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Raubwild Wilde Hunde( Lycaon pictus Temm), auch Hyänenhunde genannt. In der Ussangusteppe, östlich Njam-Njam (Ruahasenke in Deutsch-Ostafrika) hatte ich gelagert. Trostlos war die Gegend. Die Wasserstelle, der Mkodjefluß, der jetzt in Oktober nur hin und wieder trübe Tümpel bildete, an denen sich riesige Wildscharen zur Tränke einfanden, war fünf Stunden entfernt. Bei meinem Einzug in das Dorf, das aus fünf jämmerlichen Hütten bestand, erhielten meine Leute und ich statt Wasser große grüne Wassermelonen; Wasser käme erst am Abend, wenn das Rindvieh zurückkäme, das heute wie jeden dritten Tag zur Tränke geführt worden sei. Während meine Leute das Zelt aufschlugen, schnitt ich aus einer Melone einen Deckel heraus und zerhackte mit dem Jagdmesser das Fruchtfleisch, um das sich darin reichlich ansammelnde Wasser zu trinken. Kaum hatte ich die ersten Schlucke getan und hackte von neuem ins Fruchtfleisch, damit weiteres Wasser zuströmen konnte, so hätte ich vor Schreck beinahe meine Melone fallen lassen. Tauben, Hühner und Ziegen kamen in einer aufgewirbelten Staubwolke auf mich zugeflattert und zugerast. Im ersten Augenblick glaubte ich, irgendein Raubtier habe sie gestört, merkte aber gleich, daß ich, oder vielmehr meine geöffnete Melone den brennenden Anziehungspunkt bildete. Schnell erhob ich mich, um meine Frucht vor den sich und mich stoßenden Ziegen zu retten. Die Tauben und Hühner jedoch hatten sich mir auf Kopf, Schultern und Armen dauernd niedergelassen und suchten sich balgend unter lebhaftem Flügelschlag der Melone zu nähern. Das Abschütteln und Herunterwerfen war zwecklos, sie waren sofort wieder oben, beim Auffliegen mich in neue Staubwolken einhüllend. Arg mußte sie der Durst quälen. Mit Mühe rettete ich mich in eine Hütte, nachdem ich etwas Fruchtfleisch geopfert hatte. Wie mir die Leute sagten, gaben sie den Tieren kein Wasser. Nur die Ziegen kämen jeden sechsten Tag mit den Kühen zur Tränke. Auf meine Frage, warum denn das Dorf so weit vom Fluß läge, wurde mir erklärt, daß der Mkodje die Steppe in der Regenzeit bis kurz an die Hütten überschwemmte. Verpflegung konnte ich für meine Leute auch nicht erhalten, die Vorräte der Leute waren so gering, daß ich fragte, wie die Leute denn überhaupt ihr Leben fristen könnten und warum sie mit ihrem Vieh in solch elender Gegend wohnten und nicht mehr Getreide anbauten. Ich erfuhr darauf, daß die Rinder dem Sultan Merere gehörten und nur hier gehütet wurden, weil das Wild gut gediehe, von was, war mir allerdings fraglich, denn ich hatte auf meinem Marsche nur bis auf 3 cm abgeweidete Grasstummel gesehen. Von Getreidearten wüchse nur recht spärliche Sandhirse. Zwei kleine Fleckchen bebautes Land von zusammen etwa 200 Quadratmeter mußten für die 18 Kopf starke Einwohnerschaft genügen. Die Ernährungsfrage der Leute wurde mir immer rätselhafter. Endlich rückten sie mit der Sprache heraus. In der Regenzeit gebe es durch die Überschwemmung so viel Welse, daß sie im seichten Wasser bloß aufgelesen zu werden brauchten. Und jetzt? Nun, in der Trockenzeit paßten die Viehhüter immer auf, wo früh die Geier kreisten, dort hätten Löwen Wild geschlagen, und es wäre häufig so viel übrig, daß sie Vorrat dörren könnten. Manchmal allerdings, wenn mehr Löwen dagewesen wären, oder wenn die Löwen schon am Abend Beute gemacht und den Riß nach der Sättigung verlassen hätten, um zur Tränke zu gehen, so daß das gerissene Wild für die Hyänen frei werde, seien nur ein paar Knochen übrig. Meine Bemerkung: "Na, ihr helft wohl manchmal den Löwen etwas nach und holt euch selber ein Zebra," löste verlegenes Grinsen aus, das mir genug Bestätigung war. Vorderlader waren ja reichlich vorhanden und Pulver auch - "zur Abwehr der Löwen vom Vieh" - wie mir eifrig versichert wurde. Am nächsten Morgen, als