zurück

Raubwild und Dickhäuter in
Deutsch-Ostafrika

von
Hans Besser


Schabrackenschakale (Canis [Lupulella] mesomelas Schreb.)

Wenn ich im Livingstonegebirge (Deutsch-Ostafrika) gegen vier Uhr nachmittags unweit meiner Wohnung einen Spaziergang machte, traf ich stets mehrere Schakale an, die auf der Mäusejagd waren. Nur die Farbe unterscheidet sie von ihrem deutschen Vetter, dem Fuchs. Zierlich und graziös sind ihre Bewegungen, und klug ist der Ausdruck, wenn sie einem Menschen eräugend verhoffen. Ihre ganze Lebensweise ist die des Fuchses. Nur bleibt die Zahl ihrer Welpen (Jungen) etwas hinter diesen zurück. Mehr als vier Stück habe ich nie im Bau gefunden.

Reizende Bilder sah ich am Schluß der Regenzeit, wenn in den Abendstunden die geflügelten Termiten aus der Erde aufstiegen und Schakale sie in tollen Sprüngen aus der Luft fingen. Äußerst schlau sucht die Fehe (Füchsin) den Bau mit Jungen zu verbergen. Überrascht man sie, wenn sie gerade mit einem Huhn im Fang heimkehren will, so zeigt sie sich recht auffallend und absichtlich, um dann, wenn sie über die nächste Anhöhe wechselte, in das Tal hinabzuschnüren und unter dem höheren Gras der Talsohle in entgegengesetzter Richtung davonzulaufen.

Dreist treiben sich die Schakale in der Nähe der Wohnungen herum. Viele schoß ich auf meiner zu ebener Erde gelegenen Veranda, und häufig retteten sich Schakale vor meinen Hunden ins Zimmer. Hatten sie es einmal zu stark auf meine Hühnerbestände abgesehen, so fing ich einige in einem Tellereisen weg. Ich benutzte dazu die Tage, wo ich ein Rind geschlachtet hatte, da dieser Duft für Schakalnasen die ganze Gegend durchzieht.

Um den Geruchskreis zu erweitern, setzte ich mich aufs Pferd und ritt mit einigen Därmen eine Schleife, die ich bis auf ein Loch in meinem Zaun ausdehnte. Hier zog ich die Därme hindurch und ließ sie dann im Hofe liegen. In das Loch im Zaun stellte ich dann ohne Verblendung und ohne auf Witterung Rücksicht zu nehmen, ein Tellereisen. Sechs bis acht Schakale fing ich dann bis zwölf Uhr nachts, ohne daß sie das eine verwendete Eisen, in dem ihre Vorgänger verendet waren, mieden.

Trotz solcher Unvorsichtigkeit spielt der Schakal in den Erzählungen der Eingeborenen die gleiche schlaue Rolle, wie der Fuchs in unserer Fabel.

In der Aufstandzeit 1905 hielt ich zwei zahme Schakale, die sich immer frei herumtrieben und auf einen Pfiff mit meinen Hunden zugleich im Eiltempo erschienen. Auch auf Reisen und Spaziergängen begleiteten sie mich. Da sie aber immer abseits vom Wege herumstrolchten und mir nicht wie wohlerzogene Hunde auf der Ferse folgten, sondern plötzlich bei mir auftauchten und sich, Liebkosungen heischend, vor mir auf der erde kollerten, brachten sie mich bei den Eingeborenen in den Ruf eines Zauberers. Ich hatte die Leute öfter verblüfft, wenn ich pfiff und meine beiden grauen Kerlchen angeschossen kamen. Nun stand es fest. Ich hatte Menschen in Schakale verwandelt, die mir alle Nachrichten zutrugen. Da es meinem Ansehen nur nützte, ließ ich die Eingeborenen ruhig bei ihrem Glauben.

Auf meinen Zügen gegen die Rebellen konnte ich sie jedoch nicht mitnehmen und gab sie deshalb in Pension. Sie hatten sich da angewöhnt, den Glucken die Kücken wegzufangen, und waren auch, wenn man sie angriff, so bissig geworden, daß ich sie erschießen mußte.

Später, im Jahre 1909, kaufte ich von Eingeborenen einen etwa vierzehn Tage alten Schakal. Dieses liebe kleine Ding schlief stets in einem Hausschuh meiner Frau und blieb auch als erwachsenes Tier zu uns äußerst zärtlich und vertrug sich gut mit meinen Hunden und Hundsaffen. Meine Boys, wie Eingeborene überhaupt, konnte er dagegen nicht ausstehen, vielleicht war er von ihnen heimlich geschlagen worden. "Peterle", so hieß das Kerlchen, biß die Boys, selbst wenn sie ihm das Futter brachten, von mir hingegen ließ er sich die schönsten Knochen weit hinten aus dem Fang holen. In seiner "Lausbubenzeit" hat er mir allerdings auch einige junge Hühner und Tauben weggefangen, jedenfalls aber nicht mehr, als dies meine jungen Schäferhunde taten, solange sie noch nicht erzogen und unbeobachtet waren.

