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Pesa mbili ( Unsere schwarze "Perle")

Da hatte ich einmal einen Zeltjungen mit Namen Pesa mbili (d.h. zwei Pfennig), ein nett aussehender, etwa vierzehnjähriger Bengel, der freundlich lächelnd sein letztes Zeugnis überreichte. Es lautete:
"Pesa mbil war sechs Monate in meinem Dienst. Er ist ein guter Junge -- etwas dumm, aber ehrlich. -- Viel mehr als sein Name bedeutet, ist er allerdings nicht wert."

Natürlich hatte er keine Ahnung, was in dem Zeugnis stand. Er machte aber bei der Anwerbung ein gar zu freundliches Gesicht, so daß meine Frau mir zuredete, ihn zu nehmen. Seine deutschen Sprachkenntnisse beschränkten sich auf das inhaltsreiche Wörtchen "ja". So machte ich meine Frau, die ja hauptsächlich mit ihm zu tun haben würde, darauf aufmerksam, daß sie sich nun endlich in die Geheimnisse des Kisuaheli, der ostafrikanischen Sprache, vertiefen müßte. Im stillen waren mein Freund Roth und ich etwas gespannt, wie sich alles zwischen der deutschen Hausfrau und dem schwarzen jungen entwickeln würde. Aber zu unserer Überraschung mußten wir uns beim ersten Mittagessen als geschlagen bekennen: Als Pesa mbili einen Teller brachte, dem man unschwer ansah, daß mit dem Abwaschwasser gespart worden war, sagte meine Frau, auf den Teller deutend: "Safisha!" Wir Männer sahen uns erstaunt an, das Wort — wir mußten es gestehen — fehlte in unserem Kisuaheli Sprachschatz. Aber unser neue "Silberdiener" hatte es verstanden. Ohne eine Miene zu verziehen, lüftete er sein Hüfttuch und wischte den Teller ab! — Auf meine erstaunte Frage, was "Safisha" bedeute, erwiderte meine Frau mit dem selbstverständlichsten Gesicht von der Welt "reinemachen". Daß es bis dahin das einzigste Wort Kisuaheli war, das sie kannte, erfuhren wir erst hinterher! Sie hat den Mangel aber ausgeglichen, und auch Pesa mbili hat gelernt: In Zukunft benutzte er zwar das vorgeschriebene Tuch, aber er mußte es öfters tun, namentlich wenn er — wie es nur zu oft vorkam — die Daumen beim Servieren mit in die Suppe gesteckt hatte. Als ich ihn das erstemal darauf aufmerksam machte, meinte er treuherzig: "Herr, die Suppe ist nicht heiß", und leckte die Finger ab

Die Daumen saßen bei ihm scheinbar überhaupt nicht ganz am richtigen Platz. Fast jedesmal, wenn er unsere Liegestühle aufklappen sollte, geriet er mit ihnen dazwischen und klemmte sie, zur allgemeinen Freunde der übrigen Eingeborenen, ein. Schließlich lernte er aber auch das und manches andere dazu.

Er war sehr stolz darauf, Zeltjunge zu sein, also eine gewisse Ausnahmestellung einzunehmen. Nur Ali beneidete er, denn als Gewehrträger, der den Herrn auf die Jagd begleitet, spielte dieser eine besondere Rolle. Eines Tages nun bat mich Pesa mbili, mich auf die Jagd begleiten und eine Reservebüchse tragen zu dürfen. Er beteuerte hoch und heilig, er habe keine Angst und würde bei Gefahr nicht weglaufen. Da er sehr bettelte, gab ich seinem Drängen nach. Vorsichtigerweise vertraute ich ihm aber nicht eine Büchse, sondern nur den Rucksack mit Proviant an. Damit konnte nichts passieren. Wurde die Sache wirklich gefährlich und rückte er aus, so war es nicht weiter schlimm, dann aßen wir eben etwas später. Je weiter wir uns vom Lager entfernten, desto aufgeregter wurde er. Um eine Antilope anzupirschen, ging ich nur mit Ali vor und ließ ihm und einen anderen Träger etwas zurück. Es war in einer Dornbuschsteppe. Viele Büsche und Bäume standen hier, ein unübersichtliches Gelände. Etwa dreihundert Schritt mochte ich von den beiden entfernt sein und wollte eben die Büchse zum Schuß heben, da durchbrach ein entsetztes Geschrei die Stille der Steppe: "Bana - kifaru! -kifaru!"

Da hatten wir die Bescherung! Etwas abseits gehend, waren die beiden einer Nashornmutter in die Quere gekommen, die mit ihrem Sprößling friedlich durch die Büsche bummelte. Solche Störung liebt ein Nashorn nicht, namentlich wenn es ein Junges führt. Und so hatte sich das Tier auf die beiden gestürzt, die in ihrem Schrecken mit geradezu affenartiger Geschwindigkeit den nächsten Baumerkletterten. In Afrika gibt es viele Bäume, doch nur wenige von ihnen haben keine Dornen. Die beiden hatten gerade einen erwischt, der zu den häufigeren gehörte. Droben saßen sie nun in ihrer Angst, unten aber tobte die erboste Nashornmutter und schnaufte hinauf. Neugierig äugte ihr Sprößling mit schiefgehaltenem Kopf nach oben. Auf das Geschrei hin eilte ich zurück, konnte es mir aber doch nicht verkneifen, mich erst eine Zeitlang an dem spaßigen Bild zu weiden. Das Muttertier wollte ich natürlich nicht schießen und feuerte deshalb nur einen Schuß in die Luft, als die Alte sich durch Rufen nicht vertreiben lassen wollte. Einen Augenblick wendete sie sich nach mir um, machte dann aber kurzerhand kehrt und verschwand schnaufend, gefolgt von ihrem Jungen, in den Büschen.

Mit ziemlich verkniffenen Gesichtern kamen die Ärmsten vom Baum herunter. Ihre Hüfttücher zeigten namentlich auf der Rückseite viele seine Blutströpfchen. Jetzt zogen sie sich gegenseitig eine Anzahl abgebrochener Dornspitzen aus dem Sitzfleisch und schimpften unter dem Gelächter meines Ali fürchterlich auf die Nashornmutter, die doch in Wirklichkeit gar nichts dafür konnte.

Von diesem ersten Ausflug ins Pori hatte Pesa mbili genug und beschloß, fortan nur mehr im Lager zu bleiben.

Quelle: So sah ich die Welt, Arthur Berger 1942, Buchmeister Verlag

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