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Raubwild und Dickhäuter in
Deutsch-Ostafrika

von
Hans Besser


Durch ein Dickhäuter-Eldorado

Im Oktober 1912 reiste ich im Morogorobezirk in Deutschostafrika. Am Schnittpunkt der Morogoro-Mahengestraße mit dem Ruahafluß angekommen, sagte ich mir, daß es für mich wenig Zweck hätte, auf den bisher bekannten Wegen mein Reiseziel Kissaki zu erreichen, und ich beschloß, den Ruahafluß abwärts zu gehen bis zum Zusammenfluß mit dem Rufidji. Auf der Karte war der Ruaha auf dieser Strecke nur durch punktierte Linien angedeutet, eine Routenaufnahme längs des Flusses war mir also vorbehalten.

In den Ortschaften Kidatu und Kidoti versuchte ich, Eingeborenen zu finden, die vielleicht die in Luftlinie etwa 180 km lange Strecke schon zurückgelegt hätten. Keiner war beim Fischen nach den im Ruaha lebenden enorm großen Welsen weiter als 40 km gekommen. Europäer hatten den Weg noch nicht gemacht. Nur der mit Schomburgk Elefanten jagenden Engländer Kapitän Hemming war im Oktober 1908 dreißig Kilometer weit flußabwärts gelangt.

Auf der Missionsstation Widunda, die von meinem Lager nur zwei Stunden entfernt lag, und wo ich bei Mönch Lamberti gastfreieste Aufnahme fand, suchte ich mich weiter zu orientieren. Andere Auskunft als die, daß weder Europäer noch Eingeborenen diese menschenleere Gegend durchquert hätten, bekam ich auch hier nicht. In Gemeinsamer Beratung nahmen wir an, daß der Weg bis zu den ersten Ortschaften vor dem Rufidji in vier Tagen zu machen sei.

Da man beim Reisen in Afrika mit allen möglichen Zufällen rechnen muß, nahm ich für meine zwanzig Träger Verpflegung für sechs Tage mit, in der Voraussicht, unterwegs die Nahrungsmittel noch durch erlegtes Wild und gefangene Fische zu ergänzen. Ich warb in Kidoti noch vier Mann an, die die erste vierzig Kilometer lange Strecke kannten, zum tragen des Mehlvorrates, den meine Träger nicht mehr auf ihre Traglasten schnüren konnten. Am ersten Tage legten wir fünfunddreißig Kilometer zurück. Der Weg war prächtig, da die Grasbrände von den von uns verlassenen Ortschaften sich bis hierher ausgedehnt und die ersten leichten Niederschläge der kleinen Regenzeit einen üppigen niedrigen Grasteppich hervorgezaubert hatten. Das Schweifen des Auges ins Grüne weiß nur der richtig zu würdigen, der den trostlosen afrikanischen Winter, die Trockenzeit, kennt, in der alles gelb, starr und tot ist, und wo das Auge nur zwei bis drei Meter vor sich Ausblick auf den schmalen Fußweg hat, den die eigenen Träger oder eine frühere Karawane getreten haben.

Wunderbare Flußszenerien boten sich dem Auge dar. Das Flußbett war stellenweise dreihundert Meter und mehr breit, und da wenig Wasser floß, bildete der Fluß nur Rinnsale innerhalb eines Gewirrs von Sandbänken, die dicht mit aller Art Enten und Nilgänsen bedeckt waren.

Im Schlick wateten fischende Marabus (Leptoptilus crumeniferus Less.) und Löffelgänse (Platalea leucerodia Linn.). Ibisse steckten ihre gebogenen Schnäbel in den Schlamm, und wo im Fluß ein abgestorbener Baumstamm lag, dort wimmelten unter seinen in die Luft starrenden Ästen Madenhacker (Buphaga), Kuhreiher (Bubulcus lucidus. Rafin.), unter denen einzelne Edelreiher (Herodias alba Linn.) saßen und sich in der Reichsadlerstellung sonnende Kormorane (Phalacrocorax carbo Linn.).

Hoch in der Luft zogen Seeschreiadler ihre Kreise und erfüllten sie mit ihrem hellen, klaren Schrei. Einzeln oder zu mehreren hielten Krokodile auf den Sandbänken Siesta in der Sonne, um beim langsamen Näherkommen behäbig ins Wasser zu rutschen, oder, falls sie überrascht wurden, in eilig grotesker Stellung dem Wasser zuzuwatscheln und mit starkem Schwanzschlag Wassergarben aufzuwerfen, so daß auf der stelle, wo sie eingetaucht waren, noch einen Augenblick die Regenbogenfarben standen.

Von Haarwild waren mir nur Wasserböcke (Cobus ellipsiprymnus Ogilb. und Cobus defassa Rüpp.) zu Gesicht gekommen. Da niemand in dieser Gegend jagte, waren sie recht wenig scheu und trotteten mir nur gemächlich aus dem Winde. Dabei fiel mir auf, daß sie wohl unter einer Seuche leiden mußten, denn ihre Behaarung war ruppig und glanzlos, und die Rippen traten deutlich hervor. Später gemachte Blutpräparate kamen mir leider abhanden, so daß ich nach meiner Heimkehr nicht mehr feststellen konnte, ob es sich um Tsetse (Nagana) oder einen anderen Erreger handelte. Obwohl Tsetsefliegen (Glossina fusca und morstans) in übergroßer Menge uns beschäftigten, möchte ich doch nicht auf Nagana schießen, da mein mitgeführter Reitesel gesund blieb und erst ein Jaguar später sich an Nagana infizierte und einging, die Fliegen am Ruaha also wohl nicht infiziert waren.
Schießen wollte ich erst kurz vor dem Lager, um keine Schwierigkeiten mit dem Fleischtransport zu haben.