es eben dämmerte und ich mich gerade mit dem Viertelliter Wasser wusch, den ich für diesen Zweck aufhob, ehe ich ihn meinen Hunden geben wollte, verstummte plötzlich das Murmeln der sich für die Reise zurechtmachenden Träger. Etwas blöde, weil ich gerade mein Gesicht mit dem Handtuche bearbeite, spähe ich nach der Ursache. Da kommt auch schon eine Schwarzfersenricke (Aepyceros suara Mtsch.) direkt auf mich zu, mitten durch die Träger durch, stolpert über meine Zeltstricke, rennt ins Dorf und bleibt darin stehen. Während ich noch diesem Tier zusehe und nicht weiß, was ich aus dem Vorfall machen soll, kommt eine zweite Antilope fast durchs Zelt und stellt sich zur ersten. Nun machen mich die Leute aufmerksam auf zwei wilde Hunde, die sich außerhalb der Träger hingesetzt hatten. Ich zeige die Wildhunde meinen vier Doggen und hetze diese. Kein Gedanke, daß sie die Wildhunde einholten. Als meine Hunde auf einen Pfiff mutlos zurückkehren, folgen ihnen die beide Wildhunde. Eine abermalige Hetze war so erfolglos wie die erste. Nun nehme ich mein Gewehr zur Hand, schieße aber zu kurz, wie ich am Hochsprung des Hundes auf allen Vieren sehe, ein zweiter Schuß hat dasselbe Ergebnis. Nun trollen sich die Windhunde hinter Dornengebüsch und sind für mich unsichtbar. Ich gehe dann zu den Antilopen, die mit zitternden, weitgeöffneten Nüstern und schlagenden Flanken im Dorf stehen und sich anfassen lassen. Die Leute erzählten mir, sie hätten die Hetzjagd der Wildhunde schon eine ganze Weile beobachtet, in der Steppe wäre es immer im Kreise herum gegangen. Sehr scharf sei das Tempo der Hunde nicht gewesen. Durchaus wollten die Leute die Antilopen töten und verspeisen. Mir taten diese geängstigten Tiere leid, und ich ließ alle Leute zurücktreten, damit sich die Antilopen - Muttertier und fast ausgewachsenes Kitz - erholen und nach Belieben entfernen konnten. Dies war meine erste Begegnung mit wilden Hunden. Noch häufig traf ich diesen Schrecken des armen Wildes an. Einmal, als ich gerade Wildbret für meine Tafel brauchte und bei Morgenlicht im Wildgebiet eintraf, galoppierte ein Wasserbock (Cobus ellipsiprymnus Ogilb.) auf mich zu. Ich nahm an, daß er mich früher wahrgenommen hatte und mir auf seiner Flucht wieder in den Weg lief, weil ich durch Gebüsch gedeckt war. In hohen Fluchten quittierte er auf meinen Blattschuß. Der erst spärlichen, dann reicher werdenden Schweißfährte folgend, fanden wir ihn, nach etwa 1000 Meter Suche, verendet in einem Dickicht. Einen Augenblick bei dem zur Strecke gebrachten Bock ausruhend, hörte ich plötzlich den Schreckton eines Buschbockes (Tragelaphus roualeyini Gord. Cumm.). Da das Fleischbedürfnis meiner europäischen Nachbarn groß war, wollte ich auch diesen strecken. Vorsichtig schiebe ich mich aus der Dickung heraus und habe vor mir: sechs Wildhunde. Auf vier Meter Entfernung bleiben sie ruhig vor mir sitzen, indem sie mich anäugen. Sie müssen meine Anwesenheit schon vorher bemerkt haben und waren höchstwahrscheinlich auch schon vorher hinter meiner Beute her. Den Vordersten schoß ich spitz von vorn. Er fiel ohne ein Laut. Die anderen machten nun einen Luftsprung, dann saßen sie wieder. Einer steht auf und nimmt Witterung an seinem toten Kameraden, aber nur ein Augenblick. Hastig faßt er ihn dann mit den Zähnen, und im Nu bilden die übrigen vier mit ihm einen Knäuel. Sie reißen große Fetzen aus dem Geschossenen und würgen die Bissen ohne Kauen hinunter. In kurzer Zeit ist auch kein Knochen oder Haarbüschel von ihm übrig. Als ich den zweiten schoß und nach seinem Fall gleich auf die Wildhunde zuging, zogen sie sich knurrend zurück und verschwanden dann. Eine halbe Stunde danach hörte ich, wie sie mit einem Löwen stritten. Als ich mir durch das Dickicht einen Weg nach dem Kampfgetöse zu gebahnt hatte, waren alle Beteiligten verschwunden. Nur das