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Zanzibar

(Zendj-bar = ist bisher am besten als Negerland erklärt worden)

Von Kapitän P. Wendling, Hamburg

Unter den zahlreichen der deutschostafrikanischen Küste vorgelagerten Inseln zeichnen sich Pemba, Zanzibar und Mafia durch ihre Größe und ziemlich gleichförmige, langgestreckte Gestalt aus. Den größten Flächeninhalt von ihnen hat Zanzibar aufzuweisen, und es beträgt die Ausdehnung zwischen seinem nördlichen Kap, Ras Nungwe, und seiner südlichsten Spitze, Ras Kisimkasi, ungefähr 86 Kilometer. Während die östliche Küste Zanzibars mit Ausnahme einer Bucht in beinahe gerader Richtung verläuft, erscheint die Westküste der sehr fruchtbaren Insel mehr zerrissen und befinden sich zwischen ihr und dem Festlande Afrikas viele Koralleninselchen und Riffe, welche die Durchfahrt sehr erschweren.

Trotzdem entstand hier an der Westküste der Insel die bedeutungsvolle Stadt gleichen Namens, von den Eingeborenen Unguja genannt, in der noch vor wenigen Jahrzehnten fast der gesamte Handel und Verkehr der Festlandküste zwischen Kap Guardafui und Moçambique, sowie aus dem Innern Afrikas zusammenströmte. Man darf nicht vergessen, das gerade gegenüber der Stadt Zanzibar in Bagamayo, einem früher sehr wichtigen Küstenorte, mehrere Karawanenstraßen mündeten. In der Jetztzeit aber, wo dieselben ihre Bedeutung verloren haben und moderne Verkehrsmittel den schwarzen Erdteil erschließen, gewinnen natürlich auf Konto Zanzibars die Hafenplätze, von denen Schienengeleise in das Innere des Kontinents führen. Es sind das englische Mombassa und neuerdings Kilindini, im deutschen Schutzgebiet Daressalam und Tanga. Immerhin aber bleibt Zanzibar dank seiner günstigen geographischen Lage der Mittelpunkt und das Bindeglied zwischen den eben genannten Häfen, sowie der Küste überhaupt, und denen Indiens und Arabiens sowohl, als auch denen Madagaskars und der Kapkolonie.

Dafür bieten einen schlagenden Beweis die Routen der die Ostküste Afrikas besuchenden Dampfschiffe und die unterseeischen Telegraphenkabel, von denen das Hauptkabel von Natal über Moçambique und Zanzibar nach Aden führt. Außerdem ist Zanzibar durch Kabel mit Daressalam und Mombasa,ferner mit den Seychellen und Mauritius verbunden. Das Kabelhaus, in welchem sämtliche unterseeische Kabel landen, sieht auf der der Südspitze von Bawi, einer mit Kokospalmen bedeckten und fünf Kilometer westlich von der Stadt liegenden Insel. Auch ist der englische Telegraphendampfer "Gherard Osborn" auf Zanzibarreede stationiert, der mit einer ausgebildeten Mannschaft und den erforderlichen Einrichtungen versehen ist, um ein Seekabel aufzufischen und Reparaturen auszuführen.

Von transatlantischen Dampfergesellschaften laufen Zanzibar an außer den Schiffen der Deutschen Ostafrikalinie, welche an der Küste und mit Europa den weitverzweigtesten Dienst unterhält, Postdampfer der Messageries Maritimes auf dem Wege nach Madagaskar, Dampfer der British India Line und seit nicht langer Zeit auch solche der Union Castle Line. Der österreichische Lloyd, der vor einigen Jahren mit drei modern eingerichteten Dampfern von Triest aus monatliche Fahrten nach den Haupthäfen der Ostküste Afrikas unternahm, hat sich von diesem Unternehmen zurückziehen müssen. Gelegentlich kommen andere Schiffe nach Zanzibar und bringen eine Ladung Kohlen oder Petroleum, während der Einfuhr von gemischten Gütern, von Bedarfsartikeln für die Europäer und Baumwollstoffen für die Afrikaner je nach Bestellung der ansässigen Firmen von den Dampfern der regulären Linien gedeckt wird.

