Deutsch-Ostafrika

Das umfangreichste unserer Schutzgebiete ist Deutsch-Ostafrika. Im Osten grenzt es an den Indischen Ozean mit einer Küstenlinie von 700 km; im Westen reicht es bis zu den großen Binnenseen, Viktoria-Nyanza von der Größe des Königreichs Bayern, dem Tanganyikasee von etwa 600 km Länge und dem Nyassasee. Die Größe beträgt mit den dazu gehörigem Wasserflächen dieser großen Binnenseen 995 000qkm; das Deutsche Reich fände also in diesem seinem größten Schutzgebiet zweimal PLatz. Die Erwerbung fällt in das Jahr 1884. Die Gesellschaft für deutsche Kolonisation entsandte den Dr. Karl Peters, der in Gemeinschaft mit dem Grafen Pfeil un dem Dr. Jühlke im Jahre 18844 durch eine kühne und erfolgreiche Expedition von Sansibar aus die an der gegenüberliegende Küste gelegenen Landschaften Ussagara, Usegua, Ukami und Unguu erwarb. Weitere Expeditionn brachten die nördlichen Gebiete bis zum Kilimandscharo und den Süden bis nach Uhehe und an den Ruvuma in deutsche Besitz. Als der Sultan von Sansibar Herrschaftsrechte auf die deutschen Erwerbungen geltend machte, wurde er im Jahre 1885 durch eine Flottendemonstration zur Annerkennung der deutschen Herrschaft gezwungen.

Inzwischen war der deutsch-ostafrikanische Gesellschaft im Jahre 1885 ein kaiserlicher schutzbrief für die 4 zuerst genannten Landschaften erteilt. Die Übernahme der Verwaltung durch die Gesellschaft im Jahre 1888 rief einen gefährlichen Aufstand der Araber an der Küste unter Führung des bei Pangani ansässigen Häuptlings Buschiri hervor, dessen Unterdrückung dem vom Reiche ausgesandten Major von Wißmann mit einer eiligst zusammengesetzten Schutztruppe nach zahlreichen blutigen Gefechten gelang. Nach und nach wurde die deutsche Herrschaft durch verschiedene Expeditionen bis zu den großen Binnenseen ausgedehnt. Die endgültige Abgrenzung erfolgte durch den sogenannten Sansibar-Vertrag vom 1. Juli 1890 mit England, in welchem wir den Engländer im Austausch gegen Helgoland das nördliche von Deutsch-Ostafrika gelegene Witu, das reiche Uganda und die Landschaften zwischen dem Nyassasee und dem Kongostaate abtraten. Von diesem Zeitpunkt an übernahm das Reich die verwaltung über das gesamte Schutzgebiet, an dessen Spitze zunächst der Gouverneur wißmann trat. Seine Nachfolger waren Herr von Goden, Freiherr von Schele, General von Liebert und endlich Graf Götzen. Unter der Herrschaft dieser Gouverneure ist bisher Großes geleistet worden.

Die Kriegszüge der eingeborenen untereinander wurden durch unsere Schutztruppe in zahlreichen blutigen Kämpfen unterdrückt, und eine erfreuliche Rechtssicherheit, die unumgänglich notwendige Voraussetzung für die Arbeiten des Friedens, hat überall Platz gegriffen. der schändliche Sklavenraub, bis dahin von den Arabern in großem Maßstabe betrieben, ist ausgerottet, der Sklavenhandel völlig unterdrückt, seitdem die Sklavenhändler den Galgen zieren und durch deutsche Gestze mit der höchsten zulässigen Geldstrafe von 100 000 Mk.bedroht werden.

Das gesamte Schutzgebiet ist zur Erleichterung der Verwaltungstätigkeit in 22 Bezirksämter mit Civilverwaltung und Stationsbezirk mit Militärverwaltung eingeteilt. die eingeborene Bevölkerung beträgt in diesen Bezirken nach der letzten Zählung rund 7 Millionen, im einzelnen in:

1
Tanga
57 000
2
Pangani
81 000
3
Westusambara
73 000
4
Moschi
160 000
5
Muansa/Mwanza
500 000
6
Bukoba
330 000
7
Dar es Salaam
120 000
8
Bgamoyo
65 000
9
Rufuyi/Rufiji
63 000
10
Morgoro
79 000
11
Mpapua
175 000
12
Kilimatinde
162 000
13
Tabora
500 000
14
Udjidji
1 250 000
15
Usumbura
2 225 000
16
Ukonongo
220 000
17
Kilwa
91 000
18
Lindi
200 000
19
Ssongea/Songea
166 000
20
Mahenge
30 000
21
Iringa
60 000
22
Langenburg
240 000
 
Gesamt
6 847 000

Dazu kommen die übrigen Klassen der eingewanderten Bevölkerung, die sich nach dem Stande von 1902 belief auf 1247 Europäer. darunter 965 Deutsche, auf 2994 Araber und Belutschen, auf 2851 Khoja, 625 Banianen (beides Inder), 25 Syrer und 205 Goanesen. Diese Bevölkerung ist sehr wohl in der Lage, wirtschaftliche Werte zu schaffen, und kommt als Verbraucher für die Gegenstände unseres Handels und unserer Industrie in immer steigendem Maße in betracht.
An Häuser- und Hüttensteuer kamen im Jahre 1901 etwa 1 Million Mark ein.

