zurück

Die Insel Sansibar

Mit dem geographischen Begriff Sansibar ist — das läßt sich nicht ableugnen — für einzelne Kreise in Deutschland ein Gedanke des Unbehagens verbunden, denn viele derjenigen, welche sich für unsere Machstellung in Deutschostafrika interessieren, haben die Empfindung, daß Deutschland keinen günstigen Tausch gemacht, als es f. Z. die Vorherrschaft in Sansibar gegen die Übernahme von Helgoland an England abgab. Diesen Kreisen liegt eben die Sicherung unserer heimischen Flottenstellung und deren Verbindung durch den Kaiser Wilhelm Kanal ferner. Die deutschostafrikanische Gesellschaft hatte zweifellos einen richtigen Blick bewiesen, als sie in den achtziger Jahren sich den großen Einfluß in Sansibar sicherte und diese wichtige Insel in die Interessensphäre Deutschlands rückte, allein weitere Ziele treten stets hinter die näheren zurück.

Die Insel Sansibar ist in der Tat als Schlüssel für ein weites Küstengebiet in Ostafrika von nicht zu unterschätzender Bedeutsamkeit. Diese Bedeutsamkeit besitzt sie schon seit vielen Jahrhunderten, und viele Völker, zumal die Araber und Inder, haben auch schon vor unserer modernen Handelsperiode diese wichtige Position erkannt. — Aus der Geschichte Sansibars wissen wir, daß schon im 10. Jahrhundert Araber sich in Sansibar, besonders in Lamu und Bombas, festsetzten, um von das aus den Handel an der ostafrikanischen Küste an sich zu reißen. Sie blieben auch die Träger des Küstenhandels in dieser Gegend, bis im 16. Jahrhundert die Portugiesen, die damals bekanntlich ein kräftiges Kolonialvolk waren und besonders den Südosten Afrikas zu ihrer Handelsdomäne gemacht hatten, die Herrschaft der Araber in Sansibar brachen. Aber sie konnten sich nicht lange dieser Herrschaft auf der Insel rühmen, denn schon im 17. Jahrhundert machten die Imame von Maskat (im Süden Arabiens), ein tatkräftige Herrscherdynastie, erfolgreiche Versuche, sich auf der Insel festzusetzen. Mit Hilfe der Beludschen, die in vergangenen Jahrhunderten in den Ländern des Indischen Ozeans die Rolle von Janitscharen spielten, und die verwendbarsten Söldnertruppen waren, vertrieben die Imame von Maskat die Portugiesen von der Insel und gründeten auf Sansibar ein eigenes Sultanat, welches allerdings immer in Beziehung zu Maskat blieb.

Von diesen selbständigen Sultanen von Sansibar ist im vorigen Jahrhundert Sayid Bargasch in Europa am bekanntesten geworden, einesteils, weil er ei intelligenter und verhältnismäßig gebildeter Herrscher war, der besonders wissenschaftliche Forschungsreisen der Europäer zu schätzen verstand und unterstützte, und anderenteils (so seltsam spielt auch manchmal Eros in die Politik hinein) wegen einer romanhaften Geschichte, die seine Schwester in Verbindung mit einem deutschen Kaufmann brachte. Diese Schwester hatte sich nämlich in einen jungen deutschen Kaufmann verliebt und war unter abenteuerlichen Gefahren mit dem von ihr geliebten Giaur aus dem Machtbereiche ihres Bruders geflüchtet. Diese Affaire hatte später Anlaß zu diplomatischen Verhandlungen gegeben und den Namen Sansibar in vielleicht höherem Grade als die Handelsbedeutung dieser Insel in den Gedankenkreis von Hunderttausenden gebracht. Das war doch noch ein orientalisches Märchen, das aus dem Rahmen des Alltagslebens fiel. Sayid Bargasch war übrigens der letzte unabhängige Sultan von Sansibar; schon sein Nachfolger Sayid Ali verlor seine Selbständigkeit.

