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Raubwild und Dickhäuter
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A. Die Jagd der Eingeborenen auf Flußpferde auf dem Njassasee
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Häufig hatte ich am Njassastrand in den frühen Morgenstunden oder auch am Tage, wenn der See wellenlos lag, die Umrisse der der Flußpferdjagd obliegenden Wakissi beobachtet. In Kanus, die sechs bis acht Leute fassen, stand am Bug der Harpunier mit der Harpune, die stets auf dem nach oben ausgestreckten Arm wagerecht gehalten wird. Immer folgte ein Kanu ohne Harpunier. Nie waren es aber mehr als zwei Kanus, die gemeinsam fuhren. Vom Land aus gelang es mir nicht, den Augenblick des Harpuniers zu erspähen, wohl aber sah ich mehrmals die Leute mit ihrer Beute im Schlepptau heimkehren und diese im seichten Wasser zerlegen. Ende des Jahres 1902 konnte ich die Angst des Wakissihäuptlings Mandemera, daß mir ein Unfall zustieße und er dann dafür verantwortlich gemacht würde, besiegen und ihn breitschlagen, mich auf solche eigentümliche Jagd mitzunehmen. Zunächst will ich kurz die Ausrüstung beschreiben. Die beiden Kanus boten Platz für vier bis sechs Personen, trugen aber im Notfall das Doppelte. Es waren ausgehöhlte Baumstämme, deren Öffnung oben breit genug war, daß ich, ohne mich seitwärts zu drehen, im Niedersitzen meine Hüften hineinbrachte. Zu jedem Boot gehörten vier Mann mit dem am Njassa gebräuchlichen kurzstieligen Paddelruder mit lanzettlichen Blatt, das, ohne am Bootsrand aufgelegt zu werden, mit beiden Armen gehandhabt wird. Die Ruderer sitzen am Boden des Bootes mit vorgestreckten Beinen und bewegen nur den Oberkörper beim Rudern. Die Harpune ist ein am Blatte oval geschmiedetes und haarscharf geschliffenes Eisen von 6 cm Länge und 4 cm Breite. Oberhalb des Blattes steht als Widerhaken ein eiserner Dorn von der Dicke und Länge eines kleinen Fingers, dann folgt eine mit einer Öse versehene Lasche. In dieser ist eine aus Hanffaser festgeflochtene Leine gut verknüpft. In die Lasche wird locker ein aus hartem, zähem Holz gearbeiteter, fünf Meter langer Schaft gesteckt, an dem die Harpune durch die an der Öse befestigte Leine festgezogen wird. Bei Lockerung der Leine trennt sich die Harpune sofort vom Schaft. Der Schaft von Handgelenkstärke wird durch monatelanges Liegen im Schlamm mit mehrmaligem Erhitzen über Feuer besonders schwer und wuchtig gemacht und wiegt dann gebrauchsfähig fünfunddreißig bis vierzig Pfund. Man muß die Harpunenführer bewundern, daß sie stundenlang dieses Gewicht auf dem erhobenen Arm balancieren können. Die oben erwöhnte Leine ist sechzig bis siebzig Meter lang und liegt sauber aufgerollt hinter dem Harpunenträger. Eine zweite ist zur Reserve vorhanden. Dann kommen auf jedes Boot noch zwei Dutzend starke Speere mit 30 Zentimeter langem, dreieinhalb bis vier Zentimeter breitem Blatt. Die Speere sind mit Blatt etwa 1,6 m lang. An einem windstillen Morgen fuhren wir bei der ersten Dämmerung ab. Östlich von uns sah und hörte man schwach einige Flußpferde, die, aus der Lufiriomündung kommend, langsam in den offenen See zogen. Ich befand mich im Boot beim Harpunenträger dem Häuptling Mandemera selbst und hatte, weil ich von dieser Art Jagd noch nichts verstand und daher sonst passiv bleiben wollte, die Beaufsichtigung der Leine übernommen, um möglichst genau vom Bug aus beobachten zu können. Ich hatte bis auf Hut, Hemd und Hose alles abgelegt, um gegebenenfalls im Schwimmen nicht behindert zu sein, falls das Boot zum Kentern kam, was häufig vorkommen sollte. Außer uns beiden trug das Boot vier Ruderer. Das zweite Boot war ebenfalls mit vier Ruderern bemannt und trug noch einen Mann und einen Jungen. Jener sollte speeren, der