"Peterle" ließ sich leicht erziehen und wurde bei strafenden Klapfen nicht bösartig, sondern bemühte sich, durch schmeichelndes Herumrollen auf den Rücken die Sache wieder gutzumachen. Leider fand Peterle ein tragisches Ende. Da er frei herumlief, hielt ihn ein Europäer für ein wilden Schakal und schoß ihn tot.
Merkwürdig ist, daß zahme Schakale nicht wieder mit ihren wilden Genossen Fühlung nehmen. Mehrmals habe ich beobachtet, wie die meinigen wütend auf solche losfuhren und sie in die Flucht schlugen.

Vielfach wird von Europäern die Behauptung aufgestellt, daß die Schakale die getreuen Begleiter des Löwen wären. Es kommt wohl vor, daß Schakale ab und zu an den in Verwesung übergehenden Resten der Beute eines Löwen fressen, es ist dies aber keine Regel. Jedenfalls kann man, wie das vielfach von Eingeborenen erzählt wird, niemals darauf schließen, das Löwen in der Nähe wären, wenn Schakale heulen. Ich bestreite nach eigener sorgfältiger Beobachtung, daß beide Tierarten in Gemeinschaft leben.

Der Ursprung solcher Mitteilungen ist mir aber sehr erklärlich. Der Eingeborene hat ein großen Fabelschatz, weit größer, als wir ihn in "Reineke Fuchs" haben, und darin spielt der Schakal die Rolle unseres Reineke.

Der nur einige Monate im Lande lebende Europäer kann bei den Eingeborenenerzählungen nicht unterscheiden, ob er Wahrheit oder Märchen erzählt bekommt, zumal ihm die Erzählungen meist durch seinen Boy verdolmetscht werden, weil er sich nur mit diesem radebrechend unterhalten kann und die Buscheingeborene nicht zum Sprechen zu bringen versteht. Bei Fragen an Eingeborene muß man äußerst geschickt zu Werke gehen und immer versuchen, die Leute selbst zum Erzählen zu bringen. Der Eingeborene merkt sofort, was der Europäer gern hören möchte, und antwortet ihm dementsprechend, wobei dem Europäer dann die haarsträubendsten Sachen aufgebunden werden.

So wurden einem guten, harmlosen Europäer, der für die Eingeborenen nach ihrer eigenen Aussage die "melkende Kuh" ist und nur den Fehler hat, daß er über viel Geld verfügt, ohne imstande zu sein, selbst solches zu erwerben, die tollsten Sachen aufgetischt. Dieser gute Mann hat die kleine Eitelkeit, wissenschaftliche Studien zu machen. Dabei war er auch bei ethnographischen Forschungen angelangt. Mit Hilfe seines Boys hatte er herausgefunden, daß einige Stämme Maskentänze veranstalten, ähnlich denen der Totemsverbände in Neuguinea. Sein Ziel war eine solche Maske. Endlich wurde sein Wunsch erfüllt. Für 30 Rupien ( 40 Mk.) brachte ihm sein Boy eine solche Maske, "uralt, noch aus der Zeit der Portugiesenherrschaft" (also mehr als 200 Jahre) herstammend. Die Maske war eine halbe Kokosschale, ähnlich wie sie in Deutschland als Schaufensterausstattung aus dem Kokosbast geschnitten werden. Als Augen waren Glassplitter einer zerbrochenen Bierflasche eingesetzt, auf dem einen davon war noch ein Buchstabe des Brauereiaufdruckes zu erkennen.

Andere Eingeborene erzählten mir, daß der bewußte Europäer seinem Boy versprochen hätte, ihm alle Schulden zu erlassen, wenn er ihm Leute brächte, die die alten Maskentänze ausführen könnten. Der Boy stellte dies seinem Herrn als äußerst schwierig hin, da die Tänze geheim und verboten seien (warum, ist nicht einzusehen). Der Boy ist aber findig, sein Schuldenregister mag auch groß sein, da er viel Umgang mit einheimischen Weltdamen hat. In einer abgelegenen Gegend läßt er seinem Herrn unbekannte Leute in einer sonst nicht üblichen Tanzart unterrichten. Ob diese wirklich zur Vorführung gelangten, weiß ich nicht; dieser Maskenscherz beruht jedenfalls auf feststehender Wahrheit, und es soll mich nicht wundern, wenn diese neuen "Forschungen" eines Tages veröffentlicht werden.

Quelle: Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika,Hans Besser, Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde 1916, Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, von rado, © Jadu 2000

Bild

Schabrackenschakale

Durch ein Dickhäuter-Eldorado

 

Webmaster