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Von den Herden der Steppe und meinem letzten Elefanten

Mittagsglut liegt über der afrikanische Steppe. Es ist Trockenzeit. Wellenartig wogt die Luft in der glühenden Hitze. Wie ausgestorben liegt die die riesige Ebene, diese Steppe, auf der sonst das Leben wimmelt. Wo sind die Bewohner der unendlichen Flächen?
Unbeweglich, nur dem geübten Auge sichtbar, stehen oder liegen sie in dem spärlichen Schatten der Schirmakazien. Sie verschwinden in der flimmernden, wogenden Luft. Mimikry der Steppe!
Wenn sich dann die Sonne dem Westen zuneigt, beginnt wiederum das Leben. Aus dem Nichts tauchen sie auf, die Herden der Steppe. Unendlich ist ihre Zahl, verschieden sind ihre Arten.
In grotesken Sprüngen, laut schnaubend, mit fliegender Mähne kommt eine Herde Gnus angebraust. Sie sehen gefährlich aus, und in der Ferne könnte man sie für Büffel halten.
Nun löst sich aus dem Dunst, der noch über der Steppe liegt, in rascher Folge Herde auf Herde. Zebras, Kuhantilopen. Schaukelnd im wiegenden Paßgang schiebt sich eine Herde Giraffen in unser Blickfeld. Dort hinten Pferdeantilopen mit dem kurzen gedrungenen Säbelgehörn. In riesigen Sprüngen fegen Schwarzfersenantilopen über den Karawanenweg.

Das Leben erwacht auf der Steppe, ein wogendes Leben. Die Tiere beginnen zu äsen und ziehen im Äsen langsam dem Wasser zu. Sie schieben sich durcheinander, so daß alles in Unordnung scheint. Die Zebras haben sich zu den Gnus gesellt und einige marschieren zwischen den Giraffen.
Es ist aber nur scheinbar ein wirres durcheinander der verschiedensten Tierarten. Denn in der Natur gibt es keine Unordnung, dazu sind ihre Gesetze zu streng. der ewige Kampf um die Selbsterhaltung fordert strengste Ordnung und unbedingte Unterwerfung unter die ungeschriebenen Gesetze, die Überhaupt den Naturschöpfen erst das Leben ermöglichen.
Über allem steht die Gemeinschaft, die Herde. Das einzelne Geschöpf ist unwichtig. Nur starke und gesunde Tiere haben Anspruch auf das Leben in der Gemeinschaft. Jedes Mitglied der Herde hat zu jeder Zeit seinen vorgeschriebenen Dienst. Zu diesem Dienst gehört auch die Nahrungsaufnahme. Denn dadurch werden Kräfte gesammelt, und diese Kräfte kommen wieder der Gemeinschaft zugute.
Jede einzelne Herde hat ihr Leittier. Es ist aber nicht notwendig, daß dies immer ein Bulle, ein männliches Tier ist. Gerade alte weibliche Tiere, die über die Liebes- und Muttersorgen hinaus sind, scheinen sich besonders als Leittiere zu eignen. Untersteht die Herde einem weiblichen Leittier, so steht diesem immer ein starker, unverbrauchter Bulle zur Seite. Seine kämpferischen Eigenschaften müssen dafür bürgen, daß er Ordnung in der Herde hält. Er muß fremde Eindringlinge abkämpfen und Angreifer, besonders Raubwild, durch seinen Mut und seine Unerschrockenheit abschlagen. er hat auch dafür zu sorgen, daß Schwächlinge rechtzeitig aus der Herde ausgestoßen werden.
Die Natur kennt keine Sentimentalität. Wenn ein Tier vertrieben wird, so ist es gut. In den meisten Fällen verläßt ein krankes Tier aus eigenem Antrieb seine Herde. Tiere Verstehen zu sterben, ohne davon ein Aufsehen zu machen. Der innere Naturtrieb lehrt sie verstehen, daß ihr Einzelleben unwichtig ist, der Tod aber für die Gemeinschaft nützlich sein kann, da er der Art dient. Denn kranke oder schwache Tiere können den Untergang der ganzen Herde zur Folge haben. Es ist wie bei einer Kette, die auch immer nur so stark ist wie ihr schwächstes Glied. Dieses schwächste Glied im Leben einer Tiergemeinschaft muß immer so stark sein, daß es allen Anforderungen der Natur voll entsprechen kann.
Ein wichtiger Dienst ist, sich gegen Gefahr zu sichern. während das Leittier die sicherung übernimmt, wenn die Herde zur Tränke zieht, werden während der Äsung die wachen ständig gewechselt. Jedes Mitglied des Tierstaates muß diese Pflicht übernehmen. Nur weibliche tiere mit Jungen sind davon ausgenommen. Sie dürfen in Ruhe inmitten der herde äsen. Mutterschaft ist den tieren heilig. Die Jungen sind die Kraft und die Zukunft der herde. Die Mutter braucht in erster Linie reiche Nahrung, denn sie muß von ihrer Kraft an die Jungen abgeben. Sie erfüllt ihren Dienst an der Gemeinschaft durch aufzucht der Jungen.

Die Mutterpflicht erstreckt sich aber nicht nur auf das eigene Junge. Stirbt ein Muttertier oder fällt es einem Unglück zum Opfer, so muß eine andere Mutter sich das Waisenkind annehmen. Natürlich kommt es häufig vor, daß die Herde durch einen Angriff von Mensch oder Raubwild in die Flucht getrieben wird und daß das Kleine hilflos bei der toten Mutter zurückbleibt. In solchem Fall ist sein Schicksal besiegelt, es ist dem Tode verfallen. Hätte die Natur, die eisern, aber weise das Leben der Tiere regelt, nicht für alles vorgesorgt, so würden die schwachen hilflosen Jungtiere eine ständige Gefahr für das Bestehen der Herde bedeuten.
Wenn die Trockenzeit nach den alljährlichen Grasbränden die Steppe kahl und ohne Deckung, wenn das Wasser auf wenige Tränkplätze beschränkt ist, an denen das Raubwild lauert, wenn weite Wanderungen unternommen werden müssen, um die nötigste Nahrung zu finden, wenn in dieser schweren Zeit, wo der Lebenskampf am härtesten ist, junge, schwache Kälber bei der Herde wären, so hätte sie nicht viel Hoffnung, diesen Kampf zu bestehen. Aber auch hier hat die Natur vorgesorgt, denn zu dieser Zeit sind die Kleinen schon über das Schwerste hinweg.
Ihre Geburtsstunde fällt zu Beginn der regenzeit. Über Nacht ist die Steppe, die noch vor wenigen Tagen grau und trostlos aussah, grün geworden. Mit ungeheurer Schnelligkeit schießt das Steppengras in die Höhe. Die Zulu sagen: "das Land schwitzt!" Bald stehen die Akazien im üppigen Blätterschmuck, und auch der uralte Affenbrotbaum, der Baobab, dessen mehrere Meter starker Stamm in der Trockenzeit dürftigen Schatten spendet, hat eine dichte Laubkrone erhalten. Wasser gibt es jetzt überall. Munter rieseln Bäche, wo man sonst nur Kies und trockenen Sand sah.
Es ist nicht mehr nötig, die wenigen Wasserstellen der Trockenzeit aufzusuchen, an denen immer gefahr drohte.

