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Krokodil als Räuber und Zugtier

Von einem Deutsch-Ostafrikaner

Am nördlichen Ufer des 26 500 qkm großen Nyassasees in Tentralafrika, etwa ¾ Stunden von der alten deutschen Regierungsstation Mueia entfernt, mündet der etwa 30 m breite und 2 bis 3 m tiefe Mbazi. Der Fluß fließt träge, die zeitweilig über dem See herrschenden Stürme haben vor der Mündung durch die aufgepeitschten Wasser größere Sandbänke vorgelagert, die eine Einfahrt in den Mbazi unmöglich machen; Boote müssen über die Sandbänke hinweggezogen werden. Da die Sandbänke meist von Krokodilen zum Sonnenbad benutzt wurden, war ein derartiges Unternehmen nicht ganz harmlos. Der Europäer, der nur die Krokodile in den zoologischen Gärten der Heimat sieht, macht sich kaum eine Vorstellung von der möglichen Größe dieser Echsen, von welchen Exemplare bis zu 7 m Länge vorhanden sind, Exemplare von 5 bis 6 m sind keine Seltenheit.

Etwa 20 Minuten flußaufwärts befand sich der Viehkral der regierungstation. Der Kral selbst war nur für die Nacht bestimmt, während tagsüber das Vieh (einige Hundert Groß- und Kleinvieh) auf den am Mbazi angrenzenden großen Grasflächen unter Aufsicht der Hirten weidete. Vom Kral zum Mbazi führte ein breitgeschlagener Weg zur Viehtränke, sonst war der Mbazi gesäumt mit einem mehrere Meter breiten Gürtel von über 2 m hohen Schilf- und Papyrusstauden, durch die ein durchkommen ohne Buschmesser und Harken nicht möglich war. Obwohl der Mbazi fischreich war, holten sich die Krokodile öfters ein Stück aus der zur Tränke kommenden Herde heraus. Wehe dem Vieh, das - durch den anfangs seichte Ufer verlockt - etwas tiefer in den Fuß hineinging! Plötzlich tauchte ein zähnenbewehrter Rachen auf und im Nu war das Stück ins Wasser gezogen als Beute. Aber auch Tiere, die dicht am Ufer mit den Beinen noch auf dem Land standen, liefen beim Tränken Gefahr. Ich habe selbst gesehen, wie ein großer, schwerer Bulle am Ufferrand von einem Krokodil an der Schnauze gefaßt wurde, als er den Kopf zum Saufen dem Wasser näherte. Obwohl der Bulle sich fest in den Ufersand stemmte, zog ihn das Krokodil nach dem Wasser zu; der Bulle wäre zweifellos eine Beute der Riesenechse geworden wenn ich nicht durch einen schnell hingeworfenen Schnappschuß dem Kampf ein Ende hätte machen können. Der Bulle mußte jedoch notgeschlachtet werden, da das fürchterliche Gebiß des Krokodils die vordere Kopfpartie des Tieres gänzlich zerfleischt hatte.Man konnte bei diesem Kampf sehen, welche außerordentlichen Kräfte das etwas über 4 m lange Krokodil entwickelte. Ich habe später am Viktoriasee, dem nördlichsten der drei großen zentralafrikanischen Seen, gesehen, wie ein Krokodil mit einem großen starken Eingeborenen im Rachen, den es -- als er badete -- in Brusthöhe von der Seite gepackt hatte, etwa 300 m weit in den See hineinschwamm, wobei es den Mann fast immer über Wasser hielt.

Der Haß der Eingeborenen auf Krokodile ist daher verständlich und auf Reisen in der Nähe von Flüssen und Seen baten die Eingeborenen den Europäer immer wieder um Abschuß der echsen. So kamen auch die Viehhirten oft zur Station und baten den Mzungu (Europäer), doch mit seinem Bunduki (Gewehr) zu kommen und Krokodile zu schießen. Als wieder einmals ein Weib von einem Mamba (Krokodil) am Mbaziufer weggeholt worden war, beschloß ich, einen Sonttagvormittag zum Abschuß von diesen Biestern zu verwenden. Ich ließ das Whaleboot (Brandungs-, Landungsboot) der Station mit einem Steuermann und sechs Baharia (Ruderer) klar machen und mich zur Mbazimündung fahren. Nachdem das Boot unter vorsichtsmaßregeln gegen die Krokodile über die Sandbänke geschleppt war, fuhren wir langsam und still etwa eine knappe Stunde flußauf; statt der Bootsriemen hatte ich Stechpaddeln mitnehmen lassen, da diese ein geräuschloseres Rudern ermöglichen. Einige mit zu klein erscheinende Krokodile hatte ich bereits unbehelligt gelassen, da sah ich, um eine Flußbiegung kommend, quer mitten im Fluß ein großes Krokodil, das, mit der oberen Körperhälfte aus dem Wasser ragend, unmerklich dem Schilf am Ufer zustrebte. Die Baharia hatten das Tier auch bemerkt und verhielten sich ganz still und ohne sich zu bewegen, das Boot glitt geräuchlos weiter. Nach kurzer Visiernahme ließ ich S 98 fliegen mit Ziel: die Stelle zwischen den Lichtern des Tieres. Das Mamba zeichnete und legte sich bald halb auf den Rücken, ein Zeichen tödlichen Schusses. Die Baharia triumphierten und schmähten das Krokodil in kindischer Freude. Rasch hatte einer der Baharia das Schwanzende ergriffen und mit meinem Seitengewehr ein Loch hindurchgebohrt. Ducrh das Loch zog er die an einem Ende am Bootsbug festgemachte Bootskette, deren anderes Ende ar auch am Bug befestigte, so daß das Tier nunmehr im Schlepp genommen werden konnte. Ich ließ den Leuten ihre Freunde, zumal ich das Tier an Land haben wollte zur Untersuchung des Mageninhaltes. Derartige Untersuchungen hatten mich öfters schon von der Gefährlichkeit der echsen überzeugt, wenn sich Arm- oder Beinspangen von Eingeborenen oder tierische oder menschliche Körperteile vorfanden.

