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Raubwild
Leoparden
( Felis pardus nimr H.E.).
Die seltener
als den Löwen bekommt man den Leoparden in freier Wildbahn zu Gesicht.
Mir war es sehr selten vergönnt, einem zubegegnen, und wenn es
geschah, so war die Begegnung so flüchtig, daß ich meist
nicht zum Schuß kam. Im Hochgebirge traf ich am Tage einige Male
auf Leoparden. Sie waren aber so rasch im Gebüsch verschwunden,
daß ich kaum die Gestalt ordentlich mit dem Auge erfassen können.
Einmal,
als ich nur mit dem Stock in der Hand meiner Karawane vorauslief - es
war in Anyika am Mloboflusse - sah ich erst ein paar Wildenten im Wasser
und dann auf einem überhängenden Stamme am anderen Ufer einen
Leoparden liegen, der die Wildenten scharf beobachtete. Es war gegen
ein Uhr nachmittags. Wahrgenommen hatte mich der Leopard, denn ich bemerkte
deutlich , wie die Spitze seines Schwanzes zitterte, sonst lag er bewegungslos.
Ganz langsam drehte ich mich halb zurück, den Leoparden nicht aus
dem Auge lassend, um meinen Boy, wenn er sichtbar werden sollte, gleich
zuwinken zu können, daß er mir das Gewehr vorsichtig bringe.
Einige Zeit hatte ich so gestanden. Gegen die Enten war ich gedeckt,
und der Leopard blieb auf seinem Platze. Da sehe ich meinen Boy stehen.
Er hat mich bemerkt und beobachtet, daß irgend etwas los war.
Vorsichtig kommt er näher. Als er fast bei mir ist, macht der Leopard
einen gewaltigen Satz über den Fluß weg an das Ufer, wo ich
stand, landete im hohen Grase und war verschwunden.
Ab und zu
traf ich Leoparden im Gras, wenn ich auf anderes Wild pirschte. Ein
scharfes Krallen an der Rinde eines Baumes ließ mich aufsehen,
und der Leopard hockte am Stamm etwa wie eine Hauskatze, die im ersten
Sprung vor Hunden flüchtet. Schneller als es sich beschreiben läßt,
war der Leopard wieder im Gras verschwunden. Manchmal fand ich dann
unter solchem Baum ein gerissenes Schwein, oft war der Leopard wohl
noch selbst auf der Jagd und wollte nur Ausblick haben.
Einen wunderschönen
Anblick hatte ich in der Nähe der Ortschaft Mbuiga (Mgunda) zwischen
Kissaki und Kidoti. Ich pirschte in einer dicht mit Schilf bewachsenen
Niederung auf Büffel. Als ich die Niederung umschreite, um am Rande
zu lesen, ob Büffel in das Schilf eingewechselt wären, höre
ich plötzlich links von mir einen lauten Ton. Es konnte ein wilder
Hund, ein Buschbock gewesen sein, möglicherweise auch ein Elefant,
genau ließ sich der Ton nicht einer bestimmten Tierart zuschreiben.
Mein Begleiter und ich stehen still. Einen Mann lasse ich auf ein Baum
klettern, um zu sehen, ob etwa Elefanten im Schilf wären, da ich
auf diese am ehesten schloß. Nichts konnte der Mann sehen. Plötzlich
sagt einer meiner Begleiter: "Ein Leopard!" Ich sah mich um
und brachte die Sache gar nicht mit dem vorher gehörten Ton in
Zusammenhang. Da zeigten alle Leute auf einen etwa dreißig Meter
über das Schilf herausragenden Baum, der zurzeit blattlos war,
und nun entdeckte ich auch den Leoparden auf der äußersten
Spitze eines Astes, in den dürrsten Zweigen zur Kugel geballt,
liegen. Er war von mir etwa hundert Meter entfernt. Schießen wollte
ich auf keinen Fall, da Büffel das begehrte Ziel waren. Trotz der
nicht sehr großen Entfernung und trotzdem der Leopard so ganz
frei sichtbar auf dem kahlen Baum saß. Hätte ihm wohl kaum
einer von uns Beachtung geschenkt. Er sah so der Umgebung angepaßt
aus, daß man bei oberflächlichen Sehen weit mehr auf einen
Raubvogelhorst im dünnen Gezweig geschlossen hätte.
