Allerhand Erlebtes aus Deutsch-Ostafrika
von F. v. S.

Daressalam, Ende Dezember 1907

Im lieben Deutschland daheim herrscht der Winter mit Schnee und Eis und wir haben vormittags 10 1/2 Uhr im Schatten 25 Grad R! Wir haben uns nun doch auf den Rat des Arztes entschlossen, unser kleines Bübchen der lähmenden, größesten Hitze hier oben zu entziehen, und mit ihm auf einige Wochen nach dem Sanatorium Wugiri in den Usambarabergen in gemäßigteres Klima zu gehen. Es ist eine sehr umständliche Reise: Seefahrt bis Tanga, dort über nacht bleiben, Fahrt die Usambarabahn entlang und zuletzt Überlandweg auf engem Pfad in die Berge hinauf. Mein Mann bringt mich und das Kind hin; unseren ersten Boy Abdallah und die Yaya (Kinderwärterin) muß ich mitnehmen; nur schwer wird es mir, H. solange allein und ungemütlich lassen zu müssen, nur vom mpishi Koch und dobhi (Wäscher) bedient; wenigstens muß er sich, auf den zurückkehrenden Dampfer wartend, 8 Tage Ferien gönnen.

Es wird ein großer Auszug: Badewanne, Waschschüssel, Soxylet, Plättbrett und Eisen, Milch, Spiritus, alles muß u. A. mit; ich habe also unendlich viel zu tun. Heute goß es den ganzen Vormittag bis 2 Uhr, - wir haben noch die kleine Regenzeit; hört der Regen auf, so ist der übrige Tag unglaublich heiß und drückend und abends kann man sich meist vor Schwärmen fliegender Ameisen kaum retten. Auch Moskitos gibt's wieder viel, daher mehren sich die Fieberfälle.

Vor Sansibar den 17. Januar        Karte

Seit gestern Nachmittag sind wir an Bord des Reichspostdampfers "Prinzessin" der sehr schön und geräumig ist; seit heute früh 6 Uhr fahren wir. Es ist anders, als wenn man in der Heimat in die Sommerfrische geht! Wugiri! 2 Tage sind wir bereits glücklich hier oben; beinahe 1100 Meter über dem Meer. Herrliche Luft, grüne Wälder, keine Moskitos, recht kühle Nächte, kurz , geschaffen um sich zu erholen. Die Fahrt war in Anbetracht unseres lebendigen, kleinen Reisebündels, das wir mitführten, recht beschwerlich. Schon das "Anbordgehen" mit dem kleinen zappeligen Gesellen, der Aufenthalt in enger Kabine und die Verpflegungsfrage machten Schwierigkeiten. In Tanga kamen wir nachmittags 4 Uhr an. Hier machte das Ausbooten viel Beschwerden, denn mit solch' kleinem Purzel auf dem Arm ist man zu anderen Arbeiten untauglich und ich war glücklich, daß mein Mann uns brachte. Das Schiff, ein wundervoller neuer Dampfer, war sehr voll und ehe wir nebst Abdallah und der Yaya unsere 14 Koffer und Gepäckstücke in ein Boot verstaut und selbst darin Platz genommen hatten, verging geraume Zeit. Als wir fertig zu sein vermeinten, fehlte zu unserem Schrecken ein Koffer mit meiner ganzen Wäsche und Kleidern. An Land wurde unser Gepäck auf ein Schar Träger geladen und zum Hotel gebracht. Ich blieb mit dem Kind und unseren Leuten dort, während H. sich noch zweimal zum Dampfer zurückrudern ließ und den Koffer suchte. Endlich, nach 10 Uhr abends gelang es meines Mannes zähem Forschen den Gesuchten aufzufinden und zwar: - in einer unbenutzten Luxuskabine unter dem Bett. Von wem und zu welchem dunklen Zweck er dorthin verschleppt worden war, blieb uns unaufgeklärt, wir waren froh, ihn wieder zu haben. - Die Nacht in Tanga war wegen der Hitze wenig genußreich. Am 18. ging es wieder mit Trägern nach dem Bahnhof und in fünfstündiger Fahrt bis zur Endstation Korogwe. Hier erwartete uns eine Kolonne von 14 Trägern mit einem Tragstuhl, der nochmals von 4 Eingeborenen getragen wurde. Im Stuhl nahm ich Platz mit dem Buben auf dem Schoß; mein Mann zu Fuß nebenher. Auf schmalen Gebirgspfad ging es nun 4 Stunden unter dem eintönigen Gesang der Eingeborenen hinauf in die Berge. Etwa eine Stunde vor Wugiri mußten wir Rast machen und "abkochen", da unser Herr Sohn Hunger hatte.

