, die ein Stück vom Wohnhaus ab an der Straße aufgestellt waren; und man läßt sich in Deutschost, wo es bekanntlich viele giftige Schlangen gibt, des Nachts durch den Boy Licht vorantragen, damit man nicht unversehens auf eine Puffotter tritt. Ins Zelt selbst brechen die angenehmen Tierchen nicht so leicht ein, auch, nebenbei erwähnt, Raubzeug nicht, es scheut das Lagerfeuer. Dagegen kann man, wenn man Pech hat, mitunter sehr unangenehmen nächtlichen Besuch erhalten in Gestalt von einer Armee geschlossen auf Raub ausrückender, in ihrer zähen Tapferkeit keinem Hindernis ausweichenden Ameisen. Wenn sie kommen, heißt es jedweden Heldenmut beiseite lassen und unbeschadet aller Nächtlichkeit der Toilette hinaus ins Freie türmen und dort in Geduld abwarten, bis es der grimmigen Schar beliebt hat, weiter zu ziehen. Doch das nur nebenbei! —

Steinbruch

In einem Busch, auf der anderen Seite der Straße, tummelten sich Hunderte von Glühwürmchen. Dort mochte eines der unscheinbaren lichtlosen Weibchen sitzen, und die tanzenden Fünkchen machten ihr den Hof, den Freiern der Penelope an Zahl vergleichbar, als die hohe Frau zwanzig Jahre lang Strohwitwe war! Vom samtschwarzen Himmel funkelten und glitzerten die Sterne mit einer Buntheit und Leuchtkraft, wie sie sich bei uns auch in den klarsten Winternächten kaum zeigen. Der Orion, der im Winter ja bei uns seine Gastrollen gibt, stand hoch im Zenit, während der Wagen, der ein für allemal zum Bestande unserer einheimischen Erdhälfte gehört, immerhin noch mit seiner Deichsel über den Horizont hervorguckte. Deutlich gegen das Firmament abgezeichnet ragte vor uns die Gebirgswand, hoch oben an ihr lief gipfelwärts und in ihrem Vorrücken für uns Stunde um Stunde bequem zu verfolgen, die lange dunkelrote Feuerlinie eines Buschbrands. Sie brachte nicht zuletzt die Note des Abenteuerlichen in das Gesamtbild. An der weißgetünchten Buschwand der Barasa kamen kleine bunte Eidechsen in den Lichtschein unserer Lampe und machten dort Halt, mit emporgestrecktem Kopf, scheinbar überaus angestrengt und interessiert unserem Gespräch lauschend. Die niedlichen kleinen Echsen sind die Gesellen jeder Abendunterhaltung in den Tropen. Kein Haus ist frei von ihnen; sie kriechen aus ihren Verstecken hervor, sobald Licht angesteckt wird. Weniger allerdings, um zu lauschen, was die Menschen reden, als um die kleinen Mücken zu erhaschen, die die Lampe anzieht.

Ab und zu fiel einem von uns eine schwärmende Termitenkönigin ins Glas. Das macht in Afrika nichts, man ist daran gewöhnt. Man fischt das Tier heraus und wirft es von sich. Wir haben einen interessanten Gesprächsstoff. S. erzählt, daß bei ihm am andern Tage "Schlachtfest" abgehalten werden soll, und er lädt uns zum Wellfleisch ein. Er hat sich ein Säulein von Daressalam herauf schicken lassen und das soll morgen zeitigst daran glauben. "Ist es denn auch sicher untergebracht?" fragte einer mißtrauisch. "Na, gewißdoch!" meint S. "Dort drüben über der Straße in der Fenz!" Und er zeigt nach der Richtung des Buschs mit den Glühwürmchen. Alles freut sich und leckt sich die Lippen. Frisches Schweinefleisch ist im Innern nicht alle Tage zu haben. Dann erzählen wir uns alle mögliche vom fernen Uleia (Europa) und von Deutschland, wir werden lyrisch und gerührt und schließlich kommt, was kommen muß.

"Sei gegrüßt in weiter Ferne,
Teure Heimat, sei gegrüßt!"

klingt es feierlich durch die Nacht. Alle machen andächtige Gesichter und nicht der leiseste faule Witz stört die Stimmung. Droben leuchtet das Flammenmal des Berges. Mitternacht ist nahe.