Die linke Flußseite war bisher ziemlich frei von Wald, die gegenüberliegende trug abwechselnd dichtesten Uferbusch und Hochwald, aus dem ab und zu einige Borassuspalmen lugten, die sich hier und da in kleinen Inseln als Palmenbusch vereinigten.

Die rechte Seite des Ruaha bildete von meinem Ausgangspunkt bis hinunter zum Rufidji die Grenze des großen Jagdreservates des Bezirkes Mahenge und war bekannt wegen ihres Reichtums an Dickhäutern. In allen wildreichen Bezirken Deutschostafrikas finden sich nämlich ein oder mehrere Reservate, die von der Regierung geschaffen werden, um dem Wilde Schutz und Schonung angedeihen zu lassen. Es herrscht eine scharfe Kontrolle, daß von Durchreisenden kein Schuß, und sei es auf Raubtiere, darin abgegeben wird.

Gegen zwei Uhr fing auch auf meiner Seite ein zunächst lichter Uferwald an, der den Fluß in zweihundert bis dreihundert Meter Breite begleitete und sich bis an die das Flußtal umsäumenden Hügel erstreckte. Das sonst aus abgebrannten Wiesenflächen wieder Frisch gesprossene Gras hatte hier aufgehört, und wir mußten von nun alte Elefantenwechsel benutzen, die überall längs des Flusses kreuz und quer führten. Da meine Leute erschöpft waren, machte ich gegen halb vier Uhr Lager. Ich machte mir eine Stelle aus, wo ich freien Überblick nach dem Fluß und auch nach der Landseite zu einer Lichtung hatte, und baute das Zelt in niedrigem Busch ein, um nach Möglichkeit die Tierwelt beobachten zu können. Meine Leute plagten mich um Fleisch, und nach vier Uhr machte ich einen kleinen Gang ums Lager, mehr um mich zu orientieren, als mit der Absicht, Wild zu erlegen. Nur für alle Fälle nahm ich einen Mann mit, der, wenn nötig, das rituelle Schächten besorgen sollte, da alle meine Leute Mohammedaner waren, die nicht durch Kehlschnitt getötetes Wildbret verschmähen. Unmittelbar nachdem das Wild durch den Schuß auf der decke liegt, muß der Schnitt unter Gebeten ausgeführt werden, solange das Blut der Halsschlagader noch fließt.

Wir schlenderten also zunächst fünfhundert Meter am Flußufer hin. Man kann da im weichen, feuchten Uferland am besten lesen, was alles zur Tränke kommt. Besonders zahlreich waren die Fährten von Wasserböcken, daneben lag Losung (Exkremente), die noch nicht ganz erkaltet war; die Tiere mußten also vom Zeltaufschlagen flüchtig geworden sein. Einige Warzenschweine waren auch zur Tränke gegangen.

Ein kleines Bachbett, da zurzeit trocken war, hatte Flußpferde zum Ausstieg an das höhere Flußufer gedient; der Wechsel war aber schon älteres Datums und die Losung prasselsürr. Wir folgten dem Bachbett aufwärts und sahen etwa dreißig Stück nur männliche Wasserböcke. Um sie dem Lager noch näher zu treiben, gingen wir, bis sie Wind bekamen. Es war mehr eine Spielerei von mir, aber der Versuch glückte. Durch langsames Nachgehen trieben wir sie bis auf hundert Meter aufs Lager zu. Plötzlich stutzten sie vor den Hohlenden Negern, und ich nahm auf neunzig Meter den stärksten Bock aufs Korn und ließ fliegen. Mit gesenktem Äser (Maul) ging er noch einige taumelnde Schritte näher zum Zelt und lag dann mit gutem Lungenschuß. Leider war er genau so mager, als die tagsüber gesichteten. Den Negern ist das ja ganz gleichgültig, meinen Appetit schärfte das kränkliche Aussehen jedoch nicht, und ich verzichtete auf den Genuß.

Nun, da die Leute ihren Willen, d.h. Fleisch zu ihrer Polenta hatten, gab ich mich der Ruhe hin. Schöner lockerer Sand am Ufer lockte zum Niederlegen, und die am Uferrand stehenden wilden Feigenbäume dämpften das noch immer grelle Sonnenlicht. Einige meiner Leute kamen zum Wasser, das einen klaren Tümpel von etwa Hektargröße bildete, und spülten die Därme des Wasserbockes, um sich diese Delikatesse mundgerecht zu machen. Wäre kein Wasser in der Nähe gewesen, so wäre es auch gegangen, indem die Därme einfach umgedreht und mit der Hand abgestreift worden wären.

Während ich den Leuten so zusehe, fällt mir auf dem Wasserspiegel in der Nähe der Spülstelle auf, daß kleine, aus dem Wasser ragende Zweige hin und her schwimmen, untertauchen und wiederkommen, so daß ein mechanisches Bewegen durchs Wasser ausgeschlossen erscheint. Ich rufe die Leute an, was das wäre, und erhalte die Antwort: cambale mingi sana — sehr viele Welse.

Na gut! Fisch hatten wir längere Zeit nicht gehabt, und wenn sie so gierig waren, wie die vor uns, so versprach das einen leichten Fang. Von einer Wasserbockkeule ließ ich das Fleisch abschneiden, band dann den Knochen an einen Strick, diesen an eine Baumwurzel und schnitzte mir dann einen Stiel zu meiner Hechtgabel, die ich noch aus meiner Jugendzeit besitze.