So bietet die Mutter Natur auch den schwachen Kälbchen Schutz, die auf ihren langen, noch so wackligen Beinchen neben den Müttern herstelzen. Im schönen frischen, hohen Gras birgt die Mutter vorsorglich ihr Kleines in einem Lager, das sie mit ihren Hufen sorgfältig austritt. Sie kann ruhig in der Nähe äsen, denn sie weiß, das ihr Kindchen sich nicht rühren wird, bis sie wieder zu ihr kommt, damit es sich an der prallen Mutterbrust stärken kann. Nichts, aber auch gar nichts kann es bewegen, sein Lager zu verlassen. Beim geringsten Geräusch schmiegt es sich flach dem Boden an. Die Ohren werden zurückgelegt, es verschwindet in der Umgebung und ist selbst dem geübtesten Blick entzogen. Mag sein Herzchen auch noch so sehr vor Furcht pochen, wenn auf wenige Schritte eins der furchtbaren zweibeinigen Wesen vorbeigeht, das ihm sein angeborener Instinkt als seinen gefährlichsten Feind erkennen läßt, so wird es sich nicht rühren. Regnet es, dann ist die Gefahr überhaupt gering, denn der Regen nimmt auch dem herumstreichenden Raubtier die Witterung. Aber auch die Mutter schützt es vor dem Raubtier. Sie versteht es mit großem Geschick, den Räuber von dem Versteck ihres Kindes abzuziehen. Es ist wunderbar, welche Schliche und Kniffe, aber auch welchen Mut die Mutterliebe einem Tier eingibt. Gelingt es ihm nicht, den Räuber durch Drohungen, wildes Prusten und Anstürmen in die Flucht zu schlagen, so spielt es mit vollendeter Schauspielkunst die Kranke, um dadurch die Gefahr von dem Kälbchen auf sich selbst zu lenken. Nicht nur bei Antilopen, sondern auch bei Vögeln, insbesondere bei Straußen, kann man dies Manöver immer wieder beobachten. So gerissen die Räuber der Steppe auch sein mögen, fast immer lassen sie sich auf diese Weise täuschen. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß das Muttertier sich der Gefahr wohl bewußt ist, in die es sich freiwillig begibt. Denn es weiß, daß es mit einem Gegner zu tun hat, der die Gesetze der steppe ebenso gut kennt wie es selbst. Ein winziger Fehler, ein zu kurzer Sprung, und es muß seine Mutterliebe mit dem Tode bezahlen.
Die Unbilden der Witterung, die kalten Nächte der regenzeit, kann nur das kräftigste Jungtier überstehen. das schwache geht zugrunde. so will es die Natur, die den Starken schützt, für den Schwächling aber kein Mitleid kennt.
Zu Beginn der folgenden Trockenzeit sind die Jungtiere schon kräftig genug. sie folgen der Herde, und wnn sie auch noch zu schwach sind, um selbst zu kämpfen, so bilden sie doch für die gemeinschaft keine Belastung mehr. Was ihnen noch an Kampfkraft fehlt, müssen sie durch die Schnelligkeit ihrer langen Beine ersetzen, die nur einen leichten Körper zu tragen haben.

Safari/Träger

Nur in den seltensten Fällen gelingt es dem Löwen, dem Herr der steppe, ein kräftiges Jungtier zu schlagen. Ihm fallen nur ältere und schwächere Tiere zur Beute. Wieder hat die Natur einen Ausgleich geschaffen. Das Alte vergeht, das Junge besteht.
Aber auch die Raubtiere sind eine Naturnotwendigkeit, denn ohne sie wäre kein Ausgleich möglich. Die Herden der Steppe würden derart zunehmen, daß selbst die riesigen afrikanischen Flächen ihnen nicht genug Nahrung bieten könnten. Die Tiere würden auch degenerieren, ihre innere Kraft verlieren und dadurch anfällig gegen Seuchen und Krankheit werden, die für den wildbestand Afrikas eine größere Gefahr sind als Menschen und Raubtiere.
Im Jahre 1896-1898 fegte die furchtbare Rinderpest, vom Norden kommend, durch Afrika. Sie vernichtete den Viehbestand der Eingeborenen und dezimierte das Wild. Nur die seit Urzeiten von der Natur vorgeschriebene Auswahl des Stärkeren gab dem Wild die Kraft, diese Katastrophe zu überstehen und in wenigen Jahrzehnten wieder auszugleichen. Das Massenmorden der Buren in den alten Tagen hat die Wildbestände Südafrikas so gut wie vernichtet und manche Tierart völlig aussterben lassen. Aber auch hier hätte sich die Natur wieder durchgesetzt, wenn sie nicht der Zivilisation hätte weichen müssen. Den Treckbuern folgten die Siedler, es entstanden Farmen, Dörfer und Städte. Ihnen mußten die Herden der Steppe weichen. Viehherden nahmen ihre Plätze ein. Die Freiheit, die Unendlichkeit der Steppe ging verloren. Die dem sinnlosen Gemetzel entronnenen Tiere zogen sich weiter und weiter zurück. Es war ein Feind gekommen, dem sie nicht gewachsen waren, die Zivilisation.
Um heute die Herden der steppe zu sehen, wie ich sie hier geschildert habe, muß man dorthin reisen, wo entweder die Natur dem Vordringen ihrer größten Feindin, der Kultur, durch ungesundes Klima, Tsetsefliege und anderes einen machtvollen Riegel vorgeschoben hat, oder wo klug voraussehende Menschen den Tieren in Form von großen Wildreservaten Asyle geschaffen haben, in denen sie ungefährdet unter ihren ursprünglichen Lebensbedingungen weiter gedeihen können, dort, wo noch heute die Herden über die Steppe brausen wie in alten Tagen, wo es zwar immer Kampf in der Natur, aber noch keinen Kampf gegen die Natur gibt.
Ich hatte inzwischen eine Station besucht, wo ich mit echt afrikanischer Gastfreundschaft aufgenommen wurde, war dadurch der Zivilisation wieder näher gerückt und auf allerlei Gedanken gekommen, die sich eigentlich nicht für einen Elefantenjäger eignen. Nach meinem Geschmack waren viel zu viel Europäer nach Afrika gekommen, viel zu viel Jäger waren auf die Tiere der Steppe und auf das Großwild losgelassen.