Rasch hatte
ich mein Glas zur Hand. Der Leopard mußte unsere Beobachtung bemerkt
haben. Er richtete sich auf, lief vorsichtig über das schwankende
Gezweig, dann schnürrte (bei Raubwild eine "Spur" (Tritt)
vor die andere setzen) er auf einem dicken Ast bis zur ersten Gabelung
des Baumes, machte noch einige schnelle Schritte hinunter und war dann
mit mächtigem Satze im Schilf verschwunden.
Wenn man
sich in einer Gegend befindet, wo es Hundsaffen, Meerkatzen und braunrückige
Paviane gibt, und diese sind in Deutsch-Ostafrika fast überall,
wo Wald und Wasser zu finden sind, so wird der Leopard fast immer von
den Affen gemeldet. Er ist ihr schlimmster Feind, und sie folgen seinem
Weg auf dem Boden oben im Gezweig unter fortwährenden lautem Geschrei.
Durch Affen aufmerksam gemacht, schoß ich meinen ersten Leoparden.
Der ganze Wald hallte von dem Geschrei der Affen - es waren Hundsaffen
(Cynocephalus (Papio) langheldi Mtsch.(?) oder Papio cynocephalus L.
(? C. iberanus Thos.) -, die in einer Richtung weiterzogen. Ich zu den
Affen parallel vorwärts, bis ich an eine Stelle kam, wo es kein
Unterholz und infolge dichten Blätterdachs nur spärlich Graswuchs
gab. Eine ganze Zeit stand ich hier unter einem Baum in Deckung, ohne
etwas zu sehen. Plötzlich stand der Leopard mitten auf der kahlen
Stelle. Er äugte zu mir herüber, nahm mich aber nicht wahr.
Als er seinen Kopf in entgegengesetzten Richtung bewegte, strich ich
am Stamme an und kam aufs Blatt ab. Ein fauchendes Miauen, dann ein
plötzliches Wenden, und er war dort verschwunden, wo er hergekommen
war. Hunde hatte ich nicht bei mir. Ich nahm zwar an, daß ich
gut getroffen hatte, wollte aber lieber noch einige Zeit warten, ehe
ich ihm nachging, Meine farbigen Begleiter wollten mich ganz davon abhalten,
weil ein kranker Leopard "furchtbar böse" sei.
Die Affen
tobten inzwischen auf derselben Stelle weiter, der Leopard mußte
also noch dort stehen, wo er eingewechselt war. Um ihm Zeit zu geben,
drehte ich mir eine Zigarette, die ich bis zu Ende rauchte. Nun ging
ich Schritt für Schritt, die Umgebung abspähend, weiter, zunächst
zum Anschuß. Ich fand vereinzelte Schnitthaare und dann große
Spritzer Schweiß. Zwei Meter davon entfernt fand ich einen ganzen
Klumpen Haare, an dem noch Haut festsaß, also der Ausschuß.
Nur war mir nicht mehr bange. Zwei Schritte brauchte ich nur ins Gebüsch
einzutreten, da schimmerte es mir schwarz-weiß entgegen. Der Leopard
lag auf dem Rücken und war schon verendet, wie die verglasten Lichter
(Augen) zeigten. Obwohl ich gern den ganzen Leoparden mitgenommen hätte,
um ihn zu photographieren, war es doch im Hinblick auf meine beiden
nicht sehr kräftigen Begleiter besser, ich schlug ihn an Ort und
Stelle aus der decke und nahm nur diese und den Schädel mit. Es
war ein prächtiger alter Kater und der Fang (das Gebiß des
Raubzeugs und der Hunde) ganz vollständig. Groß war meine
Freude, und mit Sorgfalt weichte ich zu Hause die Decke persönlich
in gesättigte Salz- und Alaunlösung ein, knetete sie eine
halbe Stunde lang durch und hing sie zum Trocknen auf.