So, nun noch einen Nagel durchgetrieben, daß die Öse fest am Stock sitzt, und die Sache kann losgehen. Schon von weitem sehe ich, daß der Köder gut angekommen war. Der Strick wurde hin und her gezerrt, und einzelne Rücken schoben sich aus dem plätschernden Wasser. Vorsichtig ging ich näher. Es waren mächtige Kerle dabei, deren Bart über Bleistiftstärke Dicke hatte. Ich suchte mir einen mittleren von 1 Meter Länge aus und hatte ihn an der Gabel, die ich aber fest an den Grund drücken mußte, damit er sich nicht losriß. Ich schickte einen Mann ins Wasser, der untergreifen mußte, und mit gleichzeitigem Schwunge lag der Wels hilflos im losen Sande. Die anderen Welse nahmen keine Notiz von uns, sie mußten im Tümpel wohl nicht mehr allzuviel finden und waren deshalb so gierig, daß sie auf nichts mehr acht gaben. Die Gabel kam nun noch ein paarmal zur Anwendung, dann nahmen der mir helfende Mann und dazugekommene andere Träger einfach die Hände und warfen Fisch auf Fisch in den Sand, bis ich sagte: "Jetzt sind's genug!" Bald waren alle Fische kopflos und wegen ihrer Dicke der Länge nach halbiert; auf Stäbe gespießt und ums Feuer gesteckt, begannen sie ihren Räucher- oder vielmehr Dörrprozeß, für meine Nase allerdings kein idealer Genuß. Ist man aber erst über ein Jahrzehnt in Afrika, d.h. wirklich darin und nicht nur an der Küste und in Orten der Bahnlinie, dann ist die Nase auch an mancherlei Düfte gewöhnt, ohne ihrem Träger Übelkeit und Brechreiz zu verursachen, wie so oft im Anfang. Am nächsten Morgen waren so viele getrocknete Fische vorhanden, daß, nachdem sich jeder Träger die Menge auf seine Last geschnürt hatte, die er noch gerade zu tragen vermochte, neben den Rest des Wasserbockfleisches noch zwei Traglasten übrig blieben, die die in Kidoti mitgenommenen Mehlträger auf ihrem Rückwege mit nach Hause nehmen wollten; sie verschnürten sie deshalb sorgsam in Borassublätter und hingen sie zum Schutze gegen Hyänen drei Meter über der erde an einem Baum auf.

Frisch und fröhlich marschierte die Karawane dann an dem noch kühlen Morgen weiter. Viel Gelände gewannen wir nicht auf unserem Wege, denn Gestrüpp und hohes Gras zwangen uns, nur Elefantenwechsel zu benutzen, die außerdem nicht gerade in der gewünschten Richtung führen. Man muß daher oft Leute nach rechts gehen lassen, um festzustellen, ob wir uns auch parallel am Fluß halten. Diese Wechsel sind zwar, wenn weniger benutzt, am Boden in achtzig Zentimeter- bis Meterbreite gut glattgetreten, aber von der Seite ragen Dornenzweige herein, und von oben hängen armdicke Schlingpflanzen herunter, um die sich der Elefant zwar wenig kümmert, da er sie einfach beiseite drückt oder zerreißt, die aber den Trägern mit der Last auf dem Kopfe äußerst hinderlich sind, namentlich wenn die Last sperrig ist, wie das beim Zelttisch, dem Feldbett und den Zeltlasten der Fall ist. Mühsam müssen die Vordermänner dann mit dem Buschmesser Luft schaffen, was die Leute recht ermüdet. Damit ich zu allererst die Natur immer frisch vorgesetzt bekomme, gehe ich mit meinem Boy Saleh und einem alten Jagdbegleiter — Mohamadi Kungulio — der früher berufsmäßiger Elefantenjäger war, fünfhundert Meter voraus.

Wir warten nun und wollen die Karawane aufmarschieren lassen und dann den Leuten etwas Rast gönnen. Wir warten, warten, warten — nichts kommt. Endlich wird mir's zu bunt, und ich lasse Saleh laut rufen. Nach dem zweiten "Huiiiii" zupfte mich Mohamadi Kungulio am Ärmel — tembo kule, na kule, na kule — Elefanten dort und dort und dort, die Richtung mit dem zur Schnute geformten Mund angebend. Da höre ich schon meine Leute hinter mir aufschreien und für eine halbe Minute kracht's und prasselt's im Wald und Gebüsch, als ob ein Zyklon hindurchbrauste. Ich selbst sah für kurze Augenblicke vier Elefanten, die mit den Ohren schlugen und im Laufen den Rüssel nach allen Richtungen in die Luft warfen, um zu winden. Zwei kamen auf uns zu, zwanzig Meter in der Breite getrennt; wir blieben ruhig stehen, ohne uns zu rühren, und sie schlürften weiter auf die Karawane zu, ohne Notiz von uns zu nehmen. Wir steckten rasch das trockene Gras in Brand, um sie durch den Brandgeruch weiterzuvertreiben, und gingen dann zurück zu den Trägern. Hier lagen meine Lasten am Boden, von den Leuten keine Spur; erst nach mehrmaligen Rufen kommen einige zaghaft hinter Stämmen hervor oder von Bäumen herunter. Zu Schaden ist keiner gekommen, nur meine Lasten werden durchs hinwerfen etwas beschädigt sein. Nun lachen die Leute sich gegenseitig aus wegen der überstandenen Angst. Die vordersten hatten drei Elefanten schlafend stehen gesehen; nach der Beschreibung der Leute mußten wir auf sechs Meter an ihnen vorbeigegangen sein, hatten aber nichts gemerkt. In Angst hatten sich die Leute nicht weiter vorgewagt, sondern waren mit der Last auf dem Kopfe stehen geblieben und hatten erst nach dem "Huiiiii" die Lasten weggeworfen und waren ausgerückt, als einer der aus der Ruhe gestörten Elefanten die Richtung auf sie zu nahm. Es mögen insgesamt etwa dreißig Elefanten gewesen sein, die sich lang auseinandergezogen zur Ruhe untergestellt hatten.

