Simba ja Mrima - der Löwe der Wüste

von Rittmeister a.D. Kronberger


Die Geschichte des Freiherrn von Gravenreuth

Zu den Männern, welchen es beschieden war, auf afrikanischem Boden unverwelkliche lorbeeren zu erringen, zählt Karl v. Gravenreuth. Seit 1879 Offizier in der bayerischen Armee, nahm er 1885 seinen Abschied und verließ frohen Mutes und voll tatendrang die Heimat. Es war sein heißes und ernstes Bemühen, sich bei kolonialer Betätigung als pflichttreuer und tapferer Pionier zu bewähren.
Im Auftrage der "Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft" gründete Gravenreuth zunächst die Station Korogwe im Bergland Usambara. In April 1887 schloß er sich der Expedition des Dr. Peters an und sicherte den deutschen Einfluß in einem 110 Meilen umfassenden Gebiet am Indischen Ozean.

Im Herbst 1888 brach in Ostafrika ein Aufstand der Araber aus. Ihr Anführer Buschiri hatte die Leitung an sich gerissen und viel Zulauf erhalten. Es gelang ihm, sich an der Küste festzusetzen. Vielfache Überfälle auf die Stationen und Missionen bewiesen, daß er willens war, die Feindseligkeiten tatkräftig zu führen. Plötzlich und drohend erschien er vor Bagamajo, dem wichtigen Hafenplatz an der Ostküste. Bei der Verteidigung der Stadt zeichnete sich Gravenreuth besonders aus. Auf die schwarze Mannschaft konnte er sich verlassen, denn sie hing mit großer Treue an ihrem Führer. Ein begeisterter Anhänger des Angriffs, gelang es Gravenreuth, durch überaschender Ausfall den viel stärkeren Feind in kopflose flucht zu schlagen. Mit unbeugsamer Willenskraft schritt er siegreich vorwärts und säuberte die Pflanzungen von den Aufrührern. Aber des Rädelsführers konnte man nicht habhaft werden.

Nach der Ernennung Wissmanns zum Reichskommissar trat Gravenreuth als Kompaniechef in die neugebildete Schutztruppe ein. Im Herbst 1889 unternahm Wissmann eine Strafexpedition ins Innere. Gravenreuth verwaltete unterdessen den Küstendistrikt. Mit 250 Mann sollte er vier größere Stationen schützen und unvorhergesehenen Fällen gercht werden.
Bald trat eine ernste Lage ein.
Mit den kriegerischen und grausamen Stamm der Mafitis stieß Buschiri, der arabische Anführer, in die friedlichen Verhältnisse hinein. Sengend und mordend zog er auf Bagamajo. Eine Wüste und verstümmelten Leichen zeichneten seinen Weg. Zum Glück war Gravenreuth der richtige Mann an der richtigen Stelle. Eiligst raffte er an Truppen zusammen, was möglich war, und überließ die Küstenplätze dem Schutze des deutschen Geschwaders.

Seine Streitmächte zählte 28 Europäer und 300 eingeborene Soldaten. In zwei getrennt marschierenden Abteilungen zog er gegen die Mafitimassen. Die Eilmärsche in der Höllenglut der afrikanischen Sonne erschöpften die Körperkräfte der Leute. Aber die Kampflust spornte die ermüdeten Schritte an. Am 19. Oktober riefen bei Jombo die Kriegshörner tzr Schlacht.

Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, warf sich Gravenreuth mit seiner Kompanie, etwa 80 Gewehre stark, auf den hundertfach überlegenen Feind. Alle Versuche der Wilden, die deutsche Front zu durchstoßen, scheiterten an dem wohlgezielten Feuer der Hinterlader.
Beständig im dichten Feuer stehend, setzte der deutsche Führer alles an einen vollen Erfolg und gewann. In verschreckten Haufen rannten die Raubscharen davon. Dem heiß erstrittenen Sieg wurde durch tatkräftige Verfolgung Nachdruck verliehen. Auf ihrer haltlosen Flucht liefen die Rebellen nun der anderen Kolonne in die Arme. Das Entsetzen unter den Mafitis war so groß, daß sie einen von Krokodilen wimmelnden Fluß durchschwammen, um den mörderischen Waffen des bayerischen Freiherrn zu entkommen. Nur wenige entrannen der Vergeltung.

Unsägliche Schwierigkeiten waren zu überwinden gewesen, die sowohl die Natur als die verschlagene Wildheit der Eingeborenen dem kühnen Unternehmen entgegensetzten. Es kling fast unglaublich, daß Gravenreuth mit seinen wenigen Getreuen die ungeheure feindliche Übermacht in schwerer Feldschlacht vernichtend geschlagen hat.

Mit diesem meisterlichen Feldzug begann sein kriegerischer Ruhm. Die rasche Unterwerfung machte in ganz Afrika einen tiefen Eindruck und trug ihm den Namen "Simba ja Mrima" ein, das heißt "Kowe der Wüste". Gravenreuths entschlossenem Zugreifen war es zu danken, daß das Küstengebiet aufs neue gesichert war und Wißmann in Mpapua ungefährdet blieb. Anderenfalls wäre das Ansehen der Deutschen bei den Eingeborenen tief erschüttert worden, aber auch das Vertrauen in der Heimat völlig verlorengegangen.