Später,
als ich eine große Hundemeute hatte, wurde es mir leichter, Leoparden
zu erlegen. Mit meinen Hunden hatte ich insofern Glück gehabt,
als die Stammeltern, zwei blutsfremde deutsche Doggen, sehr schneidige
Tiere waren. Der Nachwuchs lernte es ohne mein Zutun, mit System, d.h.
mit gegenseitiger Unterstützung, zu hetzen und wehrhaftes Raubwild
zu stellen.
Wurde mir
aus einem Dorfe gemeldet, daß die Leoparden dreist würden
und Hunde und Ziegen holten, so brach ich, wenn ich Zeit hatte oder
es sich sonst mit meinen Obliegenheiten vereinigen ließ, mit meinen
Hunden auf und bezog in dem Dorf Lager.
Nachts verbellten
dann meine Hunde den Leoparden. Meine Träger kannten den Rummel
schon. Rasch hatte jeder ein paar ordentliche Hände voll trockenes
Gras aus den Dächern der Hütten gezogen und sie als Fackeln
angebrannt. Kamen wir zu den Hunden, so hatten diese den Leoparden zum
Aufbäumen gezwungen, und ich schoß, indem ich einen Mann
mit seiner Fackel hinter mich treten ließ. Nach dem Schuß
stand ich zwar stets im Finstern, denn die Fackelträger waren ausgerückt.
Es schadet aber nichts, denn wenn der Leopard nicht tödlich getroffen
war, was bei der nächtlichen Schießerei häufig vorkam,
so beschäftigten sich sofort die Hunde mit ihm und hatten ihn,
falls er noch konnte, sofort wieder auf einen Baum getrieben. Selten
verlor ich dabei einen Hund. Größere Wunden durch Prankenschläge
nähte ich, worauf rasch Heilung eintrat. Übler waren kleinere
Wunden, wo die Krallen eingeschlagen worden waren und nur ein kleines
Stückchen Fleisch heraushing. Diese Wunden heilten äußerlich
rasch zu, innen bildete sich aber meist ein langwieriger Eiterprozeß
und Zellgewebsentzündung.
Ganz übel
benehmen sich Leoparden, wenn es ihnen gelingt, in einen Ziegenstall
oder Kral einzubrechen. Solange noch eine Ziege am Leben ist, wird gemordet.
Es kommt vor, daß ein Leopard 30-50 Ziegen tötet und keine
davon frißt. Die Dreistigkeit der Leoparden ist außerordentlich
groß. Ziegen werden am Tage vor den Augen der Hirten, Hunde vor
den Türen weggefangen. Dabei läßt der Leopard seinen
Raub nicht oder nur sehr schwer im Stich, wenn er auch sofort angegriffen
wird. Als Beispiel der Dreistigkeit erwähne ich folgendes kleine
Erlebnis.
Auf dem
Tanganjikaplateau hatte ich ein Europäer getroffen. Da wir gut
bekannt waren, stellten wir unsere Zelte zusammen und brachten in dem
einen die Betten unter, während uns das zweite als Eßzimmer
diente. Vor dem Abendbrot saßen wir beide auf einem Bett, und
mein bekannter spielte Ziehharmonika. Plötzlich gab es während
des Spiels lautes Geheul von meines Bekannten Foxterrier, der unter
dem Bett geschlafen hatte. Das Bett wurde unter uns hochgehoben, und
ehe wir zur Besinnung kamen, sprang ein Leopard mit dem Terrier zum
Zelt hinaus. Draußen war es dunkel, und wir konnten nichts gegen
den Leoparden tun. Der Hund war sowieso verloren.