Unter Sayid Bargasch erwarb die deutschostafrikanische Gesellschaft die Häfen von Pangani, Bagamoyo und Dar-es-Salaam, die bis dahin zu Sansibar gehört hatten und begründete damit so recht eigentlich die deutsche Schutzherrschaft in Ostafrika.

Sansibar selbst ist nach einem Abkommen mit Deutschland unter englische Schutzherrschaft gekommen.

Der Großhandel der Insel, die ungefähr eine halbe Million Einwohner zählt, ist beinahe ganz in den Händen der Inder; sie sind die Bankiers und Großkaufleute. Diese indische Bevölkerung besteht aus mohammedanischen Indern, Hindus und Parsen (Anhänger der Lehre Zoroasters), die vor vielen Jahrhunderten bekanntlich aus Persien nach Indien eingewandert waren und das fortgeschrittenste Kulturelement der Inder darstellen. Die meisten sind Banjanen, d.h. weite Reisen unternehmende Großhändler.

Die Araber sind zumeist Beamte und Plantagenbesitzer, so recht ihrem Charakter als Herrenvolk gemäß. Die Ureinwohner sind Neger, zum großen Teil Suaheli unter eigenen Häuptlingen. Außerdem leben auf Sansibar zahlreiche Mischlinge von Arabern und Afrikanern usw.

Die Stadt Sansibar, die einen recht anheimelnden und großstädtischen Eindruck macht, zählt circa 80 000 Einwohner, von denen 5 000 Inder und 5 000 Araber sind, die übrige Bevölkerung besteht aus den Suahelis und aus den erwähnten Mischlingen.

Über den Eindruck, den das Treiben in der Stadt Sansibar auf den Ankömmling macht, schreibt Dr. Karl Dove, der bekannte Geograph, in seiner anschaulichen Art: Langsam sind wir die Hauptstraße aufwärts gewandelt, und mit einem Male umgibt uns ein Gedränge und ein Treiben, als befänden wir uns mitten in dem Trubel eines Jahrmarktes. Rechts und links reiht sich, schwarzen Höhlen vergleichbar, in den Erdgeschossen der den schmalen Weg einfassende Häuser ein Lager an das andere. Seltsam geformte Früchte, daneben Säcke und Körbe mit stark duftenden Gewürzen, buntgewirkte Tücher und leichte seidene Stoffe füllen das Innere der halboffenem Räume bis unter die niedrige Decke. Vor anderen Ladenöffnungen hängen Felle und Stöcke, und die herumstehenden Gehörne und Tierschädel werden von ihren Besitzern, die in uns sofort kauflustige Fremde erkannt haben, aus den dunkelsten Winkeln der Niederlage herbeigeschleppt, um mit gewaltigen Verschwendung von Worten angepriesen zu werden.

Nur ab und zu wandelt stolzen Schrittes ein Araber, durch die drängende und stoßende Menge. Die Handelsleute in den finstern Verschlägen, die Frauen mit den zierlichen Gliedmasken, die Kinder, die im Hintergrund hocken, sie sind alle Inder, und dazwischen wimmelt es von schwarzen und helleren Gestalten, in das lange weiße Hemd der Suaheli gehüllt oder in der bedeutend einfacheren Tracht der erst kürzlich aus dem Innern gekommenen Eingeborenen. Die braunen Mädchen, die uns in Scharen begegnen, haben ihr Haar trotz seiner Kürze in wunderlicher Art verschlungen, und der Stolz, mit dem sie unsere Bewunderung für diesen Kopfputz bemerken, gleicht dem einer weißen Dame, die sich etwas auf ihren besonders auffallenden Hut einbildet. Jene olivenfarbenen Schönen mit langen, schwarzen Locken, die mit dem ganzen Hochmut eines Kindes auf ihre von der Natur weniger begünstigten Schwestern herabsehen, sind Abessinierinnen, und unser an afrikanische Menschen gewöhntes Auge vermag in der an uns vorüberziehenden Menge deutlich eine ganze Reihe voneinander abweichenden Gesichts- und Körperbildungen zu unterscheiden, welche die Verschiedenheit der Abstammung selbst unter der schwarzen Bevölkerung von Sansibar erkennen lassen.