Als wir die Station nach einigen Tagen, die der Erholung gewidmet waren, verließen, zog meine kleine Karawane langsam und mißmutig auf der bara-bara dahin. Unter ärgerlichem Grunzen und unter bildreichen Flüchen, die nicht nur der Last selbst, sondern auch deren Inhalt und denjenigen galten, die im fernen Ulaya, also in Europa, die Sachen hergestellt hatten, wurden die Lasten von einer Schulter auf die andere, auf den Wollschädel und wieder zurückgeschoben.
Aber nicht nur die Pagazi, unsere Träger, sondern auch ich, der ich mit meinem Fundi, dem Jäger, und Gewehrträgern vor der Karawane marschierte, war sichtbar schlechter Laune.
Man möchte glauben, die Safari wäre seit Monaten auf dem Marsch gewesen, wäre übermüdet und litt Mangel. Aber gerade das Gegenteil war der Fall, denn wir kamen aus der "Großstadt" Mahenge, wo für die Träger im wahren Sinne des Wortes Milch und Honig floß. Daß dabei auch das Herz nicht zu kurz kam, sei nur nebenbei bemerkt.
"O, Longoma", sagte ich zu meinem treuen Awemba-Jäger "was ist denn mit den Pagazi los? Warum seid ihr alle so schlechter Laune? Es geht doch wieder auf die Elefantenjagd, bald wird es wieder mjama, Fleiscj in Übersfluß geben."
"Dio bwana, das ist schon richtig, aber wir, die wir nun schon mit dir so lange durch fremde Lande und den Pori, den Busch, ziehen, haben uns in deer Stadt so wohl gefühlt, bei dem guten chakula, dem Essen und den hübschen bibis, daß wir nur zu gerne noch dort geblieben wären. Wie haben auch Heimweh bekommen nach unseren Dörfern und unseren Frauen. Seit Monaten leben wir mit dir im Busch, wie das mjama, das Wild. Wir möchten nach Hause!"
So wie Longoma und meine Träger, war auch mir so etwas wie Heimweh angekommen. Es war eigentlich nicht ein richtiges Heimweh, sondern mehr eine Unzufriedenheit mit meiner Tätigkeit als Elefantenjäger. Jetzt sollte es wieder hineingehen in den Pori auf Elefantenjagd. Aber diesmal zog ich nicht wie sonst in in froher Erwartung auf die vor mir liegenden Abenteuer los.
Eine Veränderung war während meines Aufenthaltes in der Stadt mit mir vorgegangen. Ich hatte andere Europäer bei ihrer Arbeit beobachtet. Hatte gesehen, wie sie durch ihre Arbeit Werte schufen, und war zu der für mich niedderschmetternden Überzeugung gekommen, daß meine Tätigkeit als Großwildjäger nur Werte zerstörte. Wenn ich auch in vielen Fällen der Wissenschaft durch mein Sammeln und meine Entdeckungen einen bescheidenen Beitrag geliefert hatte, so geschah das nur nebenbei. Meine Hauptbetätigung war die Jagd. Es mßte also irgend etwas geschehen.

Diese Gedanken gingen mir im Kopf herum, als ich an der Spitze meiner durch die Genüsse der "Großstadt" verweichlichten Karawane in der glühenden Sonnenhitze auf der schattenlosen bara-bara dem Ulaga-Fluß zustrebte.
"Also schön", sagte ich mir zum hundertsten Male, "du gibst die Elefantenjagd auf, gehst nach Hause und ..., ja und was wirst du Anfangen? Aber darum mache dir nur keine Sorgen, mein Lieber, bleibe nur erst deinen Vorsatz treu. Höre auf zu jagen, dann wird sich schon etwas finden." Doch da wurde wieder der alte Elefantenjäger in mir wach. "62 Elefanten hast du bis jetzt erlegt", sagte mein innerer Versucher. "62 gibt die Quersumme 8. Du warst doch immer in Zahlen abergläubisch, 3 ist deine Glückszahl. Einen Elefanten mußt du noch erlegen, den 63, das ergibt dann die Quersumme 9, also eine ganz große Glückszahl." -
Eingesponnen in meine Gedanken zog ich dahin. das trockene hohe Gras zu beiden Seiten der Straße behinderten die Sicht. Alle Augenblicke stolperte ich auf dem zerissenen Boden der Ulanga-Ebene, die in der Regenzeit ein riesiges Sumpfgebiet ist, Tummelplatz für Elefanten und Flußpferde. Das dicke Gras wird hier so hoch, daß die Elefanten richtige Tunnel hindurchbrechen und die Jäger mit Bambzsleitern auf die Jagd gehen.
Wir kamen in ein großes Dorf am Ulanga-Fluß. Es liegt in einer der fruchtbarsten Gegenden Afrikas. Außer den üblichen Feldfrüchten wird viel Reis angebaut. Auch Kokospalmen gedeihen hier, so weit vom Meere entfernt. Um das Dorf herum liegen große Bananenpflanzungen, die sich schattenspendend als freundlicher grüner Gürtel an das Dorf anschmiegen
Singend zog meine Karawane ein. Schon war das Großstadtleben vergessen, denn auch dies Dorf bot Reize aller Art. Der Tumbo, der Magen, das Allerheiligste jedes Negers, kam hier bestimmt nicht zu kurz, und daß auch für's Herz gesorgt wurde, das bewiesen die bibis, die mit fröhlichem Lachen und Händeklatschen die einziehende safari begrüßten. Meine Leute sangen das alte Lied der Elefantenjäger. Mit diesem Lied in der Awembasprache waren wir vor über zwei Jahren vom Bangweolosee abmarschiert. Jetzt erklang es in einem richtigen Buschkisuaheli, wie es meine Awemba hier in Ostafrika gelernt hatten.
Kaum war mein Zelt aufgeschlagen, da kam schon der Jumbe, der Dorfschulze, mit einem stattlichen Gefolge, um mir die üblichen Gastgeschenke zu bringen. Hei, wie keuchten da die Augen meiner "mtoto", meiner Kinder, wie die Träger sich bei solcher Gelegenheit zu gerne nannten.

