Zurück

Der Heiratsantrag

Ombascha (Gefreiter) Abdu Farag war ein mordstapferer Soldat, vortrefflicher Trompeter und fürchterlicher Säufer.

Den wenigen, die noch aus jener Zeit am Leben sind, wird eine Kampfesnacht aus dem Aufstande 1905 unvergeßlich sein. Wir wurden bei sternenklarer Nacht im Lager von einer erdrückenden Zahl Aufständischer überfallen. Ein Hagel von Wurfgeschossen, Kugeln, Speeren, Pfeilen prasselte auf uns hernieder, so daß wir uns, jede Geländefalte ausnützend, hinwarfen, oder, wie unser, selbst in diesem Moment seinen drolligen Humor bewahrender Leutnant sagte: "platt wurden, wie Eierkuchen". Wir mußten jeden Augenblick erwarten, daß der überstarke Gegner einbrach und uns einzeln abstach. Einzige Rettung war Angriff. Deshalb befahl ich dem neben mir liegenden Abdu, das Signal zum Angriff zu blasen. Nie werde ich es vergessen, wie Abdu in dem Geschoßhagel zur vollen Größe aufstand,seelenruhig sein Flügelhorn loshakte, ebenso ruhig erst den Ansatz seines Instruments probierte und dann glockenklar unser herrliches Sturmsignal in die Tropennacht hinausschmetterte, so daß wir alle, bis zum letzten Mann, wie elektrisiert aufsprangen, vorstürzten und den Gegner in eilige Flucht jagten.

Also: Abdu fürchtete sich vor dem Teufel nicht. Oder, wie unser stets fröhlicher Leutnant in seiner bilderreichen Sprache sagte: "Abdu holt den Deubel aus der Hölle: selbst wenn der sich seinen Schwanz mit Seife eingeschmiert hat." Und doch gab es ein Wesen, vor dem der tapfere Abdu Angst hatte, sogar fürchterliche Angst. Das war seine schwarze Hausehre, Bibi Faida, auf deutsch : "Madam Perle".

Madam Perle war ein kohlpechrabenschwarzes altes, verrunzeltes, zaundürres Sudanesenweib, eine Megäre, gegen welche die Hexen der Walpurgisnacht wahre Lichtgestalten gewesen sein müssen.

Wenn der brave Abdu abends, von den geliebten Pombetöpfen - den Schalen mit Eingeborenenbier - kommend, schweren Hauptes die Ruhe des häuslichen Lagers aufsuchen wollte, dann hielt sie ihm keifend, unter stundenlangen, unaufhörlich fließenden Wortschwall seine Schlechtigkeit vor; und gelegentlich, von ihrer treffsicheren Hand geschleuderte Gegenstände des Hausgeräts sorgten dafür, daß Abdu ja nicht etwa einschlief.

Aber schlimmer noch war der Monatsletzte. - Die Askari erhalten ihre Löhnung allmonatlich postnumerando, ohne jeden Abzug; es sei denn, daß jemand eine Arreststrafe gehabt hat, für welche Tage Löhnungsabzug -Arrestantenlöhnung -eintritt.

Dem braven Abdu verschaffte nun seine Vorliebe für den Pombetrank und daraus sich ergebende häufige Bummeleien öfters mal eine Arreststrafe. Wenn es ihm auch glückte, die durch den Arrest veranlaßte Abwesenheit von Hause durch Ausreden mit Wache, Kommando und dergleichen zu verschleiern, so wurden seine Sünden doch am Monatsletzten offenbar. Trat die Kompanie in dem Stationshof zum Löhnungsempfang an, so stand Frau Perle am Tor; und Gnade Gott dem armen Abdu, wenn er die Löhnung nicht voll mitbrachte. Madam Perle handhabte dann den Besenstiel wie ein Meisterfechter, und Abdu war geliefert.