Da das Krokodil am Bug angehängt war, fuhren wir achtern voraus, ein Manöver, das bei dem träger Wasser und flußabwärts bei Handhabung der Paddeln keine Schwierigkeiten bot.

Wir waren schon ganz gemütlich ein Stück wieder flußabwärts gepaddelt, um an der weiter unten gelegenen Viehtränkestelle anzulegen; die Baharia sangen Spottverse auf den erlegten Feind und ich lehnte nachlässig am Bootrsrand. Auf einmal erhält das Boot einen gewaltigen Ruck nach rückseitwärts, so daß ich fast ins Boot purzele und die sorglos langsam und ohne Kraftanwendung paddelten Baharia durcheinander gerüttelt werden und zu paddeln aufhören. Das Boot aber bewegt sich Bug voraus, d.h. in diesem Falle für uns rückwärts, nach dem das Ufer säimenden Papayrusbestand. Unser Krokodil war wieder lebendig geworden, flüchtete und zog das schwere Boot hinter sich her. Der Vorgang spielte sich so überraschend ab, daß wir alle vor Staunen zunächst tatenlos waren. Dann friff ich zum Gewehr und versuchte unserem Vorspann eine Kugel anzutragen. Das war aber nicht so einfach, den aus dem Wasser ragte nur ein kurzes Stück Schwanz (das Stück bis zur durchgezogenen Kette) und wenn ich dem Schwanzende entlang ins Wasser schoß, war anzunehmen, daß die Kugel beim Aufschlag ins Wasser abgelenkt wurde. Auf alle Fälle versuchte ich mehrfach mein Glück und schoß, während ein Baharia sich bemühte, das Krokodil mit Bootshaken zu spießen. Unsere Wasserdroschke ging aber weiter, die paar Meter bis zum Papyrus waren bald zurückgelegt und unser Boot steckte die Nase in den Papyrus, wo es zunächst festsaß.

Das Krokodil zerrte nach unten, wie wir an der Bootskette sahen. Alles Ziehen an der Kette half uns nichts, wir bekamen weder das Krokodil heran, noch ging das Boot weiter. Zwischendurch funkte ich wieder ins Wasser. Merkwürdig war, daß das Tier gar nicht versuchte, mit dem gefährlichen Schwanz zu schlagen, sondern nur versuchte, nach unten zu kommen. Schon wollte ich den Schwanz abschneiden lassen, um die Kette frei zu bekommen, da hörte das Zerren auf; wir zogen wieder an der Kette, das Krokodil gab nach und nun kamen wir mit Hilfe der Paddeln und des bootshakens frei vom Papyrus ins offene Wasser. Wir setztenunsere Fahrt flußabwärts fort und landeten bald mit unserem inzwischen wirklich verschiedenen Krokodil an der Viehtränkestelle.

Eine nähere Untersuchung des Krokodils ergab, daß der erste Schuß das Gehirn nicht durchschlagen, sondern gestreift hatte, daher wohl zunächst die Lähmung des Tieres, das dann nochmal auf kurze Zeit zu sich gekommen war. Eine andere Erklärung habe ich nicht, da von meinen späteren Kugeln nur zwei im Fleisch der Rückenpartie saßen; der Bootshaken hatte nur einige Löcher gemacht die für ein Krokodil nur "Schrammen" bedeuten konnten. Der Magen des gut 4 m langen Tier enthielt nichts Besonderes.

Wir dürfen von Glück sagen, daß wir zu dieser Jagd das schwere Boot genommen hatte und nicht ein leichtes Ruderboot oder gar ein Einbaum. Hätten wir das Krokodil an solch ein leichtes Fahrzeug befestigt, wären die Insassen wohl alle in den Mbazi geflogen, aus dem heil herauszukommen, Glücksache gewesen wäre.

Für die Eingeborenen bildete diese Jagd noch lange den Gesprächstoff; man konnte sie später in mannigfacher Abänderung hören, wobei der Erzähler, nach Mohrenart, meist mehr oder weniger eine Heldenrolle spielte.

Quelle: Jambo, Die koloniale Monatschrift der jungen Deutschen, 1935, von rado jadu 2000

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