zurück

Erinnerungen an Tanga

Von Dr. med. Hauer

Angesicht der 10jährigen Wiederkehr des Tages des ersten Angriffs der Engländer aus Deutschostafrika geben wir dem früheren Schutztruppenarzt Dr. med. Hauer, der jetzt in Berlin tätig ist und der den ostafrikanischen Krieg als Arzt der Truppen mitgemacht hat, das Wort zu einer Betrachtung über die Vorgänge, die vor zehn Jahren in Tanga sich abgespielt haben. Wir haben schon berichtet, daß die Kolonialdeutschen, insbesondere die Ostafrikaner, den Gedenktag in hervorragender Weise heute in Berlin in einer Veranstaltung im Zoo begehen werden. Die Erinnerung an die Schlacht von Tanga aus der Feder Dr. Hauers wird deshalb für unsere Leser von besonderem Interesse sein.

Unverwischbar steht der herrliche Morgen des 2. November 1914 vor mir, an dem in unser idyllischen Kriegslager zu Neumoschi die Nachricht einschlug, daß die Engländer mit zwei Kreuzern und vierzehn Transportschiffen im Hafen von Tanga erschienen seien und die Übergabe der Stadt verlangt hätten. Es war ein Tag wie alle anderen Tage in jenem tropischen Hochland: kühl am taublitzendem Morgen, mittags heiß, aber immer luftig, der Himmel eitel Wonne und von duftiger Durchsichtigkeit. Vor der Riesenkulisse des Kilimandscharo duckte sich alles übrige in selbstverständlicher Demut. Als ein wahrer Garten aus dem Paradies dehnten sich die sauberen Pflanzungen vor dem Zyklopen, dessen Eiskopf wie ein Gebilde aus weißem Porzellan in den göttlich blauen Äther ragte.

Die Sonne bummelte in den Straßen herum, leckte den Tau auf und vertrieb die Schatten. Der Krieg hatte noch keinem weh getan, er hatte bisher nur ein bißchen mit uns gespielt. Auf allen Wegen behagliches Leben, dämmernde Stille, zierliche Bibis, die schwatzend das wehende Schultertuch enger rafften, fahrendes Volk, das zum Markt wollte, am Hang übende Rekruten und staubaufwirbelnde Trägerkolonnen, die Verpflegung zu ihren Kompagnien schleppten, dort an der Ecke Askarikinder mit wunderschönen Augen, in wichtiger Unterhaltung einherschlendernd. Ein Stückchen Urwald, Holzbaracken, weißgestrichene Steinhäuser, graue Zelte und braune Grashütten — alles wahllos durcheinandergemischt —, einzelne Papageien und Bananen dazwischen einhergestreut. Wie ein Segen gemütlicher Behaglichkeit erscholl von Zeit zu Zeit aus irgendeiner Ecke der Massengesang einer Eselkolonne herüber, die zur Arbeit gerufen wurde. Kurz und gut: Neumoschi, dazumal Stapelpunkt unserer Truppe, dämmerte in seinen neuesten Tag hinein.

Da kommt aus dem Kesselgrund, wo Lettow in Stationsgebäude haust, ein Europäer auf weißem Maskatesel wie ein Sausewind in die Standlager der Kompagnie heraufgesprengt. Dieses Bild unnatürlicher Eile wirkt auf die dionische Ruhe wie ein Stockstoß in den behaglich sich sonnenden Ameisenhaufen! Und alsbald bricht es denn auch aus all den luftigen Grashäusern hervor und wälzte sich zum Bahnhof hinab: eine Askarikompagnie nach der anderen ersteigt, umschattet von ihrem naturgemäßen Anhang, den Zug, um in die 300 Kilometer entfernte Küstenstadt zu fahren. Lettow hat den Angriff der Engländer vorausgesehen: er ist gerade von einer Geländebesichtigung aus Tanga heimgekehrt. In der klaren Erkenntnis, daß der Verlust dieser reichen Küstenstadt mit ihrer alle militärischen Operationen so überaus begünstigenden Bahn eine Preisgabe des für unsere Kriegführung wichtigsten Nordgebietes bedeutet, ist er fest entschlossen, den Entscheidungskampf mit einer noch so starken Übermacht aufzunehmen.