Daß wir vorbeigingen, ohne die drei Elefanten zu bemerken, ist nichts Verwunderliches. Im dichten Blätter- und Astgewirr, aus dem nur Teile der Tiere sichtbar sind, läuft man sehr leicht vorbei; die Säulen (Beine) dieser großen Dickhäuter sehen Baumstämmen täuschend ähnlich, und oft hat die vorzügliche Mimikry (Anpassung an die Umgebung) meine nicht gerade schlechten Jägeraugen getäuscht, wenn ich auf frischer Elefantenfährte pirschte, und nicht, wie heute, Routen aufnehmend und nur beobachtend meines Weges zog.

Erzählte doch ein Spaßvogel, er habe einen Büffel vor sich gehabt, und zum sicheren Schuß an einem Stamme angestrichen (d.h. durch seitliches Anlehnen des Laufes an den Stamm dem Gewehr eine Stütze gegeben); nach dem Schuß wäre der Büffel davongelaufen, sein Stamm aber auch, und erst jetzt habe er gemerkt, daß er eine Elefantensäule für einen Stamm angesprochen habe.

Ist dies auch etwas toll geflunkert, so habe ich, wie viele Elefantenjäger, doch oft über eine Viertelstunde neben einem Elefanten gestanden, auf den ich achtlos gelaufen war, weil ich einen anderen, entfernteren schießen wollte, der nicht günstig stand. Solange der Elefant nicht Wind bekommt, reagiert er nur schwach durchs Gesicht und achtet auf Geräusche, die durch Gehen oder Brechen im Busch verursacht werden, recht wenig.

Nach dem überstandenen Schrecken ging es wieder weiter. Um ähnlichen Überraschungen vorzubeugen, zündete ich immer vorn das Gras an, womit ich gleichzeitig meinen folgenden Trägern das Zeichen gab, wie weit ich voraus sei, da sie an der Ausbreitung des Feuers merken konnten, wie lange es schon brannte.

Wir überschritten jetzt ständig Flußpferdepfade, die alle frisch begangen waren. Einem Pfad, auf dem die Losung noch so frisch war, daß sie noch Luftbläschen enthielt, folgte ich bis zum Wasser. Schon nach hundert Metern stand ich vor dem Ruaha, der sich hier durch eingelagerte Felsbänke seenartig erweiterte, d.h. er füllte trotz der Trockenheit das ganze Flußbett aus. Ein wunderbares Bild hatte ich, als ich den Wasserspiegel überblicken konnte. Mir gegenüber in fünfzig Meter Entfernung lagerten im seichten Wasser mehrere Flußpferde (Hippopotamus amphibius L.). Einzelne stiegen auf den Steinklippen umher, den ganzen Körper außerhalb des Wassers, und balancierten trotz des massigen Körpers geschickt auf den schmalen Stützpunkten herum. Andere jagten sich im neckischen Spiel im Wasser, und zwei junge Bullen probierten gegenseitig ihre Stoßzähne, indem sie Lippen gegen Lippen stießen. Fast sah es so aus, als ob diese massigen Mäuler sich zum Kusse berührten. Man hörte aber deutlich das Aneinanderklirren der Stoßzähne, die im Maul verborgen lagen, und konnte sich einen Begriff davon machen, wie es später im blutigen Ernst zuginge. Ein auf einer Sandbank liegender alter Bulle ließ deutlich erkennen, daß auch die dickste Schwarte Risse bekommen kann; in allen Richtungen war seine Rückenpartie vom Kampfe zerhackt, teils alt und weißlich verharscht, teils neueren Datums, an der rosigen Farbe erkennbar. Insgesamt mochten es mehr als vierzig Flußpferde gewesen sein, die da beisammen waren. Sie nahmen kaum Notiz von mir. Auf mein lautes Händeklatschen antwortete nur der alte Bulle durch tiefes Rohren, bemühte sich jedoch nicht aus seiner bequemen Lage. Von der anderen Gesellschaft hoben nur einige die Köpfe, schüttelten die kleinen Lauscher und pflegten dann weiter der Ruhe. Lange konnte ich mich von dem Bilde trennen, aber ich war noch nicht am Ende meines heutigen Marschzieles. Drei Stunden wenigstens wollte ich noch weiter gehen.

Alle Viertelstunden stießen wir letzt am Lande auf schlafende Flußpferde, die wir hoch machten, damit sie unter der nachfolgenden Karawane keine Verwirrung anrichten konnten. Eilig trotteten sie dem Flusse zu. Auf einen jungen Bullen waren wir bis auf ein 1 Meter aufgelaufen, ohne ihn im Grase zu sehen. Schießen wollte ich nicht, da ich mir nur einen alten Bullenschädel mitnehmen wollte und die Tiere hier fern von allen Anpflanzungen keinen Schaden anrichten können. Anfangs glaubte ich, er schliefe. Als ich aber eine kleine Seitenwendung machte, bewegte er seine Lauscher und drehte seine Lichter so nach mir, daß ich den blutunterlaufenen Augapfel sah. Ich winkte meinen beiden Leuten mit den Augen und wollte mich vorsichtig zurückziehen und ihn erst dann hoch machen. Ganz sympathisch war mir seine große Nähe nicht. Sowie ich den linken Fuß hinten aufgesetzt hatte und den Körper nachzog, sprang er auf, warf sich nach mir herum, und mit knapper not entging ich durch einen Seitensprung einem nach mir geführten Stoß; dann raste er auf meine beiden Begleiter zu, ohne jedoch Notiz von ihnen zu nehmen, als sie durch einen hastigen Satz aus seiner Fahrtrichtung flüchteten. Saleh wollte mir und Mohamadi Kungulio die Hand schütteln zur Beglückwünschung nach überstandener Gefahr. Mohamadi als alter Elefantenjäger lachte ihn aber aus und meinte wegwerfend: "Hm, ein Flußpferd ist kein Nashorn," womit er ja schließlich recht hat in zweifachen Sinne seiner Worte.

