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Raubwild und Dickhäuter
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C. Der alte Gomerobulle
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Ich hatte durch nächtliches Arbeiten meine Nerven etwas überanstrengt und konnte wieder einmal nicht einschlafen. Um nicht schlaflos im Bett liegen und naß zu schwitzen, lief ich auf meiner Veranda auf und ab und rauchte dann im Dunkeln im Klubsessel liegend noch eine Zigarette. Fortwährend hörte ich vom Gomeroflusse her das Schrecken von Buschböcken, und ich beschloß, mich am künftigen Tage, da ich gerade den Strich unter eine größere Arbeit gemacht hatte, selbst zu belohnen und auf einer kleinen Streifen am Gomero, der nur zwei Kilometer entfernt war, durch körperliche Anstrengung die Nerven wieder in das richtige Gleichgewicht zu bringen. Buschböcke sah ich zwar keine, dafür aber eine außerordentliche starke Flußpferdfährte. Nach zwei Stunden Folge durch übles Dickicht verlor ich die Fährte und kehrte mit zerrissenem Anzug und auch nicht ganz heiler Haut heim. Öfter, wenn ich in der Richtung auf die heißen Quellen den Gomero überschritt, um für meine Küche einen Wasserbock oder ein Hartebeest zu holen, traf ich diese alte Fährte wieder, so daß ich zu der Überzeugung kam, der alte Einzelgänger hat dort sein Standquartier. Ideal genug dazu war ja die Gegend. Dichtestes Phönixpalmengebüsch und schwerer Busch, der dicht mit Lianen bewachsen war, gab selbst bei heißester Sonne kühle Verstecke. Grünes Gras war am und im Gomero das ganze Jahr hindurch vorhanden. So zog ich denn eine Tages aus, um ausschließlich auf den alten Burschen zu pirschen. Leicht stieß ich auf die Morgenfährte, folgte ihr zum Flußbett und fand, daß mein Freund nur Wasser eingenommen hatte, indem er sich nur einen halben Meter ins Wasser begab. Schon früher hatte ich festgestellt, daß er seinem Namen wenig Ehre machte und das feste Land gegen das feuchte Element bevorzugte. Bald begann eine üble Kriecherei im dichtesten Gebüsch. Zahlreiche Phönixstacheln waren schon in meiner Haut abgebrochen, und der Schweiß badete mich förmlich. Ich trug mein Gewehr selbst, da mir mein Boy Raschid, den ich an Stelle des erprobten Saleh mitgenommen hatte, nicht zuverlässig genug war. Immer mußte ich auf diesen Rangen von Boy warten, da er wegen der Dornen für seine Haut überängstlich besorgt war. Jetzt finde ich Urin, der noch im Schaum steht, etwas weiter Losung, die noch tropft; da geht auch schon ein Getöse los, das mich schleunigst das Gewehr entsichert läßt. Ehe ich es aber noch auf den für einen Augenblick sichtbaren Hautfleck in Anschlag bringen kann, bricht der Bulle durchs Dickicht und reißt ganze Wände Lianen mit sich, die mir das Gesichtsfeld versperren und mit Arme und Gewehr nach unten drücken. So schnell wie möglich ging ich ihm nach; das brechen entfernte sich immer weiter von mir. Es wird freier, und ich hoffe, bei besserem Ausblick den Bullen irgendwo verhoffend zu sehen. Statt dessen wechselt er im Gelände mit groben Kies, wo er auch nicht die geringste Fährte hinterläßt. Einen Bogen schlage ich noch, als ich auch dann nichts finde, gehe ich mißmutig heim. Häufig wiederholen sich die Pirschen, die ich auf den alten Bullen unternahm, aber stets hatte er sich in undurchdringlichem Dickicht niedergelassen und nach Art alter schlauer büffel vor dem Niedertun einen Haken geschlagen, war parallel neben dem Wechsel zurückgekehrt und hatte sich ganz knapp an der Fährte in guter Deckung niedergetan. Er mußte also stets rechtzeitig durch Wind und Geräusch gewarnt werden. So oft ich es auch versuchte, ich kam nie zum Schuß. Weidlich wurde ich mit "meinem" schlauen Bullen geneckt, ein ganzes Jahr lang konnte ich seiner nicht habhaft werden. Doch auch ihn ereilte schließlich sein Schicksal. Von Hobola kommend, nahm ich eines Tages im Januar 1914 meinen Weg durch Busch und Steppe, da ich einesteils den Fußweg so oft gegangen war, daß ich ihn langweilig fand. Andernseits macht frisches niederes Gras und ein in der Nacht gefallener Regen den Boden so geeignet zum Fährtenlesen wie ein Neuschnee in Europa. Ich wurde auch reichlich belohnt und