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Mittagsglut liegt über
der afrikanische Steppe. Es ist Trockenzeit. Wellenartig wogt die Luft
in der glühenden Hitze. Wie ausgestorben liegt die die riesige
Ebene, diese Steppe, auf der sonst das Leben wimmelt. Wo sind die Bewohner
der unendlichen Flächen?
Unbeweglich, nur dem geübten Auge sichtbar, stehen oder liegen
sie in dem spärlichen Schatten der Schirmakazien. Sie verschwinden
in der flimmernden, wogenden Luft. Mimikry der Steppe!
Wenn sich dann die Sonne dem Westen zuneigt, beginnt wiederum das Leben.
Aus dem Nichts tauchen sie auf, die Herden der Steppe. Unendlich ist
ihre Zahl, verschieden sind ihre Arten.
In grotesken Sprüngen, laut schnaubend, mit fliegender Mähne
kommt eine Herde Gnus angebraust. Sie sehen gefährlich aus, und
in der Ferne könnte man sie für Büffel halten.
Nun löst sich aus dem Dunst, der noch über der Steppe liegt,
in rascher Folge Herde auf Herde. Zebras, Kuhantilopen. Schaukelnd im
wiegenden Paßgang schiebt sich eine Herde Giraffen in unser Blickfeld.
Dort hinten Pferdeantilopen mit dem kurzen gedrungenen Säbelgehörn.
In riesigen Sprüngen fegen Schwarzfersenantilopen über den
Karawanenweg.
Das Leben
erwacht auf der Steppe, ein wogendes Leben. Die Tiere beginnen zu äsen
und ziehen im Äsen langsam dem Wasser zu. Sie schieben sich durcheinander,
so daß alles in Unordnung scheint. Die Zebras haben sich zu den
Gnus gesellt und einige marschieren zwischen den Giraffen.
Es ist aber nur scheinbar ein wirres durcheinander der verschiedensten
Tierarten. Denn in der Natur gibt es keine Unordnung, dazu sind ihre
Gesetze zu streng. der ewige Kampf um die Selbsterhaltung fordert strengste
Ordnung und unbedingte Unterwerfung unter die ungeschriebenen Gesetze,
die Überhaupt den Naturschöpfen erst das Leben ermöglichen.
Über allem steht die Gemeinschaft, die Herde. Das einzelne Geschöpf
ist unwichtig. Nur starke und gesunde Tiere haben Anspruch auf das Leben
in der Gemeinschaft. Jedes Mitglied der Herde hat zu jeder Zeit seinen
vorgeschriebenen Dienst. Zu diesem Dienst gehört auch die Nahrungsaufnahme.
Denn dadurch werden Kräfte gesammelt, und diese Kräfte kommen
wieder der Gemeinschaft zugute.
Jede einzelne Herde hat ihr Leittier. Es ist aber nicht notwendig, daß
dies immer ein Bulle, ein männliches Tier ist. Gerade alte weibliche
Tiere, die über die Liebes- und Muttersorgen hinaus sind, scheinen
sich besonders als Leittiere zu eignen. Untersteht die Herde einem weiblichen
Leittier, so steht diesem immer ein starker, unverbrauchter Bulle zur
Seite. Seine kämpferischen Eigenschaften müssen dafür
bürgen, daß er Ordnung in der Herde hält. Er muß
fremde Eindringlinge abkämpfen und Angreifer, besonders Raubwild,
durch seinen Mut und seine Unerschrockenheit abschlagen. er hat auch
dafür zu sorgen, daß Schwächlinge rechtzeitig aus der
Herde ausgestoßen werden.
Die Natur kennt keine Sentimentalität. Wenn ein Tier vertrieben
wird, so ist es gut. In den meisten Fällen verläßt ein
krankes Tier aus eigenem Antrieb seine Herde. Tiere Verstehen zu sterben,
ohne davon ein Aufsehen zu machen. Der innere Naturtrieb lehrt sie verstehen,
daß ihr Einzelleben unwichtig ist, der Tod aber für die Gemeinschaft
nützlich sein kann, da er der Art dient. Denn kranke oder schwache
Tiere können den Untergang der ganzen Herde zur Folge haben. Es
ist wie bei einer Kette, die auch immer nur so stark ist wie ihr schwächstes
Glied. Dieses schwächste Glied im Leben einer Tiergemeinschaft
muß immer so stark sein, daß es allen Anforderungen der
Natur voll entsprechen kann.
Ein wichtiger Dienst ist, sich gegen Gefahr zu sichern. während
das Leittier die sicherung übernimmt, wenn die Herde zur Tränke
zieht, werden während der Äsung die wachen ständig gewechselt.
Jedes Mitglied des Tierstaates muß diese Pflicht übernehmen.
Nur weibliche tiere mit Jungen sind davon ausgenommen. Sie dürfen
in Ruhe inmitten der herde äsen. Mutterschaft ist den tieren heilig.
Die Jungen sind die Kraft und die Zukunft der herde. Die Mutter braucht
in erster Linie reiche Nahrung, denn sie muß von ihrer Kraft an
die Jungen abgeben. Sie erfüllt ihren Dienst an der Gemeinschaft
durch aufzucht der Jungen.
Die Mutterpflicht
erstreckt sich aber nicht nur auf das eigene Junge. Stirbt ein Muttertier
oder fällt es einem Unglück zum Opfer, so muß eine andere
Mutter sich das Waisenkind annehmen. Natürlich kommt es häufig
vor, daß die Herde durch einen Angriff von Mensch oder Raubwild
in die Flucht getrieben wird und daß das Kleine hilflos bei der
toten Mutter zurückbleibt. In solchem Fall ist sein Schicksal besiegelt,
es ist dem Tode verfallen. Hätte die Natur, die eisern, aber weise
das Leben der Tiere regelt, nicht für alles vorgesorgt, so würden
die schwachen hilflosen Jungtiere eine ständige Gefahr für
das Bestehen der Herde bedeuten.
Wenn die Trockenzeit nach den alljährlichen Grasbränden die
Steppe kahl und ohne Deckung, wenn das Wasser auf wenige Tränkplätze
beschränkt ist, an denen das Raubwild lauert, wenn weite Wanderungen
unternommen werden müssen, um die nötigste Nahrung zu finden,
wenn in dieser schweren Zeit, wo der Lebenskampf am härtesten ist,
junge, schwache Kälber bei der Herde wären, so hätte
sie nicht viel Hoffnung, diesen Kampf zu bestehen. Aber auch hier hat
die Natur vorgesorgt, denn zu dieser Zeit sind die Kleinen schon über
das Schwerste hinweg.