niedergetretene Gras gab Zeugnis von einer Balgerei. Wer den kürzeren gezogen hatte, ließ sich nicht ermitteln. Ich glaube aber der Löwe. Selbst habe ich es zwar noch nicht mit angesehen, aber mir bei verschiedenen eingeborenen Jägerstämmen erzählen lassen, daß der Löwe deshalb eine so große Furcht vor meinen Doggen hätte, weil er sie für wilde Hunde hielte, die ihm stets so arg zusetzten, daß er das Weite suchte. Käme es zu einem Kampf, so stürzten alle zugleich auf den Löwen und bissen ihn überall, wobei immer ein Stück Fell und Fleisch in ihrem Fang bliebe. Der Löwe selbst wäre nicht flink genug, sich so vieler Angreifer zu erwehren. Etwas Wahres muß daran sein, denn stets brachten meine Hunde den Löwen zur Flucht und konnten ihn nur dann stellen, wenn ich mehr als zwei bei mir hatte. Wie das Wild die Wildhunde fürchtet, sah ich häufig daran, daß Gebiete, die dicht mit Wild bevölkert waren, plötzlich wie ausgestorben dalagen und nur einige Buschböcke und Ducker (Sylvicapra grimmia L.) (kleine Antilopen, die durch Ducken sich vorzüglich verbergen), die ihren Standort schwer wechseln, übrig waren. Wasser- oder Futtermangel war nicht eingetreten. Stets ergab es sich dann, daß Wildhunde dort gehetzt hatten. Rudel bis zu dreißig Stück waren keine Seltenheit. Eine solche Panik unter dem Wild ruft kein Löwe hervor. Wohl zeigt das Wild bei Löwenanwesenheit Unruhe, ich sah aber mehrfach weit auseinandergezogene äsende Wasserböcke und Hartebeeste, die von einem Löwen, der mitten durch die Herde lief, kaum Notiz nehmen. Strichweise bewegen sich die Wildhunde durchs Land und steigen auch in hügeliges Gelände auf. 1910 traf ich sie auf 1200 Meter Höhe nahe Langenburg, wo sie die weidenden Viehbestände schwer schädigten. Nach meinen Erfahrungen bevorzugen sie alles Hornwild mit Ausnahme des Büffels, der ihnen wohl zu wehrhaft ist. Warzen- und Wildschweine verschmähen sie nach meinen Beobachtungen gänzlich. Übrigens nahmen auch meine Hunde (Doggen und deutsche Schäferhunde) Schweinefleisch nur ungern auf. Bei Zebras und Giraffen fürchten sie Schläge mit dem harten Huf. Überall bestätigten mir die Eingeborenen, daß diese beiden Tiere von Wildhunden verschont würden, wenn es sich nicht um ein junges Stück handelte, das sich von der Herde entfernt hatte und den Anschluß nicht mehr erreichen konnte. Erstaunlich ist die Muskelkraft der Kieferpartie der Wildhunde. Einer meiner Bekannten in Langenburg zog zwei junge Hyänenhunde auf. Sie liefen frei herum und kamen auf Ruf zum Futter. Als sie ein Vierteljahr alt waren, hatten sie das Bestreben, nicht unter Beobachtung zu fressen. Sie nahmen deshalb die Blechbüchse, die ihr Futter - Reis und gekochtes Fleisch - enthielt, in den Fang, und einer trug den für beide bestimmten Teil , der mit Büchse mehr als sein Körpergewicht betrug, waagrecht davon, ohne daß dem Tier eine Anstrengung anzumerken war. Übrigens waren die Tiere trotz ihrer Gefräßigkeit äußerst mager. Nur der dicke Kopf, der durch die sehr großen, aufrechten Lauscher (Ohren) noch größer erschien, fiel auf, so daß der übrige Körper dagegen ganz zurücktrat. Im Gegensatz zu anderen vierfüßigen Raubtieren sind Wildhunde ausgesprochene Tagestiere. Nase, Gehör und Gesicht sind außerordentlich scharf. Deutsche Schäferhunde, die nach meinem Dafürhalten unter allen Hunderassen das beste Gesicht haben, erkannten auf 200 Meter Entfernung sich schwer vom Gelände abhebende, sehr ruhig weidende Esel nicht, d.h. sie nahmen sie nicht wahr. Die beiden jungen Wildhunde verfolgten die Esel aber ständig mit dem Auge. Keine laufende Ratte entging ihrer Aufmerksamkeit, und zwar auf viel größere Entfernung, als wie ich dies bei meinen sonst sehr regen Hunden beobachtete. Die Farbe der von mir erlegten Wildhunde war verschieden. Niemals fand ich sie rein einfarbig, sondern immer in zwei Farben unregelmäßig