Nach Buschiris Hinrichtung trieb der neue Anführer der Eingeborenen, Banaheri, im Landesinnern sein Unwesen. Während Wissmann einen Vorstoß unternahm, der Mlembule zum Ziel hatte, durchstreifte Gravenreuth das Land zur Züchtigung von Unbotmäßigkeit und Verletzung deutscher Interessen, welche sich immer wieder einstellten. Am 8.März 1890 stieß die wieder vereinigte Schutztruppe bei Palamakaa auf die feindliche Hauptmacht. Gravenreuth erhielt den auftrag, mit 200 Mann die Pfahlschanzen wegzunehmen. Er hielt sich nicht lange mit Vorbereitungen auf. Nachdem einige Granaten in das Dorf geworfen, brauste der Ansturm los. In wildem Lauf stürzten Offiziere, Unteroffiziere und Sudanesen vorwärts. Die Anführer machten schleunigst kehrt und verschwanden im umliegenden Busch. Bald loderte das Raubnest in Flammen auf.

Die völlige Unterwerfung der besiegten Stämme erreichte Gravenreuth auf diplomatischem Weg. Nunmehr traten in Ostafrika ruhige Verhältnisse ein. Es zog eine Zeit herauf, in der unsere Kolonialpioniere darangehen konnten, der deutschen Kultur in dem dunklen Erdteil zu siegreicher Entfaltung zu verhelfen.

Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit kehrte Gravenreuth im April 1890 nach Europa zurück. In der Heimat wurde der verdienstvolle Mann mit Jubel empfangen. In zahlreichen Versammlungen suchte er das deutsche Volk wachzurütteln und aufzuklären über Wert und Wesen der Kolonien und das Heldentum deutscher Pioniere.

Im Juni 1891 ging Hauptmann von Gravenreuth im Auftrag der deutschen Regierung nach Kamerun. Es galt, das westafrikanische Hinterland zu erforschen, Stationen zu gründen, den Wegebau zu fördern Kaum hatte er seine Tätigkeit aufgenommen, als ein kriegerisches Einschreiten gegen die unbotmäßigen Bakwiris nötig wurde. Die zahlreichen Räubereien und frechen übergriffe dieser Stämme beunruhigten das ganze Schutzgebiet. Gravenreuths Truppe bestand aus Dahomey und Togoleuten, im ganzen 160 Mann. Auch ein Geschütz wurde mitgeführt.
AmNachmittag des 5. November lam man dem hoch aufragenden Buea an. Die Aufrührer schienen auf den ihnen zugedachten Besuch vorbereitet zu sein, hatten sie doch das Eingeborenendorf stark befestigt. Dicke, bis auf eineinhalb Meter in die Erde gerammten Stämme, dahinter Steinschüttung, gewährten dem Verteidiger vorzügliche Deckung. Wutgeheul, dem sogleich heftiges Gewehrfeuer folgte, war die Antwort der Eingeborenen auf den Anruf zu Unterhandlungen von deutscher Seite. Die Bakwiris schossen mit Schrot, Blei, Steinen und Nägeln.

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Während eine Abteilung durch das Rohrdickicht zum Seitenangriff abrückte, entwickelte Gravenreuth die Hauptkolonne an scharfbeschossenem Weg. Als der Umgehungstrupp durch Salven sein Eingreifen kundgab, befahl er den Sturm und sprang mit gezogenem Degen vor. Alles erhob sich zum Sturm, dem ein Hagel von Geschossen entgegenprasselte. Da sank Gravenreuth, in die Brust getroffen, sterbend zu Boden. In dieser ernsten Lage versagte auch noch das Geschütz; es war durch mehrere Schüsse unbrauchbar geworden. Trotz alledem überkletterten die Soldaten den Wall und drangen mit höchster Erbitterung in die Niederlassung ein. Im Hauptgemenge wurde der Widerstand gebrochen, der Feind zu hastiger Umkehr gebracht. Es war nicht möglich, die in den Urwald Flüchtenden aufzufinden. Sie entwickelten eine wunderbare Geschicklichkeit, sich den Augen ihrer Verfolger zu entziehen. Aber weithin sichtbar flatterte die schwarzweißrote Fahne über die Palisaden. Der Erfolg wurde freilich durch den Verlust des bewährten und beliebten Führers teuer erkauft.

In Duala errichteten wir den Verstorbenen ein würdiges Denkmal. Auf einem Mamarblock hält ein bronzener Löwe, der nach dem bezwungenen Buea blickt, die neue Totenwache. Das erzgegossene Bildnis des Helden schmückt die Vorderseite des Sockels.

Quelle: Deutsches Land in fernen Zonen, Wigand'sche Buchdruckerei 1939, von rado jadu 2000

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