Da auf einmal ein kurzes Gepolter, ein jämmerliches Quieksen und Grunzen, Afrikanergeschrei, kurz, alles in allem ein mächtiges "Kelele", wie es dort an Ort und Stelle heißt. S. fährt empor wie von der Natter gestochen. Der Singsang bleibt ihm und uns in der Kehle stecken. Er stürmt über die Straße nach seiner Fenz, die Boys hinterher, dann wir; einer hat schon seinen Schießprügel bei der Hand. "Simba!" "Simba!" schreien die Schwarzen. "Ein Löwe!" "Ein Löwe!" S. reißt, unbewaffnet, wie er ist, den Verschlag zu seiner Fenz auf. Jawohl! Da huscht gerade noch etwas über den Zaun gegenüber. Und das Säulein quiekst aus der Ferne sein letztes Lebewohl! Weg ist es. Da hat also richtig ein vom Berge her streifender Löwe das appetitliche Tier gewittert und es sich mit souveräner Ungeniertheit keine 20 Meter von uns aus dem Stall geholt. Kengos Leute kommen. Alles bricht mit gewaltigem Radau in den Busch, um den Räuber, wenn möglich, seine Beute abzujagen. Doch von dem ist keine Spur. Und allmählich tritt wieder Ruhe ein. Die Trommel im Dorf, die eine Zeitlang ausgesetzt hatte, ertönt wieder, das Feuermahl glüht noch immer, die Glühwürmchen haben ihren Reigen auch noch nicht beendet, alles ist wieder wie vorher, nur daß S. jetzt wütend ist wie ein Türke und es als als Anulkerei auffaßt, wenn man sich bei ihm erkundigt, ob die Einladung zum Wellfleisch für den anderen Tag nun noch gilt oder nicht...

Die geraubte Sau hat sich dann am anderen Morgen in unserer nächsten Nähe vorgefunden, — wie die Fenz noch keine 20 Meter von uns entfernt, zur Abwechslung nur diesseits der Barabara. Dorthin, hart an die Grenze des Schenzidorfs und dicht an uns vorbei, hatte der Löwe seinen Braten getragen, als wir ihn auf die Berge zu verfolgten, und hatte dann in aller Gemütsruhe "genachtmahlt", wie man in Österreich sagt. Das Gescheide und der sonstige Inhalt des Leibes waren weg, als man das Tier fand.

Merkwürdig war, daß es bei S. mittags doch Wellfleisch gab. Und auch in seiner Wurstmacherei wurde gearbeitet. Woher er das Fleisch hatte, weiß ich nicht. Die anderen wußtens auch nicht. Gefragt hat keiner. Es gibt eben schließlich überall taktvolle Menschen, selbst im Innern Afrikas. Geschmeckt hat es gut.
Das ist die Geschichte "meiner" Nacht in Morogoro.

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"Ramtata,ramtata, tari!" setzt die Kapelle rauschend ein. Es ist am 27. Januar mittags 12 Uhr, und der Herr Kommandeur der Schutztruppen, geleitet von dem Herrn Hauptmann und seinem Adjutanten, schreitet die Front ab, und alle, bis zu den Herrn Leutnant herab, tragen die beim letzten Aufstand ehrlich erstrittenen Kriegsorden mit den Schwertern und dem schwarzweißen Band.
"Jambo, Askari!" ruft der Kommandeur. So heißt das heimische "Guten Morgen, Grenadiere!" auf ostafrikanisch.
"Jambo, bana mkubwa!" "Guten Tag, großer Herr!" klingt es aus den rauhen Kehlen der schwarzen Krieger zurück. Zu Hause würde es heißen: "Guten Morgen, Herr Major!"

Der Herr Major hält auf Suaheli seine Kaisersgeburtstagrede, die in das dreimalige Hurrah auf den "Großen Sultan" zu Berlin im fernen Uleia (Europa) ausklingt, und zum Schluß kommt dann der Parademarsch! Der hat der Kompagnie bei der Ausbildung ganz besonders imponiert und die Kerls werfen denn auch heute, wo es gilt, ihre Beine, daß der ganze dunkle Erdteil wackelt. Auf dem Exerzierplatz vor dem Potsdamer Stadtschloß sieht man's auch nicht besser.