Ihre Geburtsstunde fällt zu Beginn der regenzeit. Über Nacht
ist die Steppe, die noch vor wenigen Tagen grau und trostlos aussah,
grün geworden. Mit ungeheurer Schnelligkeit schießt das Steppengras
in die Höhe. Die Zulu sagen: "das Land schwitzt!" Bald
stehen die Akazien im üppigen Blätterschmuck, und auch der
uralte Affenbrotbaum, der Baobab, dessen mehrere Meter starker Stamm
in der Trockenzeit dürftigen Schatten spendet, hat eine dichte
Laubkrone erhalten. Wasser gibt es jetzt überall. Munter rieseln
Bäche, wo man sonst nur Kies und trockenen Sand sah.
Es ist nicht mehr nötig, die wenigen Wasserstellen der Trockenzeit
aufzusuchen, an denen immer gefahr drohte.
So bietet
die Mutter Natur auch den schwachen Kälbchen Schutz, die auf ihren
langen, noch so wackligen Beinchen neben den Müttern herstelzen.
Im schönen frischen, hohen Gras birgt die Mutter vorsorglich ihr
Kleines in einem Lager, das sie mit ihren Hufen sorgfältig austritt.
Sie kann ruhig in der Nähe äsen, denn sie weiß, das
ihr Kindchen sich nicht rühren wird, bis sie wieder zu ihr kommt,
damit es sich an der prallen Mutterbrust stärken kann. Nichts,
aber auch gar nichts kann es bewegen, sein Lager zu verlassen. Beim
geringsten Geräusch schmiegt es sich flach dem Boden an. Die Ohren
werden zurückgelegt, es verschwindet in der Umgebung und ist selbst
dem geübtesten Blick entzogen. Mag sein Herzchen auch noch so sehr
vor Furcht pochen, wenn auf wenige Schritte eins der furchtbaren zweibeinigen
Wesen vorbeigeht, das ihm sein angeborener Instinkt als seinen gefährlichsten
Feind erkennen läßt, so wird es sich nicht rühren. Regnet
es, dann ist die Gefahr überhaupt gering, denn der Regen nimmt
auch dem herumstreichenden Raubtier die Witterung. Aber auch die Mutter
schützt es vor dem Raubtier. Sie versteht es mit großem Geschick,
den Räuber von dem Versteck ihres Kindes abzuziehen. Es ist wunderbar,
welche Schliche und Kniffe, aber auch welchen Mut die Mutterliebe einem
Tier eingibt. Gelingt es ihm nicht, den Räuber durch Drohungen,
wildes Prusten und Anstürmen in die Flucht zu schlagen, so spielt
es mit vollendeter Schauspielkunst die Kranke, um dadurch die Gefahr
von dem Kälbchen auf sich selbst zu lenken. Nicht nur bei Antilopen,
sondern auch bei Vögeln, insbesondere bei Straußen, kann
man dies Manöver immer wieder beobachten. So gerissen die Räuber
der Steppe auch sein mögen, fast immer lassen sie sich auf diese
Weise täuschen. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß das
Muttertier sich der Gefahr wohl bewußt ist, in die es sich freiwillig
begibt. Denn es weiß, daß es mit einem Gegner zu tun hat,
der die Gesetze der steppe ebenso gut kennt wie es selbst. Ein winziger
Fehler, ein zu kurzer Sprung, und es muß seine Mutterliebe mit
dem Tode bezahlen.
Die Unbilden der Witterung, die kalten Nächte der regenzeit, kann
nur das kräftigste Jungtier überstehen. das schwache geht
zugrunde. so will es die Natur, die den Starken schützt, für
den Schwächling aber kein Mitleid kennt.
Zu Beginn der folgenden Trockenzeit sind die Jungtiere schon kräftig
genug. sie folgen der Herde, und wnn sie auch noch zu schwach sind,
um selbst zu kämpfen, so bilden sie doch für die gemeinschaft
keine Belastung mehr. Was ihnen noch an Kampfkraft fehlt, müssen
sie durch die Schnelligkeit ihrer langen Beine ersetzen, die nur einen
leichten Körper zu tragen haben.

Nur in den
seltensten Fällen gelingt es dem Löwen, dem Herr der steppe,
ein kräftiges Jungtier zu schlagen. Ihm fallen nur ältere
und schwächere Tiere zur Beute. Wieder hat die Natur einen Ausgleich
geschaffen. Das Alte vergeht, das Junge besteht.
Aber auch die Raubtiere sind eine Naturnotwendigkeit, denn ohne sie
wäre kein Ausgleich möglich. Die Herden der Steppe würden
derart zunehmen, daß selbst die riesigen afrikanischen Flächen
ihnen nicht genug Nahrung bieten könnten. Die Tiere würden
auch degenerieren, ihre innere Kraft verlieren und dadurch anfällig
gegen Seuchen und Krankheit werden, die für den wildbestand Afrikas
eine größere Gefahr sind als Menschen und Raubtiere.
Im Jahre 1896-1898 fegte die furchtbare Rinderpest, vom Norden kommend,
durch Afrika. Sie vernichtete den Viehbestand der Eingeborenen und dezimierte
das Wild. Nur die seit Urzeiten von der Natur vorgeschriebene Auswahl
des Stärkeren gab dem Wild die Kraft, diese Katastrophe zu überstehen
und in wenigen Jahrzehnten wieder auszugleichen. Das Massenmorden der
Buren in den alten Tagen hat die Wildbestände Südafrikas so
gut wie vernichtet und manche Tierart völlig aussterben lassen.
Aber auch hier hätte sich die Natur wieder durchgesetzt, wenn sie
nicht der Zivilisation hätte weichen müssen. Den Treckbuern
folgten die Siedler, es entstanden Farmen, Dörfer und Städte.
Ihnen mußten die Herden der Steppe weichen. Viehherden nahmen
ihre Plätze ein. Die Freiheit, die Unendlichkeit der Steppe ging
verloren. Die dem sinnlosen Gemetzel entronnenen Tiere zogen sich weiter
und weiter zurück. Es war ein Feind gekommen, dem sie nicht gewachsen
waren, die Zivilisation.
