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Die Häfen unserer ostafrikanischen Kolonie

Von Kapitän P. Wendling, Hamburg

Unser Schutzgebiet in Ostafrika, dessen wrtschaftlicher Aufschwung sich im letzten Jahrzehnt ganz besonders lebhaft vollzogen hat, besitzt im Gegensatz zum italienischen Somalilande gute und geschützte Häfen. Hier sind es nur offene Seereeden, wo die Schiffe zur Zeit des Nordostmonsuns, also von Oktober bis Mai, sicher verankert liegen können. Von Juni bis September, wenn der steife Südwestmonsun im Arabischen Meere die Herrschaft erlangt hat und schwere See und Brandung gegen die Somaliküste rollen, ist der Schiffsverkehr hier fast vollkommen unterbrochen. Dann ist es mit großen Schwierigkeiten verknüpft, vor den italienischen Küstenplätzen Brawa, Merka und Mogdischu Anker zu werfen und Ladung auszubooten.

Anders in Deutschostafrika. Die buchtenreiche Küste, der zahlreiche Inseln und auch untiefen vorgelagert sind, hat viele natürliche Häfen aufzuweisen, welche den Schiffen zu allen Jahreszeiten einen sicheren Ankerplatz und Schutz gegen Wind und Wogen gewähren.

Die Haupthandelshäfen unserer Kolonie liegen im Norden; es sind Daressalam und Tanga. Ersterer ist gleichzeitig die Hauptstadt und Sitz der Gouvernementsbehörde. Vor zwanzig Jahren noch ein einfaches Dorf, macht Daressalam jetzt mit den reinen Straßen und schattigen Anlagen, mit den zahlreichen stattlichen Gebäuden und reizenden Villen den Eindruck einer vornehmen tropischen Residenz. Unter den Bauten, welche die Stadt verschönern, fallen die beiden Kirchen, das Gouvernementsgebäude und das an der Seeseite gelegene Krankenhaus auf.

Das rasche Emporblühen verdankt Daressalam vor allen Dingen seinem rings von Land eingeschlossenen Hafenbecken, an dessen einer Seite es liegt. Dasselbe vermag eine große Anzahl von Schiffen aufzunehmen und läßt wegen seiner geschützten Lage einen Seegang nicht aufkommen, welcher dem Bootsverkehr hinderlich sein könnte. Daher auch die arabische Benennung Daressalam, das heißt "Hafen des Friedens". Die Einfahrt erfordert wegen des engen, von Sandbänken begrenzten Kanals, der zweimal eine scharfe Biegung macht, für größere Seedampfer eine gewisse Vorsicht, ist jedoch vorzüglich mit Tonnen und andren Seezeichen versehen.

Im Hafen ist ein Schwimmdock vorhanden, das Schiffe bis zu 2200 Registertonnen Größe tragen kann. Es besitzt daher eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für den an der Küste stationierten kleinen Kreuzer und für die in Daressalam beheimateten Regierungsdampfer, da dieselben in gewissen Zeitabschnitten eine Reinigung und Anstrich des Schiffsbodens vornehmen müssen. Auch Handelsschiffe können hier docken und kleinere Reparaturen ausführen lassen. Seit ungefähr vier Jahren sind die neuen Kaianlagen in Betrieb. Vermittels elektrischer Kräne werden die Güter, welche die vor Anker oder an Bojen liegenden Dampfer gelöscht haben, aus den Booten und kleineren Fahrzeugen in das Zollhaus transportiert.

Was den Handel Daressalams anbetrifft, so war derselbe in früheren Jahren unbedeutend im Vergleiche zu Zanzibar, das auf der vorgelagerten Insel die ganze Küste beherrschte und wo alle Fäden des Verkehrs sich vereinten. In der Jetztzeit aber, namentlich seit der Bewilligung und dem Beginne der Bahnbauten ist eine lebhafte Steigerung des Handels in Daressalam zu verzeichnen. Besonders die Einfuhr hat erklärlicherweise stark zugenommen durch die erforderlichen Eisenbahnmaterialien einerseits und die Lebensbedürfnisse der wachsenden weißen Bevölkerung andrerseits, deren Zahl sich im ganzen Schutzgebiet im letzten Jahrzehnt beinahe vervierfacht hat. Man darf dies als ein gutes Zeichen für die gesundheitlichen Verhältnisse betrachten, die sich, wenn auch in Daressalam Erkrankungen an Malaria während des ganzen Jahres auftreten, außerordentlich gebessert haben. Das bezeugt auch die stete Zunahme der deutschen Frauen in der Kolonie.

