zurück

Bestrafte Mißgunst

Die ostafrikanischen Masai sind ein hochfahrender und verschlagener Stamm. Immerhin habe sie ein paar "moralisierende" Märchen, aus denen hervorgeht, daß sie in der Habgier und Selbstsucht etwas Häßliches erkennen, das vom Schicksal bestraft zu werden verdient.

Ein neidischer alter Mann lebte mit seinem Weib und seinem noch jungen Kinde zusammen. Unter seinem Vieh befand sich ein stattlicher Ochse. Als er ihn eines Tages schlachten wollte, verdroß es den Mißgünstigen, die Nachbarn an einem Mahl teilnehmen zu lasen, wie es allgemein der Brauch war. Er rief sein Weib beiseite und sprach zu ihr: "Ich will die Männer zusammenrufen und ihnen sagen, daß ich nach einem anderen Weideplatz wandern will. Wir können dann unseren Ochsen schlachten und allein verzehren." Er nahm sein Horn, blies die Nachbarn zusammen und erklärte ihnen, daß es ihm hier nicht mehr gefiele, und daß er fortziehen wolle.

Da ihm keiner widersprach, holte er am anderen Morgen sein Vieh aus der allgemeinen Herde und zog mit Weib und Kind und Hab und Gut weiter. An einer anderen Stelle baute er sich dann einen neuen Kral, und als dieser fertig war, wollte er sich satt essen. In der Morgendämmerung des nächsten Tages schlachtete er den Ochsen und gebot seiner Frau, ihn zuzurichten, während er mit dem Vieh auf die Weide zog. Als die Frau sich beklagte, sie habe doch keinen Menschen, der ihr helfen könne, und sie müsse ihr Kind hüten, sagte er: "Das Kind nehme ich mit auf die Weide. Dann wirst du allein fertig werden."

Der Mann zog mit seinem Vieh und dem Kind hinaus, die Frau aber nahm das Messer und machte sich an die Arbeit.

Auf der Weide legte der Vater sein Kind an einen hübschen Platz zum Schlafen nieder und trieb sein Vieh umher. Er freute sich den ganzen tag auf das gebratene Fleisch, das ihm sein Weib vorsetzen würde. Nach einiger Zeit kehrte er um, sein Kind wieder aufzusuchen. Zu seinem Schreck konnte er es aber nirgends finden. Da kam ihm ein schlauer Gedanke. "Ich werde das Gras anzünden!" sagte er. "Kommen die Flammen an das Kind heran, so wird es schreien, ich weiß dann, wo es liegt, und springe hinzu."

Gesagt und getan war eins. Das Feuer flammte auf und die Flammen züngelten eilig dahin. Da hörte er das Kind schreien, doch als er hinzukam, war es schon tot.

Kaum wagte er sich Heim. Als er sich endlich doch dazu entschloß und dem Kral nahe kam, sah er Geier um ihm kreisen. Rasch eilte er hin, denn er hörte sein Weib jämmerlich schreien und sah es mit ausgestochenem Auge am Boden liegen. Beim Häuten des Ochsen war ihr das Messer ausgeglitten. Um diesen aber hatte das Raubvögel sich schon so eifrig hergemacht, daß nur die Knochen noch übriggeblieben waren. Da weinten Mann und Weib zusammen und schrien: "O mein Kind! O mein Auge! O mein Ochse!"

Das Geschichten, das Hanns Fuchs in seinem Buche "Sagen, Mythen und Sitten der Masai" wiedergibt, schließt mit den Worten: "Nun sieh, wie es diesen Menschen erging, wie sie für ihre Gier bestraft wurden. Sie verloren ihr Kind, ihren Ochsen und die Frau ein Auge, und mußten beschämt nach ihrem früheren Dorf zurückkehren."

K. v. Fez

Quelle: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens 1920, von rado by jadu 2002



© Copyright 2002 by JADU


Webmaster