Stundenlang verweilen wir in den Straßen des Bazars. Nicht allein die Menschen erwecken unser Interesse, sondern auch der Inhalt einzelner Läden kann selbst den Kenner afrikanischer Jagdtrophäen und Merkwürdigkeiten im höchsten Grade fesseln. Ein paar mächtige Kiboko-, d.i. Flußpferdschädel, liegen in einer solchen Auslage an hervorragender Stelle, und einige neben ihnen aufgestellte Rhinozeroshörner von fabelhafter Länge erregen die Freude eines jeden Sammlers. Wir fragen nach dem Preis eines besonders schönen Stückes: "Fünf Pfund" lautet die Antwort des zungengewandten Inders, und kühl lächelnd erklären wir ihm, daß wir anderthalb Pfund Sterling zahlen werden, aber nicht einen Schilling darüber.

In verzweiflungsvoller Rede setzt er uns auseinander, daß er mit seiner ganzen Familie dem Hungertode preisgegeben sei, wenn er sich auf einen solchen Handel einlasse. Eine Viertelstunde noch geht der Redekampf hin und her, dann werden die heftigen Armbewegungen des Asiaten, mit denen er seinen Wortschwall begleitet, ruhiger, seine Züge werden matter, und endlich hat er eingesehen, daß er es mit einem im Umgang mit seinesgleichen geübten Reisenden zu tun hat und läßt das Horn für den ihm zugesagten Preis ohne ein weiteres Wort ab.

Zahllose Gegenstände nehmen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. Schöne Spazierstöcke aus Rhinozeroshorn, andere aus Rohr, die man sich um mäßigen Preis beim nächsten ebenfalls im offenen Laden hockenden Metallarbeiter mit einem silber- oder goldgetriebenen Knopf versehen läßt, dazwischen ein prächtiges Löwenfell, für das der Besitzer aber eine für uns unerschwingliche Summe fordert, in einem Verkaufsstand ein paar Elefantenzähne von mehr als Mannslänge und endlich, als schönster Schmuck des Zimmers verwendbar, die gewaltige Wehr des afrikanischen Büffels. Die Antilopengehörne dagegen, welche die Mehrzahl der ausgestellten Gegenstände bilden, erscheinen uns Südafrikanern nicht allein ihrem wahren Wert nach noch viel zu teuer, sondern sie sind auch viel kleiner und schwächer als die der ihnen verwandten Arten im Hererolande, wahrscheinlich, weil diese Bewohner der Steppe sich dort ihnen weit mehr zusagender Lebensbedingungen erfreuen als in dem feuchten Tropengebiet.

Unter den sonderbaren Erzeugnissen Afrikas, die in den Auslagen die Blicke der Vorübergehenden auf sich ziehen, findet sich öfters die Seekokos von den Seschelleninseln, deren höchst unanständige Gestalt man als einen schlechten Witz bezeichnen könnte, den sich Mutter Natur erlaubt hat. Daneben aber gibt es in Hülle und Fülle die köstlichsten Früchte, welche das Küstengebiet des Indischen Meeres hervorbringt, und neben Massen von Orangen, Ananas und Bananen, die hier wie überall in Ostafrika feilgehalten werden, lagern ganze Haufen uns unbekannten Erzeugnisse der Fruchtgärten."

Der Export Sansibars ist nicht unbedeutend, er bezieht sich zumeist auf Elfenbein, Nelken, Kopal und Kautschuk und repräsentiert einen Wert von über 20 Millionen Mark, die Einfuhr (zumeist Baumwolle, Perlen und Metallwaren) einen solchen von 24 Millionen.

Die Münze im Großhandel ist der amerikanische Silber Dollar, im Kleinhandel die indische Rupie.

Quelle: Reise um die Erde, Internationaler Welt Verlag 1905, von rado jadu 2001