Nachdem ich meine Gegengeschenke gegeben hatte, die recht reichlich ausfielen, da ich zur Küste marschieren wollte, um endlich von dem Leben als Elefantenjäger Abschied zu nehmen, und daher mit den Tauschartikeln nicht so sparsam umzugehen baruchte, begann das übliche "schauri". Eigentlich hörte ich nur mit halbem Ohr hin, wartet nur darauf, die üblische Bitte um irgendein größeres Geschenk zu hören: Da sprang plötzlich folgender Satz an mein Ohr: "Bwana, bleibe doch einen Tag und schieße einen Elefanten, denn jede Nacht und oft auch am Tage kommen große Bullen in unsere schambas, die Gärten und zerstören unsre Bananenpflanzungen." Ich mußte mich zusammenreißen, um nicht aufzuspringen um eine Sturzflut von Flüchen auf das Wollhaupt der so friedlich vor mir sitzenden Jumben niederrasseln zu lassen. "Du schwarzer Teufel", sagte ich innerlich, "du willst mich verführen, mein mir selbst gegebenes Wort zu brechen!" "62 gibt die Quersumme 8, aber 63 deine Glückszahl 9", sagte es dagegen wieder in mir. "Also", forderte ich den Jumben auf, der natürlich von meinem Gewissenskonflikt nichts gemerkt hatte, "erzähle mir mal genau, was für Elefanten kommen denn in eure schamba? Sicher nur Kühe und Kälber?" Nun prasselte aber auf mein unschuldiges Haupt ein Wortschwall hernieder, wie ihn nur ein aufgeregter Eingeborene hervorbringen kann. "Kühe und Kälber!", schrie er mich förmlich an, "Kühe und Kälber, bwana, Bullen sind es mit Zähnen, die nicht einer deiner fremden Pagazi tragen kann. Nicht einmal ein Manyamwesi könnte einen solchen Zahn tragen, und die Manyamwesi sind doch die stärksten Träger in ganz Afrika."
Daß bei dieser Beschreibung meine ganze Jagdleidenschaft wieder wach wurde, ist nicht verwunderlich. "Tasama bwana, sieh Herr", sagte dann der Jumbe weiter, "nicht nur groß sind meine Elefanten, sondern auch leicht zu finden. Denn du brauchst ihnen nicht im Pori oder in der Ulanga mbuga, in der Steppe, in dem haushohen Gras voller Juckbohnen nachzulaufen. Sie kommen hier bis ans Dorf heran. In der Nacht, wenn wir die Ngoma schlagen, singen und tanzen, stehen sie neben den Hütten in der schamba, und wir hören deutlich, wie sie unsere Früchte fressen."
Die Wunder mußte ich mir doch näher ansehen, und so ließ ich mich von dem Jumben führen, um festzustellen, wie nah die Elefanten tatsächlich an das Dorf herankamen, und ob sie sich wirklich gerade jetzt hier im Bezirk aufhielten. Bei der glühenden Beschreibung des Jumbes waren mir doch einige Bedenken gekommen. Sollte vielleicht mein etwas zu reichlich gegebenes Gastgeschenk dem guten Mohren Reichtümer vorgegaugelt haben, die von dem dummen Weißen leicht zu haben waren? Hatten die neuen Tücher, die meine Träger in der Stadt erworben hatten, und in denen sie jetzt stolz herumspazierten, bei den so gerne gefälligen bibis Gelüste erweckt? Ich kannte der Charakter der Eingeborenen zu gut, um hinter der Erzählung des Jumben nicht irgendein selbstsüchtige Absicht zu wittern. Natürlich spielte die Aussicht auf die reichliche Fleischmenge, die dem Dorf mühelos in den Rachen fallen sollte, eine Rolle. Aber gut, wir werden ja sehen.

Tatsächlich, nicht hundert Meter von meinem zelt entfernt, sah ich scchon die Trittsiegel eines wirklichen mächtigen Bullen. Er hatte Bananenstauden, die mitten im Dorf zwischen den Hütten standen, niedergebrochen, in aller Ruhe zerkaut und teilweise wieder ausgespuckt. Dann war er in ein Feld mit Bataten, mit Süßkartoffeln, gewechselt und hatte hier auf sehr praktische Weise den Eingeborenen die Mühe der Ernte abgenommen. Mit den Stoßzähnen hatte er zwei beinahe gerade Furchen gezogen und in aller Ruhe die so zu Tage geförderten Kartoffeln aufgelesen.
Nachdem ich die Gegend genau besichtigt hatte, beschloß ich, nur von meinem Fundi Longoma und meinen zuverlässigsten Gewehrträgern begleitet, in einem kleinen, mitten in einem Bananenhain gelegenen Farmdörfchen mein Nachtlager aufzuschlagen. Dem Jumben gab ich Anweisungen, Leute in die anderen Farmdörfer zu schicken, um mir den Anmarsch der Elefanten rechtzeitig zu melden.
Hier lag nun noch einmal, zum Abschluß meiner Tätigkeit als Elefantenjäger, ein wahrhaft großes Abenteuer vor mir.
Als ich um 7 Uhr an meinem kleinen Feldtisch mein Abendbrot verzehrte, war es schon dunkel. Schwarze afrikanische Nacht hatte uns umklammert, keinen Schritt weit konnte man sehen. Gegen ½ 8 Uhr stieg ein fast voller Mond auf, und bald leg die Landschaft im silbernen Glanze, beinahe taghell erleuchtet, vor mir.
Ich hatte alles genau vorbereitet. Über das Korn meiner schweren Elefantenbüchsen hatte ich einen Streifen weißen Tuches gebunden, denn selbst im hellsten Mondschein kann man das feine Korn der Büchse nicht erkennen. Elektrische Hilfsmittel, die es heute gibt, kannten wir Jäger in jenen Tagen noch nicht. Zu meiner Befriedigung aber stellte ich fest, daß ich durch die Kimme das weiße Tuch recht gut sehen konnte.Wirklich genau und fein zielen läßt sich natürlich auf diese Weise nicjht, aber auf der nachtjagd muß eben die Nähe die Genauigkeit des Zielens ersetzen, und nahe genug heran an die Elefanten sollte ich in dieser Nacht noch kommen.