Es war bereits dunkel bei unserer Ankunft oben und wir wie gerädert. Stabsarzt S., der Leiter des Sanatoriums empfing uns schon vor demselben. Hier oben aber ist's einfach herrlich! Die ganze Anlage ist ziemlich weitläufig: auf höchster Bergspitze des Klubhauses, 3 Minuten davon das Sammelhaus (in dem wir wohnen); dazwischen Hof und Wohnhaus des Verwalters; auf einem niedrigeren Berge, etwa 10 Minuten entfernt 2 Einzelwohnhäuser, und das des Arztes. Alles ist von schönen Anlagen umgeben, ganz heimisch, denn es duftet von Rosen und Veilchen. Stiefmütterchen und derl. alles wächst hier. Doch das Schönste ist der Blick in die Tiefe: Täler und Berge erinnern in der Formation an die Rhön. Wie wohl tut dem Auge der ungewohnte Anblick der Wälder. Ständen nicht zwischen den dichten Laubbäumen überall die herrlichsten Bananenbüsche, so könnte man sich in ein deutsches Gebirge versetzt glauben. Allerdings paßte dazu nicht das nächtliche Geheul von Hyänen, Quietschen der Affen und schreien des afrikanischen Kubus. Auch Löwen und Leoparden soll es viel hier geben, gehört haben wir aber noch keine. Die Eingeborenen jedoch haben allen Respekt vor ihnen. Bei unserem Aufstieg gab es unter unserer kleinen Trägerkarawane stets etwas Drückerei, keiner wollte als erster gehen.

In der prachtvollen Luft gedeiht unser kleiner zarter Bub zusehends. Herrlich ist's am frühen Morgen anzusehen, wie die Sonne über die umliegenden Höhen heraufsteigt und die Wolkenschicht unten im Tal beleuchtet. Man sitzt inmitten blühender Sträucher, die Bienen summen, Grillen zirpen, die Vögel jubilieren und die Sonne läßt die letzten Tautropfen in allen Farben erglänzen; kurz, alles wie daheim! Die Luft ist frisch und erquickend und nicht wärmer, als in Europa; nachts wird es oft nach unserem, an der Küste verwöhnten Empfinden unangenehm kalt. -Der Blick in die Täler trifft kein einziges Gehöft, geschweige ein Dorf; weit, weit ist's noch unbebaut das herrliche, fruchtbare Fleckchen Erde. Und da gibt es Quängler, die meinen, unsere Kolonie sei nichts nütze. Gestern hatten wir ein Gewitter in dem weiten Tale vor uns, hier oben dagegen fiel kein Tropfen.

Es ist Vollmond und ein großer Genuß in die wie mit Silber übergossene Weite unter uns zu schauen. Dazwischen leuchten wie feurige Schlangen in der Ferne ungeheure Waldbrände auf, von den Eingeborenen angesteckt, um Ungeziefer zu vertilgen und Löwen, sowie Leoparden von den einzelnen und verstreuten liegenden Eingeborenenhütten abzuhalten.

Wugiri ist von einem deutschen Arzt, Dr. Lienhardt, gestiftet und steht unter Gouvernementverwaltung. Die Verpflegung ist gut. Wir sind elf erwachsene Erholungsbedürftige hier oben mit drei kleinen Kindern. Der dirigierende Stabsarzt hat Frau und Töchterchen. Von April bis Oktober wird das Sanatorium stets geschlossen, da es dann zu kalt hier ist. Abdallah und die Yaya frieren so schon morgens und abends was Redliches. Es wird uns allen schwer werden, hier fortzugehen. Was für ein außerordentlicher Segen für die europäischen Erholungsbedürftigen der Kolonie Deutsch-Ostafrika das schöne Wugiri ist, kann nur der ermessen, dem es Gesundheit und Lebensfreudigkeit wiedergegeben hat.

Morgen wollen wir hier Kaisers Geburtstag, der für Eingeborenen und Europäer an der Küste als Hauptfeiertag im Jahre gilt, ebenfalls festlich begehen. Festessen, musikalische und andere Vorträge stehen auf dem Programm.

Dieses Westusambara ist doch ein gesegnetes Stück Land. Die ganze Bahnstrecke entlang sieht man weite, große Sisalagaven- Plantagen und immer mehr Europäeransiedlungen und Plantagen entstehen von Jahr zu Jahr. Aber auch in den Bergen liegen ertragreiche, große Besitzungen, und hier vor allem kann man erkennen, welchen Aufschwung für die Kolonisation die Bahnbauten bedeuten würden.