Um heute die Herden der steppe zu sehen, wie ich sie hier geschildert
habe, muß man dorthin reisen, wo entweder die Natur dem Vordringen
ihrer größten Feindin, der Kultur, durch ungesundes Klima,
Tsetsefliege und anderes einen machtvollen Riegel vorgeschoben hat,
oder wo klug voraussehende Menschen den Tieren in Form von großen
Wildreservaten Asyle geschaffen haben, in denen sie ungefährdet
unter ihren ursprünglichen Lebensbedingungen weiter gedeihen können,
dort, wo noch heute die Herden über die Steppe brausen wie in alten
Tagen, wo es zwar immer Kampf in der Natur, aber noch keinen Kampf gegen
die Natur gibt.
Ich hatte inzwischen eine Station besucht, wo ich mit echt afrikanischer
Gastfreundschaft aufgenommen wurde, war dadurch der Zivilisation wieder
näher gerückt und auf allerlei Gedanken gekommen, die sich
eigentlich nicht für einen Elefantenjäger eignen. Nach meinem
Geschmack waren viel zu viel Europäer nach Afrika gekommen, viel
zu viel Jäger waren auf die Tiere der Steppe und auf das Großwild
losgelassen.
Als wir
die Station nach einigen Tagen, die der Erholung gewidmet waren, verließen,
zog meine kleine Karawane langsam und mißmutig auf der bara-bara
dahin. Unter ärgerlichem Grunzen und unter bildreichen Flüchen,
die nicht nur der Last selbst, sondern auch deren Inhalt und denjenigen
galten, die im fernen Ulaya, also in Europa, die Sachen hergestellt
hatten, wurden die Lasten von einer Schulter auf die andere, auf den
Wollschädel und wieder zurückgeschoben.
Aber nicht nur die Pagazi, unsere Träger, sondern auch ich, der
ich mit meinem Fundi, dem Jäger, und Gewehrträgern vor der
Karawane marschierte, war sichtbar schlechter Laune.
Man möchte glauben, die Safari wäre seit Monaten auf dem Marsch
gewesen, wäre übermüdet und litt Mangel. Aber gerade
das Gegenteil war der Fall, denn wir kamen aus der "Großstadt"
Mahenge, wo für die Träger im wahren Sinne des Wortes Milch
und Honig floß. Daß dabei auch das Herz nicht zu kurz kam,
sei nur nebenbei bemerkt.
"O, Longoma", sagte ich zu meinem treuen Awemba-Jäger
"was ist denn mit den Pagazi los? Warum seid ihr alle so schlechter
Laune? Es geht doch wieder auf die Elefantenjagd, bald wird es wieder
mjama, Fleiscj in Übersfluß geben."
"Dio bwana, das ist schon richtig, aber wir, die wir nun schon
mit dir so lange durch fremde Lande und den Pori, den Busch, ziehen,
haben uns in deer Stadt so wohl gefühlt, bei dem guten chakula,
dem Essen und den hübschen bibis, daß wir nur zu gerne noch
dort geblieben wären. Wie haben auch Heimweh bekommen nach unseren
Dörfern und unseren Frauen. Seit Monaten leben wir mit dir im Busch,
wie das mjama, das Wild. Wir möchten nach Hause!"
So wie Longoma und meine Träger, war auch mir so etwas wie Heimweh
angekommen. Es war eigentlich nicht ein richtiges Heimweh, sondern mehr
eine Unzufriedenheit mit meiner Tätigkeit als Elefantenjäger.
Jetzt sollte es wieder hineingehen in den Pori auf Elefantenjagd. Aber
diesmal zog ich nicht wie sonst in in froher Erwartung auf die vor mir
liegenden Abenteuer los.
Eine Veränderung war während meines Aufenthaltes in der Stadt
mit mir vorgegangen. Ich hatte andere Europäer bei ihrer Arbeit
beobachtet. Hatte gesehen, wie sie durch ihre Arbeit Werte schufen,
und war zu der für mich niedderschmetternden Überzeugung gekommen,
daß meine Tätigkeit als Großwildjäger nur Werte
zerstörte. Wenn ich auch in vielen Fällen der Wissenschaft
durch mein Sammeln und meine Entdeckungen einen bescheidenen Beitrag
geliefert hatte, so geschah das nur nebenbei. Meine Hauptbetätigung
war die Jagd. Es mßte also irgend etwas geschehen.
Diese Gedanken
gingen mir im Kopf herum, als ich an der Spitze meiner durch die Genüsse
der "Großstadt" verweichlichten Karawane in der glühenden
Sonnenhitze auf der schattenlosen bara-bara dem Ulaga-Fluß zustrebte.
"Also schön", sagte ich mir zum hundertsten Male, "du
gibst die Elefantenjagd auf, gehst nach Hause und ..., ja und was wirst
du Anfangen? Aber darum mache dir nur keine Sorgen, mein Lieber, bleibe
nur erst deinen Vorsatz treu. Höre auf zu jagen, dann wird sich
schon etwas finden." Doch da wurde wieder der alte Elefantenjäger
in mir wach. "62 Elefanten hast du bis jetzt erlegt", sagte
mein innerer Versucher. "62 gibt die Quersumme 8. Du warst doch
immer in Zahlen abergläubisch, 3 ist deine Glückszahl. Einen
Elefanten mußt du noch erlegen, den 63, das ergibt dann die Quersumme
9, also eine ganz große Glückszahl." -
Eingesponnen in meine Gedanken zog ich dahin. das trockene hohe Gras
zu beiden Seiten der Straße behinderten die Sicht. Alle Augenblicke
stolperte ich auf dem zerissenen Boden der Ulanga-Ebene, die in der
Regenzeit ein riesiges Sumpfgebiet ist, Tummelplatz für Elefanten
und Flußpferde. Das dicke Gras wird hier so hoch, daß die
Elefanten richtige Tunnel hindurchbrechen und die Jäger mit Bambzsleitern
auf die Jagd gehen.
Wir kamen in ein großes Dorf am Ulanga-Fluß. Es liegt in
einer der fruchtbarsten Gegenden Afrikas. Außer den üblichen
Feldfrüchten wird viel Reis angebaut. Auch Kokospalmen gedeihen
hier, so weit vom Meere entfernt. Um das Dorf herum liegen große
Bananenpflanzungen, die sich schattenspendend als freundlicher grüner
Gürtel an das Dorf anschmiegen
Singend zog meine Karawane ein. Schon war das Großstadtleben vergessen,
denn auch dies Dorf bot Reize aller Art. Der Tumbo, der Magen, das Allerheiligste
jedes Negers, kam hier bestimmt nicht zu kurz, und daß auch für's
Herz gesorgt wurde, das bewiesen die bibis, die mit fröhlichem
Lachen und Händeklatschen die einziehende safari begrüßten.