Am nächsten
Morgen brachten Eingeborene den angefressenen Hund und behaupteten,
der Leopard säße unweit unseres Lagers in einem Gebüsch
dürren Grases, das beim letzten Steppenbrand noch zu grün
gewesen wäre und deshalb stehen geblieben sei.
Wir besahen
uns die Lage. Das Grasfleck war nur etwa drei Hektar groß, aber
brennen wollte das Gras von 1,20 Meter Höhe auch heute noch nicht.
Es blieb also nur die Möglichkeit eines Durchtriebes. Was wir an
Eingeborenen auftreiben konnten, machten wir als Treiber mobil. Zwischen
je 10 Mann stellten wir einen Soldaten. Schießen wollten nur wir
Europäer, damit kein Unglück geschah. Ich stand auf jener
Seite, wo wir vermuteten, daß der Leopard herauskäme, mein
Bekannter ging mit den Treibern. Nachdem mehr als die Hälfte des
Grases durchgetrieben war, schoß mein Bekannter zum ersten Male,
wie er mir zurief, "daneben". Gleich darauf sprang der Leopard
einen Soldaten an, und zwar so, daß er seine Hinterpranken dem
Mann in die Oberschenkel schlug und mit den Vorderpranken Lappen in
die Kopfhaut riß. Der Mann fiel natürlich hintenüber,
aber ehe er lag, war der Leopard schon wieder zurück ins Gras gesprungen.
Dieses Manöver wiederholte der Leopard mehre Male und stets so
unverhofft und blitzschnell, daß die mit Stöcken zuspringenden
anderen Treiber nicht dazukamen, einen Schlag zu führen. Wir hatten
insgesamt sieben Verwundete mit mehr oder minder schweren Verletzungen.
Nur ein
ganz schmaler Grasstreifen deckte den Leoparden noch, und ich hoffte,
daß er jeden Augenblick flüchten und mir die Gelegenheit
zum Schusse geben würde. Statt dessen versuchte er immer wieder,
die Treiberlinie zu durchbrechen. Jetzt schloß Herr H. zum zweiten
Male, und das gleich darauf einsetzende Freudengeheul der Treiber verkündete
mir, daß der Schuß tödlich war. Der Leopard hatte die
Kugel spitz von erhalten, und sie war durch den ganzen Körper gegangen
mit dem Ausschuß neben den Weidloch (After).
Bei genauerer
Betrachtung des toten Leoparden wurde uns auch klar, warum er bei seinem
Anspringen der Treiber niemals den Fang gebrauchte. H.s. erster Schuß
hatte ihm beide Kaumuskeln und die Pfannen der Unterkiefer durchschlage.
Lange haben übrigens unsere Verletzten an ihren Wunden nicht laboriert,
sie hatten ausnahmsweise gesundes Blut, was man von den wenigsten Afrikanern
behaupten kann.
In eine
recht mißliche Lage brachte mich ein Leopard im August 1908 in
Kongo in Ussangu. Zur Reparatur einer Baumwollspinnerei wohnte ein ehemaliger
Fremdenlegionär B. bei mi, der früher Techniker war. Als wir
nachts die Löwen brüllen hörten, erzählte er mir,
er hätte im Atlas schon Löwen geschossen, und fragte dann,
ob ich ihm nicht zu einem Löwen verhelfen könnte, er möchte
gern ein Fell als Waffenschmuck haben. Ich stand kurz vor einer Europareise,
um mich von einem Gelenkrheumatismus zu erholen, den ich mir im letzten
Eingeborenenaufstand zugezogen hatte. Vier Monate hatte ich festgelegen,
und seit zwei Monaten konnte ich wieder langsam gehen, war also mehr
als klapprig, so daß ich eine Suche auf Löwen nicht wagen
konnte.