Wir kamen jetzt an einen versumpften Flußlauf, der von links auf den Ruaha zu führte. Dicht war der Sumpf mit Nymphazeen bewachsen, auf deren schwimmenden Blättern braune und schwarze Blätterhühnchen (Phyllopezus africanus Gmel.) trippelten. Bei unserer Annährung fingen sie an zu gurren, und dieser gurrende Ton setzte sich über den ganzen Sumpf fort. Zahlreiche Dickhäuter mußten hindurchgewechselt sein, denn nach allen Richtungen konnte man die Linien der im Gehen umgewendeten Nymphazeen sehen, deren rotbraune Unterseite sich deutlich vom übrigen Grün abhob. Hellgrüne Flecken bildeten die Fanna-Rosetten dazwischen. In der Mitte standen zwei Nimmersatte (Pseudotantalus ibis Linn.) auf einem Ständer und putzten sich das Gefieder. Weiter unten nach dem Fluß zu sah ich einige weiße Vögel, konnte aber auch durchs Glas nicht bestimmen, ob ich Reiher oder Löffelgänse vor mir hatte.

Um die Fährten am Rande des Sumpfes zu lesen, beschloß ich, ihn zu umgehen. Ich hatte dabei die Nebenabsicht, falls die weißen Vögel Reiher wären und Schmuckfedern trügen, einen bis zwei zu erlegen.

An Fährten stellte ich fest: drei afrikanische (Spitz-) Nashörner (Diceros bicornis L.), dann Flußpferde, Elefanten, Wasserböcke und Zebras sowie einen starken Löwen. Es waren wirklich Reiher (Herodias alba Linn.), wie ich auf hundertfünfzig Meter ausmachen konnte. Beim Näherkommen sah ich durchs Glas, daß nur einer gute Federn hatte, d.h. diese ragten über den Stoß als vom Wasser zusammengeklebtes Schwänzchen. Auf einem Flußpferdwechsel, der durchs Gebüsch führte, kam ich ungefähr auf vierzig Meter heran und holte mir den Federträger mit einem Schuß meines kleinen 6 mm- Bayardkarabiners, der, rauchlos beschossen, nur sehr schwach knallt. Mein Vogel schwamm sofort auf dem Wasser, und die anderen lüfteten nur etwas die Flügel. Mit dieser Beute war ich sehr zufrieden. Die Federn waren zwar durch das Schleifen im Schlamm an den Spitzen braungrau gebeizt, bei den trockenen Federn war aber nichts davon zu merken.

Ich stieß wieder zu meiner Karawane, die sich inzwischen ausgeruht hatte, und wir setzten den Weitermarsch fort. Bei Durchquerung eines Dickichts, das wenig Ausblick gewährte, schreckte uns plötzlich ein in allernächster Nähe ausgestoßener fauchender Grunzton. "Mbuisi", wilde Hunde (Hyänenhunde), sagte Mohamadi. Ich bückte mich möglichst tief und sah zwei Löwen von merkwürdig dunkler, ins Braune gehender Farbe, mit dunkelbraunem Kopf, mähnelos und nur halb so groß als ausgewachsene Löwen, weshalb ich sie für junge Tiere hielt. Mohamadi und Saleh hatten sechs Stück gezählt, und jener erklärte mir, daß es sich um "Buschlöwen" handelte, die nicht größer würden und stets in Rudeln jagten. Sie griffen Menschen niemals aus freien Stücken an, kämen auch niemals in die Nähe der Dörfer. Sobald jedoch einer von ihnen angeschossen wäre, gingen alle solidarisch zum Angriff über.

Vor sechs Monaten hatte mir Pater Jäckel von der Missionsstation Tununguo, ein sehr eifriger Jäger, erzählt, daß er einen solchen kleinen Löwen geschossen hätte, drei andere seien darauf geflüchtet. Ich hielt damals Pater Jäckels Beute für einen jungen Löwen, da ich mir einbildete, alles größere deutschostafrikanische Wild aus eigener Anschauung zu kennen, und sah nun, daß ich mich getäuscht hatte. Leider habe ich auch späterhin keinen dieser kleinen, kaum bekannten und bisher unbeschriebenen Löwenart wieder zu Gesicht oder gar zum Schuß bekommen.

Die überall im Grase liegenden Flußpferde wurden uns bald äußerst lästig; da sie in so großer Anzahl herumlagen, erlosch mein Interesse für sie. Einige Male folgte ich noch ihre Pfade bis zum Wasser und sah dann stets Flußufer und Sandbänke von ihnen bevölkert. Ich habe auf dieser Reise mindestens tausend Stück gesehen; da ich nur ab und zu Ausblick auf den Fluß hatte und dort stets eine größere Anzahl — zwanzig bis vierzig — sichtete, muß die wirkliche Menge ganz gewaltig sein. Kein Mensch hatte sie hier gestört, und andere Feinde gibt es wohl kaum für sie, da sie mit ihren Mitbewohnern des Wassers, den Krokodilen, friedlich auszukommen scheinen. Es mag höchstens ab und zu einmal ein Löwe ein junges Flußpferd schlagen.

Auf einer Insel, die zurzeit mit der Landseite trockene Verbindung hatte, schlug in das Lager auf. Ich hatte von hier aus Ausblick auf stark benutzte Tränkstellen an beiden Flußufern. Der Ruaha floß hier in nur vierzig Meter breiter Rinne in reinem Sandbett. Außer einigen großen Bäumen, die mir Schatten gewährten, war die Hälfte der Insel mit dichtem, hohem Schilfrohr bestanden. In dem trockenen Teil des Flußbetts waren zahlreiche, zum Teil tiefe Tümpel, die von sehr mannigfacher Vogelwelt bevölkert waren. Ich sah hier die ersten jungen Nilgänse (Alopochen aegyptiacus Linn.), die noch nicht flügge waren.