Meine Leute sangen das alte Lied der Elefantenjäger. Mit diesem
Lied in der Awembasprache waren wir vor über zwei Jahren vom Bangweolosee
abmarschiert. Jetzt erklang es in einem richtigen Buschkisuaheli, wie
es meine Awemba hier in Ostafrika gelernt hatten.
Kaum war mein Zelt aufgeschlagen, da kam schon der Jumbe, der Dorfschulze,
mit einem stattlichen Gefolge, um mir die üblichen Gastgeschenke
zu bringen. Hei, wie keuchten da die Augen meiner "mtoto",
meiner Kinder, wie die Träger sich bei solcher Gelegenheit zu gerne
nannten.
Nachdem
ich meine Gegengeschenke gegeben hatte, die recht reichlich ausfielen,
da ich zur Küste marschieren wollte, um endlich von dem Leben als
Elefantenjäger Abschied zu nehmen, und daher mit den Tauschartikeln
nicht so sparsam umzugehen baruchte, begann das übliche "schauri".
Eigentlich hörte ich nur mit halbem Ohr hin, wartet nur darauf,
die üblische Bitte um irgendein größeres Geschenk zu
hören: Da sprang plötzlich folgender Satz an mein Ohr: "Bwana,
bleibe doch einen Tag und schieße einen Elefanten, denn jede Nacht
und oft auch am Tage kommen große Bullen in unsere schambas, die
Gärten und zerstören unsre Bananenpflanzungen." Ich mußte
mich zusammenreißen, um nicht aufzuspringen um eine Sturzflut
von Flüchen auf das Wollhaupt der so friedlich vor mir sitzenden
Jumben niederrasseln zu lassen. "Du schwarzer Teufel", sagte
ich innerlich, "du willst mich verführen, mein mir selbst
gegebenes Wort zu brechen!" "62 gibt die Quersumme 8, aber
63 deine Glückszahl 9", sagte es dagegen wieder in mir. "Also",
forderte ich den Jumben auf, der natürlich von meinem Gewissenskonflikt
nichts gemerkt hatte, "erzähle mir mal genau, was für
Elefanten kommen denn in eure schamba? Sicher nur Kühe und Kälber?"
Nun prasselte aber auf mein unschuldiges Haupt ein Wortschwall hernieder,
wie ihn nur ein aufgeregter Eingeborene hervorbringen kann. "Kühe
und Kälber!", schrie er mich förmlich an, "Kühe
und Kälber, bwana, Bullen sind es mit Zähnen, die nicht einer
deiner fremden Pagazi tragen kann. Nicht einmal ein Manyamwesi könnte
einen solchen Zahn tragen, und die Manyamwesi sind doch die stärksten
Träger in ganz Afrika."
Daß bei dieser Beschreibung meine ganze Jagdleidenschaft wieder
wach wurde, ist nicht verwunderlich. "Tasama bwana, sieh Herr",
sagte dann der Jumbe weiter, "nicht nur groß sind meine Elefanten,
sondern auch leicht zu finden. Denn du brauchst ihnen nicht im Pori
oder in der Ulanga mbuga, in der Steppe, in dem haushohen Gras voller
Juckbohnen nachzulaufen. Sie kommen hier bis ans Dorf heran. In der
Nacht, wenn wir die Ngoma schlagen, singen und tanzen, stehen sie neben
den Hütten in der schamba, und wir hören deutlich, wie sie
unsere Früchte fressen."
Die Wunder mußte ich mir doch näher ansehen, und so ließ
ich mich von dem Jumben führen, um festzustellen, wie nah die Elefanten
tatsächlich an das Dorf herankamen, und ob sie sich wirklich gerade
jetzt hier im Bezirk aufhielten. Bei der glühenden Beschreibung
des Jumbes waren mir doch einige Bedenken gekommen. Sollte vielleicht
mein etwas zu reichlich gegebenes Gastgeschenk dem guten Mohren Reichtümer
vorgegaugelt haben, die von dem dummen Weißen leicht zu haben
waren? Hatten die neuen Tücher, die meine Träger in der Stadt
erworben hatten, und in denen sie jetzt stolz herumspazierten, bei den
so gerne gefälligen bibis Gelüste erweckt? Ich kannte der
Charakter der Eingeborenen zu gut, um hinter der Erzählung des
Jumben nicht irgendein selbstsüchtige Absicht zu wittern. Natürlich
spielte die Aussicht auf die reichliche Fleischmenge, die dem Dorf mühelos
in den Rachen fallen sollte, eine Rolle. Aber gut, wir werden ja sehen.
Tatsächlich,
nicht hundert Meter von meinem zelt entfernt, sah ich scchon die Trittsiegel
eines wirklichen mächtigen Bullen. Er hatte Bananenstauden, die
mitten im Dorf zwischen den Hütten standen, niedergebrochen, in
aller Ruhe zerkaut und teilweise wieder ausgespuckt. Dann war er in
ein Feld mit Bataten, mit Süßkartoffeln, gewechselt und hatte
hier auf sehr praktische Weise den Eingeborenen die Mühe der Ernte
abgenommen. Mit den Stoßzähnen hatte er zwei beinahe gerade
Furchen gezogen und in aller Ruhe die so zu Tage geförderten Kartoffeln
aufgelesen.
Nachdem ich die Gegend genau besichtigt hatte, beschloß ich, nur
von meinem Fundi Longoma und meinen zuverlässigsten Gewehrträgern
begleitet, in einem kleinen, mitten in einem Bananenhain gelegenen Farmdörfchen
mein Nachtlager aufzuschlagen. Dem Jumben gab ich Anweisungen, Leute
in die anderen Farmdörfer zu schicken, um mir den Anmarsch der
Elefanten rechtzeitig zu melden.
Hier lag nun noch einmal, zum Abschluß meiner Tätigkeit als
Elefantenjäger, ein wahrhaft großes Abenteuer vor mir.