Nähert man sich zu Schiff in dem engen, aber gut mit Seezeichen ausgestatteten Fahrwasser der Stadt Zanzibar, so sind sowohl von Süden wie von Norden kommend bei Tage ihre blendend weißen Häuser auf eine große Entfernung zu sehen. Nach und nach treten dann der Sultanspalast, die Konsulate und die umfangreicheren Häuser der europäischen Firmen mit ihren hohen Flaggenstangen deutlich hervor.

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Die Stadt ist auf einem flachen Vorsprunge der Insel gelegen, dessen äußerste sandige Spitze Ras Shangani heißt. Auf der Nordseite überragt der Sultanspalast die Häusermenge; ein viereckiges Gebäude, von Säulenhallen umgeben, kehrt er die Front dem Teil der Reede zu, welcher den Handelsschiffen als Ankerplatz bestimmt ist. Auf seinem Dache erhebt sich ein hoher Turm, und eine weit sichtbare Uhr verkündet arabische Zeit. Rechts schließen sich an den Palast die Nebengebäude, darunter der Harem, an. Vereinzelte Palmen zieren einen kleinen Garten, der nach der längs dem Strande führenden Straße zu von einem alten Mauerwerk begrenzt wird. Man erzählte mir, daß dasselbe früher als Wasserbehälter diente; eine Ähnlichkeit mit dem Rumpfe eines beladenen Schiffes kann man ihm, von der Seeseite aus gesehen, nicht absprechen. Vor dem Palaste erstreckt sich ein freier Platz bis ans Meer, wo an einem hohen Maste des Tags über die rote Sultansflagge weht. Abends um sechs Uhr wird sie langsam und feierlich unter den Klängen einer Goanesenkapelle niedergeholt, ein Kanonenschuß ertönt und der ganze Palast erstrahlt, wenn der Sultan anwesend ist, bis elf Uhr im hellen, elektrischen Lichte. Ebensolange brennt die Lampe auf einem links vom Platze stehenden, 34 Meter hohen Gittergerüst, von dem am tage durch Flaggensignale die Ankunft der Schiffe gemeldet wird.

Weilt der Sultan in Zanzibar, so konzertiert des Abends die Kapelle vor dem Palaste. Angesehene Araber, meist hohe Gestalten in schwarzen, reichverzierten Gewändern und mit goldbesetzten Turbanen auf dem Kopf eilen die Stufen zu den Säulenhallen hinauf, um den Fürsten zu besuchen, während auf dem Platze laute Suahelijungens sich zwischen Indern tummeln, die noch nach Geschäftsschluß eifrig ihre Händel erörtern. Europäer stellen sich wenige ein, gewöhnlich sind es die Schiffsangestellten oder Passagiere eines auf der Reede befindlichen Dampfers.

Geht man am Nordstrand weiter, so gelangt man in den Stadtteil Malindi. Ein buntes Leben und Treiben entfaltet sich hier in dem von Arabern und Kulis bewohnten Viertel, zumal der Hafen für die Dhaus, jener für den Indischen Ozean typische Fahrzeuge in der Nähe ist. Die Dhaus, ganz und gar aus Holz gebaut, besitzen gewöhnlich nur einen Mast im Vorderschiff, der nach vorne überneigt und an dem ein Segel hochgezogen wird. Dasselbe bietet mit der scharfen Spitze nach oben dem Winde mit seiner untern Hälfte ein breite Fläche dar. Die großen Dhaus, welche nicht selten 3000 Sack Reis fassen, treten Reisen über den Indischen Ozean nach Aden, Maskat, Bombay an, ein Beweis für die Seetüchtigkeit der Fahrzeuge. Meist werden sie von einem greisen Inder navigiert, der von seiner Heimatbehörde ein kleines Examen bestanden hat, sind von indischen Matrosen bemannt, die den Kompaß kennen und seemännische Arbeiten verstehen.