Unser Späherdienst war ausgezeichnet organisiert. Schon kurz, nachdem der Mond aufgegangen war, kamen die ersten Meldungen: "Bwana, die Elefanten kommen aus dem pori. Wir haben sie zwar noch nicht gesehen, aber deutlich hörten wir, wie sie Bananenstauden brechen. Bleibt aber ruhig noch hier, wir gehen zurück zu unseren Freunden, die die Elefanten beobachten. Wir werden dir dann rechtzeitig mitteilen, auf welches Dorf die tembo zuziehen."
Versteck in den Bananenhainen liegen einzelne Hütten, die aber nur zur Zeit der Farmarbeit bewohnt sind. In dem kleinen Dorf, in dem ich lagerte, waren einige Leute. Jetzt hieß es Geduld haben, in Ruhe warten.
Auf meinen Befehl herrscht im Dörfchen Totenstille. Ich sitze im Feldstul, lausche hinaus in die Nacht. Neben mir hockt Longoma, mein Jäger. Meine Gewehrträger und persönlichen Diener habe ich als Posten an verschiedenen Stellen verteilt. Da! Ein Geräusch... Etwas hat geknackt! Ich springe auf! Aber es ist nur ein Holzscheit, der im Feuer gesprungen ist. Ein Mann Hustet. "Kelele mschenzi, Ruhe, du Buschmann!" fährt ihn Longoma an. Dann hören wir deutlich in der märchenhaften Stille der afrikanischen Nacht das patapata bloßer Füße auf dem Wege. Es sind die ersten Späher, die atemlos und vor Aufregung zitternd, ankommen. "Bwana, tembo tayari, Herr, die Elefanten sind da, dicht bei dem nächsten Dorf, jetzt müßt ihr mitkommen!"
Schnell die Gewehre! Noch einmal nachgesehen, ob alles in Ordnung ist, und lautlos folgen wir den Führern. Erst geht der Weg durch hohes Gras. Mein Herz klopft zum Zerspringen. Es ist doch ein eigenartiges Gefühl, so in der Nacht hinauszuziehen, um im fahlen Licht des Mondes dem wehrhaften Riesen entgegenzutreten. Im Mondschein springen unheimliche Schatten hervor, alles erscheint ins Riesige verzerrt und gespenterhaft. Hier im hohen Gras, das sich manchmal über unseren Köpfen zusammenschließt, ist es besonders unheimlich. Nur erst hier durch sein, ist mein brennender Wunsch. Wären wir erst wieder auf freiem Gelände, wo man wenigstens etwas sehen kann. Was soll ich machen, wenn wir hier unerwartet auf den Gegener treffen? Endlich sind wir durch. Erleichtert atme ich auf! Wir kommen zu einer kleiner Hütte, halten, horchen gespannt hinaus, aber alles ist totenstill.
Da plötzlich ein leises Knistern und Knacken! Dei Elefanten! Ruhig, fast lautlos ziehen sie durch das hohe Gras. Bis aufs äußerste ist jeder Nerv gespannt. Werden sie auf uns zukommen? Fast scheint es so. Aber nein, sie biegen ab und zieghen ausgerechnet nach dem eben von uns verlassenen Dorf. Also wieder zurück. Wieder durch das verfluchte hohe Gras, und diesmal in dem sicheren Bewußtsein, daß die Elefanten ganz in der Nähe sind und wir jeden Augenblick mit ihnen zusammenstoßen können. Jetzt sind die Tiere auch lauter geworden, so daß wir sie fortgesetzt hören. Wir erreichen einen Bananenhain und fassen Posten. Minuten vergehen. Jeden Augenblick erwarten wir, die Riesen vor uns auftauchen zu sehen. Schon hören wir das eigentümliche Kollern im Magen der Tiere. Fester fasse ich die schwere Büchse. Da.... auf einmal wieder Totenstille. Dann ein krachen und Brechen, und in der Ferne hören wir die Elefanten abziehen, die sich in der Nacht gar nicht die Mühe geben, lautlos zu verschwinden, wie sie es am Tage tun. Ein Windstoß hat uns verraten.

Guten Appetit!