Als ich um 7 Uhr an meinem kleinen Feldtisch mein Abendbrot verzehrte,
war es schon dunkel. Schwarze afrikanische Nacht hatte uns umklammert,
keinen Schritt weit konnte man sehen. Gegen ½ 8 Uhr stieg ein fast
voller Mond auf, und bald leg die Landschaft im silbernen Glanze, beinahe
taghell erleuchtet, vor mir.
Ich hatte alles genau vorbereitet. Über das Korn meiner schweren
Elefantenbüchsen hatte ich einen Streifen weißen Tuches gebunden,
denn selbst im hellsten Mondschein kann man das feine Korn der Büchse
nicht erkennen. Elektrische Hilfsmittel, die es heute gibt, kannten
wir Jäger in jenen Tagen noch nicht. Zu meiner Befriedigung aber
stellte ich fest, daß ich durch die Kimme das weiße Tuch
recht gut sehen konnte.Wirklich genau und fein zielen läßt
sich natürlich auf diese Weise nicjht, aber auf der nachtjagd muß
eben die Nähe die Genauigkeit des Zielens ersetzen, und nahe genug
heran an die Elefanten sollte ich in dieser Nacht noch kommen.
Unser Späherdienst
war ausgezeichnet organisiert. Schon kurz, nachdem der Mond aufgegangen
war, kamen die ersten Meldungen: "Bwana, die Elefanten kommen aus
dem pori. Wir haben sie zwar noch nicht gesehen, aber deutlich hörten
wir, wie sie Bananenstauden brechen. Bleibt aber ruhig noch hier, wir
gehen zurück zu unseren Freunden, die die Elefanten beobachten.
Wir werden dir dann rechtzeitig mitteilen, auf welches Dorf die tembo
zuziehen."
Versteck in den Bananenhainen liegen einzelne Hütten, die aber
nur zur Zeit der Farmarbeit bewohnt sind. In dem kleinen Dorf, in dem
ich lagerte, waren einige Leute. Jetzt hieß es Geduld haben, in
Ruhe warten.
Auf meinen Befehl herrscht im Dörfchen Totenstille. Ich sitze im
Feldstul, lausche hinaus in die Nacht. Neben mir hockt Longoma, mein
Jäger. Meine Gewehrträger und persönlichen Diener habe
ich als Posten an verschiedenen Stellen verteilt. Da! Ein Geräusch...
Etwas hat geknackt! Ich springe auf! Aber es ist nur ein Holzscheit,
der im Feuer gesprungen ist. Ein Mann Hustet. "Kelele mschenzi,
Ruhe, du Buschmann!" fährt ihn Longoma an. Dann hören
wir deutlich in der märchenhaften Stille der afrikanischen Nacht
das patapata bloßer Füße auf dem Wege. Es sind die
ersten Späher, die atemlos und vor Aufregung zitternd, ankommen.
"Bwana, tembo tayari, Herr, die Elefanten sind da, dicht bei dem
nächsten Dorf, jetzt müßt ihr mitkommen!"
Schnell die Gewehre! Noch einmal nachgesehen, ob alles in Ordnung ist,
und lautlos folgen wir den Führern. Erst geht der Weg durch hohes
Gras. Mein Herz klopft zum Zerspringen. Es ist doch ein eigenartiges
Gefühl, so in der Nacht hinauszuziehen, um im fahlen Licht des
Mondes dem wehrhaften Riesen entgegenzutreten. Im Mondschein springen
unheimliche Schatten hervor, alles erscheint ins Riesige verzerrt und
gespenterhaft. Hier im hohen Gras, das sich manchmal über unseren
Köpfen zusammenschließt, ist es besonders unheimlich. Nur
erst hier durch sein, ist mein brennender Wunsch. Wären wir erst
wieder auf freiem Gelände, wo man wenigstens etwas sehen kann.
Was soll ich machen, wenn wir hier unerwartet auf den Gegener treffen?
Endlich sind wir durch. Erleichtert atme ich auf! Wir kommen zu einer
kleiner Hütte, halten, horchen gespannt hinaus, aber alles ist
totenstill.
Da plötzlich ein leises Knistern und Knacken! Dei Elefanten! Ruhig,
fast lautlos ziehen sie durch das hohe Gras. Bis aufs äußerste
ist jeder Nerv gespannt. Werden sie auf uns zukommen? Fast scheint es
so. Aber nein, sie biegen ab und zieghen ausgerechnet nach dem eben
von uns verlassenen Dorf. Also wieder zurück. Wieder durch das
verfluchte hohe Gras, und diesmal in dem sicheren Bewußtsein,
daß die Elefanten ganz in der Nähe sind und wir jeden Augenblick
mit ihnen zusammenstoßen können. Jetzt sind die Tiere auch
lauter geworden, so daß wir sie fortgesetzt hören. Wir erreichen
einen Bananenhain und fassen Posten. Minuten vergehen. Jeden Augenblick
erwarten wir, die Riesen vor uns auftauchen zu sehen. Schon hören
wir das eigentümliche Kollern im Magen der Tiere. Fester fasse
ich die schwere Büchse. Da.... auf einmal wieder Totenstille. Dann
ein krachen und Brechen, und in der Ferne hören wir die Elefanten
abziehen, die sich in der Nacht gar nicht die Mühe geben, lautlos
zu verschwinden, wie sie es am Tage tun. Ein Windstoß hat uns
verraten.

Wie kommt
es nun, daß die Elefanten, die sonst dicht bei dem Dorf äsen,
ja machmal sogar die zwischen den Hütten stehenden Bananenstauden
brechen, keine Notiz davon nehmen, wenn im Dorf, kaum hundert Meter
entfernt, mit nicht geringem Kraftaufwand getrommelt, gesungen und getanzt
wird, während sie in unserem Falle vor einem Europäer und
wenigen Schwarzen, die bewegungslos im Schatten der Bananen stehen,
in wilder Flucht davonstürmen? Hierfür wird man wohl vergeblich
nach einer Erklarung suchen.
Ich habe mir damals nicht lange darüber den Kopf zerbrochen, sondern
habe den guten Tierchen einen kräftigen Fluch nachgeschickt, bin
in mein kleines Jagdlager zurückgekehrt, habe mich auf mein Feldbett
geworfen und bin gleich eingeschlafen.
Gegen Mitternacht wurde ich von dem aufgeregten Flüstern meiner
Leute geweckt. Ich glaubte, ich sei gerade eingeschlafen. Erst ein Blick
auf meine Uhr belehrte mich über die Zeit.