Die Dhaus verlassen die indischen und arabischen Häfen in der Regel im November, wenn der Nordostmonsun einsetzt, und segeln mit günstigem Winde ihrem Bestimmungsorte an der afrikanischen Küste zu. Während der Dauer des Nordostmonsuns, von November bis März, unternehmen sie oft Zwischenreisen, je nachdem sich gelegentlich Frachten bieten, um dann beim Beginne des Südwestmonsuns im Monat Mai oder Juni wieder nach der Heimat zurückzukehren. In Zanzibar selbst und in den Häfen der Küste gibt es zahlreiche, meistens kleinere Dhaus, deren Heimathäfen leicht erkenntlich sind an dem Buchstaben im Segel, z. B. P für Pangani, D für Daressalam usw.

Westlich vom Palaste sind am Strande die Zollschuppen errichtet. Die Ladung muß von den auf Reede liegenden Schiffen nämlich in Leichter gelöscht werden und wird so nach dem Zollkai befördert, wo bei Hochwasser die Tiefe ungefähr 4 bis 5 Meter beträgt. In der Nähe befindet sich die Landungsstelle für Boote, wo sich häufig ein mannigfaltiges und lautes Leben abwickelt, besonders ist letzteres der Fall, wenn ein geiziger Inder mit den Bootsjungen um den Fahrpreis zu feilschen anfängt. Oft habe ich hier am Strande geweilt und beobachtet, daß sich die geweckten Zanzibariten nicht so leicht übers Ohr hauen ließen.

Fährt man an Land und ist das Boot auf den Sand gestoßen, so tragen die Baharias (Bootsleute) den Europäer stets erst aufs Trockene. Wenn man nun sicher gelandet ist und seine vier Anna (ungefähr 35 Pf.) bezahlt, außerdem noch einen Extrabakschisch entrichtet hat, wird man als Fremder auch schon von einer schwarzen Schar umringt, die sich zu allen möglichen Diensten anpreist.

Am Lagerschuppen der Hamburger Firma O'Swald und der Agentur der Deutschen Ostafrikalinie vorbei, gelangt man in die innere Stadt, in der in engen und winkligen Straßen Bamanen und Hindus ihre Bazare aufgeschlagen haben. Wohlfeile Rohseide und Seidenwaren, indische Stickereien und Kuriositäten, Schnitzereien aus Elfenbein und Ebenholz, unter denen Elefantenfiguren in allen Größen eine beträchtliche Rolle spielen, bilden die Hauptartikel, welche in den Läden ausliegen und zu deren Besichtigungen der an der Tür sitzende Inder freundlichst, oft auch zudringlich auffordert. Es sei an dieser Stelle bemerkt, daß Zanzibar recht wenige Geschäfte mit europäischen Waren besitzt. Der gesamte Kleinhandel der Stadt fließt in den Händen der regsamen indischen Kaufleute zusammen, die mit Bombay in lebhaften Verkehr und Warenaustausch stehen, vorwiegend auch Lebensmittel, wie Reis, Mehl und Currystoffe von ihrem Mutterlande beziehen.

Im Südteile der Stadt, im Viertel Shangani, steht das deutsche Konsulat, dessen Eingang eine schwere Tür arabischer Arbeit kennzeichnet. Noch zu erwähnen ist hier das dicht am Meere erbaute französische Hospital, in dem Kranke Unterkunft und wohlwollende Pflege finden. Wenn auch schwere Fieberfälle vorkommen, so kann das Klima für die Europäer nicht als schlecht bezeichnet werden. Februar bis Juni sind die ungesunde Monate, Juli bis September ist die kühle und Dezember bis März die heiße Jahreszeit.

