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Gneisenau in Sansibar

Bericht eines Augenzeuges.

Am 10. Januar verließ die Gneisenau die Kapstadt, um den Generalkonsul für Sansibar, den berühmten Afrikareisenden Dr. Rohlfs, an seinen Bestimmungsort zu bringen und kamen am 27. Januar mittags dort an. Wir hatten die Flagge auch am Großtopp gehißt, um die Anwesenheit des Generalkonsuls an Bord anzuzeigen. An Land sahen wir unsre Flagge auf dem Leuchtturm des Sultans und dem deutschen Konsulat wehen; von deutschen Handelsflaggen war nur eine zu sehen, über den Gebäuden des Hauses Hausing.

Wir salutierten die Flagge von Sansibar mit 21 Schuß und wurde der Salut von der "Glasgow", dem Kriegsschiff des Sultans erwidert. Dem Klange nach müssen die Kanonen sehr kleinen Kalibers sein. Bald darauf kam der Premier- und einzige Minister I-He des Said Bargasch von Sansibar, Herr Pira dautschi zur Begrüßung an Bord und kurz darauf auch der stellvertretende deutsche Konsul Herr O' Swald. Am nächsten Tage ging der Generalkonsul an Land und wurde am 29. Januar bei Said Bargasch eingeführt. Am 30. Januar wurden die dienstfreien Offiziere S.M.S. Gneisenau dem Sultan vorgestellt. Wir waren dazu in großer Gala, mit Frack und Galahosen, der Sultan hatte seine Truppen, etwa 800 bis 1 000 Mann, vom Hotel bis zum Palast und um den freien Platz, der vor demselben liegt, Spalier bilden lassen und spielte sein Musikkorps die Wacht am Rhein. Machten nun auch diese nach eignem Geschmack und Mitteln bewaffneten und gekleideten Leute gerade keinen sehr militärischen und imponierenden Eindruck, so bot das ganze doch ein äußerst lebensvolles und buntes Bild.

Durch eine weite Vorhalle gelangten wir über unangenehm hohe Türschwellen auf eine enge und steile Treppe und wurden oben von Said Bargasch mit freundlichem Lächeln und Händedruck empfangen und in ein wenn auch schmales, so doch hohes und luftiges Gemach geführt. Der Boden desselben war mit schweren Teppichen, die Wände mit rotem Samt bekleidet und von der Decke hingen zahlreiche Kristallkronleuchter herab, einer dicht am andern. An den beiden Längswänden waren Stühle für uns und den Hofstaat des Sultans aufgestellt, während der Sultan selbst an der Tür gegenüberliegenden Querwand Platz nahm, ihm zur linken Seite der Generalkonsul. Die nun mit dem Generalkonsul und unserm Kommandanten folgende Unterhaltung wurde in arabischer Sprache geführt und erkundigte sich der Sultan nach der Stärke unsrer Kriegsflotte, wieviel Schiffe wir im Auslande hätten usw. Zum Schluß lud Kapitän z. S. Valois den Sultan ein, selbst oder durch einen Würdenträger unserm auf dem 6. Februar festgesetzten gefechtsmäßigen Schießen beizuwohnen. Der Sultan machte dazu ein zwar sehr liebenswürdiges aber etwas verlegenes Gesicht: Offenbar traute er uns nicht, und fürchtete, daß wir nicht etwa einfach mit ihm davon führen.

Während der Audienz wurde Kaffee in sehr kleinen Tassen und Sorbett präsentiert. Übrigens will es die Sitte, daß man von letzterem nur einen Schluck nimmt und das Glas dann zurückgibt. Der Kaffee war merkwürdigerweise sehr dünn und wie überall im Orient mit Kandis gesüßt. Dann wurden wir, wieder jeder mit einem Händedruck und freundlichem Lächeln entlassen.

Der Sultan, dem man sein Leiden (Elefantiasis) nur wenig anmerkt, machte einen sehr intelligenten und scheinbar auch liebenswürdigen Eindruck, doch litt sein ganzes Auftreten unter einer gewissen Befangenheit, da er wohl nicht recht wußte, was er aus uns und unsrer Anwesenheit machen sollte und ihm in der letzten Zeit von vielen Seiten Angst vor den Deutschen gemacht worden war. So soll ihm anonym ein Zeitungsabschnitt aus der Kölnischen Zeitung übersandt worden sein, in dem diese die Behauptungen eines Pariser Blattes, Deutschland wolle Sansibar annektieren, mitteilte. Nur war in der Zusendung ein Teil des Artikels weggeschnitten und es blieb eben nur das Machwerk des französischen Blattes übrig, das Said Bargasch nun natürlich für die Ansicht des deutschen Weltblattes nehmen mußte.