"Was gibt es?" fragte ich longoma. "Bwana, die Elefanten
sind wieder da", antwortete er mit vor erregung zitternder Stimme.
Es waren Leute aus einem anderen Dorf gekommen, die meldeten, daß
die Elefanten dort in den Bananen ästen.
Heraus aus den Decken! Und nach wenigen Minuten folgten wir den Führern.
Es war kalt geworden, ein kühler Nachtwind hatte eingesetzt; mich
fror. Nichts wirkt bei mir auf die Jagdleidenschaft so niederdrückend
wie Kälte. Ich fluchte innerlich, wünschte die Elefanten zum
Teufel. Glücklicherweise ging es diesmal über freies Gelände,
über abgeerntete Hirsefelder. Nochmal durch das hohe Gras, jetzt
überdies noch feucht vom Nachttau, hätte mir gerade noch zu
meinem Glück gefehlt. Wir kamen zu dem Bananenhain, aber von den
Elefanten keine Spur. Sie waren schon weiter gewechselt. Es schien wirklich,
als ob ich meine glückliche Quersumme 9 nicht erreichen sollte.
Ich schickte die ortskundigen Späher los, um festzustellen, nach
welcher Richtung die Elefanten gewechselt waren.
Immer kühler
wurde es, aller Eifer war verflogen. Wir standen auf freiem Feld, deutlich
hörte ich Longomas Zähne klappern. "Baridi, bwana, es
ist kalt, Herr", flüsterte er mir zu. "Ja, es ist kalt
und die Elefanten sind weg", antwortete ich ziemlich laut.
Plötzlich höre ich ein Geräusch, ein Rascheln in den
dürren am Boden liegenden Hirsestengeln. "Horch, Longoma,
die Leute kommen zurück, vielleicht haben sich die Elefanten doch
wiedereingestellt."
Da, ich traue meinen Augen nicht, taucht vor mir auf dem vom Monde hell
erleuchteten Feld der mächtige Schädel eines Elefantenbullen
auf. Grell, blendend weiß leuchten die schweren Stoßzähne
im Mondlicht. Vier weitere Elefanten folgen lautlos. Geisterhaft, unwahrscheinlich
kommen sie in schneller Fahrt auf uns zu. Wir stürzen zur Seite.
Eine kleine, auf Hirsestengeln erbaute Kornbinse, die ein Elefant mit
einem einzigen Rüsselschlag zertrümmern kann, bietet Schatten
und Deckung. Sobald die Elefanten den Platz erreichen, wo wir soeben
standen, verhoffen sie wie auf Kommando. sie haben unsere Witterung
bekommen. Keine zehn Schritte von mir entfernt, bleiben sie dicht zusammengedrängt
stehen. Es ist unmöglich, einen Schuß anzubringen, denn der
mir zunächst stehende Bulle hat nur schwaches Elfenbein, während
ich bei dem Leitbullen ein paar mächtige Stoßzähne ausgemacht
habe. Ich ziele, setze ab, vergeblich! Da kommt der große Bulle
vor, um wieder die Führung zu übernehmen. Laut donnern meine
beiden Schüsse ducrh die Nacht. Das Tier schwankt, rafft sich auf.
In den Bananen verhofft es, scheint zu überlegen, ob es zum Angriff
vorgehen soll. Doch dann zieht es weiter. Ich bin jetzt dichter hinter
ihm. Auf freiem Felde bleibt der Elefant stehen. Gigantisch, wahrhaft
übernatürlich groß erscheint er so im hellen Mondlicht
auf der gänzlichen freien Fläche. Leuchtend heben sich die
mächtigen Stoßzähne von dem schwarzen Körper ab.
Noch einmal hebe ich die schwere Büchse. Zum letzten Male.63 ergibt
Quersumme 9, geht es mir durch den Kopf. Ich ziele so vorsichtig, wie
es mein umwickeltes Korn nur gestattet. Langsam ziehe ich durch, und
noch im Dröhnen des schweren Kalibers bricht der Elefant zusammen.
Mein 63. und letzter Elefant, den ich nachts um 12 Uhr 40 Minuten am
1. Oktober 1909 in Ostafrika am Ulanga-Fluß erlegte. Der letzte
mit der Büchse. Aber 70 andere sind dann an einem Tage 22 Jahre
später auf meiner letzten Expedition unserem Filmobjektiv zum Opfer
gefallen.
Nachdem
ich nun meinen letzten Elefanten erlegt habe, will ich noch einige Worte
des Gedenkens den alten Elefantenjägern widmen. Gelegenheit dazu
gibt mir die Nachricht, die im Herbst 1945 durch Presse und Rundfunk
ging, daß Major Philipp Jacobus Pretorius, der erfolgreichste
Großwildjäger der Welt, in Pretoria in Südafrika gestorben
ist.
So hat doch ein alter Elefantenjäger, der jahrzehntelang diesen
gefährlichen beruf ausgeübt hat, im bett den Tod gefunden.
Eine sorgfältig durchgeführte englische Statistik hat vor
Jahren festgestellt, daß das Leben eines Elefantenjägers
durchschnittlich zwei Jahre beträgt. Er hat die Wahl, von einem
Elefanten zertreten, von Eingeborenen ermordet, von einer Schlange gebissen
zu werden oder an Malaria, Schwarzwasser oder einer anderen Tropenkrankheit
zu sterben.
Jede Regel hat eine Ausnahme. Daß aber mein Freund Pretorius eine
solche Ausnahme bilden würde, hätte ich nie geglaubt.
Der Name Pretorius dürfte nur Wenigen in Deutschland bekannt sein,
und das Wort "erfolgreichste" hat nach den hinter uns liegenden
zwölf Jahren, wo nur in Superlativen gesprochen wurde, keinen guten
Klang. Hören wir aber, daß dieser Mann in seinem Jägerleben
unter anderem Großwild 555 Elefanten erlegt hat, so horchen wir
doch auf.
555 Elefanten! Wer kann sich überhaupt ein Begriff davon machen,
was das bedeutet! Jäger werden diesen Nimrod bewundern, "nur"
Tierfruende ihn verdammen. Ich sage absichtlich "nur" Tierfreunde,
denn jeder wahre Jäger ist immer auch ein Tierfreund, und mit dem
"nur" will ich diejenigen bezeichnen, die nicht Jäger,
aber begeisterte und empfindsame Tierfreunde sind, die in ihrer ehrlichen
Begeisterung leicht über das Ziel hinausschießen.