Um B. aber
eine Freude zu machen, da er mir die Maschinen rasch und gut in Ordnung
brachte und auch ein sächsischer Landsmann von mir war, ließ
ich einen Selbstschuß herstellen.
Nach dem
Rezept meines Freundes L., eines Schweden, der schon mit Livingstone
Afrika durchquert hatte und damals als Zivilkommissionär in Rhodesien
(Zimbabwe) amtierte, baute ich eine Schußwaffe, die fast nie versagt
und in die das Raubwild - und wäre es noch so schlau - leicht hineintappt.
L. s System bestand in einem auf zwei eingegrabenen Astgabeln waagrecht
gebundenen Gewehr in Blatthöhe über der Erde. Ein dünner,
aber fester Bindfaden wird am Abzug befestigt, durch die untere Gewehrriemenöse
gezogen, am Gewehr entlang geführt und dann quer über den
Weg gespannt, den das Raubwild mutmaßlich durchquert. Man darf
den Faden nicht zu fest spannen, da der nächtliche Tau ein Nachspannen
besorgt. Mit der Hand drückt man dann den Faden in der Richtung
des mutmaßlich vorbeikommenden Tieres. Wird das Gewehr ausgelöst,
wenn man den Faden etwa 40 Zentimeter aus seiner Ruhe drückt, so
ist die Aufstellung richtig, und man kann die Patrone einschieben.
Über
den Weg führen wollte ich den Selbstschuß nicht. Ich benützte
für solche Fälle immer ein ausrangiertes Gewehr Mod. 71, und
ein solches Geschoß können des Weges kommende Eingeborenenbeine
nicht gut vertragen. Ein eingeschlagener Pfahl, an den ich ein zwei
Monate altes Kalb band, war das Zentrum eines dreiviertel geschlossenen
Kreises aus Dornenästen. Quer über die Öffnung war dann
das Gewehr gerichtet und der Fadenabzug gespannt. Um das Kalb noch besser
zu schützen, ließ ich noch eine Reihe Pfähle mit handbreiten
Abstand quer durch den Dornenkreis rammen, so daß der Löwe
das Kalb bequem vom Eingang her sehen konnte. Damit er gezwungen war,
den Eingang gehend und nicht springend zu durchschreiten, hing ich einige
kleine Dornenäste an einer Stange in 1,20 Meter Höhe über
den Eingang.
Der Löwe
mußte dann den eigentlich nie beachteten Faden mit der Brust abziehen;
nahm er ihn doch wahr und versuchte, darunter wegzukriechen, so spannte
der daruntergezwängte Rücken den Faden bis zur Lösung
des Schusses. Die Hauptsache war, daß das Gewehr richtig eingestellt
wurde; dann mußte der Löwe mit Blattschuß liegen. Es
geschah nie, daß Löwe oder Leopard bei dieser Art Selbstschuß
weiter als zehn Schritt von der Falle verendet lagen. Nur zweimal gerieten
mir Servale hinein, die infolge geringerer Körpergröße
den Schuß auslösten, ohne getroffen zu werden. Die Hauptsache
ist, daß man bei längerem Aufstellen täglich ein anderes
Kalb nimmt, das die ganze Nacht infolge der ungewohnten Umgebung nach
der Mutter blökt und dadurch die Aufmerksamkeit des Raubwildes
auf sich lenkt. Ein zum zweiten Male benütztes Kalb ist die Sache
gewöhnt und rührt sich nicht. Vorteilhaft ist es auch, die
Falle in Hörweite des Dorfes aufzustellen, in dem die Kuh im Stall
steht. Es entwickelt sich dann zwischen Kalb und Kuh ein fortwährendes
Blöken, daß das Raubwild leicht anlockt.
Nach Einbruch
der Dunkelheit erwarteten wir ständig den Selbstschuß zu
hören, denn die Löwen brüllten ganz in der Nähe.
