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Reise nach Moschi

Ein Brief aus dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika

Mein ursprünlicher Reiseplan war, aus der Gegend, die ich meinem ersten Aufsatz "Quelle des Nils", schilderte, gleich über den Viktoriasee nach Moranza und in das ehemalige Deutsch-Ostafrika hinüberzureisen. Aber die Erkenntnis, das die Verhältnisse in den drei hier zusammenliegenden Ländern: Uganda, Kenya, Tanganjika sich eng verbunden zeigten, erzwangen ein Änderung dieses malerischen Planes, um von dort über den Kilimandscharo Bezirk zu meinem Ziel zu kommen. So berührte ich Nairobi im Innern, den Gouverneursitz und Mombassa an der Küste, die mit Kampala die Exponenten der beiden Kolonien sind.

Eine schmalspurige Bahn, die etwa 1200 km lang von der Küste ins Innere reicht und in Jinja an den Quellen des Nils vorläufig ihr Ende hat, besorgt zweimal wöchentlich diese Verbindung. Nachts werden die Sitze zu Schlafgelegenheiten umgewandelt, denn die Reise dauert drei Tage. An den Bahnhöfen sieht man saftige Erscheinungen alter englischer Viehfarmer, gemischt mit nackten Kikiyu, die zum Schutz gegen die Löwen die schweren, mit Eisenklingen bewehrten Spieße tragen, in die sie beim Angriff im letzten Augenblick den Löwen hineinspringen lassen, die Eisenspitze des Schaftes gegen den Boden stemmend.

Im Speisewagen trifft man die Mitreisenden allmählich. Ihre Ziele und Namen und damit Herkunft sind einem durch den Umstand bekannt, daß sie vor jedem Abteil außen angeschrieben stehen. Schon in dieser Bahn, die der Grenze Tanganjikas parallel läuft, stößt man öfter auf Deutsche. Zunächst weniger auf Farmer, von denen nur bei Eldoret Viehzüchter leben, als auf Kaufleute, die in Kampala, Nairobi und Mombassa meist für Hamburger Häuser tätig sind.

Der Mann aber, der eines Nachts im Speisewagen sich an meinen Tisch setzte und, die Buddenbrooks lesend, seine Abstammung zu erkennen gab, war Pflanzer. Wir reisten beide nach Boi, er, weil er dort Pflanzungen anlegt, ich, weil ich in Boi den Zug wechseln mußte, um nach Moschi zu gelangen. Mein Zug ging erst morgens um vier Uhr weiter. Er stand aber fahrbereit im Bahnhof, und mein Sitz war zu einem Bett hergerichtet. Hotels gibt es in diesen Orten nicht, höchstens ein sogenanntes Rastcamp.Es war jetzt eben zwischen 10 und 11 Uhr, und mein Reisegefährte kam mich mit einem Auto holen. Wir schwankten, stießen, fielen durch die Nacht über Wege, an denen sich nichts zu erkennen gab, als daß manchmal in die Lichtkegel der Scheinwerfer rasch der hohe Blütenbaum einer Sisalagave fiel und gleich wieder in die Finsternis geworfen wurde.

Es war eine Sisalpflanzung, die mein Gastgeber anlegte. Eine wildgelockte, blonde Frau saß mit uns auf der Veranda vor dem Haus, und aus einer runden Hütte heraus kam der Assistent, ebenfalls ein Deutscher. Aber der Sisal, war trotz der Bescheidenheit der Behausung, das Gold der Gegend, und der Pflanzer sprach sehr verächtlich über die Aussichten der Kaffeepflanzugen. Nach Mitternacht wurde ich in dem auto zurück zur Bahn gebracht und schlief in meinem Abteil. So brauchte ich mich um das Gewecktwerden nicht zu kümmern, und als ich mich am Morgen entschloß, von dem Lager aufzustehen, ragte aus treibenden Wolkenballen heraus, von Eis und Schnee leuchtend, die breite Kuppe des höchsten Kilimandscharorückens in die Ferne, auf die der Zug sich wandte. Er durchfuhr eine Buschsteppe. Der Schlot der holzgeheizten Lokomotive schoß hohe, wilde Feuergarben in das frühe Licht und die trockenen Steppe. Nur alle zwei Stunden hielt er an einem einsamen Häuschen, das eine Station darstellte. Sonst nichts wie zwischen spärlichen Büschen, Tellerakazien, Kandelabereuphorbien und den klotzigen Einsamgängern von Affenbrotfruchtbäume das löwengraue Fell der Steppe, in der die Löwen so zahlreich sind, und so viele Opfer an Arbeitern schlugen, daß der Bau der Bahn zeitweise unterbrochen werden mußten.

Den Erbauern und Besitzern sind mit dieser Bahn traurigste Erinnerungen verbunden, denn sie verdankt ihr Entstehen dem letzten Krieg. Sie bot die einzige Möglichkeit, durch den Durchlaß dieser Landschaft Truppen in genügender Zahl in den Norden von Deutsch-Ost zu bringen, der südlich und nördlich durch die natürlichen Festungen von gebirgen geschützt war.

Schon sieht man den baumannhügel auf der Steppe erstehen, auf dem die deutschen Truppen Geschütze hatten, zusammen mit den Verschanzungen in den Sümpfen und Hügeln, die das Durchdringen der Engländer zu einer der blutigsten Episoden aller kriegsplätze machten. Ein großer Teil der 100 000 afrikanisch-englischen Toten liegt hier in der Erde, und im Friedhof von Tapete vereinen sich mit ihnen auch manche Deutsche.