Parade

Am selben Tage und zur selben Stunde tönt das "Ramtata, ramtata, tari!" das "Jambo, Askari!" und das "Jambo, bana mkubwa!" und nicht zuletzt das Beinwerfen genau ebenso wie in Daressalam, in Tabora und in Kilwa und in Udjidji am Tannganyka und in Muanza droben unter dem Äquator am Viktoriasee. Kurz, überall wo Schutztruppen stehen und die deutsche Flagge weht. Nun, das ist schließlich selbstverständlich, nur daß man nicht allerwärts einen so eleganten Hintergrund für das militärische Schauspiel hat, wie das Daressalamer Offizierskasino, und ebensowenig ein zahlreiches Publikum von europäischen Damen und Herren, wie es als Umrahmung unseres Bildes zu denken, übrigens auch — hinter den Askariboys — auf der Barasa (Terrasse) des Kasinos in einzelnen Exemplaren zu sehen ist. Askariboys? Jawohl, jeder Askari hat seinen Boy, der ihm das Gewehr putzen und grobe Arbeit für ihn tun muß, wie jeder von ihnen auch sein Weib und seine eigene Hütte hat. Die Kaserne im europäischen Sinne vertritt in Afrika das Askaridorf, das neben den Bureaus, den Wohnhäusern für Offiziere und Unteroffiziere, den Magazinen und den Ställen zu dem architektonischen Inventar jeder ostafrikanischen Garnison gehört. Denn der Askari ist nicht etwa der erste, beste; Askari werden, namentlich Regierungsaskari — denn die eingeborenen Sultane haben auch welche, sie sind allerdings darnach! — ist das "Feinste", was es für den Ostafrikaneger gibt, und verschafft seinem Mann unter seinesgleichen eine noch angesehenere Stellung, als sie sonst einnimmt, wer dem Europäer als Boy dienen darf.

Arbeiterhütten

Die Askari sind nicht etwa Leute eines bestimmten, besonders kriegerischen Stammes; "Askari" bezeichnet das, was die Franzosen Turko nennen, also einen farbigen Soldaten schlechthin. Ursprünglich zwar wurde unsere ostafrikanische Schutztruppe aus Sudannegern am oberen Nil rekrutiert; doch haben unsere wohlwollenden Vettern, die Engländer, uns das Werben dort verboten, als sie merkten, daß wir auch aus unseren schwarzen Rekruten etwas zu machen verstanden. Die Sudanesen waren außerordentlich kriegerische, zuverlässige, löwenkühne Leute. Wißmann hat mit ihnen damals die gefährlichsten Gegner der deutschen Herrschaft, die Araber, niedergerungen, und sie haben den Rahmen gegeben zur militärischen Erziehung ihres aus einheimischen Stämmen ausgehobenen Nachwuchses. In Daressalam sieht man man noch heute schiefe, alte, krumme Polizeiaskari herumlaufen, die einem militärisch geschulten Auge zunächst ganz und gar nicht gefallen. Das sind alte Askari Wißmanns im Zustand der Zivilversorgung.

Aber wie haben sie sich noch vor wenigen Jahren während des letzten großen Aufstandes als Feldsoldaten bewährt, als ein großer Negerstamm in der Nähe der Hauptstadt und in Abwesenheit der Schutztruppe, die im Innern kämpfte, aufsässig wurde, und Bezirksamtmann Röder — derselbe, der später als Landeshauptmann auf den Karolinen von Menschenfressern ermordet wurde —, ihnen in Eilmärschen auf den Leib rückte. Die jüngeren, aus dem Lande selbst angeworbenen Askari mögen im Ernstfall nicht jedem Feinde gegenüber so zuverlässig sein wie die alten Sudanesen es gewesen wären; für den Krieg gegen Eingeborene reichen sie jedenfalls aus, da sie sich im Besitz eines deutschen Infanteriegewehrs allem, was neben ihnen eine schwarze Haut trägt, unendlich überlegen fühlen. Dem Nachahmungstrieb des Afrikaners sind die militärischen Formen Uleias ein starker Anreiz. So sind sie groß in allem, was Griffe, Exerzieren, Salutieren usw. anlangt; man beachte, wie schneidig die Kerls aus unserem Bild das Gewehr anfassen und "Augen rechts" machen! "Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen..." heißt es nebenbei auch hier.

Es gibt nichts Komischeres, als in einem Askaridorf die kleinen nackten Burschen Soldaten spielen zu sehen. So etwas von exaktem Exerzieren drei-. vierjähriger Bengels sieht man zu Hause, wo die Jugend doch auch an zweierlei Tuch ihren Narren gefressen hat, nicht so leicht. Seinen vorteilhaften militärischen Eigenschaften steht beim Askari — wenigstens bei dem im Lande geborenen — eine gewisse Unzuverlässigkeit gegenüber, wenn man ihn ohne europäische Aufsicht ins Land hinaus schickt. Seine Landsknechtsnatur äußert sich dann in der Neigung zum Marodieren und Beutemachen.

