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Raubwild und Dickhäuter in
Deutsch-Ostafrika

von
Hans Besser

B. Flußpferde im Rikwasee

Gegen Ende des Jahres 1907 hielt ich mich einige Wochen am Rikwasee auf. Die Gegend ist recht spärlich bewohnt, wegen der sehr geringen Regenfälle unfruchtbar und sehr, sehr heiß. Groß ist dagegen der Wildreichtum, und in dem Mittagsstunden ist stellenweise nichts zu sehen vor dem Staub der sich wälzenden Zebras und der herumgaloppierenden Hartebeeste, denen das Brackwasser des Sees und das Gras der Salzsteppe so vorzüglich bekommt, daß ich nie wieder Tiere in solchem Ernährungszustande sah wie dort. Das Wasser ist belebt von Scharen von Watvögeln. Rosa und weißen Wolken gleich fliegen unzählige Flamingo und Pelikane über das Wasser, das großen Fischreichtum — allerdings vorwiegend wenig schmackhafte Welse — beherbergt und außerordentlich viel Schildkröten und Krokodile zum Aufenthalt dient.

Flußpferde sind im Verhältnis zu anderm Wild nur wenige vorhanden, Nashörner wechseln ganz selten vorbei, und Elefanten durchschreiten den See nur alle Jubeljahre einmal. Nur einmal sah ich drei Elefanten mitten im See stehen. Ich hielt sie erst für Flußpferde, da sie nur etwa eineinhalb Meter über dem Wasserspiegel sichtbar waren, und dann betrug auch die Entfernung einige Kilometer.

Nach Westen zu ist der See in der Trockenzeit für Fußgänger durchschreitbar, südlich ist das Wasser so flach, daß man nach sechshundert Metern vom Ufer nur bis an die Knie im Wasser steht. Im Osten sind die Ufer versumpft durch den einmündenden Songwefluß, und nur im Norden fallen die Ufer steil ab.

Mir war neben anderen Nahrungsmitteln Butter und Fett ausgegangen. Von den Fettschwanzschafen hatte ich nur noch eins, dessen "Fettschwanz" leider seine Rasse Lügen strafte und nur als schlaffer Hautlappen herunterhing. Meine Mahlzeiten wurden täglich miserabler. Der Koch gestand sein Unvermögen, ohne Fettstoffe Abwechslung in die Küche zu bringen, und ich mußte ihm in dieser Beziehung recht geben. Ein Pumpversuch bei den Mönchen der "Weißen Väter" in Galula zeitigte eine Flasche Erdnußöl, mehr konnten sie wegen eigener Ebbe nicht entbehren. Was sollte ich mit diesem "Tropfen auf den heißen Stein" anfangen? Da fiel mir ein, daß ich im Kolonialkochbuch gelesen hatte, "der Speck des Flußpferdes ist sehr wohlschmeckend und in den Tropen bekömmlicher als Schweinespeck," es standen da allerdings auch noch andere Sachen drin, wie "Affenrücken zuzubereiten" — brrr, mich schüttelte es, — aber versuchen konnte man es immerhin. Ich lagerte in Kadabula und hatte sowohl an die Süd- wie an die Ostseite zwei gute Wegstunden bis zum See. Rasch ließ ich Pferd und Maskatesel satteln und machte mich in Begleitung meines Pferdejungen auf den Weg. Die Südseite, die ich für die aussichtloseste hielt, entsprach meinen Erwartungen. Mit dem Glas sah ich im Osten des Sees mehrere Flußpferde im Wasser spielen. Also gut, nach Osten. Zwei Kilometer vor dem See mußte ich Pferd und Esel zurücklassen, da das Gelände sumpfig wurde. Zahlreiche Moorantilopen, die Ricken in Sprüngen, die älteren Böcke einzeln, sprangen knätschend im Sumpfboden ab. An Wildbret lag mir nichts, meine Trophäen wiesen gute Stücke auf, und aus diesem Grunde schoß ich nicht; sodann wollte ich mir auch die Flußpferde nicht vergrämen.

Eine filzige Rasendecke bedeckte den Sumpf. Wie auf Eiern lief ich vorwärts. Bei jedem Stehenbleiben spülte Wasser um meine Schuhe, und die Rasendecke zitterte bei jedem Schritt mehrere Meter im Umkreis. Einigemal trat ich durch und zog den Fuß bis übers Knie mit grauem Schlamm bekleistert wieder heraus. Als ich erst ordentlich eingeschlammt war, kam ein Gefühl der Gleichgültigkeit dagegen auf. Eine dünne Binsenlinie versperrte mir noch den Ausblick auf den See. Endlich hatte ich sie überschritten, aber wo waren die Flußpferde? Mehr als sechshundert Meter draußen im See. Überall standen Krokodilköpfe auf dem Wasser. Sollte ich weiter ins Wasser hineingehen? Die Krokodile sind hier sehr friedlich, da sie überreich Fischnahrung haben und von Menschen wenig belästigt werden. Ich versuche es, aber nach dreißig Metern ging mir das Wasser schon bis an die Hüfte, und ganz vertrauenerweckend war mir die Nähe der Krokodile doch nicht. Unverrichteter Sache kehrte ich wieder um, denn ich sagte mir: Schieße ich wirklich ein Flußpferd, wer holt es mir heraus? Da ich das Fett für den Tisch verwerten wollte, mußte es wenigstens frisch geborgen werden, ehe Zersetzungsgase den Auftrieb besorgten.