Wie kommt es nun, daß die Elefanten, die sonst dicht bei dem Dorf äsen, ja machmal sogar die zwischen den Hütten stehenden Bananenstauden brechen, keine Notiz davon nehmen, wenn im Dorf, kaum hundert Meter entfernt, mit nicht geringem Kraftaufwand getrommelt, gesungen und getanzt wird, während sie in unserem Falle vor einem Europäer und wenigen Schwarzen, die bewegungslos im Schatten der Bananen stehen, in wilder Flucht davonstürmen? Hierfür wird man wohl vergeblich nach einer Erklarung suchen.
Ich habe mir damals nicht lange darüber den Kopf zerbrochen, sondern habe den guten Tierchen einen kräftigen Fluch nachgeschickt, bin in mein kleines Jagdlager zurückgekehrt, habe mich auf mein Feldbett geworfen und bin gleich eingeschlafen.
Gegen Mitternacht wurde ich von dem aufgeregten Flüstern meiner Leute geweckt. Ich glaubte, ich sei gerade eingeschlafen. Erst ein Blick auf meine Uhr belehrte mich über die Zeit.
"Was gibt es?" fragte ich longoma. "Bwana, die Elefanten sind wieder da", antwortete er mit vor erregung zitternder Stimme. Es waren Leute aus einem anderen Dorf gekommen, die meldeten, daß die Elefanten dort in den Bananen ästen.
Heraus aus den Decken! Und nach wenigen Minuten folgten wir den Führern. Es war kalt geworden, ein kühler Nachtwind hatte eingesetzt; mich fror. Nichts wirkt bei mir auf die Jagdleidenschaft so niederdrückend wie Kälte. Ich fluchte innerlich, wünschte die Elefanten zum Teufel. Glücklicherweise ging es diesmal über freies Gelände, über abgeerntete Hirsefelder. Nochmal durch das hohe Gras, jetzt überdies noch feucht vom Nachttau, hätte mir gerade noch zu meinem Glück gefehlt. Wir kamen zu dem Bananenhain, aber von den Elefanten keine Spur. Sie waren schon weiter gewechselt. Es schien wirklich, als ob ich meine glückliche Quersumme 9 nicht erreichen sollte. Ich schickte die ortskundigen Späher los, um festzustellen, nach welcher Richtung die Elefanten gewechselt waren.

Immer kühler wurde es, aller Eifer war verflogen. Wir standen auf freiem Feld, deutlich hörte ich Longomas Zähne klappern. "Baridi, bwana, es ist kalt, Herr", flüsterte er mir zu. "Ja, es ist kalt und die Elefanten sind weg", antwortete ich ziemlich laut.
Plötzlich höre ich ein Geräusch, ein Rascheln in den dürren am Boden liegenden Hirsestengeln. "Horch, Longoma, die Leute kommen zurück, vielleicht haben sich die Elefanten doch wiedereingestellt."
Da, ich traue meinen Augen nicht, taucht vor mir auf dem vom Monde hell erleuchteten Feld der mächtige Schädel eines Elefantenbullen auf. Grell, blendend weiß leuchten die schweren Stoßzähne im Mondlicht. Vier weitere Elefanten folgen lautlos. Geisterhaft, unwahrscheinlich kommen sie in schneller Fahrt auf uns zu. Wir stürzen zur Seite. Eine kleine, auf Hirsestengeln erbaute Kornbinse, die ein Elefant mit einem einzigen Rüsselschlag zertrümmern kann, bietet Schatten und Deckung. Sobald die Elefanten den Platz erreichen, wo wir soeben standen, verhoffen sie wie auf Kommando. sie haben unsere Witterung bekommen. Keine zehn Schritte von mir entfernt, bleiben sie dicht zusammengedrängt stehen. Es ist unmöglich, einen Schuß anzubringen, denn der mir zunächst stehende Bulle hat nur schwaches Elfenbein, während ich bei dem Leitbullen ein paar mächtige Stoßzähne ausgemacht habe. Ich ziele, setze ab, vergeblich! Da kommt der große Bulle vor, um wieder die Führung zu übernehmen. Laut donnern meine beiden Schüsse ducrh die Nacht. Das Tier schwankt, rafft sich auf. In den Bananen verhofft es, scheint zu überlegen, ob es zum Angriff vorgehen soll. Doch dann zieht es weiter. Ich bin jetzt dichter hinter ihm. Auf freiem Felde bleibt der Elefant stehen. Gigantisch, wahrhaft übernatürlich groß erscheint er so im hellen Mondlicht auf der gänzlichen freien Fläche. Leuchtend heben sich die mächtigen Stoßzähne von dem schwarzen Körper ab.
Noch einmal hebe ich die schwere Büchse. Zum letzten Male.63 ergibt Quersumme 9, geht es mir durch den Kopf. Ich ziele so vorsichtig, wie es mein umwickeltes Korn nur gestattet. Langsam ziehe ich durch, und noch im Dröhnen des schweren Kalibers bricht der Elefant zusammen. Mein 63. und letzter Elefant, den ich nachts um 12 Uhr 40 Minuten am 1. Oktober 1909 in Ostafrika am Ulanga-Fluß erlegte. Der letzte mit der Büchse. Aber 70 andere sind dann an einem Tage 22 Jahre später auf meiner letzten Expedition unserem Filmobjektiv zum Opfer gefallen.

Nachdem ich nun meinen letzten Elefanten erlegt habe, will ich noch einige Worte des Gedenkens den alten Elefantenjägern widmen. Gelegenheit dazu gibt mir die Nachricht, die im Herbst 1945 durch Presse und Rundfunk ging, daß Major Philipp Jacobus Pretorius, der erfolgreichste Großwildjäger der Welt, in Pretoria in Südafrika gestorben ist.
So hat doch ein alter Elefantenjäger, der jahrzehntelang diesen gefährlichen beruf ausgeübt hat, im bett den Tod gefunden.
Eine sorgfältig durchgeführte englische Statistik hat vor Jahren festgestellt, daß das Leben eines Elefantenjägers durchschnittlich zwei Jahre beträgt. Er hat die Wahl, von einem Elefanten zertreten, von Eingeborenen ermordet, von einer Schlange gebissen zu werden oder an Malaria, Schwarzwasser oder einer anderen Tropenkrankheit zu sterben.
Jede Regel hat eine Ausnahme. Daß aber mein Freund Pretorius eine solche Ausnahme bilden würde, hätte ich nie geglaubt.
Der Name Pretorius dürfte nur Wenigen in Deutschland bekannt sein, und das Wort "erfolgreichste" hat nach den hinter uns liegenden zwölf Jahren, wo nur in Superlativen gesprochen wurde, keinen guten Klang. Hören wir aber, daß dieser Mann in seinem Jägerleben unter anderem Großwild 555 Elefanten erlegt hat, so horchen wir doch auf.
555 Elefanten! Wer kann sich überhaupt ein Begriff davon machen, was das bedeutet! Jäger werden diesen Nimrod bewundern, "nur" Tierfruende ihn verdammen. Ich sage absichtlich "nur" Tierfreunde, denn jeder wahre Jäger ist immer auch ein Tierfreund, und mit dem "nur" will ich diejenigen bezeichnen, die nicht Jäger, aber begeisterte und empfindsame Tierfreunde sind, die in ihrer ehrlichen Begeisterung leicht über das Ziel hinausschießen.
Ich kannte Pretorius, dessen Jagdlager am Rufiyi, etwa zwei Tagemärsche unterhalb meines Jagdlagers bei Makalinso, am Zusammenfluß von Ulanga und Rufiyi, lag. Von hier aus führen die beiden Flüsse den Namen Rufiyi.
Es war im Jahre 1908, als ich auf dem Marsch zur Küste das erste Mal Pretorius traf. Er war damals schon einer der erfolgreichsten Elefantenjäger Ost-Afrikas. Seine Strecke betrug zu der Zeit sicher über hundert Elefanten, und da er seit mindestens fünf Jahren beruflich als Elefantenjäger tätig war, so würde das einen Durchschnitt von zwanzig Elefanten im Jahre ergeben.