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Das Wißmann Denkmal in Daressalam ist nun endlich errichtet. Es erinnert an einen der beiden Großen aus den großen Jahren der Kolonie. Der andere ist Karl Peters, der sich einstweilen noch ohne Standbild behelfen muß, dafür aber auch im Gegensatz zu Hermann von Wißmann noch unter den Lebenden weilt. Am Sockel des Denkmals hält ein bronzener Askari Wache. Die Schwarzen wissen sehr wohl, welchen "bana mkubwa" die obere Figur darstellt, sind aber sehr geteilter Ansicht darüber, welchen seiner ehemaligen Krieger man sich unter der andern nun eigentlich zu denken hat. Daran, daß sie einen bestimmten Mann verewigen soll, haben sie keinen Zweifel; denn der Begriff der Symbolik geht nicht in das Hirn des Afrikaners.
Das Wißmanndenkmal ist das Kriegerdenkmal Daressalams.

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Karl Peters hat den Grundstein der Kolonie gelegt; Wißmann an der Spitze seiner Askari hat sie erobert; nutzbar machen sie uns erst die Bahnen, und es war ein schwerer Fehler, daß wir Deutschen so langsam in deren Anlage vorgegangen sind. Dafür sind wir jetzt endlich mitten drin in einem Abschnitt flotten Vorstreichens der Schienenstränge. Zwei unserer Bilder führen uns in die Region des Baus; das eine in einem Steinbruch, dem das kostspielige Material für die Schotterung der Strecke entnommen wird, das andere zeigt uns ein "Arbeiterdorf" an der Strecke.

Die Arbeiter sind natürlich alle Schwarze, die, oft mit Frau und Kind, in kleinen Grashütten hausen. Die Aufseher und Ingenieure, die an dem Bau der Bahn beteiligt sind, sind alle große Löwenjäger; denn die alten Herren und alten Damen aus dem Geschlecht der großen Katze kommen meist sehr schnell dahinter, daß es sich für sie in Anbetracht ihrer laschen Sehnen und wackligen Zähne auf die naturgemäß nicht gerade übermäßig sicher untergebrachten Afrikanern der Arbeiterkolonie weit bequemer pirscht als auf Zebra und Gnu. Sowie man merkt, daß einer der Räuber dem Lager seine Aufmerksamkeit zuzuwenden und namentlich die Wasserstellen zu umschleichen beginnt, muß er daher abgeschossen werden. —

Schuppen

Wir haben dann einige vorzügliche Bilder, die uns an den bereits fertigen abschnitt der Taborabahn, die von Daressalam ausgeht und später bis zum Tanganyka vorgeschoben werden soll, führen. Da liegen idyllisch unter den Kokospalmen Lokomotivschuppen und Werkstatt der Bahn. Wir sehen die Bahnhöfe von Ngerengere und Morogoro. Sie geben ein Bild der Anlage innerafrikanischer Stationen überhaupt und stehen, wo es noch vor wenigen Jahren mit dickste Wildnis gab. Krisch sind für die ganze Strecke Jahr um Jahr die beiden Regenzeiten, die große namentlich, aber auch schon die kleine. Das Kunststück ist, so zu bauen, daß der Damm unter den gewaltigen Überflutungen nicht allzusehr leidet. Unser Bild endlich führt uns an den Hafen von Daressalam. Man sieht, es herrscht dort ein ganz nettes Leben und Treiben. Dabei ist das Bild in einer der "Pausen" aufgenommen, d.h. es liegt gerade keiner der großen Dampfer draußen auf der Reede. Denn es müßte andernfalls noch weit lebhafter auf der Szene zugeben; dafür sieht man die Hafeneinrichtungen um so besser. In der Tat ist denn auch die Ausfuhr von Kopra — dem Fett der Kokosnuß — von Gummi und von Sisalhanf in Daressalam wie in Tanga, dem zweiten großen Hafen des Schutzgebiets, längst sehr bedeutend.

Hafenkai

Quelle: Das große Weltpanorama, Verlag W. Spemann, Stuttgart, von rado jadu 2001

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