Die Herrschaft des Said Bargasch, den das Familienblatt jüngst im Bildnis vorführte, ist ziemlich despotisch und deshalb wohl nicht sehr beliebt, scheint aber auch für seine Besitzungen an der Festlandsküste ausreichend zu sein. Wenigstens hatte er sich kurze Zeit vor unsrer Ankunft den Bali (Gouverneur) von Lamu persönlich geholt und in Sansibar verschwinden lassen. An der Festlandsküste besitzt er übrigens nur die Städte, obwohl er die Herrschaft bis an die großen Seen beansprucht.

Wir blieben in Sansibar bis zum 6. Februar, indem wir teils Kohlen nahmen, teils Takelage versahen. Während der ganzen Zeit unterhielten wir lebhaften Verkehr mit den an Land angesessen Deutschen, Belgier und Franzosen.

Am 3. Februar gab der bisherige stellvertretende deutsche Konsul Herr O'Swald in seinem prächtigen und luftigen Hause — für diese Gegend ein unschätzbarer Vorteil — zu Ehren des Generalkonsuls Dr. Rohlfs ein Diner, zu dem auch die Offiziere S.M.S. Gneisenau geladen waren. Es mögen im ganzen wohl 60 Personen gewesen sein, ungerechnet der geladenen Banianen (Indier), die, weil sie Fleisch nicht einmal sehen dürfen, ganz getrennt von uns speisten.

Von den Vertretern der europäischen Nationen waren alle anwesend, so weit sie sich zur Zeit in Sansibar befanden. Unter einer ganzen Reihe von Toasten, von denen der auf S. Maj. unsern Kaiser stehend unter den Klängen unsrer Nationalhymne ausgebracht wurde, verlief das Fest, dem sich ein brillantes Feuerwerk anschloß, zur Befriedigung aller Anwesenden. Unsre Kapelle, die Herrn O'Swald zur Verfügung gestellt ward, spielte während des Abends und erntete nicht wenig Beifall, da die Musik der Einheimischen recht mangelhaft ist.

Am Abend des 5. Februar erwiderte unser Kommandant Kapitän  z. S. Valois das Fest durch eine Einladung sämtlicher Deutschen auf S.M.S. Gneisenau. Das Achterdeck war mit Flaggen und Lampen prächtig herausgeschmückt, Tische aufgebaut und bald war eine zwanglose aber um so heitere Unterhaltung im Gange. Der Aufforderung des Kapitäns Valois, unsern geliebten Kaiser ein Hoch auszubringen, wurde begeistert entsprochen und währenddessen die Musik die Nationalhymne spielte, leerten wir unsre Gläser auf das Wohl des greisen Herrschers, dem es neben so vielem andern Großen auch gelungen, Deutschland im Auslande zum Ansehen zu bringen. Obwohl diese der einzige Toast sein sollte, ließ es sich der Generalkonsul Dr. Rohlfs nicht nehmen, auch das Wohl unsres Kommandanten auszubringen, der vor wenigen Jahren erst an der Westküste die deutschen Interessen so kräftig vertreten (auf der Viktoria in Nanna Kru -Liberia) und auch jetzt wieder am nächsten Tage hingehen werde, um auch an der Ostküste die deutsche Flagge zu zeigen und deutsche Interessen zu schützen.

Am nächsten Morgen gingen wir zur gefechtsmäßigen Schießübung aus dem Hafen und beendigten dieselbe bis Mittag. Von den Würdenträgern des Sultan war wie vorauszusehen keiner an Bord gekommen. Des Nachmittags liefen wir wieder in den Hafen, stoppten hier, um einen Lotsen zu nehmen und gingen dann nach Norden weiter. Die nördliche Ausfahrt ist sehr eng und gewunden und deshalb zumal für ein so großes Schiff, wie das unsre, schwer zu passieren. Des Abends gingen wir zwischen der Nordspitze von Sansibar und der Insel Pemba durch, um in freies Wasser zu kommen. Unsre Fahrt ging langsamer von statten, als wir geglaubt — da wir starken Strom — über zwei Seemeilen in der Stunde — und der Nordostmonsun gegen uns hatten. Am Morgen des 8. Februar kamen wir vor Lamu an. Beide Kutter und die Dampfpinasse wurden an Land geschickt, um den Gouverneur ein Schreiben des Sultans zu überbringen. Dasselbe war in arabischer Sprache abgefaßt und enthielt die Anweisung uns gut aufzunehmen, da wir Freunde des Sultans seien. Der Führer der Expedition, Kapitänleutnant Burich verlas sodann ein Schreiben, in welcher der Bali aufgefordert wurde, Deutschen, die nach Lamu kämen, seinen Schutz angedeihen zu lassen, da eine Mißhandlung oder gar Ermordung derselben von dem mächtigen Deutschen Kaiser schwer geahndet werden würde. Der Bali versprach denn auch das verlangte und übergab zum Schluß einen Brief an den Sultan. Die Unterhaltung wurde mittelst des aus Sansibar mitgenommenen Dolmetschers Moses geführt. Die Stadt Lamu mag etwa 5 bis 6 000 Einwohner haben und macht den verfallenden Eindruck aller Araberstätte. Sie besitzt ein paar Forts und einige alte Kanonen. Von Europäern lebt nur ein englischer Konsul dort.