Die Eingeborene Bevölkerung besteht zum größten Teil aus Bantunegern. Die Küstenleute, Suaheli genannt, sind zumeist Muhamedaner; sie sind ein Mischvolk von Arabern und Eingeborenen. Ihre Sprache ist wohlklingend, und sie bedienen sich arabischer Schriftzeichen. Die Kenntnis des Schreibens ist ziemlich verbreitet. Auf den zahlreichen Regierungs- und Missionsschulen lernen jedoch die Eingeborenen neuerdings die lateinischen Schriftzeichen. Im Süden wohnen in Uhehe und Ubena kriegerische, den Sulus verwandte Stämme. In den den Steppen des Nordens wohnen die Massais, Hamiten mit der Sprache der Nilotischen Völker, ein raubgieriges, unstätes Hirtenvolk. Zwischen dem Viktoria- und Tanganyikasee sitzen als herrschende Klasse inmitten von Bantu die hamitischen Wayuma oder Watussi. Rund um das große Handelscentrum Tabora seinen 30 000 Einwohnern, dessen Bedeutung seit der Ablenkung des Durchgangshandels durch die britische Ugandabahn und die Bahnbauten des Kongostaates wesentlich herabgemindert ist, wohnt der betriebsame Stamm der Wanyamwesi. Ein fleißiges, ackerbautreibendes Volk von 500 000 Seelen, daß auch kriegerischen Charakter hat, wird es zur Zeit in einzelnen, weniger bevölkerten Bezirken der Küste zur Hebung der Landwirtschaft mit vielen Erfolge angesiedelt.

Das Schutzgebiet ist ein Teil der großen innerafrikanischen Hochebene; es steigt von Küste allmächlich an und erhebt sicht zu einer Höhe von 1000- 1500 m. An der Nordgrenze bedeckt der doppelgipfelige Kilimandscharo mit der Kibospitze, 6010 m, und der Mavensispitze, 5355 m hoch, eine Fläche von 3770 qkm. Der Kibo ist der höchste Berg im ganzen Reiche. Nach der Küste zu erhebt sich das Paregebirge, dem das Handeigebirge mit der Landschaft Usumbura vorgelagert ist. Von letzteren beginnt das durch die Landschaften Unguu, Ussagara, Uhehe bis zum Nyassa sich erstreckende Randgebirge, das am Nordende sich an das 3000 m hohe Livingstonegebirge aufschließt. Ganz im Norden erheben sich die zum Teil noch tätigen Kirunga Vulkane.

Die Hochebene im Innern ist vorwiegend wasserarm. Die Küste ist jedoch mehr bewässert. Es ergießen sich in den indischen Ozean der Umba, der Pangani, der Wami und Kingani, der weithin schiffbare Rufiyi, dem die Insel Mafia vorgelagert ist, endlich der Ruvuma, der südliche Grenzfluß gegen das portugiesische Mosambik. In den Tanganyikasee fließt der Mlagarassi mit den wertvollen Salzquellen des Rutschugi, in den Viktoriasee der Kagera, der südliche Quellfluß des Nil, der in den sagenhaften Mondbergen der Alten entspringt.

Das Schutzgebiet gehört in seiner ganzen Ausdehnung der tropischen Zone an. Die kleine Regenzeit fällt in den November, die große, Masika genannt, in die Monate März und April. Der kühlste Monat ist der Juli, in dem die Temperatur des Nachts auf 16° C. sinkt, während sie bei Tage gegen 35° und mehr beträgt.

Auf den weiten Hochflächen des Innern, vor allem in Uhehe und dem fruchtbaren und gesunden Kondelande am Nordende des Nyassasees, sowie in den herrlichen Bergländern von Urundi und Ruanda am Viktoriasee, endlich auch in dem küstennahen Usumburagebiet können, sobald erst einmal die geplanten großen Bahnbauten von Tanga nach dem Viktoriasee, von Dar es Sallam über Mrogorro und Tabora nach Udjiji, sowie von Kilwa nach Wiedhafen am Nyassa gebaut sind, europäische Ansiedler sich niederlassen.

An der Küste selbst herrscht die tropische Malaria und das Schwarzwasserfieber, deren Gefährlichkeit jedoch mit der fortschreitenden Kultivation des Landes, mit dem Bau gesunder Wohnungen, der Anlegungen von Brunnen und mit ähnlichen sanitären Einrichtungen fortwährend abnimmt.