Hafen

Daressalam

Heute ist der aus Deutschland angelagte Chef zu einer Inspektionsfahrt auf die Strecke hinaus. Solch' große Reise oder safari ist immer ein Ereignis. Tagelang vorher wird gepackt und zwei Europäer brauchen gewöhnlich bis zu 150 Träger. Das Ausziehen solcher Karawane sieht man seltener, öfter jedoch das Hereinkommen. Das Herannahen kündigt sich schon von fern durch den, dabei unbedingt nötigen Radau an. Etwa dreißig Schritte voran reitet der bwana kubwa, d.h. der Herr, der die safari macht, auf seinem Maultier; sein Reisekostüm sieht gewöhnlich nicht mehr sehr ordentlich aus, denn Daressalam ist die Endstation des "Ausfluges". Den Kopf bedeckt der, nicht mehr ganz weiße Tropenhut, unter dem sich anmutsvoll die, nichts an Länge zu wünschen übrig lassende Haarstränge hervorschläugeln: Haarschneiden ist ein Luxus, den es im Innern Afrikas nicht gibt. Rotbraun gebrannt schaut das Gesicht unter dem breitrandigen Hut hervor und dieselbe Farbe zeigt auch die von seinem weißen Kragen eingeengte Hals. Rock und Hose sind aus Khakistoff, in dem niemand gentlemanlike aussieht; die Beine stecken in Ledergamaschen. -

Der Herr läßt seinen Troß in respektvoller Entfernung wegen des Dunstes und Staubes, denn nun geht es los, immer im Gänsemarsch voran einer, dem an langen Stecken eine schwarz-weiß-rot aussehen sollende Fahne flattert, struppig und zerfetzt zwar, aber doch eine Fahne. Dahinter trotteln die bois vom bwana, meist auch in safari Kostüm, d.h. abgelegten Sachen ihres Herrn, bei denen das Hauptbestandteil Hosen sein müssen; die europäische Tracht hindert sie freilich nicht, ihr ganzes eigenes Zeug darunter zu haben. Ein alter Tropen -oder Strohhut darf nicht fehlen. Die bois tragen das Schießzeug ihres Herrn, führen an der Leine wohl auch einen Hund oder Affen. - Dann kommen in buntem Durcheinander die Träger mit der ganzen Ausrüstung: die nietfehlenden Blechkoffer, gerade so groß, daß sie eine "Last" bilden; der unvermeidliche, braune Segeltuchwäschesack, Tische, Stühle, das Bett, u. mit anderen Hausgerät zusammengebunden, bis eine Last erreicht ist; Kochtöpfe, Wassereimer, ganze, zusammengelegte Zelte usw. Dazwischen laufen Kulis, binsengepflochtene Körbe schleppend, in denen Hühner gackern, die der Herr billig mit herunterbringt, meist die reizenden kleinen Perlhühner. Eine hohe Gräht oben frei auf irgend einem Gepäckstück, oder ein kleines Ichneumon läuft zwischen den Trägern mit. Alle, auch die größten Lasten werden auf den Kopf transportiert.

Dazu kommt nun der schon erwähnte, nötige Lärm, der eigentlich Musik sein soll. Jeder zehnte Mann vielleicht hat eine Antilopen -oder Kuhhorn, dessen einem, gebohrten Loch er unartikulierte Laute in bestimmten Intervallen entlockt, in die der Nächste einstimmt, so daß ein gewisser Marschrhythmus entsteht. Einzelne Leute schlagen mit Stöcken oder den flachen Händen auf ihre Kiste, Eimer, Töpfe und schreien wohl auch dazu. Dieser oder Jener hat um das Fußgelenk einen Schellenkranz und stampft taktmäßig mit dem entsprechenden Bein auf.

Den Schluß macht nicht selten eine Herde Weiber; die mehr wohl aus Lust am Wandern mitziehen, als um ihre Ehemänner auf der Raststellen zu versorgen, denn diesen genügt eine Kürbisflasche mit Wasser, eine wollene Decke, - die sie gewöhnlich geliefert bekommen, geschieht's nicht, geht's auch so, - und eine Strohmatte zum Draufschlafen. Ihren Unterhalt bekommen sie in Geld, Reis oder Bohnen gezahlt. So läuft die Gesellschaft 20-45 Kilometer täglich, je nach Schwierigkeit des Geländes -sechs bis acht Wochen lang. Anderes Beförderungsmaterial gibt es nicht, Wege für Wagen oder größere Tiere sind nicht da; Pferde und Kamele vetragen das Klima nicht und die hier wohl zu sonstigen Arbeiten verwandten Eselchen sind zu schwach und teuer.