Zu Haus fragte ich den Sultan Mwen Iwunga, ob er mir nicht sein großes Kanu zur Verfügung stellen könnte. Er behauptete aber, das Befahren des Sees wäre nur in der Regenzeit möglich, wenn der Songwe hoch sei, jetzt wäre durch die verschilfte Mündung nicht durchzukommen. Wenn ich Flußpferde schießen wollte, müßte ich abends gehen oder zeitig vor Tagesanbruch, da wären sie an Land. Früher, wo er noch rüstig gewesen sei, hätte er es immer so gemacht und Erfolg gehabt. Also ritt ich abends wieder hin und fand die Flußpferde genau so weit draußen, wie am folgenden Morgen. Sie mußten erst spät in der Nacht aussteigen und nicht sehr lange äsen. Der Mond war aber noch zu klein, um nachts schießen zu können.

Gekochtes Wildfleisch und Reis, das ich früh, mittags und abends vorgesetzt bekam, konnte ich aber kaum mehr sehen und riechen. Nach fünf Tagen hatten wir endlich Vollmond. Elf Uhr nachts war ich wieder an Ort und Stelle und zitterte förmlich vor Aufregung, daß die Flußpferde vielleicht an einer entfernteren Stelle aussteigen könnten. Ich nahm meinen Fährtensucher mit, um jemand bei mir zu haben. Kaum waren wir am Wasser angekommen, so hörten wir ein Rauschen; es wurde still, dann rauschte es wieder. Nun können wir auch sehen. Drei Flußpferde kommen aufs Land zu. Sie haben schon Grund und den halben Leib außer Wasser. Alle paar Schritt bleiben sie stehen. Jetzt sind sie nur noch hundert Meter entfernt, jetzt noch vierzig. Wir wollen sie erst aussteigen lassen, und ich will dann möglichst nahe herankriechen, da ich trotz des hellen Mondes schlecht zielen kann.

Kaum liegen wir hinter einem ausgesuchten Grasbüschel, so legen die Flußpferde die letzten vierzig Meter in ziemlichem Eiltempo, das Wasser aufrauschen lassend, zurück und sind am Land. Sie sinken bis an den Bauch im Sumpf ein und fangen sofort lebhaft, fast gierig an zu äsen. Silbern glänzen die feuchten Leiber im Mondlicht. Vorsichtig schiebe ich mich zwischen den Binsen entlang. Ich war schon zu weit gekrochen, nur ein Meter trennte mich vom mittleren Tier. Indem ich mich seitlich zurückschob, hoffte ich, daß das Flußpferd bald durch eine kleine Lichtung in den Binsen hindurchkommen würde. Nun erschien der Schädel, und nun der Körper. Zwei Meter war ich von ihm entfernt und ließ fliegen, aufs Blatt abkommend. Im Augenblick war ich auch aufgesprungen und von dem an mir vorbeirasenden Tier wieder hingeworfen worden. Als ich hoch kam, sah ich es bereits zusammenbrechen. Da pustete das letzte Flußpferd heran. Ich trug ihm einen Schuß an und lief dann in vier Meter Abstand neben ihm her und feuerte im Laufen noch dreimal.

Es hat das Wasser erreicht; nun taumelten es und tut sich noch hart am Ufer nieder. Das Nebenherlaufen war übrigens gar nicht so einfach. Bei jedem Schritt trat ich tief in den Sumpf, und es muß ein komisches Bild gewesen sein, wie ich meine Sätze machte und immer den hinteren Fuß aus den Sumpf ziehen mußte. Dem Flupferd ging es aber auch nicht besser. Am nächsten Morgen bezeichnete eine tiefe Rinne die Schleifspur seines Bauches; zu beiden Seiten standen die Löcher voll Wasser, wo es tief eingetreten war.

Die Moskitos hatten mich ganz eklig zugerichtet, und meine Augenlider waren von den Stichen dick verschwollen. Einen jungen Bullen und eine sehr alte Kuh hatte ich zur Strecke gebracht. Speck hatte der Bulle gar keinen und die Kuh nur ganz wenig. Mit dem Bauchfett zusammen schmolz mein Koch nur etwa vierzig Pfund daraus. Geschmeckt hat's übrigens ganz leidlich, ich war aber auch lange genug für den Genuß vorbereitet und hätte auch übleren Sachen einen guten Geschmack abgewonnen.

Quelle: Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika,Hans Besser, Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde 1916, Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, von rado, © Jadu 2000.


Bild

Durch ein Dickhäuter-Eldorado

Flußpferde im Rikwasee

 

 

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