zurück

Der Hafen des Friedens


Daressalam bedeutet - Hafen des Friedens! Obwohl dieser an den Ufern des immer bewegten Indischen Ozeans liegt. bieten seine weiten, stillen Flächen jedem Schiff Ruhe und Erholung. Eine schmale Einfahrt schließt ihn vom Meere ab. Ringsum sind seine Ufer bis ans Wasser von hohen Kokopalmen umgeben; es könnte ein großer Binnenseen sein.

In seinem Schutz lag der Stationskreuzer oft, schon wegen der Reparaturmöglichkeiten, welche die Eisenbahnwerkstätten der Schutzgebietsverwaltung boten.

Daressalam, die Hauptstadt Deutschostafrikas, ist eine vornehme, ruhige Tropenstadt mit weißen, eleganten Häusern und sauberen, glatten Straßen, umgeben von rauschenden, wogenden Palmenwäldern von Upanga bis Kurassini. Sie ist Sitz der Landeszentral -und Bezirksvewaltung, der Eisenbahn - sowie der Hafenverwaltung und des Oberkommandos der Schutztruppen. Außer Offizieren und Beamten aller Arten und Grade findet man Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte, Kaufleute, Handwerker, Gewerbetreibende und Missionare.

In Daressalam liefen alle verwaltungstechnischen und wirtschaftlichen Fäden der Kolonie zusammen. Nur die nördlichen Gebiete und Landschaften benutzen gern das ihnen näher liegende englische Mombasa als Umschlagplatz, da die deutschen Bahnverbindungen noch zu ungünstig liefen.

Bei Verzicht auf die Eisenbahn handelt es sich gleich um Fußmärsche von Wochen und Monaten, bei denen alles Frachtgut auf den Köpfen schwarzer Träger an die Küste befördert werden mußte. Von Tanga aus lief nur eine Bahn bis zum Kilimandscharo. Weiter kam sie nicht, da der ostafrikanische Graben ihr den Weg zum Victoria-Nyansa-See sperrte. Von Daressalam aus war eine Bahn nach dem Tangnyica-See im Bau, die 1914 ihr Endziel erreichen sollte. Aber noch fehlen die Querverbindungen von dieser nach Norden zum Victoria-Nyansa und nach Süden bis zum Rowuma.

Fast alle Europäer, die neu nach den der Kolonie kamen und fast alle, die in die Heimat zurückkehrten, hielten sich einige tage in Daressalam auf. Im Laufe der Zeit hatte man Gelegenheit, dadurch einen großen Teil der damaligen weißen Bevölkerung der Kolonie, sei es im Klub oder in einem der hotels, persönlich kennenzulernen.

Die Hütten des Eingeborendorfes liegen von der Europäerstadt abgesondert an breiten Straßen, mitten in Palmenhainen. Alle vier Wochen spielten sich dort in den Vollmondnächten die Ngoma-Tänze der Eingeborenen ab. In einem großen, dichtgedrängten Kreis saß der Ngoma-Schläger auf der Erde; einen Instrument, einem ausgehöhlten Holz, über das ein Fell gespannt war, entlockte er mit starken Schläagen nach ganz bestimmtem, eigenartigem Rhythmus elektrisierende Töne, bald laut, bald leiser. Danach bewegten sich die Tänzer und Tänzerinnen im Kreis, einzeln, paarweise, reihenweise, ohne sich zu berühren, einmal langsamer, einmal schneller, dann wieder ganz schnell. Die Zuschauer sangen den Rhythmus mit und tranken Pombe, ein aus dem Saft der Kokospalme bereitetes berauschendes Getränk.

Das Straßenleben in der Europäerstadt bot ein buntes Gemisch. Neben den Europäern spazierten würdige Inder mit kunstvoll verschlungenem Turban, in grünseidenen Gewändern mit einem schwarzen Regenschirm, der als Sonnendach diente; ferner Arbeiter, Askariordonnanzen und afrikanische Boys in ihren Kanzus -schneeweißen Hemden-. die bis auf die Knöchel herabfielen, mit gertendünnen Spazierstöckchen in der Hand.