Kahe Junction ist die Grenze Tanganjikas. Für alle englischen Länder wie der Kolonien wird von deutschen Reisenden nur ein Paß verlangt. Doch für das betreten des früheren Deutsch-Ost braucht es ein besonderes Visum. Aber ich habe umsonst meinen Paß aus dem Gepäck gewühlt. der Zug hält lange in Kahe, noch länger als an anderen Stationen, aber niemand zeigt sich neugierig nach mir, der ich der einzige europäische Reisenden im Zug bin, noch nach meinem Visum. Es ist nicht einmal eine Uniform zu sehen, ebenso wenig wie ein Grenzpfahl.

Ist das ein Zeichen, wie sicher sich die Engländer im Besitz der ehemaligen deutschen Kolonien fühlen, die ihnen nun als mandat anvertraut ist? Ich erinnere an die Vorgänge, die zum Verlust der deutschen Kolonien in Versailles führten. Sie wurden nicht als "Kriegstribution" einfach weggenommen ( England hatte wohl Rücksicht auf seine Bundesgenossen zu nehmen), sondern als Ursache der Wegnahme wurde ausdrücklich angegeben, daß die Deutschen in der Art der Verwaltung und der Behandlung der Eingeborenen sich unmenschlich gezeigt hätten und unwürdig wären, Kolonien zu behalten. So ließ sich, im Verfolg seines Verleumdungsfeldzuges, der die praktischen Auswirkungen des andern zu verschleiern und vertiefen hatte, England vom Bund der Völker die Mehrzahl der Kolonien zu Treuen in die Hände legen... England, das sich in den Vereinigten Staaten, in Kanada, in Australien usw. als Meister in der Verhandlung der vorgefundenen Eingeborenen erwiesen hatte, indem es sie einfach wegmordete.

Ich traf also unkontrolliert und mit einem überflüssigen Visum ausgestattet, für das dem britischen Generalkonsulat 8 sh bezahlt worden waren, von denen ich nicht annehme, daß sie diehauptsache daran waren, im ehemaligen Bahnhof von moschi ein.

Sah in dieser Stadt, deren Namen schon vor dem Kriege in Deutschland geläufig ist, eine in planlosen Fetzen in eine dampfige Senkung geworfene Niederlassung. reizlos und unschön, ohne leitende Absicht; auch stark verwahrlost, was unter der deutschen Zeit geboren und gepflegt worden. Sah neue Bauten in privatem Besitz erstehen. Die öffentlichen Bauwerke: Krankenhaus, Bahnhof, Bezirksamt usw. sind dieselben, die die deutschen gebaut haben.

Auf einem Dutzend der 20 bis 30 zählenden Gebäude stehen auch wieder die Namen deutscher Geschäfte. Der "Inder-Basar", d.h. der Stadtteil, in dem die indischen Kleinhändler ihre Verkaufsbuden haben, die zum Teil noch aus Wellblech sind, wächst im Verhältnis mit der Zahl der Inder, die in der ganzen Kolonie von etwa 7 000 im Jahre 1913 auf 35 000 im Jahre 1929 angestiegen sein soll.

Ein wenig von Wildwest, von einem bescheidenen Wildwest, ist noch in Moschi. In dem einen Hotel, in dem ich zuerst wohnte, stürzte der regen durch die Decke mitten in mein Bett. Als ich nach einer Reise ins Hinterland zurückkam, ging ich ins ander und bat, staubbedeckt von der ausfahrt, den Wirt am Abend um ein Bad.
"Sie können gleich baden", sagte er, "warm und kalt. Nur die betreffenden Hähne aufdrehen."
"Großmaul", dachte ich, von Erfahrungen gesegnet. Wo sollte er eine Zentralheizung her haben?
Aber wirklich lief der warme Hahn warm, wie der kalte kalt lief. das war ein Wunder in diesem Kilimandscharo Wildwest.

Ich ging nachher etwas herum. Von einem Feuer angelockt, das hinter dem Badehaus des Hotels in der Nacht breit und unter einer großer Platte brannte. Eingeborenen lagen auf dem Boden. Nähergekommen, erkannte ich, daß die eisenplatte mit einer Anzahl jener Blechbehälter vollgestellt war, in denen Benzin verschickt wurde. Wasser kocht darin. Ab und zu trug einer der Eingeborenen einen von ihnen zum Badehaus und goß ihn in ein Eisengafäß, das dort auf einen Bock gestellt war, und an das eine Röhre anschloß. Das war die Zentralheizung des Hotels Mawenzin in Moschi.

Mangobaeume

Und sie war das einzige, was einen Reiz in Moschi hatte; selbst den paar öffentlichen Gebäuden aus der Vorkriegszeit fehlte jener Anflug von Romantik, der oft sehr reizvoll die deutschen Kolonialbaumeister ihren Bauten zu geben liebten.

Diese Armseligkeit von Menschensiedlungen ließ Gott in einer der größten Landschaften seiner Schöpfung bauen. Der Kilimandscharo erhebt sich aus dem Schoß der Erde wie eine kosmische Woge, einsam wie der Fujijama, der Säntis, der Chimborasso. Zwischen zwei Gipfeln, dem mit einer ewigen, schweren und leuchtenden Eisdecke überzogenen Kibo (über 6000 Meter) und der von den Jahrzehntausenden zersägten Burg des Mawenzi schwingt die wunderbare Brücke des langen Rückens, aus dem die Flanken in unbegangene Schluchten herabtobten, erst Eis -dann Steppe -, dann Urwaldbedeckt. Bis vor den Häusern der Menschen her die Kaffeepflanzungen den Fuß des Berges anschwemmen.

Dieser Anblick vom Kilimandscharo, Ziel meiner Reise nach Moschi, wird mir immer im Gedächtnis bleiben.

Quelle: Norbert Jacques, November 1930, aus Kunst/Wissen/Leben/, Berlin, von rado jadu 2000

PS. Die Meinung über England ist eine aus der damaligen Zeit.

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