Gern hätte ich mir einige davon gefangen, da sie im Geflügelhof ganz zahm werden und auch späterhin nicht fortfliegen. Wir plagten uns aber bis Sonnenuntergang vergeblich. Sie hielten sich immer in der Nähe des Wassers und ließen sich durch keine List davon abschneiden. Auf dem Wasser aber war alle Mühe aussichtslos; sie tauchten so geschickt und kamen zwischen schwimmenden Blättern und Ästen unbemerkt wieder an die Oberfläche, wo man sie erst nach längerem Umherstreifen wieder entdeckte.

Als ich noch bei Tageslicht — um die durch das Lampenlicht herbeigelockten Insekten nicht ständig aus Suppe und Fleischtunke herauslesen zu müssen — meine Mahlzeit einnahm, die sich, wie stets auf Reisen, aus vereinigtem Mittags- und Abendbrot zusammensetzte, sah ich auf der rechten Flußseite (dem Jagdreservat) zwei Elefanten langsam auf den Fluß zu wechseln. Sie kamen bis auf einige Meter an den Fluß heran, knieten dort nieder und schaufelten mit den recht langen Stoßzähnen — an der schlanken Form der Stoßzähne erkannte ich sie als alte Kühe — den Sand auf. Dann erhoben sie sich wieder und halfen mit den Vordersäulen nach, um die Vertiefung größer zu machen. Sie warteten eine kleine Weile, sogen sich mehrmals hintereinander die Rüssel voll und entleeren sie in ihr Maul, dann wurden einige Rüssel voll über den Rücken und die riesenhaften, lebhaft hin und her bewegten Ohrmuscheln gespritzt. ( Der deutschostafrikanische Elefant (Loxodonta africana knochenhaueri Mtsch.) hat im Gegensatz zu Elephas maximus L (E.indicus) riesenhafte Ohren. Auch seine Stoßzähne sind erheblich größer und erreichen ein Gewicht von 300 Pfund und eine Länge von 2,8 Metern.), bis sie in steinerner Ruhe darstanden, in der hereinbrechenden Dunkelheit immer verschwommener und gewaltiger erschienen und sich schließlich ihre Schatten meinem Auge ganz auflösten. Leider erschien der Mond erst gegen vier Uhr morgens als letztes Viertel.

Von allen Seiten hörte ich in dieser Nacht Elefanten trompeten und beim Laubäsen in den Ästen brechen. Ab und zu gurgelte in dem lautlos fließenden Ruaha das Wasser, wenn Flußpferde heraus oder hinein wechselten. Dazwischen schreckten Buschböcke mit ihrem tiefen Bellton. Einmal erwachend, hörte ich ein Flußpferd ganz dicht bei meinem Zelt Schilf äsen. Ganz gleichmäßig wechselten das Rupfen und die Kaugeräusche ab, so daß ich bald wieder einschlief. Es ist eine weihevolle Stimmung, die einen beherrscht, wenn man in der von frevelnder Menschenhand noch nicht berührten Natur das Leben dieser Urriesen auf sich einwirken lassen kann.

Am Morgen erwacht, ging ich im Schlafanzug aus dem Zelt, und mein erster Blick galt der Stelle, wo gestern abend die Elefanten gestanden hatten. Sie war natürlich leer, aber ein größeres dunkles Etwas lag am Boden, dessen Natur ich mit dem Glas nicht ausmachen konnte. Mohamadi Kungulio, als Monfidyi (Bewohner des Rufuidjideltas) an Wasser mit Krokodilen gewöhnt, schwamm hinüber und fand — die Nachgeburt eines Elefanten. Hätte ich von diesem nächtlichen Vorgang eine Ahnung gehabt, so hätte ich mich sicher hinübergepirscht, um diesen Vorgang, der wohl selten eines Menschen Auge geboten wird, zu belauschen. Frisch gekalbte Elefanten hatte ich früher am Njassa häufig gesehen, sie waren aber immer einige Tage alt, da ich sie nur dadurch zu Gesicht bekommen hatte, daß mir gemeldet wurde, der Elefant, der immer dort und dort zur Tränke zieht oder nachts die Zuckerrohrpflanzungen abweidet, hat jetzt ein Junges.

Der Weitermarsch bot gegen die Vortage nichts Neues. Flußpferde, Flußpferde, Flußpferde und ab und zu einige Wasserböcke, sonst sahen wir nichts.

Vom Lager wagte ich es, im Fluß zu schwimmen. Hundertfünfzig Meter von mir entfernt lagen mehrere Flußpferde ruhig im Wasser. Durch unseren Lärm aufmerksam gemacht, schwamm eins langsam auf uns zu. Es war wohl mehr Neugierde als Angriffslust. Als es gähnend den Rachen aufriß, sah ich prachtvolles Elfenbein schimmern. Ich machte meinen oben vom Zelt uns zuschauenden Leuten die Geste des Schießens, und mein Boy Saleh brachte mir gleich mein schwerstes Gewehr, die 11,2 Elefantenbüchse mit 5,5 g rauchlosem Pulver. Auf etwa 30 Meter ließ ich den Bullen herankommen, dann ließ ich, auf das rechte Auge abkommend, fliegen. Ein gewaltiges Plätschern, das mir die Wellen bis an die Brust spülen ließ — ich stand bis etwa über die Hüfte nackt im Wasser — und der Bulle lag tot auf dem Wasser, ohne unterzusinken. Auf den Schuß antworteten flußauf und -ab die anderen Flußpferde durch tiefes Rohren.