Soweit mir bekannt ist, hat Pretorius bis zum Jahre 1928, allerdings mit Unterbrechungen, gejagt. das würde bedeuten, daß er durchschnittlich etwa fünfzehn Elefanten im Jahre erlegt hat. Wenn man dabei bedenkt, daß er mehrfach im Regierungsauftrag an den in verschiedenen Gegenden Afrikas notwendig gewordenen Vernichtungsfeldzügen gegen Elefanten teilnahm, so ist das keine allzu große Abschußzahl.
So bedauerlich diese Vernichtungsfeldzüge auch seinmögen, so waren sie leider doch notwendig. Der Elefant ist nun mal ein großer Zerstörer, der aus reinem Übermut in einer Nacht eine ganze Bananenplantage verwüstet.
In Kapland, ganz in der Nähe der bedeutenden Hafenstadt Port-Elisabeth, liegt der Ado-Busch (Addo), seit langen Jahren ein Wildreservat, in dem verschiedene Elefantenherden leben. Diese Tiere haben jede Scheu vor den Menschen verloren. Anstatt sich wie gesittete Staatsbürger zu betragen, die unter dem Schutz des Gesetzes leben, wurden sie übermütig und bösartig.
Nachdem sie einige Male aus ihrem Schongebiet, dem Ado-Busch, ausgebrochen waren, viele Kulturen vernichtet und einige Menschen getötet hatten, wurde ihnen amtlicherseits im Jahre 1919 der Krieg erklärt.
Einige Jäger unter der Leitung von Pretorius begannen mit dem Abschuß, der jedoch auf höheren Befehl plötzlich eingestellt werden mußte. Im Jahre 1929 wurden die Elefanten direkt ein öffentliches Ärgernis. Alle möglichen Pläne erwog man gegen sie, kam aber jedenfalls bis Kriegsausbruch zu keinem Resultat.
In einigen Gebieten von Ostafrika führte man diese Feldzüge gegen die Elefanten energisch durch. Im Jahre 1935 wurden in Kenya 281 Elefanten "amtlich" abgeschossen. Dazu kommen noch die von Berufsjägern, Sportsleuten und Eingeborenen erlegten Tiere.
Geradezu erschreckend ist die amtliche Abschußliste aus Uganda, die mir für die Jahre 1935 bis 1938 vorliegt. Im Jahre 1835 wurden 2000, 1936 sogar 2300, 1937 wieder 2000 und 1938 allerdings "nur" 1500 Elefanten von Regierungswildhütern abgeschossen.
Wie ein Stoßseufzer klingen die Worte des Uganda Game warden, des Wildschutzbeamten Capt. C.R.S. Pitman, wenn er sagt: "Es ist unnötig, die Notwendigkeit dieser scheinbaren Schlachterei zu entschuldigen. Uganda ist heute noch in vielen Teilen tatsächlich von Elefanten überlaufen. Überhaupt läßt sich nicht mehr feststellen, wo diese Riesenherden von Elefanten herkommen. Es scheint, als ob für jedes erlegte Tier zwei neue auf rätselhafte Weise auftauchen, um es zu ersetzen. Nur mit Mühe und Not können wir uns gegen die Elefanten behaupten, aber nur behaupten, mehr nicht. Selbst der engstirnigste Tierschützer dürfte mit dieser Sachlage zufrieden sein."

Wenn man bedenkt, daß Pretorius an einem dieser Vernichtungsfeldzüge teilgenommen hat, so ist die Zahl von 555 während eines Menschenalters erlegten Elefanten bestimmt bedeutend und von nur wenigen, wenn überhaupt jemals erreicht worden. Aber diese Abschußzahl ist keineswegs ein Bewesi für Aasjägerei.
Der junge Pretorius, den ich kannte, war ein geborener Jäger. In ihm steckte das Blut von Generationen alter Burenjäger. Er war ein ruhiger, bescheidener Mensch, voll Humor, und er verstand es, den Bwana Mkuba, den hohen Beamten im damaligen Deutsch-Ostafrika, manches Schnippchen zu schlagen.
Wir Elefantenjäger waren seinerzeit bei den Beamten aller mehr oder weniger unbeliebt. Am unbeliebtesten war aber sicher Pretorius, weil es den tüchtigen Beamten nie gelang, ihn in einer der zahlreichen Schlingen zu fangen, die sie ihm stellten.
Am Rufiyi hatte Pretorius eine Pflanzung. Nirgends gab es schöne Mangobäume wie dort. Mango sind die Lieblingsfrüchte der Elefanten. Böse Zungen behaupteten, daß Pretorius die ganze Pflanzung überhaupt nur für die Elefanten angelegt hätte, denn dort wuchs alles, was die Elefanten lieben: süßkartoffeln, James, Erdnüsse, Bananen und manche andere Leckerei.
Die Elefanten hatten das bald begriffen, und zur Zeit der Mangoreife kamen sie aus dem über dem Fluß gelegenen Reservat, um sich an ihrer Lieblingsfrucht gütlich zu tun, mußten aber, allerdings nur wenn es sich um starke Bullen handelte, ihre Naschsucht mit dem Leben bezahlen.
Pretorius war ein unfehlbarer Schütze, der auf der Elefantenjagd damals nur Kleinkalibergewehre benutze und sich, wie auch einige andere furchtlose Jäger, wie zum Beispiel mein Jagdgenosse James Mac Neil und Capt. Bell, der in Afrika unter dem Namen Kara moocha-Bell bekannt war, ausschließlich auf den Kopfschuß verließ, während sein erfolgreichster Konkurennt Jimmy Sutherland, ebenso wie ich, die schwere Elefantenbüchse benutzten.
Pretorius war in seinen jungen Jahren ein schlanker schmächtiger Mensch, dem man auf den ersten Blick nicht ansehen konnte, welch ungeheure Strapazen er auf den Jagdzügen überwunden hatte. Auch Sutherland war eher klein, von untersetzter Figur. Es ist eigentümlich, daß unter den vielen berufsmäßigen Elefantenjägern, die ich in allen Teilen Afrikas kennen gelernt habe, eigentlich nur mein Lehrer auf der Elefantenjagd, der Däne Larsen, ein großer starker Mensch war.