Junge ihm Ersatzspeere reichen. Klar grün schimmerte das Njassawasser. Es war so durchsichtig, daß man am Bug, ohne verzerrte Bilder zu bekommen, auf dem Sandboden jedes Steinchen schimmern und jeden Fisch schwimmen sah. Der See mochte fünf Meter tief sein, wie ich mich belehren ließ. Mandemera bestimmte die Tiefe nach der Farbe des Wassers. In einem Kilometer Abstand von den Flußpferden fuhren wir zunächst zu diesen parallel. Dann wurde ein Bogen geschlagen, der die Tiere zwischen uns und das Land brachte. Da sich auch die Flußpferde gleichzeitig vom Ufer entfernten, waren wir etwa 6 Kilometer weit draußen im See. Nun warteten wir mit eingezogenen Rudern. Oft war von den Flußpferden nichts zu sehen. Sie schwammen unter Wasser; näher und näher kamen sie. Erst sah man eine Fontäne zerstäubten Wassers aufsteigen, dann erst hörte man den den prustenden Ton, der durch das Ausstoßen der Luft verursacht wird. Auf 150 Meter waren sie jetzt an uns herangekommen. Es war 7 Uhr morgens. Nun suchten sie seitlich auszubiegen, da sie wohl die feindliche Absicht witterten. Unsere Ruderer traten in Tätigkeit, und Mandemera stellte sich in Positur, wie ich sie so häufig vom Land aus beobachtet hatte. Das zweite Boot fuhr in drei Meter Abstand eine halbe Bootslänge hinter uns. Nun waren wir heran. Zehn Meter vor uns tauchte der Wassersprudel auf. Dann hob sich das Tier mit halben Körper aus dem Wasser und versank lautlos. Es waren vier Flußpferde. Mandemera hatte es auf das letzte abgesehen. Er schien es unter Wasser genau im Auge zu haben, ich konnte nichts sehen, da ich saß. Da tauchte vor uns in fünf Meter Entfernung die Nase auf und war auch schon wieder unter Wasser. Jetzt sah auch ich das Tier unter Wasser. Ganz rosig durchscheinend schimmert seine Haut, ganz verschieden von dem sonstigen bräunlichen Ton. Nun tauchte es zwei Meter seitwärts vor uns auf, sofort wendeten unsere Boote. Wieder schwamm es unter uns. Es schien mir greifbar nahe. Mandemera sagte, ohne seine Stellung zu verändern, es schwimmt zu tief. Wohl eine Stunde folgten wir dem Flußpferd und bewegten uns kreuz und quer fahrend dem Lande zu. Wir waren nur noch etwa vier Kilometer vom Strand entfernt und die anderen Flußpferde weit draußen im See. Mandemera sagte mir, ich stoße nur, wenn es nach oben schwimmt, um Luft zu holen. Dies geschah alle drei bis fünf Minuten. Wie mir schien, verpaßte der Häuptling gute Momente. Plötzlich sah ich, wie Mandemera die Spitze der Harpune langsam senkte. "Gib auf die Leine acht!" rief er mir zu. Das Flußpferd tauchte auf, wieder hatte er nicht gestoßen, und ich fing an, ungeduldig zu werden. Jetzt erhob er sich auf den Zehen, und die Harpune mir beiden Händen fassend stieß er zu. Ich spähte über den Rand und sah, wie sich das Flußpferd im Wasser überschlug. Indem ich hastig die Leine abwarf, sah ich, wie Mandemera jetzt den harpunenlosen Schaft in der Rechten hielt und durch die Linke die Leine gleiten ließ. Halb links waren wir über das Flußpferd hinweggefahren. Jetzt tauchte es auf, etwa 10 Meter rechts von uns, seine Wasserfontäne war hellrot vom Schweiß. Rückwärts fahrend hatte Mandemera den Harpunenschaft abgelegt und ließ sich von mir einen Speer reichen. Ungefähr zwei Drittel der Leine waren abgelassen. Mandemera faßte sie jetzt straff und sagte zu mir "festhalten"; schon merkte ich das Reißen des flüchtenden Tieres. Ich spreizte meine Knie, um fest im Boot zu sitzen, und ließ die Leine am Bootsschnabel aufliegen. Tief neigte sich dieser nach dem Wasser; obwohl die Ruderer Gegengewichte gaben, nahmen wir doch Wasser über, das ein Mann eilig mit einem halben Flaschenkürbis ausschöpfte. Vierhundert Meter hatten wir so in schneller Fahrt, vom Flußpferd gezogen, zurückgelegt, das zweite Kanu