Östlich von den Haupstadtteilen zieht sich eine Salzwasserlagune längs, die im Süden durch eine schmale Sandbank namens Mnazi moja vom Meere getrennt wird. Auf der Ostseite der Lagune dehnt sich der ziemlich stark bevölkerte Vorort Ngambo aus, fast ausschließlich von Eingeborenen bewohnt. Unsaubere Gassen und übelriechende Wohnungen und Hütten der Schwarzen überwiegen hier. Einen Hauptanziehungspunkt bildet der Fischmarkt.

Südlich vom Negerorte Ngambo, versteckt unter hohen Palmen ist der deutsche Friedhof angelegt. Kehrt man sich von hier wieder dem Strande zu, so erreicht man als erste Niederlassung Kiungani, wo die englische Mission eine Erziehungsanstalt für Eingeborenenkinder ins Leben gerufen hat. Es sei hier bemerkt, daß die englische Mission für Zentralafrika ihren Hauptsitz in Zanzibar hat.

Weiter außerhalb der Stadt, ungefähr elf Kilometer in südlicher Richtung entfernt, befindet sich das herrliche Sultansschloß Chukwani. Steuert man im Südfahrwasser auf Ras Shangani zu, so erblickt man, nachdem die niedrige Koralleninsel Chumbe mit dem weißen Leuchtturme passiert ist, am Strande zwischen hohen dunkelgrünen Bäumen hervorlugend das stattliche, in der Sonne schimmernde Gebäude, welches für die Europäer als Ausflugsort einen gewissen Reiz hat. Im Norden, knapp eine halbe Stunde außerhalb der Häuser Zanzibars, liegt Marhubi, der alte, durch seine geräumigen Bäder bekannte Palast des ehemaligen Sultan Said Bagasch. Die Bäder sind zum größten teile zerfallen, schöne weite Gärten umgeben die ganzen Anlagen.

Das sind Erinnerungen an Unguja! Unguja, klingt nicht Weichheit und Sehnsucht aus dem Worte? — Auch im Gedächtnisse des Seemanns, der auf der fremden Reede mit seinem Schiffe ankert, hinterläßt Zanzibar einen eigenartigen Eindruck. Des Tags über ist der Dampfer von schwer beladenen Leichtern umgeben, auf denen die Afrikaner träge in der Sonnenglut auf den Ballen hocken und im süßen Nichtstun warten, bis ihr Fahrzeug an die Reihe kommt und seine Güter im Schiffsraume verstaut werden. Als wichtiges Ausfuhrprodukt ist die Gewürznelke zu nennen, die sowohl auf der Insel Zanzibar als hauptsächlich auf Pemba auf den Plantagen gepflanzt und gezogen wird. Ferner füllen Kopra, Elfenbein und Kopal die Leichter; ein farbiger Klerk bringt den dazugehörigen Ladeschein an Deck, wo zwischen den Passagieren indische Handelsleute ihre Seltenheiten ausgebreitet haben und gute Geschäfte machen.

Die an der Schiffsseite zu Wasser führende Treppe wird von Booten belagert. Die kräftigen Bootsjungen sind immer guter Dinge und unterhalten den Verkehr mit dem Lande. Mit dem roten Fez auf dem Kopfe mit einem blauen, meist zerrissenen Hemde auf dem Leibe, in dem die Nummer des Bootes rot eingestickt ist, warten sie auf Landbesucher. Kommt nur ein Passagier die Treppe herunter, so suchen sie unter großem Geschrei ihr Boot anzubieten und bestürmen den Bwana Kwuba, bis der wachehabende Quartiermeister Ruhe und Ordnung an der Treppe schafft. Mit eintönigem Gesange rudern die Baharias weg, von starken Ruderschlägen getrieben eilt das Boot über die von der Dünung leicht bewegte Wasserfläche, aus welcher unweit die Masten des gesunkenen Wracks "Glasgow" hervorragen.

Quelle: Süssenrotts illustrierter Kolonialkalender 1912, von rado jadu 2001

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