Der Laie macht sich einen verkehrten Begriff, wenn erglaubt, nur große kräftige Menschen können das Leben und die Strapazen der berufsmäßigen Großwildjagd ertragen. Das Gegenteil scheint der fall zu sein. Kräftig und zäh müssen die Jäger sein, aber groß und breit, das ist wirklich nicht nötig.
Wenn ich hier über einen verstorbenen Kameraden schreibe, so weiß ich genau, daß er, der immer voller Humor war, keine Leichenrede hören will, und darum möchte ich eine kleine Begebenheit einfügen, die ich in Daressalam erlebte.
Bei einem Bierabend im Hotel Kaiserhof wurde ich mit einem Herrn bekannt gemacht, der dann am Tisch neben mir Platz nahm. Ich hatte seinen Namen und er bestimmt meinen nicht verstanden. Wie üblich, kam das Gespräch auf die Jägerei, und als ich erzählte, daß ich in den nächsten Tagen ins Innere auf Elefantenjagd gehen wollte, fing er an, von solchen Jagden zu erzählen und gute Ratschläge zu geben. Erst hörten unsere Nachbarn zu, dann die weiter entfernt Sitzenden und allmählich wurde es ganz still am Tisch. Da sagte einer der Anwesenden zu meinem neuen Bekannten: "Sag mal, weißt du eigentlich, wem du das alles erzählst?" — "Nein", sagte der Angeredete, "aber der Herr interessiert sich doch für die Jagd." Lachend sagte jemand darauf: "Das ist doch Schomburgk, dem du alles erzählst." worauf sich mein neuer Freund zu mir umdrehte und ganz entrüstet sagte: "Was, Sie sind Schomburgk? Ich dachte, sie waren ein großer breiter Kerl mit einem Bart." Das war seine Vorstellung vom Aussehen eines Elefantenjägers.
Als der erste Weltkrieg 1914 begann, hat Pretorius sich nicht wie einige andere Buren auf die deutsche Seite gestellt, sondern er blieb seinem Vaterland, der Südafrikanischen Union, treu. Es gelang ihm, rechtzeitig ins englische Gebiet zu entkommen. Er wurde einer der gefürchtesten Pfadfinder auf englischer Seite. Von General Smuts wurde er zum Offizier befördert und avanzierte sehr schnell.
Zum zweiten Male standen wir auf entgegengesetzter Seite. Am Burenkrieg hatte auch Pretorius als ganz junger Bursche teilgenommen. Damals auf Seiten der Buren, während ich auf englischer Seite stand.

Das letzte Mal, daß ich von Pretorius hörte, war auf meiner Afrikadurchquerung im Jahre 1931/32 in Süd-Rhodesien. In Mazunga ist das Hauptquartier der Liebig-Viehfarmen, die unter der Leitung von Pretorius standen. Leider war er seinerzeit nicht in Mazunga, sondern wieder auf einer Jagdexpedition. Ich habe es sehr bedauert, ihn nicht anzutreffen, denn gern hätte ich mich mit ihm über die alten Jagdtage am Rufiyi in Ostafrika unterhalten.
Vierzehn Jahre sind nun wieder vergangen, ich habe nichts mehr in der Zwischenzeit von Pretorius gehört, bis um 9 Uhr eines Abends im Jahre 1945 aus dem Lautsprecher heraus ertönte: "In Pretoria starb der erfolgreichste Großwildjäger Major Pretorius."
Wieder ist einer der alten Kameraden dahingegangen in die ewigen Jagdgründe. Ihm war ein langes erfolgreiches Jägerleben beschieden. Er und auch Jimmy Sutherland konnten sich nicht von der Büchse freimachen. Sie sind bis fast ins Greisenalter geblieben. Viele anderen haben die Jagd ganz aufgegeben, sind irgendwo seßhaft geworden, und man hat nichts mehr von ihnen gehört. Andere wurden Beamte und erreichten hohe Stellungen. Denn Niemand war wol besser geeignet, Eingeborene zu regieren, als die Elefantenjäger, die, von den Eingeborenen verehrt, jahrelang unter ihnen gelebt hatten. Andere haben das Gewehr mit der Kamera vertuscht und haben auf dieser Jagdart eine größere Genugtuung gewonnen, als aus der Jagd mit der Büchse.
Aber die meisten der Elefantenjäger haben die Regel wahr gemacht: "Zwei Jahre dauert das Durchschnittsleben eines Elefantenjägers", sie sind gestorben, gefallen im Kampfe mit den Mächten der Natur und liegen irgendwo in afrikanischer Erde begraben. An dem Baum, unter dem ihr Grab liegt, scheuert sich heute ein alter Elefantenbulle, der nicht ahnt, daß sein größter Gegner unter seinen Füßen ruht.
Aber ihnen allen, die da draußen starben, ist die afrikanische Erde leicht, und ich glaube sicher, daß auch Pretorius, anstatt ruhig in Pretoria im Bett zu sterben, lieber unter den Füßen eines alten Elefanten sein Leben gelassen hätte, wie sein großer Kamerad Charles Ross, den sein 516ter Elefant durch einen einzigen Rüsselschlag tötete.
Pretorius' Namen werden die Eingeborenen Afrikas nie vergessen. Er ist und bleibt der "Safari-König", von dem sie noch nach Generationen Wunderdinge erzählen werden.

Elefanten

Quelle: Von Mensch und Tier und etwas von mir, Hans Schomburgk, H.Wigankow-Verlagsanstalt/Berlin, 1947, von rado Jadu 2000


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