hielt sich an unserem Boote fest. Mandemera und ich hatten scharf zu halten, weil wir die Last beider Boote schleppten. Plötzlich wird die Leine schlaff, den ganzen Kopf außer Wasser, kommt das Flußpferd laut brüllend auf uns zu. Mir wurde beklommen zumute. Mandemera ging wieder an die Spitze des Bootes, und die Ruderer ruderten mit Kraft rückwärts. Jetzt ist das Tier so nahe, daß ich im Geiste schon unser Boot splittern sehe. Da hat es Mandemeras Speer im Rachen, es schüttelt wütend den Kopf und beißt zu, der Speerschaft zersplittert. Rasch reiche ich Mandemera den bereitgehaltenen zweiten Speer. Er kommt aber nicht mehr zum Stoßen, denn das zweite Kanu kam heran, und blitzschnell hatte sein Speerträger zweimal zugestoßen. Das Flußpferd warf sich hintenüber, etwa wie der Stier den Kopf hochwirft, auf den Schmerz reagierend, wenn er die erhoben gehaltenen Banderillos in den Nacken empfängt, so daß der Torero Zeit hat, zu entfliehen. Schon ist er wieder an der Oberfläche. Die Ruderer leisten Fabelhaftes im schnellen Wenden und Vor- und Rückwärtsfahren. Blutiger Schaum breitet sich auf dem Wasser. Mehrmals noch haben die Speerhalter beider Boote Gelegenheit, zuzustechen, die Bewegungen des Tieres werden matter, die Speerstiche bei jedem Auftauchen häufiger und tiefer. Jetzt ist das Flußpferd wieder oben, es liegt halb auf der Seite. Mandemera stich so heftig zu hinters Blatt, daß er ins Wasser springen muß, der Speer bleibt stecken. Noch einmal bäumt das Tier auf, uns mit flockigem Schweiß übersprühend, dann sinkt er langsam weg. An der Leine wird es bis an die Oberfläche geholt und noch ein Strick an sein Bein gebunden. Dann werden beiden Stricke am Boot festgemacht. Das andere Boot legt sich uns vor. Mandemera und ich halten es mit den Händen fest und, das Flußpferd im Schlepptau, geht's dem Lande zu. Gegen elf Uhr hatten wir wieder Boden unter den Füßen. Die Beute lag drei Meter vom Strand entfernt im See, weil wir sie im seichten Wasser nicht weiterziehen konnten. Es war ein junger Bulle. Das ganze Dorf hatte sich schon versammelt mit Messern und Körben, um das Fleisch abzuholen. Ich sah mir zunächst die Speerstiche an, die zehn Zentimeter breit waren. Vergeblich versuchte ich, einen Speer durch die Haut zu stoßen. Sie federte wie Gummi, und zum Schluß hatte ich das Blatt ganz verborgen. Es scheint bei der Anwendung dieser Waffe, die ich ihn ihrer Weichheit mit den Händen fast wieder gerade biegen konnte, mehr Geschicklichkeit als Kraft nötig zu sein. Dann ließ ich mir die Harpune herausschneiden, um zu sehen, wie sie saß. Fünfzig Zentimeter weit war sie seitlich in den Nacken gedrungen und hing mit dem Widerhaken am Kehlkopf. Vor dem Zerlegen ging ich nach Hause. Meine Nerven erschlafften stark nach der aufregenden Anspannung, und ich habe auch keine weitere Mitwirkung an derartiger Jagd angestrebt, obwohl sich mir späterhin mehrfach Gelegenheit bot, d.h. die Leute keine Angst mehr hatten, mich mitzunehmen, da diesmal die Sache gut abgelaufen war. Ein Gewehr hatte ich deshalb nicht mit ins Boot genommen, weil ich zu damaliger Zeit nur eine gute Waffe besaß, die ich nicht verlieren wollte, falls das Boot kenterte, wie mir vorher ausgemahlt wurde. Sonst hätte ich dem Tier bald den Fangschuß gegeben, nachdem es an der Harpune saß es hat eben nicht jeder eine Negernatur , Gelegenheit hätte ich dazu gehabt. Quelle: Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika,Hans Besser, Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde 1916, Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, von rado, © Jadu 2000. |
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Die Jagd der Eingeborenen auf Flußpferde auf
den Njassasee
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