Er zieht den letzten Mann aus Steppe und Gebirge heraus und wirft ihn ins Gefecht. Die Engländer sind inzwischen gelandet und haben sich an der Küste festgesetzt. Die allerschnellste Beförderung der Truppen ist erforderlich; sie vollzieht sich auf der schmalspurigen Bahn als eine Glanzleistung deutscher Organisationen. Jeder Zug kann, wenn man alles Gepäck und die Träger fortläßt, höchstens zwei Kompagnien fassen. Überbeladen, bleibt mancher Transport unterwegs in regnerischer Nacht stecken. Da steigen denn die Askari aus und helfen über den Hügel hinweg. Unsere Schwarzen sind als kindische Augenblicksmenschen bester Stimmung, sie denken allerdings, mehr an die Freuden der famosen Fahrt als an den nahen Kampf, von dessen Größe und ausschlaggebender Bedeutung sie nichts ahnen können.

Lettow führt das Erbe einer in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenen Disziplin und eine wohlgeschulte militärische Kraft, die allerdings nur als Sicherung gegen Eingeborenenunruhen im eigenen Lande eingerichtet war, in das gefährlichste Wagnis des Feldzuges. Es setzt alles auf eine Karte: geht es gut aus, so ist ein unschätzbarer äußerer und moralischer Gewinn erzielt, verliert er seine Schlacht, so muß das Schlimmste befürchtet werden, denn der Feind arbeitet mit der Überlegenheit unerschöpflicher Mittel, innere Widerstände und zersetzende Mißstimmung werden sich nicht mehr niederhalten lassen, einige Stämme, die bisher durch eine glänzende Friedensverwaltung in Ordnung gehalten waren, der Verführung zur Widersetzlichkeit verfallen.

Die Disziplin der Askari ist zwar ganz hervorragend, indessen haben die bisherigen Erfolge noch kein rechtes Zutrauen in dem stets für ganz unmöglich gehaltenen Kampf gegen Weiße aufkommen lassen. Ein großer Mißerfolg würde alle Fäden lockern, ein Sieg Wunder schaffen. Tatsächlich geht die Disziplin jetzt ihrer härtesten Feuerprobe entgegen, und es wird hier jener unvergleichliche Korpsgeist der ostafrikanischen Truppe aus der Taufe gehoben, der später alle Launen und Prüfungen des Geschickes mit einer fast unnatürlichen Zuversicht und Treue standhält.

In Tanga kommt es nach einigen Vorgefechten am 4. November zur Hauptschlacht. Der Gegner führt 8000 Mann (beste Inder- und Europäerbataillone). Lettow knapp 1000 Mann ins Feld, die zum Teil aus blutjungen Rekruten bestehen und dreiviertel mit den rauchstarken 71er Gewehren ausgerüstet sind. Entgegen dem ausdrücklichen Befehl des Gouverneurs, es unter keinen Umständen zu einer Beschießung der Stadt kommen zu lassen, wirft er den hier an Zahl zwanzigfach überlegenen Feind in blutigen Straßen- und Häuserkämpfen aus der Stadt heraus. Dann rollt er, während der Kreuzer "Fox" sein polterndes Bombardement beginnt, die Linie des Gegners durch einen Angriff auf die linke Flanke vollkommen auf und bringt ihm eine furchtbare Niederlage bei.

Die Dunkelheit, mißverstandene Befehle Lettows retten den Engländer, der mit panischem Schrecken in die Barkassen flüchtet, von einer völligen Vernichtung. Immerhin läßt er 2000 Mann und einen derartigen Reichtum an Material zurück, daß er uns in mancher Hinsicht für die ganze Dauer des Krieges versorgt. Die Deutschen verlieren an Toten 18 Europäer und 48 Askari. Am 5. morgens endlich kommen die beiden Kanonen, die früher in Daressalam Salut schossen, heran und setzten gleich bei Tagesgrauen einen Transporter in Brand; mehr bringen die Guten auf ihre alten Tage nicht zustande. Der Gegner rührt sich nicht mehr. Schließlich fährt er, überwältigt durch diesen niederschmetternden Schlag, davon, nachdem er noch seine zahlreichen verwundeten Offiziere von der Großmut des deutschen Führers zurückerhalten hat. Und dennoch: welch' Glück in solchem Unheil, daß unser schneidiger Kreuzer "Königsberg" aus seiner Höhle im Rufidjidelta jetzt nicht herauskam, dem todwunden Feind den Garaus zu machen: vier Überlegene englische Kriegsschiffe halten den Vernichter des "Pegasus" (englischer Kreuzer, den die Königsberg" im Morgengrauen des 30. September 1914 bei Sansibar vernichtete) fest...