gefleckt. Im Südosten der Kolonie fand ich vorwiegend Dunkelbraun bis Schwarz als Grundfarbe mit weißen oder gelben Flecken. Im Westen war die Grundfarbe heller. Mehrmals schoß ich ganz fahlgelbe Exemplare mit weißen Flecken. Einmal brachte ich einen Wildhund zur Strecke von schmutziggelber Grundfarbe und schwarzen Flecken. Meist beherbergt das Fell zahlreiches Ungeziefer, vorwiegend Flöhe, Zecken und Sarcoptesmilben. Auch den Eingeborenen ist die Vorliebe des Ungeziefers für den Wildhund als Wirtstier bekannt, und gerade aus diesem Grunde ist das Fell eines Wildhundes den Eingeborenenärzten oder Medizinmännern eine begehrte Sache, aus der sich Kapital schlagen läßt. Sehr stark ist nämlich die Nachfrage nach Amuletten, die Liebe und Zuneigung erwecken sollen. Ein alter Medizinmann, mit dem ich Freundschaft unterhielt, um mich über die Art seines Wirkens zu unterrichten, gab mir im Laufe der Jahre interessante Aufschlüsse über seine Praxis. Vieles ist Hokuspokus, ohne jeden Wert, einem großen Teil der angewandten Mittel liegt aber eine gute Kenntnis heilkräftiger Kräuter zugrunde. Es ist dieselbe Art des Wirkens, wie sie bei uns im Mittelalter üblich war und heute noch von Schäfern und Wunderdoktoren ausgeübt wird. Früher standen diese Leute im höchsten Ansehen, es schwindet aber immer mehr, je mehr europäische Ärzte ins Land kommen. Es bricht sich allmählich Bahn, das diese denn doch etwas mehr vom Heilen verstehen, als die eigenen Ärzte. Außerdem sind sie billiger, d.h. der Eingeborene wird vorwiegend kostenlos behandelt, während der eingeborene Arzt seine Kranken gehörig schröpft und diese bis auf wenig Ausnahmen, wenn überhaupt, so aus Autosuggestion, ihre Gesundheit wiedererlangen. Der europäische Arzt ist diejenige Person, die am leichtesten den Weg zum Herzen der Eingeborenen findet, sofern er einigermaßen umgänglich ist. Das Gefühl der Dankbarkeit geht zwar dem Eingeborenen völlig ab, dafür erkennt er aber den Vorteil einer mit Erfolg geführten ärztlichen Behandlungen voll an. Für ihn sind ja die Wirkungen der Schutzimpfung gegen Pocken und die Salvarsanbehandlung bei Frambösie* die reinen Wunder. Doch ich sprach von der Verwendung des Felles der Wildhunde durch Medizinmänner. Mein alter Freund verwendete deshalb bei der Herstellung von Liebesamuletten stets einige Haare vom Wildhund, weil diese starke Anziehungskraft ausübten, wie ja schon daraus zu ersehen wäre, daß sich alles Ungeziefer zum Wildhund hingezogen fühlte. Von Eingeborenen wird der Wildhund nur selten erlegt. Einesteils ist es nicht häufig, daß Wildhunde sich weidendes Vieh holen; es fehlt der Anreiz der notwendigen Abwehr. Andernteils flößt der in Herden jagenden Wildhund den Eingeborenen Achtung ein. Ob diese berechtigt ist oder nicht, hatte ich nie Gelegenheit festzustellen. Es wird zwar vielfach behauptet, daß ab und zu Menschen von Wildhunden angegriffen würden, etwas Bestimmtes scheint aber nicht dahinter zu stecken. Wenigstens konnte ich nicht einen einzigen Fall dieser Art ermitteln. So wie ich den Eingeborenen kenne, wirkt schon das dreiste Verhalten der Wildhunde, die nicht sofort die Flucht ergreifen, wenn einer oder mehrere ihrer Genossen getötet werden, auf sie abschreckend. *) Die Frambösie ist eine eigenartige Hautkrankheit, die sich nur in den Tropenländern vorfindet und durch das Auftreten kleiner weißen Pusteln auf geröteter und entzündeter Haut, sowie daraus entstehender Geschwüre und schwammiger Auswüchse von Form und Größe einer Himbeere (franz. framboise) zu erkennen gibt. Quelle:
Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika,Hans Besser, Kosmos
Gesellschaft der Naturfreunde 1916, Franckh'sche Verlagsbuchhandlung,
von rado, © Jadu 2000.
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Wilde Hunde (Hyänenhunde)
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