Wir hatten uns verrechnet, auch die Nacht hindurch fiel der Schuß
nicht. In solchem Falle hätten wir gleich hingemußt, da sonst
ein zweiter Löwe an das Kalb gekonnt hätte. Am nächsten
Morgen, als ich gerade fortgehen wollte, das Gewehr zu entladen, und
nur noch auf den Eigentümer des Kalbes wartete, damit es losgebunden
wurde und wieder zur Mutter kam, fiel der Schuß. Ein wildes Aufrohren
sagte mir, daß ein Löwe getroffen war.
B., ich
und zwei Eingeborene machten uns auf den Weg. Als wir unterwegs waren,
bemerkte ich, daß sich meine beste und schönste Hündin
Lady mitsamt der Kette losgemacht hatte und mir folgte. Ich drohte ihr,
sie solle zurückkehren, sie legte sich aber nur und kroch dann
mit schlechtem Gewissen hinter mir her. Nun tat sie mir leid, und die
Erziehungsgrundsätze vergessend, winkte ich ihr und nahm ihr die
Kette ab.
Mit schußbereitem
Gewehr näherten wir uns nun der Falle. Doch nichts Gelbes war zu
sehen. Sollte der Löwe entkommen sein? Nun näherte ich mich
dem Eingang des Dornenkreises. Da lag statt des erwarteten Löwen
ein recht starker Leopard zwischen Abzug und den das Kalb sicherden
Pfählen. Der Schweiß tropfte noch aus dem Ausschuß
am Hals, tot war er noch nicht. Als er mich sah, zog er die Lefzen (Lippe)
hoch und ließ die Zähne sehen. Vier Meter stand ich von ihm
entfernt. Ich legte an, um ihn den Fangschuß zu geben - Versager!
noch einer und noch einer. Jetzt zog der Leopard die Muskeln zum Sprung
an. Mit meinen noch vom Rheuma gelähmten Hüften konnte ich
nicht zurückspringen, da landete er auch schon direkt vor mir,
volle Kraft hatte er nicht mehr zum Sprunge gehabt.
B., der
zehn Meter davon entfernt stand, rief ich zu, doch zu schießen,
er tat es nicht. Im Augenblick des Landens sprang meine Hündin
Lady vor und packte unglücklicherweise den Leoparden am Oberkiefer.
Beide Tiere bissen zu, es krachte und knirschte. Diesmal ging zum Glück
der Schuß aus meinem Gewehr, und der Leopard verendete. Mit einem
Standhauer hebelte ich dem Leoparden den Fang auf, um meine Hündin
loszubekommen. Anfangs glaubte ich, nur der eine Fangzahn hätte
Zunge und Weichteile des Unterkiefers durchbohrt, leider mußte
ich mich aber bald überzeugen, daß der Unterkiefer in der
Naht gebrochen war. B. stand bleich wie eine Wand und zitterte dabei,
so daß ich ihm auf den Kopf zusagte, er hätte noch keinen
Löwen geschossen; er gestand dann, er wäre nur mit dabei gewesen,
wie ein französischer Offizier der Legion Löwen geschossen
hätte. Ich hoffte, Lady durchzubringen, und band die Kieferhälften
fest. Alles heilte auch sehr schön. Nach vier Wochen ging ich aber
nach Europa und gab sie bei einem befreundeten Missionar in Pension.
Trotz meiner Anweisung, ihr nur breiige Nahrung zu geben und sie nicht
von der Kette zu lassen, damit sie keine Knochen aufnehmen könnte,
scheint dagegen gefehlt worden zu sein. Kaum in Deutschland angekommen,
erhielt ich einen Brief, der mir meldete, Ladys Kiefer wäre wieder
gebrochen, hätte dann geeitert, und sie wäre zu ihren Vätern
versammelt. Selten habe ich so um ein Hund getrauert, als wie um dieses
treue, schöne Tier.
Quelle:
Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde 1916, Franckh'sche Verlagsbuchhandlung,
von rado, © Jadu 2000
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