Der Glanz de Sieges, die Tragweite dieses Ereignisses kann den Deutschen erst nach und nach zum Bewußtsein. In den herzen der schwarzen aber, die an sich glänzende Beobachter sind und einen natürlichen Sinn für gesunde Beurteilung besitzen, setzte sich von jenem Tage an ein unerschütterliches Vertrauen auf die individuelle Überlegenheit der deutschen und eine Opferwilligkeit fest, die bei Kennern Afrikas immer neue Bewunderung hervorruft. Selbstverständlich pflanzte Lettow gleichzeitig auch bei den Europäern das Gefühl größten Vertrauens und blinden Gehorsams ein, und so entstand aus Tanga heraus jener historische Korpsgeist, zu dem die Weltgeschichte wenige Beispiele vorzeigen kann und ohne dessen genaue Kenntnis man kopfschüttelnd vor den unmenschlichen Leistungen der nun folgenden Jahre steht. Dieser Korpsgeist ist aber auch Ernte, Siegel und Dank für die mustergültige Kolonisation in Ostafrika, die gerade von maßgebenden Kolonialpolitikern der Entente kurz vor Ausbruch des Weltkrieges in höchstens Maße gepriesen wurde!

Zwei Momente aus der Schlacht bei Tanga sind amüsant und werfen ein bezeichnendes Licht auf die Denkungsart der Engländer, welche doch als Kolonialmacht an allerster Stelle stehen sollen: die von siegesgewissen Indern zur Fesselung unserer Soldaten mitgebrachten Handschellen und der durch englische Offiziere immer wieder vorgebrachte, in Büchern und Zeitschriften wiederholte Hinweis, daß die Deutschen in der Schlacht als taktische Teufelei dressierte Bienen zum Angriff verwendet hätten! Es würde kaum einem unbeaufsichtigten deutschen Soldaten eingefallen sein, einen kriegsgefangenen Farbigen, geschweige denn gar einen Europäer zu binden, während der Gegner sogar gefangene Offiziere der Schutztruppe in in unwürdigster Weise mit eisernen Handketten gefesselt hat. Dies sagt mehr als gar viele Worte!

Und das mit den Bienen! Mein Gott, der Deutsche kann eben alles, und es wird ihm jedwede Niedertracht, jede Scheußlichkeit nachgesagt und gern geglaubt, ob es sich nun um die Kreuzigung von Kindern in Belgien oder um die Hypnose von Bienen in Ostafrika handelt! Er hat in seiner Hinterlist die Immen dressiert und die wildgemachten Tiere dann voll alldeutscher Raserei gegen die reinherzigen Feinde (die aber gerade bei Tanga massenweise Dum-Dum Geschosse verwendet haben) losgelassen.

Wir sind noch nach Jahren, selbst bei den sogenannten "Intelligenz-Offizieren", auf ein ungläubiges Kopfschütteln gestoßen, wenn wir den wahren Sachverhalt klarstellen wollten: Auf einen Baum nämlich, unter dem ein deutsches Maschinengewehr ratterte, wohnte ein Volk der bekanntlich äußerst reizbaren afrikanischen Bienen, die sich das nicht gefallen ließen, sondern vielmehr kurzerhand zu einem Angriff ausschwärmten und Freund wie Feind jenes Frontabschnittes kampfunfähig machten....

Die späteren unzähligen Erfolge der askarischen Schar Lettows wuchsen alle aus den Palmen Tangas heraus. Darum gilt der Haupttag der Schlacht, der 4. November, als höchstes Fest der Ostafrikaner.

Hier wurde der Grund gelegt für ein unvergängliches Ansehen Deutschlands in den Tropen und ein glühendes Erinnerungszeichen an deutsche Kolonialkraft. Und in dieser Glorie sonnt sich noch heute die immer stärker werdende Sehnsucht der Schwarzen nach der Rückkehr der früheren Herren, die dereinst eine schwere Arbeit haben werden, ihre ehemaligen Musterkolonien von der jetzigen Mißwirtschaft zu reinigen.

Quelle: Der Tag, Unterhaltungs Rundschau, 1924, von rado jadu 2001




© Copyright 2001 by JADU


Webmaster