Ich kannte Pretorius, dessen Jagdlager am Rufiyi, etwa zwei Tagemärsche
unterhalb meines Jagdlagers bei Makalinso, am Zusammenfluß von
Ulanga und Rufiyi, lag. Von hier aus führen die beiden Flüsse
den Namen Rufiyi.
Es war im Jahre 1908, als ich auf dem Marsch zur Küste das erste
Mal Pretorius traf. Er war damals schon einer der erfolgreichsten Elefantenjäger
Ost-Afrikas. Seine Strecke betrug zu der Zeit sicher über hundert
Elefanten, und da er seit mindestens fünf Jahren beruflich als
Elefantenjäger tätig war, so würde das einen Durchschnitt
von zwanzig Elefanten im Jahre ergeben.
Soweit mir
bekannt ist, hat Pretorius bis zum Jahre 1928, allerdings mit Unterbrechungen,
gejagt. das würde bedeuten, daß er durchschnittlich etwa
fünfzehn Elefanten im Jahre erlegt hat. Wenn man dabei bedenkt,
daß er mehrfach im Regierungsauftrag an den in verschiedenen Gegenden
Afrikas notwendig gewordenen Vernichtungsfeldzügen gegen Elefanten
teilnahm, so ist das keine allzu große Abschußzahl.
So bedauerlich diese Vernichtungsfeldzüge auch seinmögen,
so waren sie leider doch notwendig. Der Elefant ist nun mal ein großer
Zerstörer, der aus reinem Übermut in einer Nacht eine ganze
Bananenplantage verwüstet.
In Kapland, ganz in der Nähe der bedeutenden Hafenstadt Port-Elisabeth,
liegt der Ado-Busch (Addo), seit langen Jahren ein Wildreservat, in
dem verschiedene Elefantenherden leben. Diese Tiere haben jede Scheu
vor den Menschen verloren. Anstatt sich wie gesittete Staatsbürger
zu betragen, die unter dem Schutz des Gesetzes leben, wurden sie übermütig
und bösartig.
Nachdem sie einige Male aus ihrem Schongebiet, dem Ado-Busch, ausgebrochen
waren, viele Kulturen vernichtet und einige Menschen getötet hatten,
wurde ihnen amtlicherseits im Jahre 1919 der Krieg erklärt.
Einige Jäger unter der Leitung von Pretorius begannen mit dem Abschuß,
der jedoch auf höheren Befehl plötzlich eingestellt werden
mußte. Im Jahre 1929 wurden die Elefanten direkt ein öffentliches
Ärgernis. Alle möglichen Pläne erwog man gegen sie, kam
aber jedenfalls bis Kriegsausbruch zu keinem Resultat.
In einigen Gebieten von Ostafrika führte man diese Feldzüge
gegen die Elefanten energisch durch. Im Jahre 1935 wurden in Kenya 281
Elefanten "amtlich" abgeschossen. Dazu kommen noch die von
Berufsjägern, Sportsleuten und Eingeborenen erlegten Tiere.
Geradezu erschreckend ist die amtliche Abschußliste aus Uganda,
die mir für die Jahre 1935 bis 1938 vorliegt. Im Jahre 1835 wurden
2000, 1936 sogar 2300, 1937 wieder 2000 und 1938 allerdings "nur"
1500 Elefanten von Regierungswildhütern abgeschossen.
Wie ein Stoßseufzer klingen die Worte des Uganda Game warden,
des Wildschutzbeamten Capt. C.R.S. Pitman, wenn er sagt: "Es ist
unnötig, die Notwendigkeit dieser scheinbaren Schlachterei zu entschuldigen.
Uganda ist heute noch in vielen Teilen tatsächlich von Elefanten
überlaufen. Überhaupt läßt sich nicht mehr feststellen,
wo diese Riesenherden von Elefanten herkommen. Es scheint, als ob für
jedes erlegte Tier zwei neue auf rätselhafte Weise auftauchen,
um es zu ersetzen. Nur mit Mühe und Not können wir uns gegen
die Elefanten behaupten, aber nur behaupten, mehr nicht. Selbst der
engstirnigste Tierschützer dürfte mit dieser Sachlage zufrieden
sein."
Wenn man
bedenkt, daß Pretorius an einem dieser Vernichtungsfeldzüge
teilgenommen hat, so ist die Zahl von 555 während eines Menschenalters
erlegten Elefanten bestimmt bedeutend und von nur wenigen, wenn überhaupt
jemals erreicht worden. Aber diese Abschußzahl ist keineswegs
ein Bewesi für Aasjägerei.
Der junge Pretorius, den ich kannte, war ein geborener Jäger. In
ihm steckte das Blut von Generationen alter Burenjäger. Er war
ein ruhiger, bescheidener Mensch, voll Humor, und er verstand es, den
Bwana Mkuba, den hohen Beamten im damaligen Deutsch-Ostafrika, manches
Schnippchen zu schlagen.
Wir Elefantenjäger waren seinerzeit bei den Beamten aller mehr
oder weniger unbeliebt. Am unbeliebtesten war aber sicher Pretorius,
weil es den tüchtigen Beamten nie gelang, ihn in einer der zahlreichen
Schlingen zu fangen, die sie ihm stellten.
Am Rufiyi hatte Pretorius eine Pflanzung. Nirgends gab es schöne
Mangobäume wie dort. Mango sind die Lieblingsfrüchte der Elefanten.
Böse Zungen behaupteten, daß Pretorius die ganze Pflanzung
überhaupt nur für die Elefanten angelegt hätte, denn
dort wuchs alles, was die Elefanten lieben: süßkartoffeln,
James, Erdnüsse, Bananen und manche andere Leckerei.
Die Elefanten hatten das bald begriffen, und zur Zeit der Mangoreife
kamen sie aus dem über dem Fluß gelegenen Reservat, um sich
an ihrer Lieblingsfrucht gütlich zu tun, mußten aber, allerdings
nur wenn es sich um starke Bullen handelte, ihre Naschsucht mit dem
Leben bezahlen.
Pretorius war ein unfehlbarer Schütze, der auf der Elefantenjagd
damals nur Kleinkalibergewehre benutze und sich, wie auch einige andere
furchtlose Jäger, wie zum Beispiel mein Jagdgenosse James Mac Neil
und Capt. Bell, der in Afrika unter dem Namen Kara moocha-Bell bekannt
war, ausschließlich auf den Kopfschuß verließ, während
sein erfolgreichster Konkurennt Jimmy Sutherland, ebenso wie ich, die
schwere Elefantenbüchse benutzten.