Am Nachmittag lichteten wir die Anker und kamen am nächsten Mittag vor die Mündung des Wubusihi (Port Durnfort). Wir ankerten daselbst und unsre Kutter wurden ausgeschickt, um einige Lotungen vor der Barre vorzunehmen.

Am 10. Februar kamen wir zur Mündung des Jubaflusses, bei dessen Erforschung 1865 von der Decken seinen Tod fand. Die beiden Kutter wurden bei ziemlicher See ausgeschickt, um den Versuch zu machen, die Barre auf der eine der stärksten Brandungen steht, die es an der Ostküste gibt, zu passieren. Als wir in den Bereich der Barre gekommen, legten wir uns zu Anker und begannen zu loten. Dem ersten Kutter brach dabei das Ankertau und war er genötigt den zweiten auszubringen. Obwohl wir kaum zwanzig Meter voneinander entfernt lagen, war es doch nur selten wegen der Höhe der Seen möglich einander zu sehen. Als wir noch mit Loten beschäftigt waren, sahen wir 6 bis 7 nur mit einem kleinen Schurz aus Kokosfasern bekleidet, Somalis auf Bocksschläuchen auf uns zu kommen. Sie schwammen nach Art der Hunde, d.h. sie tauchten mit linken Arm und rechten Bein gleichzeitig ins Wasser und umgekehrt. Als sie an den ersten Kutter herangekommen, wurde mit Hilfe des Dolmetsch eine Unterhaltung begonnen. Eigenartig war dabei, wie sie sich in der Nähe des Bootes hielten: Nur ein oder zwei erfaßten den Bord und hielten sich am Boot selbst fest. Die andern ergriffen je einen Fuß dieser Leute und so schwammen sie in langer Kette neben dem Boot. Es waren prächtige große Leute von kräftiger Muskulatur, kaffeebrauner Hautfarbe und fast europäischen Gesichtszügen. Nur die Mundpartie war negermäßig. Alle trugen lange Haare und eben solchen Bart. Sie teilten uns mit, daß die Barre am besten weiter im Norden zu passieren sei, daß es jedoch bei der augenblicklich stehenden Brandung unmöglich wäre und wir damit bis zum nächsten Morgen warten müßten, wo die See stets ruhig sei.

Am Abend des 11. Februar ankerten wir vor Barawa. Den nächsten Morgen fuhren wieder die beiden Kutter an Land, um dem Bali das Schreiben des Sultans zu überbringen und Lebensmittel einzukaufen. Nach einer Fahrt durch hohe See und bedeutend erschwerte Landung — die Leute mußten bis unter die Achsel ins Wasser — wurde die Expedition zum Bali geführt und hier sehr freundlich aufgenommen. Die Stadt macht einen wohlhabenden Eindruck, muß sich aber ihrer Existenz in stetem Kampf mit den Somalis erstreiten. Der Sultan von Sansibar erhebt hier von allen eingehenden Waren 5 Prozent Zoll; nun sehen sich aber die Somalis als Herren des Landes an und verlangen das das gleiche. Je nachdem nun der Bali gerade die nötige Anzahl von Soldaten hat oder nicht, wird diesem Wunsche stattgegeben oder die Somalis mit bewaffneter Macht zurückgeschlagen. Die ganze Stadt ist übrigens durch eine starke Mauer mit eingebauten Wachtürmen und Kastells geschützt. Ein Araber lebt als Vertreter des Hamburger Hauses Hausing dort. Das Land soll äußerst fruchtbar sein. Der Bali schickte uns als Geschenk ein Dutzend Fettsteißschafe an Bord und wurde die Aufmerksamkeit durch ein gleichwertiges Geschenk an präparierten Früchten erwidert. Mit dem Boot, welches das Geschenk des Bali brachte, waren auch zwei von seinen Söhnen mit an Bord gekommen und staunten nicht wenig über die nie gesehenen Wunder. Am meisten imponierten ihnen unsre Kanonen und einmal über das andre Mal schüttelten sie in stummen erstaunen den Kopf, als ihnen Wirkung und Bedienung erklärt wurden.

Am Nachmittag gingen wir Anker auf und unter Segel nach Sansibar zurück.

P.S.

 

Quelle: Schorers Familienblatt, Verlag Schorer, 1885, von rado jadu 2001

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