In bezug auf die Ausfuhr wird nun Daressalam erhebliche von dem kleineren Tanga übertroffen, das an einer weiten, leicht anzusteuernden Bucht weiter nördlich gelegen ist und als einer der besten Häfen des deutschen Schutzgebietes werden muß. Tangahafen hat genügend Tiefe für große Schiffe und ist gegen alle Winde geschützt. In ihm kommen zur Verladung nach Europa die Erzeugnisse der zahlreichen Plantagen des Usambaragebirges, bestehend aus Kaffee, Kautschuk und verschiedenen Nutzhölzern. Das Usambaragebirge ist wegen seines gesunden Höhenklimas bekannt und wird von Europäern viel zur Erholung aufgesucht. Die Ansiedlungen sind streckenweise mit der Bahn von Tanga aus zu erreichen. Als weitere Ausfuhrstätte dient Tangahafen für die Produkte der Pflanzungen am Panganiflusse. Als Haupterzeugnis derselben mag der Sisalhanf gelten, der sich auf dem Weltmarkte eine angesehene Stellung erobert hat und zur Herstellung von Seilen und Stricken verwandt wird. Auf deutschen Dampfern sind die aus Sisalhanf fabrizierten Taue schon sehr in Gebrauch und wegen ihrer Starke und vorzüglichen Qualität beliebt.

In Anbetracht dieser zunehmenden Bedeutung Tangas als Ausfuhrhafen wird jetzt auch eine Vergrößerung der Landungsbrücke und Aufstellung von Ladekränen vorgenommen, da die früheren Vorrichtungen sich für den heutigen Verkehr als unzureichend erwiesen. Es kam vor, daß bei Anwesenheit eines Dampfers im Hafen die gelöschten Waren nicht rasch genug aus den Leichtern herausgeschafft werden konnten. So war den Afrikanern die Möglichkeit gegeben, des Nachts Diebstähle auszuführen. Sind im allgemeinen die eingeborenen Suahelis an der Küste harmlos und gutmütig, so können sie doch der Versuchung nicht widerstehen, aus einem zerrissenen Ballen, der Baumwollwaren oder Stoffe enthält, ein Stück Zeug zu entwenden. Die schwarze Bibi (Frau) freut sich doch kindisch über ein Kattuntuch, das so recht bunt karriert ist. Es sei hier noch bemerkt, daß unsre ostafrikanischen Schutzbefohlenen, die Suahelis, durchschnittlich von einem mittleren Körperbau sind und wenig Lust zu einer dauernden oder schweren Beschäftigung zeigen. Der Kleinhandel und Warenverkauf an die Schwarzen ruht vollkommen in den Händen eingewanderter Inder, die gewöhnlich, nachdem sie sich auf Kosten derselben bereichert haben, wieder in ihr Heimatland zurückkehren.

Den Südhäfen Deutschostafrikas ist vorläufig noch nicht eine solche verheißende Zukunft beschieden wie Tanga und Daressalam, das durch den Weiterbau des begonnenen Schienenstranges bis zu den zentralafrikanischen Seen sicherlich bald eine merkliche Zunahme auch in der Ausfuhr erfahren wird. Kilwa und Lindi sind bis jetzt die wichtigsten Ansiedlungen und Handelshäfen der südlichen Küste. Kopra, Sesamsaat, Kopal und Elfenbein werden hier vorwiegend ausgeführt.

Wer etwas Natursinn sein eigen nennt, wird die grüne Umgebung Lindis reizend finden. In eine Meeresbucht, deren Gestade bewaldete Berge und Hügel zieren, ergießt sich der Fluß gleichen Namens. Die weißen Häuser der kleinen Ansiedlung lugen versteckt zwischen hohen Kokospalmen und Tropengewächsen hervor.