Um einem Abschwimmen in dem zwar langsam abfließenden Wasser entgegenzuarbeiten, rief ich gleich nach Stricken und Leuten, und bald bewegte sich der Koloß, von Schwimmern gezogen, aufs Ufer zu, während einer auf den Kadaver geklettert war und Umschau hielt, ob kein Krokodil oder Flußpferd in der Nähe sichtbar würde. Plötzlich angstvolles Schreien aller Leute, mein Flußpferd war im Stich gelassen, und alles strebte dem Ufer zu. Ein zweites Flußpferd erschien dicht hinter dem erlegten und gab dem toten Tier gewaltige Stöße. Da mir meine Munition zu kostbar war, rief ich meinen Soldaten beim Zelt zu, einen Schreckschuß abzugeben. Er gab deren zwei ab, die wirkungslos blieben. Na, dann meinetwegen! Ich hatte zwar an einem Schädel genug, aber diesen einen wollte ich auch sicher haben.

Gerade als das Flußpferd den Kopf etwas aus dem Wasser hob und steil nach unten senkte, trug ich ihm meinen Schuß durch die Lichter an. Lautlos versank es, nur der dumpfe Ton der einschlagenden Kugel war weit hörbar. Mit Mühe bekam ich meine Leute so weit, daß sie sich wieder vorspannten. Als die Schwimmer Grund hatten, ging die Sache rasch vor sich. Im knietiefen Wasser wollte es aber nicht weiter gehen, trotzdem zwölf Mann an den Stricken zogen und zehn hinten drückten. Da die Sonne schon untergegangen war, ließ ich den Kopf vom Rumpfe trennen. Vier Mann hatten schwer daran zu tragen. Der Schädel sollte bis zum Morgen durch Entfernen aller Fleischstücke leichter gemacht werden, und drei Mann, die sich immer ablösen mußten, ließ ich unter Aufsicht eines Soldaten ans Werk gehen. Schrilles Trompeten der Elefanten, Rohren der Flußpferde und das Heulen einiger Hyänen, die der Fleischgeruch lockte, machten unser Nachtkonzert. Am morgen rief ich durchs Zelt, daß zwei Mann nachsehen sollten, ob der Kadaver des zweiten Flußpferdes, das gestern gleich gesunken war, an den Stromschnellen, die weiter unten waren, angeschwemmt sei oder so auf dem Wasser treibe.

Sie kamen zurück mit der Botschaft, daß nicht nur von dem zweiten Flußpferd nichts zu sehen sei, sondern auch der kopflose Kadaver, den wir nur mit Mühe im knietiefen Wasser fortbewegt und nicht einmal bis ans Ufer gebracht hatten, verschwunden sei. Wir nahmen an, daß es Krokodile gewesen waren, die den unverletzten Körper angeschnitten und dadurch am Auftrieb verhindert und ebenso den kopflosen Kadaver erst durch Abreißen von Stücken leichter gemacht und dann ins tiefere Wasser gezerrt hätten. Am Rikwasee hatte ich häufig die Beobachtung gemacht, daß auf den Grund gesunkene Flußpferde von Krokodilen angeschnitten wurden, ehe sich die Auftriebsgase entwickeln konnten.

Nun, dann hilft weiter nichts, wir mußten weiter. Zwei Mann tragen den jetzt nur noch etwa hundert Pfund schwere Schädel an einer Stange. Das Gebiß ist prächtig. Die Stoßzähne sind handgelenkstark, und die beiden unteren Hauer reichten mir, als ich sie später herausnehmen konnte, um den Leib, wenn man Wurzel und Spitze zum Ring zusammenlegte.

Gegen zehn Uhr wurde hinten bei den letzten Trägern ein Nashorn (Diceros bicornis L.) hoch. Geräuschvoll wie eine Dampfmaschine pustend, jagte es an der Karawane entlang, lief auf uns bis auf vierzig Meter zu und schwenkte dann links ab, in der Hügellandschaft in hohen Grase verschwindend. Natürlich lagen wieder sämtliche Lasten auf der erde. Wegen seiner Angriffslust ist es das von den Negern am meisten gefürchtete Tier. Man sieht es dem ruhig weidenden, plumpen Tier gar nicht an, welch behende Geschwindigkeit es entwickeln kann.

Die Hügellandschaft trat jetzt etwas mehr zurück, und das Gras wurde niedriger, so daß das verbreiterte Flußufer Salzsteppencharakter annahm. Gnus (Connachaetes taurinus Burch.), Hartebeeste und Zebras traten in kleinen Herden auf, und Rudel von Schwarzfersenantilopen äugten auf uns aus der Ferne. So blieb das Bild einige Tage, die Elefantenwechsel wurden spärlicher, und nur die Flußpferde blieben zahlreich wie zuvor. Ein heftiger Kopfschmerz hatte sich bei mir bemerkbar gemacht, und ein Ziehen im Kreuz und in den Beinen gab mir die Gewißheit, daß sich Malaria eingestellt hatte. Unsere Vorräte waren aufgezehrt, wir waren schon am siebenten Tage unterwegs, statt, wie, wie gerechnet, am fünften bis sechsten auf eine Ortschaft zu stoßen. Mein Kaffee war auch zu Ende, ebenso der Brot- und Mehlvorrat, und selbst das Petroleum zu meiner Reiselampe. Nur Reis war für mich noch für eine Mahlzeit vorhanden. Nachmittags nahm ich ein Gramm Chinin und abends ein zweites. Das Fieber ging nicht herunter und blieb auf neununddreißig Grad stehen, ab und zu etwas über vierzig steigend. Nachts erwache ich und nehme halb im Fieberwahn ein drittes Gramm Chinin. Das war auch für meine Pferdenatur etwas zu viel, und am Morgen sah ich die Bescherung, ich hatte mir ein Schwarzwasserfieber zugezogen, das zweite in Afrika, allerdings mit einem Zwischenraum von elf Jahren. Ich versuchte, auf dem Esel zu reiten, nach einer Stunde ging's nicht mehr. Nun heißt zwar bei Schwarzwasserfieber die erste Pflicht, ruhig liegen bleiben, ganz gleich, wo.