Karawane

Daressalam 1906

Eine furchtbare Nacht und ein schlimmer Tag liegen hinter uns. Feuer in nächster Nähe. Ein an unseren Hof stoßendes Magazin mit Proviant und Ausrüstungsgegenständen ist vollständig niedergebrannt. Wir und unsere Hausbewohner sind so davongekommen, doch haarscharf ging's, und wenn mein Mann und ich uns anschauen, so fällt der folgende Blick auf unsere Sachen und wir sagen: Gott sei Dank, wir haben uns und unsere Wohnung noch! Hinter unserem Hause also befindet sich ein, etwa zehn Meter tiefes, sehr langes, einstöckiges Gebäude, das aus festen Mauern aufgeführt und mit Wellblech gedeckt ist. Auf den Hof lagerten eine große Anzahl in Kisten verpackter Möbel und sonstige Hauseinrichtungs Gegenstände. Im Magazin befinden sich, es wechselt täglich, gerade etwa 450 tins Petroleum a 15 Liter, Zeltausrüstungen, Maß - und Nivellierinstrumente, Gewehre, Munition, Sprengpatronen, oeltuche für Sonnensegel usw. Ein Menge Dynamit zum sprengen war zwei Tage vorher in die Berge geschafft worden, woran aber im ersten Schreck niemand gedacht hat und jeder glaubte, im nächsten Moment in die Luft zu fliegen.

Wir waren am Abend vorher sehr ermüdet gegen zehn Uhr eingeschlafen, unsere Betten standen in der Moskitokammer in der Mitte des Zimmers mit dem Kopfende nach dem Fenster zum Hofe zu. Ich wachte nach, wie mir schien, kurzer Zeit von einem scheußlichen Geruch nach Schlammfang wieder auf, der sich so steigerte, daß auch mein Mann erwachte und meinte, unser Nachbar G. scheine "auszuräumen". H. stand schlaftrunken auf, holte mir die Flasche Kölnisch Wasser und schlief gleich, von der Tagesarbeit übermüdet, wieder ein. Ich sprengte überall und wollte gerade wieder einschlafen, als ich leicht brenzligen Geruch verspürte. Ich weckte H. wieder, doch er meinte, jetzt wird das ausgeräumte Zeug verbrannt. Diese Ruhe ist nicht verwunderlich, denn man ist hier ziemlich mitten in der Stadt an Gerüche aller Art, die in den Tropen ja auch etwas intensiver auftreten, gewöhnt. Das Gleiche ist's mit den Geräuschen. Im Vergleich zur europäischen größeren Stadt ist's ja ruhig; doch haben wir anderen Lärm, der eben wegen der Stille mehr auffällt. Da schreien Esel, Maultiere, Katzen, Grillen zirpen, große Insekten summen, in den umliegenden Kneipen ist mehr oder weniger Lärm, die Flotille läßt Dampfkessel abblasen, ein im Hafen liegender Dampfer läßt seine Pinasse tuten, die Eingeborenen machen weiter entfernt die ganze Nacht hindurch bei der ngoma (Tanz) ihre einförmige Musik , die vielen Wellblechdächer, die sich tags von der Hitze ausgedehnt haben, ziehen sich nachts mit Knacken zusammen.

Auf das letztere schob ich auch anfangs ein Knattern und Knistern, doch meinte H.:"Hör, das Feuerchen knistert auch! Ich blieb wach, denn es knisterte gleichmäßig weiter. Etwas unruhig geworden, - an Feuer dachte ich nicht, - beschloß ich immer wieder aufzustehen, zauderte aber erstens, um meinen Mann nicht zu stören, denn auch geht man wegen der Moskitos nicht gern nachts aus dem Netz.. Endlich aber stand ich doch auf, ging zum Fenster und schrie: "im Magazin ist Feuer!" Im Augenblick war H. neben mir: "und das Petroleum darin"! Vom vermeintlichen Dynamit sagte er mir nichts. "Schnell Herrn D. nebenan wecken." Er in die notwendigsten Kleider und hinüber. Während es drüben ballerte, schrie ich im Fenster Frau D, wach. Ich habe so gebrüllt, daß die ganze Umgegend wach wurde, zum Glück. Noch, als H. sich anzog, flog die erste Wellblechplatte hoch, die Flammen schlugen heraus; plötzlich ein furchtbarer Knall und Knattern wie Gewehrfeuer, die Sprengkapseln gingen los! Ich war plötzlich furchtbar ruhig, ließ H. die Hängelampen anzünden, während ich mich in fliegender Eile anzog, und raffte unsere Wertsachen und Geld zusammen, während ich von der baraya (Balkon) herunter zwischendurch nach Hilfe schrie; denn es war noch kein Alarm, geschweige denn Europäer oder Rettungsmannschaften da, und im Hof knallte und krachte es. Da schreit Frau D. immerfort nach mir, - sie war schon unten, und wir gingen beide zum nahen Hause unseres Arztes. Es spielte sich das alles in kaum einer Viertelstunde ab.