Das Land auf den gegenüberliegenden Anhöhen ist schon seit mehreren Jahren urbar gemacht. Eine hinreichende Wassertiefe der Bucht gestattet den Seedampfern, bis zur Flußmündung zu fahren und nahe bei Lindi zu ankern.

Diese Angaben belehren wohl den Leser, welche vortreffliche Häfen Deutschostafrika besitzt. Jetzt, da die Bahnen weiter in das Innere geführt werden und der Unternehmungsgeist schon seit Jahren gestiegen ist, kann man wohl mit Recht sagen, daß unsrer Kolonie eine hervorragende Zukunft bevorsteht, zumal da auch nicht anzunehmen ist, daß die friedliche Entwicklung derselben fürderhin gestört wird.

Zahlreiche angesehene Handelshäuser haben ihre Vertretung und Niederlassungen an allen bedeutenden Ortschaften, der Telegraph geht über Land fast längs der ganzen Küste, und auch an das unterseeische Kabel Durban — Zanzibar — Aden ist das deutsche Schutzgebiet von Daressalam aus angeschlossen.

Die Verbindung mit dem Mutterlande bewerkstelligt die Deutsche Ostafrikalinie vermittels erstklassiger Doppelschraubendampfer, welche mit vorzüglichen, dem Tropenklima angepaßten Einrichtungen für Passagiere ausgestattet sind, so daß es dem auf Urlaub fahrenden Afrikaner an Bequemlichkeit und Unterhaltung an Bord nicht mangelt. Alle zehn Tage erfolgt die Abfahrt eines Postdampfers von Hamburg, einmal geht die Fahrt über Teneriffa in westlicher Richtung, das nächste Mal über Neapel und durch den Suezkanal in östlicher Richtung rund um Afrika, wobei auch Deutschsüdwest angelaufen wird. Diese abwechselnden Rundfahrten bieten also dem Kolonisten den denkbar günstigsten Anschluß an die Weltverkehrsstraßen. Natürlich wird man durch den Suezkanal heimkehren, da die Fahrt von Daressalam bis Neapel, von wo man am besten die Reise über Land fortsetzt, nur 17 Tage beträgt.

Auch mit Indien sind die Häfen unsrer hoffnungsvollen Kolonie durch eine Zweiglinie der Deutschen Ostafrikalinie verbunden. Diese Dampfer versorgen Ostafrika mit Reis und den Waren, welche die indischen Händler an die Eingeborenen verkaufen, und erfreuen sich der Gunst der farbigen Reisenden, die oftmals eine Fahrt von einem Hafenplatz zum andern unternehmen.

Bunte und malerische Bilder spielen sich auf diesen Küstendampfern ab, wo nicht selten Hunderte von Deckpassagieren unter den ausgespannten Sonnensegeln sitzen. Kisten und Kasten, sein ganzes Hab und gut sorgfältig neben sich verstaut, begibt sich der indische Kaufmann mit seiner Familie nach Bombay. Den roten Feß auf dem Kopf, das weiße Kanzu (Gewand) übergeworfen, guckt der junge Suaheli über die Reeling. Sein Ziel ist Tanga; lebhaft plappert er mit seinesgleichen. Ein Gegenstück dort die Araber, schwertumgürtet, die in vornehmer Ruhe ihren Kaffee schlürfen. —

Doch hiermit soll es genug sein von der ostafrikanischen Küste, ich betone Küste, weil sich mir als Seemann nicht die Gelegenheit geboten hat, die Verhältnisse im Innern aus persönlicher Anschauung kennen zu lernen. Doch eins möchte ich zum Schlusse dem Leser noch verraten: Wer einmal für längere Zeit in Ostafrika geweilt hat, der kehrt auch wieder zurück; das beweist die stattliche Zahl der "alten Afrikaner", denen die Kolonie zur zweiten Heimat geworden ist. Und bei einer vernünftigen Lebensweise ist das Tropenklima auch zu ertragen!

Gibt es sogar in Daressalam schon dort gebrautes Bier. Im Biergarten, gerade wie zu Hause, kann man sein Glas trinken, nur wird dasselbe nicht von einem schwarzbefrackten Kellner, sondern von einem schwarzen "Boy" serviert.

 

Quelle: Süssenrotts illustrierter Kolonial-Kalender, 1912, von rado jadu 2000

 

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