Der Regierungsitz befindet sich in Dar es Salaam, eine Stadt von 30 000 Einwohnern, an einem ganz vorzüglichen Hafen gelegen. In ihr befindet sich der Sitz des Gouverneurs, des Obergerichts sowie des Bezirksgerichts für den Süden des Schutzgebiets; endlich auch alle übrigen Centralbehörden. Die Karawanserei der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft - der ganze Handel vollzieht sich z.Zt. noch auf den Köpfen von Trägern - vermag etwa 10 000 Personen aufzunehmen. Die stadt hat eine evangelische und eine katholische Kirche, ein Denkmals Wilhelms I. und Bismarcks, ein Kloster, ein Fort, das neue Bezirksamt, ein Gouvernementshospital, eine große städtische Markthalle, und den Palast des Gouverneurs aufzuweisen. An größeren Städten sind ferner zu nennen Tanga, der Ausgangspunkt der 84 km langen Usumburabahn, der z.Zt. noch einzigen Bahn des gewaltigen Gebiets, durch welche das fruchtbare Plantagenland Usumbura erschlossen wird, eine aufstrebenden Stadt, der Sitz des Bezirksgerichts für den Norden; nach Süden zu folgt Pangani, in reichen Zuckerrohrdistrikten gelegen. Dann folgt Bagamoyo, der größte Handelsplatz des Schutzgebietes. Im Süden sind zu erwähnen Kilwa, Lindi und Mikindani, drei alte Städte aus der Portugiesenzeit mit zum Teil noch erhaltenen portugiesischen und arabischen Baudenkmälern.

Die Schutztruppe besteht aus 2000 Soldaten unter europäischer Führung. Hierzu treten etwa 650 Mann Landespolizei, ebenfalls unter europäischer Führung. Es ist bezeichnend für die deutsche Verwaltung, daß mit so geringen Streitkräften - ein Kriegsschiff haben wir bei der geringen Anzahl unserer Auslandsschiffe für Ostafrika seit Jahren nicht zur Verfügung - in einem Gebiete von der doppelten Größe des Reiches mit 7 000 000 Einwohnern die Ordnung aufrecht erhalten wird.

Die Mannschaften der truppen bestehen zum Teil aus kriegsgewohnten Sudanesen, von denen viele schon unter britischer Flagge gegen den Mahdi gefochten haben; neuerdings ersetzt man die Abgänge in der Truppe durch kriegerische Eingeborene, wie Suaheli, Wanyamwesi, Wahehe und Massai. In den größeren Städten und an den wichgsten Punkten sind befestigte Stationen und forts angelegt, die von den Eingeborenen mit stürmender Hand nicht genommen werden können. Besonders stark ist die Festung von Tabora.

An der Küste wird der Verkehr hauptsächlich durch die Gouvernementsflotille von fünf Dampfern vermittelt; auch auf dem Nyassasee und dem Tanganyika befindet sich je ein Regierungsdampfer.

An Erzeugnissen des Landbaues bringt das Schutzgebiet hervor Kautschuk, Sesam, Kopal, Kokosnüsse, Kopra, Kaffee und Hanf, getreide, Reis, Zucker, Tabak, Kartoffeln und europäische Gemüße; endlich ist das Land imstande, einen großen Teil unseres Baumwollbedarfs zu decken. Zahlreiche europäische Pflanzungen befassen sich mit der Kultur dieser Pflanzen; die Regierung legt jedoch großes Gewicht darauf, die Eingeborenen zur Anlegung von ausgedehnten Kulturen der genannten Art zu veranlassen.

Das Land ist geeignet auch für Viehzucht; tausende von Rindern werden jährlich zur Küste getrieben. Für Jäger ist das Land ein Eldorado; Löwen und Leoparden sind unzählige vorhanden, und hunderte von Eingeborenen fallen ihnen jährlich zum Opfer. Besonderen Reiz bietet die Jagd auf Elefanten, Nashörner und Flußpferde. Ungezählte Scharen von Antilopen, Gnus, Zebras, Giraffen und Straßen bevölkern die weiten Hochflächen des Innern.

An mineralischen Erzeugnissen sind zu nennen Glimmer in den Ulugurubergen, Kohle bei Langenburg am Nyassa, Graphit, Granaten im Süden, Schwemmgold in den Flußläufen des Südens und der zum Viktoriasee hinführenden Flüsse, aber auch Quarzgold in Irangi, im Bezirk Tabora, vor allen aber in den Bezirken von Muansa und Schirati, woselbst bereits Scharen von Goldsuchern ihr Glück versuchen und große kapitalkräftige Gesellschaften mit dem Abbau beginnen. Eine wirksame Ausbeutung der Goldfelder ist jedoch erst möglich, wenn das durch Bahnen erschlossen ist. Eisen ist beinahe überall vorhanden; vielerorten besteht bereits eine umfangreiche Eisenindustrie der Eingeborenen.

Der Gesamtwert der Ausfuhr beträgt etwa 5 million, der der Einfuhr 10 Millionen mark.

Dem Handel und Verkehr dienen eine große Anzahl Postanstalten sowie verschiedene 100 km Telegraphen und Fernsprechleitungen; bisher ist die Küstenlinie von Tanga nach Kionga und die Linie von dar es Sallam nach Tabora ausgebaut.

Quelle: Länder- und Völkerkunde von Gustav A. Ritter, Verlagsdruckerei 1904, von rado jadu 2000

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