Pretorius war in seinen jungen Jahren ein schlanker schmächtiger
Mensch, dem man auf den ersten Blick nicht ansehen konnte, welch ungeheure
Strapazen er auf den Jagdzügen überwunden hatte. Auch Sutherland
war eher klein, von untersetzter Figur. Es ist eigentümlich, daß
unter den vielen berufsmäßigen Elefantenjägern, die
ich in allen Teilen Afrikas kennen gelernt habe, eigentlich nur mein
Lehrer auf der Elefantenjagd, der Däne Larsen, ein großer
starker Mensch war.
Der Laie
macht sich einen verkehrten Begriff, wenn erglaubt, nur große
kräftige Menschen können das Leben und die Strapazen der berufsmäßigen
Großwildjagd ertragen. Das Gegenteil scheint der fall zu sein.
Kräftig und zäh müssen die Jäger sein, aber groß
und breit, das ist wirklich nicht nötig.
Wenn ich hier über einen verstorbenen Kameraden schreibe, so weiß
ich genau, daß er, der immer voller Humor war, keine Leichenrede
hören will, und darum möchte ich eine kleine Begebenheit einfügen,
die ich in Daressalam erlebte.
Bei einem Bierabend im Hotel Kaiserhof wurde ich mit einem Herrn bekannt
gemacht, der dann am Tisch neben mir Platz nahm. Ich hatte seinen Namen
und er bestimmt meinen nicht verstanden. Wie üblich, kam das Gespräch
auf die Jägerei, und als ich erzählte, daß ich in den
nächsten Tagen ins Innere auf Elefantenjagd gehen wollte, fing
er an, von solchen Jagden zu erzählen und gute Ratschläge
zu geben. Erst hörten unsere Nachbarn zu, dann die weiter entfernt
Sitzenden und allmählich wurde es ganz still am Tisch. Da sagte
einer der Anwesenden zu meinem neuen Bekannten: "Sag mal, weißt
du eigentlich, wem du das alles erzählst?" "Nein",
sagte der Angeredete, "aber der Herr interessiert sich doch für
die Jagd." Lachend sagte jemand darauf: "Das ist doch Schomburgk,
dem du alles erzählst." worauf sich mein neuer Freund zu mir
umdrehte und ganz entrüstet sagte: "Was, Sie sind Schomburgk?
Ich dachte, sie waren ein großer breiter Kerl mit einem Bart."
Das war seine Vorstellung vom Aussehen eines Elefantenjägers.
Als der erste Weltkrieg 1914 begann, hat Pretorius sich nicht wie einige
andere Buren auf die deutsche Seite gestellt, sondern er blieb seinem
Vaterland, der Südafrikanischen Union, treu. Es gelang ihm, rechtzeitig
ins englische Gebiet zu entkommen. Er wurde einer der gefürchtesten
Pfadfinder auf englischer Seite. Von General Smuts wurde er zum Offizier
befördert und avanzierte sehr schnell.
Zum zweiten Male standen wir auf entgegengesetzter Seite. Am Burenkrieg
hatte auch Pretorius als ganz junger Bursche teilgenommen. Damals auf
Seiten der Buren, während ich auf englischer Seite stand.
Das letzte
Mal, daß ich von Pretorius hörte, war auf meiner Afrikadurchquerung
im Jahre 1931/32 in Süd-Rhodesien. In Mazunga ist das Hauptquartier
der Liebig-Viehfarmen, die unter der Leitung von Pretorius standen.
Leider war er seinerzeit nicht in Mazunga, sondern wieder auf einer
Jagdexpedition. Ich habe es sehr bedauert, ihn nicht anzutreffen, denn
gern hätte ich mich mit ihm über die alten Jagdtage am Rufiyi
in Ostafrika unterhalten.
Vierzehn Jahre sind nun wieder vergangen, ich habe nichts mehr in der
Zwischenzeit von Pretorius gehört, bis um 9 Uhr eines Abends im
Jahre 1945 aus dem Lautsprecher heraus ertönte: "In Pretoria
starb der erfolgreichste Großwildjäger Major Pretorius."
Wieder ist einer der alten Kameraden dahingegangen in die ewigen Jagdgründe.
Ihm war ein langes erfolgreiches Jägerleben beschieden. Er und
auch Jimmy Sutherland konnten sich nicht von der Büchse freimachen.
Sie sind bis fast ins Greisenalter geblieben. Viele anderen haben die
Jagd ganz aufgegeben, sind irgendwo seßhaft geworden, und man
hat nichts mehr von ihnen gehört. Andere wurden Beamte und erreichten
hohe Stellungen. Denn Niemand war wol besser geeignet, Eingeborene zu
regieren, als die Elefantenjäger, die, von den Eingeborenen verehrt,
jahrelang unter ihnen gelebt hatten. Andere haben das Gewehr mit der
Kamera vertuscht und haben auf dieser Jagdart eine größere
Genugtuung gewonnen, als aus der Jagd mit der Büchse.
Aber die meisten der Elefantenjäger haben die Regel wahr gemacht:
"Zwei Jahre dauert das Durchschnittsleben eines Elefantenjägers",
sie sind gestorben, gefallen im Kampfe mit den Mächten der Natur
und liegen irgendwo in afrikanischer Erde begraben. An dem Baum, unter
dem ihr Grab liegt, scheuert sich heute ein alter Elefantenbulle, der
nicht ahnt, daß sein größter Gegner unter seinen Füßen
ruht.
Aber ihnen allen, die da draußen starben, ist die afrikanische
Erde leicht, und ich glaube sicher, daß auch Pretorius, anstatt
ruhig in Pretoria im Bett zu sterben, lieber unter den Füßen
eines alten Elefanten sein Leben gelassen hätte, wie sein großer
Kamerad Charles Ross, den sein 516ter Elefant durch einen einzigen Rüsselschlag
tötete.
Pretorius' Namen werden die Eingeborenen Afrikas nie vergessen. Er ist
und bleibt der "Safari-König", von dem sie noch nach
Generationen Wunderdinge erzählen werden.

Quelle:
Von Mensch und Tier und etwas von mir, Hans Schomburgk, H.Wigankow-Verlagsanstalt/Berlin,
1947, von rado Jadu 2000
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