wußte bald, welche Wildarten und in welcher Zahl sie sich in diesem Gebiet aufhielten. Beim Durchschreiten des trockenen Oberlaufes des Gomeroflusses flogen seitlich erst zwei Schattenvögel (Scopus umbretta Gmel.) und dann einige Ibisse auf. Wie! Jetzt hier Wasser! denke ich und folge dem Flußbett. Richtig, eine ganze Strecke lang steht Wasser in dem lehmigen Bett. Fährten von Elefanten mit Kälbern und Rhinozerossen zeugten von häufigem Besuch der Wasserstelle, und da, was sehe ich, auch die unverkennbaren Fußabdrücke meines langgesuchten Flußpferdbullen. Da das Flußbett einen Bogen macht, den ich im Bett stehend nicht übersehen kann, kletterte ich am Ufer hoch und komme auf einen mit dem Fluß parallel laufenden Elefantenwechsel, dem ich folge. Als sich mir der nächste Ausblick auf das Wasser bietet, sehe ich endlich den Langgesuchten im seichen Wasser ruhen. Kreuz und quer ist sein mächtiger Rücken von vielen tiefen Narben bedeckt, die davon Zeugnis ablegen, daß er zahlreiche Kämpfe mit seinesgleichen im Werben um das Weibchen bestanden hat. Leichtere Narben deuten darauf hin, daß bei seiner Vorliebe für das Leben auf dem Land in kaum durchdringbaren Dickichten beim Eindringen in diese mit ungestümer, machtvoller Kraft seine Haut von zersplitternden Äaten ganz durchpflügt wurde. Ganz versunken in seinen Anblick stehe ich da und sehe vom hohen Ufer in sechs Meter Entfernung auf ihn herab. Das Wasser muß ziemlich seicht sein, denn er scheint zu liegen, und der Rücken ist mehr als einen Meter außerhalb sichtbar. Nun fangen seine Lauscher an zu spielen, und das blutunterlaufene Weiße in den Lichtern wird sichtbar. Langsam erst schiebt er sich vorwärts, nun springt er auf und rast davon, daß das Wasser hoch aufwirbelt. In seine Fluchtrichtung kann ich nicht schießen, da dichtes Zweiggewirr hinderlich ist. Also zurück auf den Elefantenwechsel, auf dem ich in eiligem Lauf vorwärts stürme, um ihm weiter oberhalb den Weg abschneiden zu können. Mein Boy Saleh, der zehn Meter vor mir lief, ruft mir zu: "Hierher, Herr ein Ausstieg, er muß gleich da sein." In ein paar Sätzen bin ich dort, springe auf den alten, tiefausgetretenen Wechsel, der von zur Tränke ziehenden Elefanten getreten war, hinab, schlage an, für einen Augenblick den Atem aussetzend wegen der Bewegung der hastig arbeitenden Lungen, die sich dem Körper mitteilt, und trage dem Bullen einen Schuß in den Nacken an. Für Sekunden ist er vom Anprall des 11,2- Geschosses betäubt;ich stehe jetzt einen Meter vom Wasser entfernt. Da faßt er auch schon am Ufer Fuß; eine Gewehrlänge trennt uns. Gerade als er den Körper krümmt, um sich hinten kräftig abzustoßen, damit er ganz aufs Land kommt, wobei er den Schädel tief senkt, gebe ich ihm, fast mit dem Gewehr sein Auge berührend, den zweiten Schuß. Ich taumle einen Schritt rückwärts, da ich schlecht Fuß gefaßt hatte und den Rückstoß von 5,5 Gramm Blättchenpulver ziemlich bedeutend ist, und sehe meinen Bullen langsam ins Wasser zurücksinken. Kurz ist sein Todeskampf, und die Beine rudern langsam im Schlamm. Zur Erinnerung mache ich eine photographische Aufnahme. Mein Boy Saleh plagt mich, auch mit dem Flußpferd photographiert zu werden, da er so oft vergeblich auf seiner Fährte mitgelaufen sei, und ich willfahre ihm. Den Schädel nehme ich als Trophäe mit, um ihn später in meinem Jagdzimmer in Deutschland aufstellen zu können. Rasch lasse ich die Fleischteile zur Erleichterung des Transportes herunterschneiden. Leider essen meine Leute als Mohammedaner das Fleisch nicht; ich schicke deshalb Nachricht auf eine Pflanzung, wo Wangonis aus dem Ssongeabezirk arbeiten; bald kommen sie auch in Scharen an, um sich diesen seltenen Leckerbissen zu holen. Doppelt freute ich über meinen Erfolg, da ich häufig vorher mit meinem sagenhaften Bullen geneckt worden war, und nun den Beweis erbrachte, daß Ausdauer und Festhalten am erstrebten Ziel auch auf der Jagd zum Schluß reichlich für die gehabte Mühe entschädigt. Quelle: Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika,Hans Besser, Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde 1916, Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, von rado, © Jadu 2000. |