Meine und meiner Leute Nahrungsmittelverhältnisse zwangen uns aber weiter. Ein paar Schritte machte ich, auf meinen Boy Saleh gestützt — es ging nicht mehr. Meine Soldaten machten aus meiner Zeltbodendecke eine Hängematte und trugen mich persönlich. Es ging so lange gut, bis das schon mürbe Segeltuch riß. Nun banden sie ihre Schlafdecken als Hängematte an eine Stange, aber bald löste sich auch dort das Gewebe auf, und es blieb nichts anderes übrig, als daß ich mehrere Strickpartien mir um Decke und Stange in kleinen Abständen legen ließ. Fest wie ein Bündel lag ich nun an die Stange angeschnürt. Das durch die Decke gemilderte Einschneiden der Stricke war noch zu ertragen, aber ich konnte mich nicht bewegen und die Tsetsefliegen nicht verjagen, die sich saugend auf Kopf und Gesicht niedergelassen hatten. Ich verlor bei dieser Tour mehrere Plomben aus den Vorderzähnen, wenn ich in Schmerz und Wut in die Decke biß.

Essen mochte ich im Lager nichts. Es gab nur gedörrtes Wasserbockfleisch und abgekochtes lauwarmes Ruahawasser. Von diesem zwang ich so viel in mich hinein, als ob mir ohne Brechreiz möglich war, um die mit Blut verstopften Nieren wieder zu spülen und arbeiten zu lassen. Einen Mann sandte ich voraus, um mir aus der unmöglich weit entfernten Ortschaft eine Papay (Baummelone) zu holen, koste es was es wolle. Spät am Abend kam er ergebnislos zurück, er brachte aber einen Fischer mit, den er mit zwei anderen Leuten getroffen hatte.

Nun konnte ich mich wenigstens über die Gegend orientieren. Die Ortschaften flußabwärts waren mehrere Tage entfernt, die auf der Karte angegebenen existierten nicht mehr. Ihre Bewohner waren flußabwärts gezogen, weil sie infolge der zahlreichen Elefanten, Nashörner und Flußpferde nie eine ordentliche Ernte einbringen konnten, sondern nur auf Fischfang angwiesen waren, um dann mit der geräucherten Ware spärliche Lebensmittel eintauschen zu können. Viel braucht der Eingeborenen nicht, aber die war ihnen doch zu primitiv, und sie verließen diese Gegend schon lange, wie ich zu meinem Leidwesen hörte.

Die drei Fischer konnten uns keine Lebensmittel ablassen, denn sie hatten selber nichts außer Dörrfisch. Uns war es um Mehl oder Reis zu tun, da Fleisch und Fisch allein den Verdauungsapparat zu sehr anstrengt und auf die Dauer Darmkrankheiten hervorruft. Einer meiner Leute hatte einen wilden Bienenschwarm entdeckt, es war aber nur eine kleine Honigwabe drin von halber Handgröße, die anderen Waben enthielten Brut oder waren so wenig angefüllt, daß der Honig noch nicht herausfloß.

Am nächsten Tage bei den Fischern angekommen, bogen wir vom Ruaha links ab auf das Dorf Hobola zu. Nach sechstündigem Marsche erreichten wir drei ganz primitive Hütten. Hier erhielt ich einige Stücke Maniok, den ich erst rösten ließ und heißhungrig verzehrte. Endlich am neunten Tage erreichten wir Hobola. Schon vor dem Anblick der hübschen Hütten, zwischen denen zahlreiches Federvieh herumlief, kam ich wieder zu Kräften. Bald hatten die Leute gehört, daß wir ein paar Tage gehungert hatten und daß ich schwer krank sei. Sie schleppten in großen Mengen Süßkartoffeln, Maniok, Kürbisse, Zuckerrohr und Eier herbei, und es begann ein Schmausen meiner Leute bis zum nächsten Morgen. Ich selbst leistete auch darin Erhebliches und hielt meinen Koch bis elf Uhr nachts in Atem. Erst ließ ich mir Kürbissuppe machen, dann Süßkartoffeln rösten, dann solche kochen. Zwei große Portionen Rührei genoß ich in den Pausen und kaute dann noch eine Stange Zuckerrohr. Jedenfalls futterte ich mich in dieser einen Nacht völlig zu Kräften.

Neu gestärkt und wie zu neuem Leben erwacht ging es am nächsten Morgen vor Tagesanbruch weiter. Gegen elf Uhr erreichten wir das Dorf Kirengwe an der Straße Kissaki-Mahenge. Hier hatten ich mein Rad stehen lassen, und mit dem Gefühl "nur nach Hause" ließ ich meine Leute Lager machen und setzte mich selbst aufs Rad, um gegen einhalb ein Uhr in Kissaki zu sein.

Jedenfalls war ich der erste Europäer, der diese gänzlich unberührte Gegend durchquert hatte. Unser rasches Vorwärtskommen auf dieser unbewohnten Strecke verdanke ich meinen gut eingeübten Trägern, die mich schon monatelang auf Reisen begleiteten. Heute sind alle Mühseligkeiten vergessen, und gern erinnere ich mich dieser Reise, die mir so reichen Einblick in dieses Stückerhaltenen Dorados. Der Riesen aus der Urzeit gewährte.

Quelle: Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika,Hans Besser, Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde 1916, Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, von rado, © Jadu 2000.


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Durch ein Dickhäuter-Eldorado

 

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