Deshalb sah man ihn zumeist gegen Monatsende tief in sich gekehrt umhergehen, bis er sich schließlich ein Herz faßte und zum Feldwebel aufs Bureau ging. Dort bat er dann in beweglichen Worten: "Es seien doch morgen die Postläufer zu begleiten," oder "der Arzt ginge doch übermorgen auf Expedition" um ein Kommando, was ihn der gefürchteten Auseinandersetzung mit Bibi Faida am letzten entzog.-

Das patriarchalische Verhältnis, das in der Truppe zwischen weißen Führen und farbigen Mannschaften herrschte, führte nicht nur die Askari mit ihren kleinen Anliegen vertrauensvoll zu ihrem Kompaniechef, sondern auch häufig die teuren Gattinnen, die Askaridamen, die mitunter mit den diskretesten Anliegen kamen. So wurde mir eines Tages, als ich ahnungslos auf dem Bureau sitze, Abdus teure Gattin, Madam Perle, gemeldet.

Madam Perle trat ein. Sie hatte sich äußerst fein gemacht, hatte sich mit den grellsten Tüchern, die beim indischen Händler zu haben waren, drapiert, hatte sich ihre runzlige Haut mit dem Rinderfett so eingerieben, daß sie geradezu glänzte, und hatte sich durch die rechte Nasenwand einen blitzblank polierten Nasenring von respektabler Größe gezogen, der ihr bis auf den Mund hing. Kurz, Madam Perle war unwiderstehlich; wenigstens glaubte sie es selbst.

Ich fragte nach ihrem Begehr, und es begann folgendes Gespräch:
Faida: "Hoher Herr, ich beklage mich über meinen Mann Abdu Farag."
Ich: " Warum, liebe Bibi Faida? "
Faida: " Herr, Abdu trinkt fürchterlich."
Ich: " Ja, leider."
Faida: " Er ist jeden Abend betrunken."
Ich: " Das glaube ich."
Faida: " Auch bringt er nicht seinen vollen Sold nach Hause."
Ich : " Ja, weil er immer im Loch sitzt."
Faida: " Kweli (gewiß). Herr, du mußt da was gegen tun."
Ich: " Was soll ich denn noch tun, liebe Bibi Faida? "
Faida: " Du mußt Abdu aufhängen."
Das war erschütternd, ganz abgesehen davon, daß dieses Ansinnen doch um ein Erkleckliches über meine Disziplinargewalt als Kompaniechef hinausging. Ich fuhr also fort:
"Ja, Bibi Faida, das geht nicht so schnell. Wenn der hohe Herr an der Küste (Der Gouverneur) hört, daß ich Abdu bloß wegen seines Trinkens gehängt habe, dann schickt er mir einen sehr bösen Brief."

Da sah mich Bibi Faida schmelzend an und sagte:
"Sieh, Herr, wenn du den Abdu aufhängst, dann kannst du mich heiraten. Wenn du dem hohen Herrn an der Küste dann schreibst, du habest den Abdu gehängt, um mich zu heiraten, dann wird er dir sagen: Du hast recht getan."

Nun wurde die Sache heikel. - Zunächst mußte ich ja als höflicher Mann geschmeichelt lächeln, obgleich sich mir bei dem Gedanken, mit Madam Perle das eheliche Lager teilen zu müssen, der Magen umkrempelte. - Glücklicherweise sind die Eingeborenen, wenn man ihnen keine schroffe Absage gibt, sondern sie auf  "später" vertröstet, leicht zu beruhigen. So beschloß ich denn, wie Bismarck sagt, "die Angelegenheit dilatorisch zu behandeln."
Ich sagte also:
"Gewiß, liebe Faida, dein Vorschlag leuchtet mir ein. Aber du mußt dich noch ein klein wenig gedulden. Sieh, ich habe in Europa drei Frauen, denen ich mein Sold als Soldat schicken muß, damit sie zu essen haben. Nun gedulde dich, bitte, bis eine meiner Frauen in Europa stirbt, dann wirst selbstverständlich du und keine andere meine Frau. Bis dahin behilf dich, bitte, noch eine Weile mit Abdu Farag."
"Kweli, gewiß", sagte Faida darauf, "so wollen wir es machen." -- Und beruhigt entschwebte sie meinem Bureau, einen penetranten Geruch von Rinderfett hinterlassend. -

Neidlos habe ich von da an das weitere eheliche Glück Abdus mir aus der Ferne angesehen.

Quelle: Schwarze Schwänke, Dr. Ernst Nigmann, 1922 Safari Verlag, von rado jadu 2000

Webmaster