Zwei Promenadenwege führten durch dichte Palmenälder rings um die Stadt: die kleine und die große Schleife. Draußen am vorspringenden Riff lagen herrliche Tennis, Golf -und Fußballplätze. Für die Entspannung des Körpers war somit hinreichend Gelegenheit geboten.

Wer dienstlich abkömmlich war, ging gegen Abend zum Sport an Land oder bewegte sich auf dem Wasser, zum Segeln oder Fischen. Besonders nützlich erwies sich das Fischen mit zwei Booten und einem Grundschleppnetz; es lieferte der Besatzung jeweils eine Mahlzeit frischer Fische, manchmal verirrte sich auch eine Wasserschildkröte ins Netz und sorgte für eine kräftige Suppe. In manchen Nächten leuchteten große, helle Feuerbrände vom offenen Meeresstrand her; die in Daressalam wohnenden Inder verbrannten ihre Verstorbenen. Bei ablaufendem Wasser bauten sie den Holzstoß, entzündeten ihn und sangen dazu ihre einförmige Gebete und Klagelieder. Die ansteigende Flut schwemmte die letzten Überreste des Toten und des verkohlten Holzes hinweg. Fiel das Wasser abermals, war der Strand wieder rein. Der Indische Ozean hatte die letzten Überreste des Verstorbenen aufgenommen, seine letzte Spur war getilgt. Diese Inder bildeten zusammen mit den Goanesen, einer Mischrasse zwischen Inder und Portugiesen, ein ernstes Bevölkerungsproblem für die Verwaltung der Kolonie. Sie hatten nämlich damals fast den gesamten Kleinaustauschhandel mit den Eingeborenen in der Hand.

Ab und zu kamen Kriegschiffe fremder Mächte nach Daressalam zu Besuch, italienische und britische Kreuzer von der Eritrea und vom Kap-Geschwader.

Bild
Bild
Bild

 

Im übrigen herrschte in Daressalam reger gesellschaflicher Verkehr. Abwechslung brachte die Abendfeste im Freien, unter Palmen, bei strahlendem Mondlicht oder auf große Ladeprähmen, die mitten im Hafen irgendwo zu Anker gelegt waren. besonders anregend verliefen die Abendgesellschaften beim Gouverneur Deutschostafrikas Dr. Schnee. Ungefähr alles, was im öffentlichen und geschäftlichen Leben der Kolonie eine Rolle spielte, war zugegen.

Neben dem Beamten stand der Offizier, der Ingenieur, der Kaufmann, der Mann der freien Berufe, der Pflanzer, jeder ein Typ für sich. Die afrikanischen Verhältnisse, das tropische Klima, die besonderen Berufsaufgaben, die Widerstände, die jeder auf Schritt und Tritt zu überwinden hatte, schufen schon aißerlich markantere Gegensätze als in der Heimat.

Nach dem Essen folgte der große Zapfenstreich, den der Gouverneur von der Veranda seines Palastes herab an sich und seinen Gästen vorüberziehen ließ.

Aus dem Dunkel des dichten Palmwaldes kommt eine lange Reihe heller Punkte heraus, Kommandos ertönen, Musik setzt ein. Unter Führung des Adjutanten des Schutztruppenkommandos zieht die Askarikapelle und ein Zug der Askarifeldkompanie vorüber. Brennende Pechfackeln verbreiten flackerndes, grelles Licht. die gelben Khakiuniformen der askaris und ihre wilden, schwarzen Gesichter leuchten auf grünem Hintergrund, Gewehrschlösser blitzen. Schmetternde Marschmusik wird leiser, immer leiser, bis sie langsam in die Ferne verklingt.
Hellfließendes silberweißes Mondlicht liegt auf grünen Palmen...
Erscheinungen aus einer andern Welt.

Bild

Quelle Unter heisser Sonne, Hermann A.K.Jung, Konrad Triltisch Verlag, 1942, von rado jadu 2000

Webmaster