Jetzt kamen die ersten Wasserwagen und Hilfsmannschaften: Unteroffiziere, Askaris, Kettengefangene mit einer Spitze. Vom Doktor aus sah man den Brand, aber auch, daß der Wind von unserem Haus forttrieb, - unsere Wohnung waren gerettet Nach einer Stunde holte mein Mann uns zurück, wir konnte so unsere Sachen hüten. Es wurde im Hof fieberhaft gearbeitet. Die Matrosen vom "Seeadler" der am nächsten Tag nach Madagaskar gehen sollte, waren da. Die blauen Jungens haben sich brillant gehalten und das Rettungswerk ziemlich allein in die Hand genommen. An Löschen war nicht zu denken, nur die umliegenden Gebäude wurden geschützt. Das fortwährend noch explodierende Petroleum schwamm ca. 15 cm hoch auf der Erde. Der Brunnen im Hof versagte natürlich bald und die Kettengefangenen holten im Laufschritt in Eimern und tins (!)(große Einmacheblechbüchsen) Wasser von den nächsten Brunnen und vom Heere. Eine Abteilung Matrosen schippte Sand am Hafen, um das brennende, fließende Petroleum zu ersticken. Als es um 3/4 6 Uhr hell wurde, war die Gefahr vorbei und die Seeadlermannschaft zog ab. In hoher Flamme hat es noch bis 8 Uhr gebrannt. Der Reis glimmte und schwehlte bis Mitte nächster Nacht, da erst war alles auseinandergerissen und erstickt. Mein Mann und Herr D. haben wie rasend mitgearbeitet und gleich zu Anfang, ehe noch Hilfe kam, z. B. die großen, auf dem Hofe lagernden Kisten allein dicht an's Haus geschafft. Um das Überspringen der flammen durch sie auf unser Haus zu verhindern. Wir Frauen haben den Tag über die schwer arbeitenden Helfer mit Essen und Trinken versorgt. Das Bild der Verwüstung am hellen Tag war furchtbar. Im Hofe lag in Strömen halbverbrannter Reis, Wellblechplatten, angekohlte Würste und Schinken, zerbrochene Weinflaschen, geschmolzener Käse, explodierte tins mit Gemüse, Butter, Salz, Kochgeschirre usw. Wunderbarerweise sind über hundert volle tins Petroleum gerettet.

Ganz allmählich erst kommt Ordnung hinein. Nur unsere Hühner und Enten und die eingeborenen Hilfsarbeiter sind selig über den verkohlten Reis und fressen ihn vom Boden auf, die einen bekommen dicken Kropf, die andern dicken Bauch, den sie sehr lieben, - das ist der Unterschied. Ein kleiner Kerl, noch halbes Kind, der mit aufräumen half, ließ den in einer Kiste gesammeltes, halbverbrannten Reis prüfend durch die Finger laufen und sagte zu mir: "Taza, ma, bibi, ille mchele mzuri habisa" -Schau, Herrin, der Reis ist ganz wunderschön." Ich zeigte auf ein paar ganz verbrannte Klumpen und meinte, der sei nicht mehr mzuri sana, worauf er natürlich Suahelisch antwortete: "er ist nicht so schlecht, wenn ich diese Sorte esse, bekommen ich einen schönen dicken Bauch, dann gehe ich eben zum Herrn Doktor und hole mir Medizin, dann werde ich wieder gesund!" Auch eine Ansicht! Dicke Bäuche schätzen sie eben sehr, und die Medizin heißt: Ricinus.

Über die Ursache des Brandes wird man schwerlich je Klarheit bekommen, doch liegt nahe, daß ein entlassener Angestellter einen Racheakt unternommen hat, denn Nachlässigkeit ist kaum anzunehmen. Das Magazin war seit Nachmittag 4 Uhr fest geschlossen und zehn Stunden braucht solch Feuer nicht bis zur Entfaltung. Alle etwaigen Spuren aber sind mit vernichtet worden.

Quelle: Kolonial Kalender 1909, Wilhelm Köhler Verlag, von rado jadu 2000

Mangouste ichneumon

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